Ich brauche keinen Krampus! Oder: Warum „Traditionen“ nicht per se gut und erhaltenswert sind

 

In seinem Beitrag geht Johann Pock (Wien) der Frage nach, inwiefern eine Tradition wie jene des „Krampus“ noch zeitgemäß ist – und ob es nicht auch Kriterien braucht, um gute von schlechten Traditionen zu unterscheiden.

Heute werden wieder viele Kinder vom Nikolaus besucht – und hoffentlich mit leuchtenden Augen auch etwas von der Freude des Schenkens verstehen. Und hoffentlich kommt der Nikolaus allein, ohne seinen zotteligen Begleiter, den Krampus. Denn dann ist es meist aus mit der Freude – und die Aufgabe des Nikolaus ist dann weniger, Kindern Freude zu bereiten, als ihnen Ängste zu nehmen. Diese sind aber erst durch das Auftreten der beiden geschürt worden.

  1. Persönliche Kindheitserfahrungen

Ich gestehe – ich habe mich als Kind vor dem Krampus gefürchtet. Der Vater, ansonsten die Gutmütigkeit in Person, hat mit der Kette am Abend vor dem Küchenfenster gerasselt und mit tiefer Stimme gesagt: „Hans, du darfst nicht so schlimm sein!“ (Zugegeben, ich war zu diesem Zeitpunkt nicht das bravste Kind.)

Vor allem hatte ich große Angst vor den „Sausalern“ – als Krampus verkleidete Männer, die durch den Ort gegangen sind und mit den Ketten auf Türen eingeschlagen haben. Uns wurde auch gesagt: Wenn du nicht brav bist, nehmen sie dich in ihren Butten (Rucksäcken) mit.

Lange Zeit gehörte der Krampus einfach dazu

Damals habe ich mir gedacht: Das gehört halt dazu, und man kann es nicht ändern. Glücklich gemacht hat es mich nicht. Lange Zeit gehörte der Krampus einfach dazu. Und so sagen es heute auch noch viele: Zum Nikolaus gehört der Krampus, „das ist Tradition“. Und mit dem Traditionsargument muss der Krampus in Gestalt der Perchtenläufe mittlerweile sogar dazu herhalten, Migranten aus anderen Ländern als Inkulturationsobjekt und als Teil der Wertebildung zu dienen.

2. Umfragen zur Krampustradition

Dies wird auch von einer aktuellen Umfrage bestätigt, nach der 82 Prozent der Österreicher/innen diese Tradition gut heißen.[1] Und weiter heißt es: „Die Gruppe der 30-49-Jährigen sind der Tradition von Krampus und Nikolo besonders zugeneigt (91%). Die unter 29-Jährigen legen mit 71% weniger Wert auf diese Feste. Nur 9% sind der Meinung, Krampus und Nikolo wären nicht mehr zeitgemäß.“[2] Und dass der Krampus immer noch „in“ ist, zeigt nicht zuletzt der Film „Krampus“, der in diesen Tagen ins Kino kommt.[3] Er führt vor, wie man in Hollywood diese Figur, die eigentlich in den Ländern der Habsburger ihren Ursprung hat, in die heutige Zeit transferiert.

Die Krampustradition … verdankt sich letztlich einer „schwarzen Pädagogik“

Die Krampustradition ist  ursprünglich in Verbindung zu sehen mit dem Nikolaus. Sie verdankt sich letztlich einer „schwarzen Pädagogik“ mit Zuckerbrot und Peitsche. Und gerade diese Pädagogik glaubt man heute überwunden: in Zeiten von Montessori-Pädagogik und von reformpädagogischen Strömungen (wie Wild, Freinet, Steiner etc.) wird den Kindern etwas zugetraut. Sie müssen nicht eingeschüchtert werden, um zu lernen.

3. Hölle und Teufel in der Verkündigung

In der kirchlichen Verkündigung war es ebenfalls gute Praxis, die Menschen zur Umkehr zu bewegen, indem die Hölle und der Teufel mit möglichst drastischen Bildern ausgemalt wurden. So manche Höllenpredigt wurde da in den Kirchen gehalten. Viele Kirchen haben Fresken und Bilder an den Wänden mit dem Fegefeuer und dem gehörnten Teufel. Die Verkündigungstheorie (und hoffentlich auch so langsam die Verkündigungspraxis) hat sich nur langsam davon abgewendet: Man ist heute der Überzeugung, dass die gute Botschaft nicht auf Angst aufbauen darf, sondern auf positiven Vorbildern und Zielen.

Ich muss Menschen darauf vorbereiten, keine Angst zu haben – vor etwas, das man selbst in die Welt setzt, um gerade diese Ängste zu schüren

4. Krampus und Perchten als Traditionselement?

Aber sind denn nicht die Krampus- und Perchtenläufe ganz unabhängig von diesen kirchlichen Hintergründen heute als lokale Tradition, als ein Wert, als identitätsstiftend anzusehen und zu fördern? Unter dem Titel „Asylwerber: Schnuppern gegen Krampusschock“[4] berichtet der ORF am 27.11.2015 davon, dass man in einem Tiroler Ort Flüchtlingsfamilien schonend darauf vorbereitet, was sie erwartet – damit sie dann nicht vor den finsteren Gestalten Angst bekämen. – Nebenbei bemerkt: Ist das nicht der eigentliche Sinn von „Schiachperchten“ (also den besonders häßlich anzuschauenden Masken), anderen Angst einzujagen? – Auch hier läuft dieselbe eigenartige Logik ab: Ich muss Menschen darauf vorbereiten, keine Angst zu haben – vor etwas, das man selbst in die Welt setzt, um gerade diese Ängste zu schüren.

Muss etwas, nur weil es eine gewisse Zeit lang Tradition war, deshalb auch immer fortgeführt werden?

Meine Frage an dieser Stelle ist nun: Muss etwas, nur weil es eine gewisse Zeit lang Tradition war, deshalb auch immer fortgeführt werden? Gibt es nicht auch Kriterien, nach denen man Traditionen daraufhin anschauen kann, ob sie noch zeitgemäß sind? So z.B., ob sie dem aktuellen Menschenbild entsprechen oder ob sie mit den Fragen der Menschenwürde übereinstimmen.

Der Hauptsinn der Perchtenläufe und der Krampustraditionen wird heute in der Erfahrung von Gemeinschaft gesehen, in dem „Bewahren der Tradition“. Es geht also um das Fortführen dessen, was die Väter und Großväter schon gemacht haben – und nicht zuletzt hat auch hier der Kommerz Einzug gehalten. Denn viele dieser Traditionen sind mittlerweile auch ein gutes Geschäft.

5. Wozu dann heute noch einen Krampus?

Aus dem Grund sage ich: Ich brauche keinen Krampus. Nicht, weil er mir heute noch Angst machen würde – aus dem Alter bin ich Gott sei Dank schon länger raus. Vielmehr weil er für ein Bild von Religion, Pädagogik und Mensch steht, das in unserer Zeit nicht mehr zeitgemäß ist: einer Religion, die den Himmel dadurch anpreist, indem sie die Hölle möglichst schrecklich ausmalt; einer Pädagogik, die zum Guten bewegen will, indem sie die Angst vor Strafen schürt; und das Bild eines Menschen, der nicht selbstverantwortlich und frei entscheiden kann, sondern mit erhobenem Zeigefinger dorthin gelenkt wird, wohin eine höhere Autorität es will.

Ich brauche sehr wohl Traditionen – denn sie geben mir Halt und Sicherheit; sie halten ein Gemeinwesen auch zusammen. Aber nicht zuletzt das II. Vatikanische Konzil hat gezeigt, dass es auch eine Traditionskritik braucht – indem man zurück blickt auf die Ursprünge der Traditionen und schaut, ob sie dem noch entsprechen, was damit in ihren Anfängen bezweckt worden ist.

Wir lernen etwas von ihnen: eine neue Sichtweise auf Wert und Unwert unserer Traditionen.

Und wenn man tatsächlich Menschen, die zu uns kommen, Ängste vor unseren Brauchtümern nehmen muss, weil diese sonst zu furchteinflößend sind – dann könnte man das ja auch als Fremdprophetie verstehen und das eigene Brauchtum gründlich überdenken: Was davon macht Sinn – und was ist passé? Dann wären es plötzlich nicht mehr die Flüchtlinge, die etwas von uns lernen – sondern wir lernen etwas von ihnen: eine neue Sichtweise auf Wert und Unwert unserer Traditionen.

Autor: Johann Pock (Uni Wien, Redaktionsmitglied von feinschwarz.net)

Beitragsbild: Pixabay, carnival-326495_1920

Anmerkungen:

[1] http://www.marktmeinungmensch.at/studien/bedeutung-von-krampus-und-nikolo/ (4.12.2015).

[2] Ebd.

[3] Vgl. dazu den Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=nCa0KAsnm_s (4.12.2015). Vgl. dazu auch den Kommentar auf: http://orf.at/stories/2312425/2312455/ (4.12.2015). Oder unter dem Titel „Der Krampus kommt nach Hollywood“ auf http://oe3.orf.at/stories/2745483/ (4.12.2015).

[4] http://tirol.orf.at/news/stories/2744627/ (4.12.2015).

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