Reise nach Innen

Dass sich für Marion Poschmann Literatur und Religion in der Kontemplation verbinden, macht sie für Christoph Gellner zu einer der spirituell interessantesten Gegenwartsautorinnen. Ihr Japan-Roman „Die Kieferninseln“ beschwört die Einheit von Kunst, Natur und Spiritualität – Poesie als Anstiftung zum Downshiften.

„Man kann einen Stein nicht in Worte fassen. Man kann allenfalls Geschichten über ihn erzählen.“[1] In ihrer soeben in Buchform erschienenen Wiener Poetikvorlesung umkreist die in Berlin lebende Schriftstellerin Marion Poschmann (*1969) das Paradox, dass Dichtung und Religion sich bemühen, dem Namenlosen einen Namen zu geben, Unaussprechliches dennoch auszusprechen.

An der japanischen Ästhetik fasziniert Poschmann die Ausrichtung auf das Formlos-Ungegenständliche: „Ein künstlerischer Gegenstand ist nur dann bedeutsam, wenn der dem Formlosen eine Form gibt, wenn sich in dem, was artikuliert wird, eine grundlegende Stille überträgt, wenn deutlich wird, dass sich Fülle und Leere, Gegenständlichkeit und Ungegenständlichkeit gegenseitig bedingen. In dieser Tradition gilt die Dichtung als eigener Kontemplationsweg. Dichtung ist, könnte man sagen, Arbeit an Gott.“ (83)

„im Zen gibt es keinen Gott“ (Roland Barthes)

Es ist die jahrhundertealte ästhetische Empfindsamkeit für das, was bei Roland Barthes in die lapidare Behauptung münde, „im Zen gibt es keinen Gott“[2], die Poschmann fasziniert: „Keinen Gott als moralische Instanz, keinen Gott als Sinnstifter, kein Gottesbild, unter keinen Umständen, von einem altgewordenen Vater mit Weisheitsbart – aber was gibt es statt dessen? Die Erscheinungen stehen nicht in Spannung zu einem wie auch immer gearteten Gott, sie stehen im Verhältnis zur Leere, zum Nichts, zum Formlosen. Aber dieses Formlose findet eine Form im künstlerischen Ausdruck, die Sprachfiguren werden gemessen am Grad, in dem sich in oder mit ihnen Unaussprechliches finden oder erspüren läßt.“ (91)

Die kontemplative Betrachtung von Steinen im Zengarten ziele denn auch darauf, keinen Unterschied mehr zu bemerken zwischen sich und dem Stein, gerade so kann sie den Geist befreien: „Ein Stein ist dazu ein vorzüglich geeigneter Gegenstand, weil er zwar eine Form besitzt, diese Form aber einzigartig und daher zugleich, wie bei den Wolken, nicht zu beschreiben ist […] Im Zen, kurz auf eine Formel gebracht, öffnet genaues Betrachten der Natur den Geist für Gott.“ (86)

Ein Mann bricht aus seinem Leben aus und findet sich, indem er sich verliert

Genau darum geht es ihrem viel beachteten Roman „Die Kieferninseln“[3]. Auf den Spuren des berühmten Reisebuchs Matsuo Bashos (1644-1694) „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ begibt sich Gilbert Silvester in Japans Norden zu den Kieferninseln der Bucht von Matsushima. Leitend ist für ihn die kontemplative Lebensweise dieses Wanderpoeten, Haiku-Dichters und Zen-Meisters:

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„Konsequente Fußmärsche. Einfachste Quartiere. Verzicht auf technische Hilfsmittel, allem voran Mobiltelefone. Erst dann erreichte man eine Haltung, die es erlauben würde, zu jenem gestrengen Über-Ich auf Distanz zu gehen, das jeden von ihnen im Alltag unter Kontrolle zu halten suchte. Eine Haltung der Souveränität und Bedürfnislosigkeit, die es schließlich erlauben würde, sich ohne große Vorbehalte anderen Dingen zuzuwenden. Dem Innenleben. Den Kiefern. Dem Mond.“[4]

eine Haltung der Souveränität und Bedürfnislosigkeit

Matsuo Bashos Motto wird Gilberts Lernprogramm: „Wenn du etwas über Kiefern lernen willst, begib dich zur Kiefer. Und wenn du so tust, musst du deine persönlichen Interessen an dir selbst aufgeben, denn sonst drängst du dich dem Gegenstande auf und wirst nichts lernen.“ Freiwerden zu einer durch nichts verstellten Offenheit, die alles Ichhafte, alle Vorstellungen des Unterschiedenseins hinter sich lässt. Die zenbuddhistische ‚Leere‘ ist ja keine Formel des Nihilismus, vielmehr eine Bewegung der Ent-Grenzung und Ent-Eignung. Jedes isolierte Für-sich wird entschränkt in eine absichts- und interesselose In-Differenz, ja, eine unverstellte Offenheit allseitiger Bezogenheit.

eine Bewegung der Ent-Grenzung und Ent-Eignung

Gilbert trifft auf einen Selbstmörder namens Yosa Tamagotchi, der mit dem in Japan so populären „Complete Manual of Suicide“ unterwegs ist. Er kann den vom Prüfungsdruck gestressten Suizidkandidaten gerade noch davon abhalten, sich vor einen fahrenden Hochgeschwindigkeitszug zu werfen. Stattdessen soll er ihm auf seiner Pilgerfahrt zu den Kieferninseln assistieren. „Der äußere Selbstmord“, gibt Gilbert Yosa zu bedenken, „und der innere Selbstmord sind miteinander gar nicht zu vergleichen. Basho strebte den inneren Selbstmord an, er wollte sein Ego loswerden, um frei zu sein für die Dichtung. Auch dies kann man für unnötigen Extremismus halten, aber es wäre das weit interessantere Experiment.“ (118)

sein Ego loswerden, um frei zu sein für die Dichtung

Die auf der winzigen Tastatur seines Mobiltelefons getippten Briefe Gilberts an seine Frau („Liebe Mathilda!“) entfalten die für Poschmann so wichtige religiös-spirituelle Dimension des Romans. Gleich der erste kommt auf den gestaltlos-unaussprechlichen dunklen Grund der Dinge zu sprechen:

„In der ostasiatischen Kultur genießt die erhabene Tiefe einen hohen Stellenwert. Das Tiefe, heißt es, ist unauffällig, es ist nicht dies und nicht das, es ist weder laut noch grell […] Niemals spielt es sich in den Vordergrund, aber den Hintergrund bildet es auch nicht, dazu ist es zu wichtig […] Es ist ohne Farbe und ohne Geschmack, es ist ohne klare Ausprägung; es ist subtil […] So erfährt man es nicht in kühnen, überhangenden, gleichsam drohenden Felsen usw., sondern vielmehr in der ruhigen Betrachtung von ödem Schilfland oder trockenem Herbstgras, in einer Natur ohne besonderen Blickfang, in einer Landschaft der Leere und Melancholie. Doch ob Sumpf oder Gras oder Bambus am Ende den kontemplativen Gegenstand bilden, entfärbtes Laub, ein nebliges Feld oder wolkenverhangene Berge – gefragt ist letztendlich eine Geisteshaltung, die imstande ist, das Tiefe überall zu sehen. Denn es bildet, so heißt es, den Grund der Erscheinungen. Und so kommt es womöglich dem am nächsten, was in der deutschen Mystik ‚der Ungrund‘ heißt.“ (45f.)

West-östlicher Brückenschlag

Dass das Hinterland von Bashos Reisebuch „auch als das menschliche Innere gelesen werden“ könne, bietet Gelegenheit für eine höchst aufschlussreiche christlich-abendländische Analogie. Poschmann verweist auf das bekannte Werk des Franziskanerordensgenerals Bonaventura (1221-1274): „In seinem Itinerarium mentis in Deum beschreibt er den Stufenweg der Seele zu Gott“, es handelt sich „weniger um einen Reisebericht als um eine diffizile Anleitung zur Kontemplation. Wie im Zen-Buddhismus eine regelgeleitete, didaktisch motivierte Meditationspraxis geübt wird, die das Ziel hat, nicht nur Ausgeglichenheit und Wohlverhalten zu fördern, sondern den Adepten tatsächlich zur Erleuchtung zu führen, gipfelt auch die Methode Bonaventuras in der mystischen Vereinigung, und es ist vermutlich der vollständigen spirituellen Entmündigung und Entmutigung christlicher Laien durch eine pyramidal strukturierte Kirche zuzuschreiben, dass einen solchen systematischen Weg mit garantierter Gottesschau in unserem Kulturkreis niemand geht.“ (76f.)

eine diffizile Anleitung zur Kontemplation

Unüberhörbar wird Gilbert hier zum kritischen Sprachrohr der Autorin: „Bei uns ist die Reise nach innen verpönt, was ich darauf zurückführe, dass dieses Innere nicht nur als Bereich des Göttlichen und damit als Zumutung aufgefasst wird, sondern eben auch schwer zu lokalisieren ist. Wenn Basho eine Kiefer betrachtet, was ist daran innen? mag man zu Recht fragen, und auch ich frage mich, wie man die Schriften Bashos, die sich so explizit mit der Natur, den Sehenswürdigkeiten und den Beschwerlichkeiten auf einer konkreten Wegstrecke, also mit der Außenwelt schlechthin befassen, überhaupt als Literatur der Innerlichkeit lesen kann. Wenn die Außenwelt automatisch mit dem Raum des Bewusstseins gleichgesetzt wird, ist die Unterscheidung von innen und außen müßig. Aber genau das, vermute ich, ist Bashos Ansatz, und genau dies macht ihn so berühmt. Bonaventura findet Gott in den Dingen und durch die Dinge, Basho hingegen findet die Dinge in und durch Gott. Und wir, die wir den Innenraum nicht einmal kennen, können nicht wissen, ob in den entgegengesetzten Herangehensweisen letztendlich ein Unterschied liegt oder nicht.“ (77)

Wenn Basho eine Kiefer betrachtet, was ist daran innen?

Am Ziel seiner Basho-Tour angekommen, ist Gilbert tatsächlich ein anderer: „ein Reiseführer zu den Kieferninseln sollte die Route beschreiben, die zu ihnen hinführt“, lautet sein Resümee. „Die äußere Route ist schnell erklärt. Man steigt in den Zug und ist da. Die entscheidende Frage aber lautet, führt diese Route auch auf eine innere Weise zum Phänomen der Japanischen Schwarzkiefer, so dass man am Ende imstande ist, eine Kiefer zu sehen? Ein Itinerarium müsste die Schwarzkiefer aus der Leere, die allem zugrunde liegt, so hervortreten lassen, dass man die Kiefer vor Augen sieht und auch ihre unendliche Verzweigung, die wieder in der Leere mündet, es müsste den abstrakten Begriff der Leere so mit Bildern anreichern, dass ein sinnlicher Zugang zu ihm möglich würde.“ (153f.)

Ja, am Ende hat Gilbert diese selbstvergessen-kontemplative Aufmerksamkeit und Achtsamkeit so sehr verinnerlicht, dass er sich vorstellt, eine vor Jahren mit Mathilda unternommene, gescheiterte Reise zur Laubfärbung in Nordamerika zu wiederholen („Laubfärbung ist reine Gegenwart“). Damals fand Gilbert solche Trips in abgelegene Wälder absurd, nun wünscht er sich nichts sehnlicher als mit ihr die Naturerscheinungen im frühherbstlichen Japan zu betrachten: „Mathilda, Liebste, würde er sagen. Wir treffen uns in Tokyo […] komm zu mir nach Japan. Die Laubfärbung beginnt.“ (165)

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Christoph Gellner, Dr. theol., ist Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts in Zürich und Fachmann für Theologie und Literatur.

Beitragsbild: Pine trees / pixabay.com


[1] Marion Poschmann, Figuren des Unaussprechlichen. In: Jan-Heiner Tück/Tobias Mayer (Hg.), Die Kunst umspielt das Geheimnis, Literarische Annäherungen, Freiburg i. Br. 2019, 71-100, Zitat 76.

[2] Roland Barthes, Das Reich der Zeichen. Berlin 202017, 101.

[3] Christoph Gellner, Anstiftung zur Kontemplation. Marion Poschmanns Japan-Roman «Die Kieferninseln», in: Stimmen der Zeit 236 (2018) 504-506.

[4] Marion Poschmann, Die Kieferninseln. Roman, Berlin 2017, 47f. Die ab hier folgenden Zahlen in Klammern im Text nennen die Seitenangaben aus diesem Buch.

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