Christentum im Kapitalismus

In vielen Bereichen des Lebens hat eine Wettbewerbs- und Steigerungslogik die Macht übernommen – auch im Christentum? Rolf Bossart hat das neue Buch von Rainer Bucher gelesen.

Judentum und Christentum haben die längste Tradition in der Kritik des Kapitalismus. Sie haben also gute Chancen, wenigstens in dieser Sache noch als kompetent wahrgenommen zu werden. Aber weil die Vernunft angesichts des kapitalistischen Götzendienstes keine hinreichende Waffe ist, ist die Kritik des Kapitalismus auch keine hinreichende Antwort. Es braucht, will man die Mittel der Religionskritik ausschöpfen, einen die herrschende Vernunft brechenden «Gegenglauben» und eine Praxis, die diesem im Alltag Platz verschafft.

Christentum als „Gegenglaube“

Der Grazer Professor für Pastoraltheologie und -psychologie Rainer Bucher vollzieht in seinem neuen Buch «Christentum im Kapitalismus» diese vollständige Bewegung. Er bleibt nicht bei der Kritik stehen, sondern macht den Versuch, das Christentum «jenseits von Affirmation und Retro-Utopien» (141) als «Gegenglaube» mit entsprechender Praxis stark zu machen. Um nicht der Versuchung zu erliegen, das Christentum als unversehrte Ressource in einer sonst gänzlich korrumpierten Welt zu präsentieren, benennt Bucher nach einer kurzen Analyse der Wirkungen der kapitalistischen Herrschaftsform, die Reaktionen von Kirche und Theologie auf die «dekonstruktive Lage» (83), in der sie sich seit Jahrzehnten befinden.

Religiöse Praxis und Kirchenmitgliedschaft sind unter ein reines Nutzenkalkül gestellt. Die Kirchen sind mit Johannes Hoff gesprochen «Ruinen zerbrochener Machtsysteme» (75), in denen zu wohnen zunehmend schwieriger wird. Die Ruinenmetapher leitet über zur heute vielerorts drohenden Romantik, die im Kapitel über die Theologie anhand einer Kritik an Hartmut Rosas Resonanzbuches konkretisiert wird.

Romantik hilft nicht

Damit trifft Bucher ein sehr zentrales Problem zu dessen Lösung das Christentum auf Basis seiner Geschichte einiges beitragen kann. Denn es ist gegenwärtig äusserst unsicher, ob angesichts der enggeführten kapitalistischen Vernunft die notwendige Unvernunft eines Gegenglaubens nicht Gefahr läuft, einer politischen Romantik aufs Pferd zu helfen. Buchers mit Bezug auf die berühmte Romantikdefinition von Novalis antiromantische Akzentuierung des Christentums ist hier hilfreich: «Das Christentum gibt nicht dem Gemeinen einen hohen Sinn, sondern markiert den Sinn des Gewöhnlichen und Niedrigen in seiner Niedrigkeit. Es gibt nicht dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, sondern entdeckt das Geheimnis des Ansehens des Gewöhnlichen (…).» (94)

Metz und Benjamin statt Nancy und Zizek?

Weiterführend ginge es aber auch darum, den Kampf um Sinn und Bedeutung der Vergangenheit aus christlicher Perspektive ganz entschieden gegen die ursprungsmythischen Versuchungen der verschiedenen Neofaschismen zu führen. Da dem Kapitalismus zur Vergangenheit nichts einfällt, ist sie eines jener antikapitalistischen Felder, auf dem entschieden wird, in welche Richtung es geht. Ein Verweis auf die «anamnetische Vernunft» wie sie Johann Baptist Metz im Anschluss an Walter Benjamin entwickelt hat, wäre hier sicher nicht falsch gewesen. Ebenso fällt die Abwesenheit von Bezügen zum religiösen Sozialismus auf, etwa zu Namen wie Blumhardt, Ragaz, Tillich, Gollwitzer sowie zur lateinamerikanischen und europäischen Befreiungstheologie. Gerade unter pastoraltheologischem Gesichtspunkt wären hier wahrscheinlich mehr Schätze zu heben als bei den von Bucher stattdessen rezipierten postmodernen Marxisten Nancy, Vattimo, Eagleton, Badiou und Zizek.

Atheistische Kritik für den christlichen Eigengebrauch

Allerdings ist es durchaus reizvoll, sich gerade bei diesen Autoren, die sich ja, kritisch gesprochen, alle am Erbe des Christentums bedienen, ohne es wirklich weiterführen zu wollen, umzusehen und zu schauen, was sich bei ihnen, poliert und mit neuer Bedeutung versehen, für den christlichen Eigengebrauch (wieder)verwenden lässt. Etwa der Fokus auf die christliche Tradierung von «Konflikten, Widersprüchlichkeiten und Paradoxien» bei Nancy (101) oder Zizeks Blick auf den «Ausstieg aus der Rache» (116). Da aber die Positionen erstens so unterschiedlich sind – gegenüber Zizeks Theologie bleiben etwa Eagleton oder Vattimo meilenweit zurück – , dass sie kaum sinnvoll in einem kurzen Kapitel unter eine Klammer gestellt werden können und zweitens aus christlicher Perspektive einer kritischen theologischen Auseinandersetzung bedürften, scheint der Nutzen dieses Kapitels für das Vorhaben Buchers gering.

Kapitalistischer Ereigniskultur nicht verfallen

Mehr noch, die summarische Rezeption erweist sich gerade bei Badiou, auf den sich Bucher im zweiten Teil des Buches beruft, als problematisch. Auf die fehlende Abgrenzung von Badious Ereignisbegriff zum kapitalistischen Ereigniskult wie er etwa zynisch-theologisch vom frühen Norbert Bolz propagiert wurde, aber auch zur Ereignisfixierung nationalsozialistischer Inszenierungen, ist verschiedentlich hingewiesen worden; eine Kritik, die in der Rezeption Buchers keine Rolle zu spielen scheint. Auf die fehlende Sensibilität in dieser Sache deuten auch die dem Buch vorangestellten Zitate von Carl Schmitt und Guy Debord.

Die implizite Verkoppelung Debords mit Schmitt trägt jedenfalls nicht dazu bei, den im Situationismus ebenfalls ambivalent angelegten Bezug zum Ereignis von seiner Schlagseite zum Dezisionismus und zum Kult der Gegenwart zu befreien. Diesem ist auch Buchers prominent eingesetzter Ereignisbegriff wohl näher als beabsichtigt, wenn er der christlichen Hoffnung die soteriologische Dimension abschlägt und stattdessen ganz auf die «Situation» setzt: «Hoffnung ist dann weniger eine Kategorie zukünftiger Rettung, sondern ein Moment der Öffnung im Ereignis.» Und: «Das Reich Gottes ist das unerwartete Ereignis des Neubeginns ohne Sicherheit des guten Ausgangs.» Das gerade verspricht, fordert und kann um einiges besser der Kapitalismus.

Vernichtung des Vergangenen oder Treue zum Ereignis?

Die verkürzte Rezeption des Ereignisbegriffs führt so zu einer unbedachten Verallgemeinerung und muss verfehlen, was sie eigentlich möchte, die genuin christliche Konkretisierung. Dabei könnte man gerade mit Badiou den Ereignisbegriff wegholen vom Kult der Gegenwart hin zur «Treue zum Ereignis» als eine das Individuum oder eine Institution konstituierende Verpflichtung, an einer einmal gemachten Befreiungserfahrung bzw. Leidenserfahrung festzuhalten und das eigene Leben immer wieder aufs Neue daran auszurichten.

Der Begriff des Neuen würde dadurch anamnetisch, seine Ermöglichung an die Erinnerung als Praxis der Wiederholung geknüpft. Denn der kapitalistischen Entwertung und Vernichtung des Vergangenen und der Toten, auf die der Faschismus komplementär mit der kultischen Unterwerfung unter die Ursprungsmächte reagiert, kann das Christentum nur etwas entgegensetzen, wenn es die Kraft zur Erneuerung aus der Treue zu seiner eigenen Tradition bezieht, die ja das Gesetz nach dem Wort von Jesus bricht, um es zu erfüllen und erfüllt, um es fortan wieder brechen zu können. Was nichts anderes bedeutet, als dass die christliche Erneuerung stets im Dienst jenes Alten steht, das selbst einmal unerhört neu war.

Reseach: Suche nach Verlorenem?

Die Erneuerung der Theologie, auf der Bucher zurecht besteht, hätte von daher heute mehr «research» zu sein im wahrsten Sinn des Wortes: die Suche nach etwas Bekanntem, das verloren ist, ein Wiedersuchen und Wiederentdecken. Die Prophetie, die im Kapitel «prophetisches Christentum» exemplarisch von Bonhoeffer über Sölle zu De Certeau, Papst Franziskus und Delbrêl dargestellt wird, müsste ihre «überraschenden, nicht notwendigen, kreativen Schlüsse mit Risikocharakter» (118) heute wohl weniger «gegen die alten Institutionen des Glaubens», sondern vielmehr im Namen des Besseren der alten gegen das Schlechtere der neuen setzen. Schliesslich ist die christliche Liturgie mit Bucher als jene existentielle Repräsentationspraxis stark zu machen, die das Solitärsein des Menschen nicht ereignishaft aufhebt, sondern betont und doch sub specie Dei Gemeinsamkeit herstellt.

Liturgie ist so verstanden jene wichtige kollektive Übung, die die Spannung zwischen kapitalistischer Vereinzelungs- und faschistischer Verschmelzungsphantasie halten kann. Dies gilt im Prinzip für alle Religionen und es ist bisher nicht klar, ob der säkulare Staat guten Ersatz bieten kann.

Christentum innerhalb der herrschenden Wirklichkeit neu denken

Mit der entwickelten Kritik an Einzelstellen ist keineswegs das Buch als Ganzes gemeint. Vielmehr ist Buchers Intention, weder bei der Religionskritik stehen zu bleiben, noch in utopische Kontrastformeln auszuweichen, sondern das Christentum innerhalb der herrschenden Wirklichkeit neu zu denken, sehr zu begrüssen. Umso mehr als mir scheint, dass für einige von Buchers Postulaten, etwa die Stärkung der Theologie, der Prophetie und der Liturgie ein enormes Erneuerungspotential gerade auch in der eigenen, vor allem durch den Kapitalismus dysfunktional gewordenen Tradition noch schlummert.

Rainer Bucher (2019): Christentum im Kapitalismus. Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt, Echter Verlag Würzburg.

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Rolf Bossart ist Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und ehemaliger Redaktor der Zeitschrift Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus.

Bild: Echter-Verlag

 

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