„Ich wäre gerne Theologin geworden (…)

Was erzählen Menschen, die raus sind aus der akademischen Theologie? Paulina Pieper und Katharina Leniger mit Zwischengedanken zu einem Projekt mit Leerstellen.

„Ich bin nicht an der Theologie als Wissenschaft gescheitert, sondern an den Institutionen, die dahinterstehen […]. Ich sehe für mich in der Kirche keine Perspektive und in der akademischen Theologie, in denen die Strukturen der Kirche genauso wirksam sind wie die Mechanismen des heutigen Universitätsbetriebs, ebenso wenig“[1], schrieb Anna Kontriner im vergangenen September hier auf feinschwarz. Der Beitrag war der Auftakt zu einem Projekt, bei dem vier junge Theologinnen aus dem Kreis der Jungen AGENDA die Leerstelle füllen wollen, die Menschen hinterlassen, wenn sie die akademische Theologie auf Grund persönlicher Erfahrungen verlassen. Geleitet von der durch eine Studie gewonnenen Erkenntnis, dass überdurchschnittlich viele Frauen „ihre Promotionsprojekte gar nicht oder erst nach langer Zeit“[2] abschließen, wollten sie deren individuellen Geschichten Raum geben, Geschichten „über den Punkt im Leben, an dem es so nicht weitergeht“[3].

Das Thema traf einen Nerv, aber nicht den, aus der eigenen Perspektive zu erzählen.

Entgegen den Erwartungen des Projektteams und trotz der zum Teil überschwänglich positiven Reaktionen auf die erste Veröffentlichung von Anna Kontriner blieben konkrete Erzählungen für Folgetexte rar. Das Thema traf also einen Nerv, aber nicht den, tatsächlich aus der eigenen Perspektive zu erzählen. Eine selbstkritische Revision des Projektes und der eigenen forschungsleitenden Interessen schien notwendig und dabei zeigte sich: Nicht zuletzt der Begriff des Scheiterns war von vielen potenziellen Geschichtengeberinnen mit Unbehagen aufgenommen worden. Dieses Unbehagen war dem Projektteam zunächst nicht unmittelbar zugänglich, denn aus der Perspektive derer, die sich (noch) im System befinden, drängt es sich geradezu auf, die Abbrüche von akademischen Berufslaufbahnen als Scheitern zu begreifen. Dabei ging es nicht darum, die Lebenswege und beruflichen Entscheidungen von Frauen zu disqualifizieren.

Mit dem Projekt sollte ein Beitrag zur Enttabuisierung und Kultivierung des Moments des Scheiterns geliefert werden, die dem Christentum alles andere als fremd sind. Daher hoffte das Team auf Geschichten, in denen dieser eine Moment im Mittelpunkt steht, in dem es (so) nicht weitergeht, der mal mehr, mal weniger weh tut; es sollten Gründe gehoben und die Möglichkeit des Mitfühlens gegeben werden, denn den eigenen oder den Erwartungen anderer nicht gerecht geworden zu sein, mag Wut und bisweilen Verzweiflung auslösen – Gefühle, mit denen *mensch sich sehr allein vorkommen kann. Es ging um Geschichten, die eben nicht auf den guten Ausgang abzielen, in denen Momente der Krisenhaftigkeit und des Abbruchs nicht bereits sinnstiftend umgedeutet sind.

Womöglich passt der Titel gar nicht: „Unsichtbares Scheitern“

Doch bei der selbstkritischen Revision des Projekts sowie der forschungsleitenden Interessen zeichnete sich ab, dass der Moment des Scheiterns, den das Projektteam einfangen möchte, in der Reflexion oft gar nicht als solcher begriffen wird: Wut und Verzweiflung können sich in die Erkenntnis hinein auflösen, dass das eigene Leben nicht dazu dient, den Erwartungen anderer zu entsprechen, dass nicht *mensch selbst unpassend ist, sondern dass das System krankt; ein von außen als Scheitern wahrgenommener Richtungswechsel kann schlicht und ergreifend das Ergebnis eines Emanzipationsprozesses sein. Vielleicht ist dieser Moment sogar ein Befreiungsschlag.

Für das Projektteam wurde deutlich: Die im Vorhinein angestellten Überlegungen waren immer schon Analyse- und Umdeutungsversuche von Lebensgeschichten, die nur denjenigen zustehen, die solche Momente erlebt und die entsprechenden Entscheidungen selbst getroffen haben. Vom „Scheitern der Anderen“ zu sprechen, noch dazu aus der Sicht derer, die durchhalten und scheinbar (noch) nicht gescheitert sind, birgt die Gefahr, den Dualismus zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss noch zu verstärken, statt ihn zu überbrücken. Ein Projekt unter dem Titel „Unsichtbares Scheitern“ laufen zu lassen, gibt den (potenziell) Erzählenden ein Label, dem sie sich womöglich gar nicht zugehörig fühlen.

Wer profitiert vom angeblichen Scheitern der Anderen?

Dass der Begriff des Scheiterns, der also eigentlich als Provokation dazu einladen sollte, Stellung zu nehmen und die eigene Geschichte zu erzählen, einen ​​​​​schalen Geschmack hinterlassen kann, hängt wohl neben der möglicherweise ausgrenzenden Tendenz auch mit der Vermutung zusammen, dass die, die eben nicht gescheitert sind, von derartigem Othering (unbewusst und ungewollt) profitieren könnten: Das Scheitern der Anderen markiert das eigene Durchhalten und Dabeibleiben gegen alle Zweifel und Abbruchstendenzen als Stärke und wirkt wie ein Kitt zwischen denen, die noch da sind. Denn egal, wie fremd, klein oder unzulänglich *mensch sich in der Theologie oft fühlen mag: Sie gehört zur scientific community, zum inner circle, zu der Gruppe derer, die sich gegen alle Widerstände durchbeißen, und nicht zu denen, die aufgegeben haben und nun vermeintlich machtlos von außen zuschauen.

Es bleibt das Erschrecken über die vielen einzelnen Leerstellen, die konkrete Menschen hinterlassen

Dass in Geschichten, in denen Menschen ihrem beruflichen Leben eine andere Richtung gegeben haben, immer auch strukturelle Missstände und fehlerhafte Systeme anklingen, lässt sich nicht vermeiden. Allerdings erhebt das Projekt weiterhin nicht den Anspruch, eine systematische Darstellung von Abbruchgeschichten zu erheben[4], bleibt das erkenntnisleitende Interesse doch das Erschrecken über die vielen einzelnen Leerstellen, die konkrete Menschen im Kreis der Kommiliton:innen, Kolleg:innen, in Arbeitsgruppen oder Forschungskolloquien hinterlassen. Diese Leerstellen gilt es vor jeder Analyse und sinnhaften Umdeutung erst einmal wahrzunehmen und auszuhalten. Gerade deshalb soll das Projekt trotz des noch verhaltenen Rücklaufs weitergehen. Das Projektsetting, also die Veröffentlichung einzelner Geschichten, trägt dabei dem Umstand Rechnung, dass die Erfahrungen zweier Menschen niemals identisch sind. Gleichzeitig können erzählte, veröffentlichte Geschichten Synergien erzeugen. Denn das Wissen um die Geschichten derjenigen, die nicht mehr da sind, kann zu einer Solidarisierung führen. Es kann andere, die sich den existentiellen Herausforderungen, vor die einen die akademische Theologie immer wieder stellt, nicht mehr gewachsen fühlen, ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, welches die Grenzen eines Systems übersteigt, das noch immer einer Art brachialem Do-or-Die-Prinzip unterliegt.

Die kirchliche Öffentlichkeit wurde im letzten halben Jahr mehr als bisher mit solchen persönlichen Erzählungen konfrontiert. #OutInChurch hat besonders eindrucksvoll gezeigt, dass über 100 Geschichten von Menschen, die (kirchliche) Diskriminierung auf Grund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität erfahren haben, eine Sog- und Machtwirkung erzielen können. Im Manifest, das auf der Website der Bewegung zu finden ist, wird deutlich, unter welchem Vorzeichen die Forderungen vorgetragen werden: „Wir sind’s! Es wurde viel über uns gesprochen. Nun sprechen wir selbst.“ Aus gelabelten Fällen werden Gesichter von Menschen, die zur Kirche gehören, sich in ihr und für sie engagieren und ihre Geschichten erzählen. Sie zeigen einmal mehr, wie bunt und bereichernd unterschiedliche Erfahrungen und Lebensmodelle für eine Gemeinschaft sein können.

Trotzdem noch mehr unterschiedliche Lebenshorizonte von Menschen sichtbar machen

Auch mit dem von der Jungen AGENDA initiierten Projekt soll ein Beitrag geleistet werden, um die unterschiedlichen Lebenshorizonte von Menschen sichtbar zu machen. Die Geschichten von Verletzungen und Durchbrüchen, die Erfahrungen von Befreiung und Diskriminierung, der Konfrontation mit ungerechten Strukturen und Solidarität – all das darf Raum nehmen und sichtbar werden. Trotz der Schwierigkeiten, Menschen zu finden, die ihre Geschichte erzählen können und wollen, freut sich das Team, in der nächsten Zeit hier auf feinschwarz zwei davon veröffentlichen zu dürfen. Das Projekt ist damit aber hoffentlich nicht am Ende: Wenn sich Personen angesprochen fühlen, sind weitere Zusendungen an oder Kontaktaufnahmen über jungeagenda@agenda-theologinnen-forum.de herzlich willkommen! Die Anfragen werden vertraulich behandelt.

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Text: Paulina Pieper und Katharina Leniger aus dem Projektteam der Jungen AGENDA. Die Junge AGENDA ist ein Netzwerk junger katholischer Theologinnen in AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V. 

Bild: https://unsplash.com/photos/UbTBq7xhow8

 

[1] „Ich wäre gern Theologin geworden, aber nicht unter diesen Umständen“,  https://www.feinschwarz.net/ich-waere-gerne-theologin-geworden-aber-nicht-unter-diesen-umstaenden/, 23.09.2021.

[2] Emunds, Bernhard/Hagedorn, Jonas: Zur Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses in der deutschsprachigen katholischen Theologie, JCSW 58 (2017), S. 341 – 403 (zu finden unter: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/jcsw/article/view/2178).

[3] „Ich wäre gern Theologin geworden, aber nicht unter diesen Umständen“, https://www.feinschwarz.net/ich-waere-gerne-theologin-geworden-aber-nicht-unter-diesen-umstaenden/, 23.09.2021.

[4] Eine systemische Bearbeitung des Problems findet sich z.B. hier: „Berufsperspektiven für Theologinnen an Hochschulen“, Positionspapier der BAM von 2017: https://www.katholische-theologie.info/Portals/0/institutionen/BAM/BAM_Berufsperspektiven%20von%20Theologinnen_20161026.pdf.

 

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