Im Dreieck bilden: Abhängigkeit, Autonomie und Beziehung

Die Neuerscheinung „Anders. Bildung. Kirche“ ist ein vielfältiger Beitrag zur dringend notwendigen Bildungsdebatte und verlangt nach Rezeption gerade in Zeiten von Pandemie,  digitalisierten Lebenswelten und der Situation der Katholischen Kirche. Eine Rezension von Birgit Hoyer.

Es sind die großen Fragen, die hier gestellt werden: Was ist der Mensch? Was ist Bildung? Was ist Religion? Die Antwortprojekte sind Beiträge zur Idee eines „innovativen Kulturlabors“1, das die ideologischen Trennungen zwischen Tradition und Innovation, Autorität und Emanzipation überwindet und die Umbrüche der aktuellen, auch ökologischen und postpandemischen Krise begleitet. (152) Die Autor:innen bieten mit ihren Texten Kirche und ihren Verantwortlichen einen Lernort an. Bildung, die konsequent vom Menschen aus im Kontext von Religion gedacht wird, zielt damit auf einen „neuen ganzheitlichen Humanismus“ im Sinne von Jacques Maritain2 mit den zentralen Elementen: Würde der Person, gemeinschaftliche Dimension der Bildung, Verbindung von Kultur und Glauben, Suche nach dem Gemeinwohl, Lernen des guten Lebens, Kultur der Unterscheidung, Beziehung zur gesamten Schöpfung. (152)

Bildung als prozesshaftes Geschehen christlicher Anthropologie.

Die Beiträge in der Publikation der Arbeitsgemeinschaft Praktische Theologie Schweiz bewegen sich zwischen Digitalität, Diakonie und Profession. François-Xavier Amherdt mit „Ganzheitliche Bildung in Krisenzeiten“, Wilfried Dettling SJ mit „Spirituelle Bildung auf dem Prüfstand“ und Wolfgang Beck mit „Wie Digitalität Theologie verändert“ leisten Grundlagenarbeit für Bildung als prozesshaftes Geschehen christlicher Anthropologie, das zwischen dem, was den Menschen von sich selbst entfremdet und dem, was ihn vermenschlicht, unterscheiden lehrt – im individuellen und politischen Sinne, die unverletzliche Würde des oder der jeweils anderen zu achten und Gesellschaftsstrukturen der Befreiung zu schaffen.

Die Erschütterung von Erfahrungshorizonten gehört dabei zu den konstitutiven Bedingungen von Bildung. Die Digitalität vervielfacht aktuell auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene Krisenerfahrungen durch Dezentralisierung und Subjektivierung von Kommunikation und Wissenskonstellierung. Hier muss die kirchliche Bildungspraxis Empowerment und Kompetenzen des „Doing plurality“ fördern. (13) Umgekehrt ist Bildung auch als eine Form der „Weltaneignung“ zu verstehen, die gerade im Bezug zur Religion ein Korrektiv gegenüber funktionalen Verkürzungen hegemonial-kapitalistischer Logiken findet. Das Phänomen der radikalen Dezentralität in der Digitalität generiert für Beck die paradoxe Gleichzeitigkeit von demokratiefördernden und -destabilisierenden Elementen, die sich als „Macht der Vielen“ beschreiben lässt. (15)

Leistungsfähigkeit im Krisenmodus.

Mit der damit verbundenen Unübersichtlichkeit umzugehen und sich von der Optionenvielfalt nicht lähmen und erdrücken zu lassen, gehört zu den entscheidenden Inhalten und Kompetenzen postmodern moderner Bildung. Wichtig ist der Hinweis, die eventuelle Überforderung durch die Optionenvielfalt und die damit möglicherweise einhergehende Krisenerfahrung nicht ausschließlich negativ zu bewerten, sondern wie Armin Nassehi aus systemtheoretischer Perspektive bemerkt: „Der permanente Krisenmodus der Gesellschaft ist ihre große Stärke, weil sie sich damit eine erhebliche Leistungsfähigkeit ermöglicht, die allerdings in eine ebenfalls unvermeidliche Überforderung mündet.“3

Der Person-Begriff des Christentums ermöglicht den Übergang vom ganzheitlichen Humanismus zur ganzheitlichen Bildung. Die menschliche Person ist einzig und eins, frei und kreativ. (153) Sie setzt eine Situation der Abhängigkeit und Verletzlichkeit, in der jeder Mensch seine Autonomie aufbauen und zu anderen in Beziehung treten lernen muss. Dieses Dreieck aus Abhängigkeit, Autonomie und Beziehung impliziert eine pädagogische Verantwortung der Sorge für jeden Menschen, damit er oder sie in einer hinreichend sicheren Umgebung nach seinen und ihren Möglichkeiten und Erfordernissen lernen kann, ein menschenwürdiges Leben zu führen. (154)

Mit der Sehnsucht des Menschen nach einer Verbundenheit mit einer ihn selbst übersteigenden Wirklichkeit kommt Spiritualität und der innere Anruf ins Spiel, durch den der Mensch eingeladen wird, über sich hinauszugehen und in irgendeiner Weise in Beziehung mit dieser den Menschen übersteigenden Wirklichkeit zu treten. Viele Menschen nehmen dies als eine Art Sehnsucht wahr; auch im Kontext ihrer religiösen Praxis, in der sie beheimatet sind und zu der sie sich bekennen. Andere nehmen dies im Kontext von Naturerfahrungen, Kunst, Musik, Sport oder bestimmten Formen von Meditation wahr, ohne sich dabei explizit in einer Religion zu verorten. (95)

Jede Art von Bildung weist einen Bezug zu einem übergeordneten Ziel auf.

Spiritualität findet sich in vielen Bereichen und Realitäten des menschlichen Lebens, auch über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg. (95) Religion (lateinisch „religio“: anbinden, zurückbinden, festmachen; oder „relegere“: etwas zusammennehmen, etwas wieder lesen; oder „religare“: etwas zusammenbinden) kann entsprechende Praktiken und Glaubensüberzeugungen zur Verfügung zu stellen, die miteinander geteilt Menschen zusammenzuhalten vermögen. (96) Jede Art von Bildung weist einen Bezug zu einem übergeordneten Ziel auf, zu persönlich nachvollziehbaren Werten und Vorstellungen und einen Bezug zu sinnstiftenden, zukunftsorientierten Handlungsperspektiven. So verstandene Bildung ermöglicht immer persönliche und gemeinschaftsbezogene Orientierung. (98)

Mit den Mitteln der Religion lassen sich Erfahrungen machen, die die Beziehung zu Gott, zum/r Nächsten und zu sich selbst fördern und zwar so, dass sich diese Erfahrungen im Alltag in ihrer Wirksamkeit zum Wohle aller konkretisieren. Spirituelle Erfahrungen, die diesen Namen verdienen, weisen in ihrer Wirksamkeit immer über sich selbst hinaus. In diesem Sinne war das Christentum von Anfang an eine Bildungsreligion. (99) Damals wie heute ist es Aufgabe spiritueller Bildung, den Menschen einen Raum zu eröffnen, in dem sie die Mittel, die ihnen die Religion zur Verfügung stellt, durch die konkrete Anwendung in ihren Wirkungen erfahren und die damit verbundenen Haltungen und Überzeugungen sowie Ausdrucks- und Umgangsformen lernen, einüben und vertiefen, um kompetent und verantwortungsvoll für die praktische Bewältigung des Lebens und Glaubens im Dienst für die Welt und die ganze Menschheitsfamilie – nicht nur derjenigen, die zur eigenen Gruppe gehören – gerüstet zu sein. (100)

Bildungsort Diakonie

Richtig verstandene spirituelle Bildung vollzieht sich daher stets auf drei Beziehungsebenen: der Beziehung zu Gott, der Beziehung zum Nächsten und zur Welt sowie der Beziehung zu sich selbst. (100) Bildung in Beziehung hat auch Konsequenzen für die universitäre Theologie und die sich daran anschließende Ausbildung von Theolog:innen für den kirchlichen Dienst, die zu einem Schmelztiegel der interdisziplinären und spirituellen Innovation weiterentwickelt werden und die Isolation der theologischen Fachdisziplinen überwinden könnte. (152)

Dazu bietet sich die Integration der Diakonie als Bildungsort an, wie sie Gregor Scherzinger in dem Band stark macht. Allein, weil der diakonische Anspruch auf die Förderung von Autonomie statt Fürsorge zielt und eine Beziehung auf Augenhöhe verlangt, damit die Würde des Gegenübers respektiert wird. (43) Die Befähigung zur Selbstermächtigung muss angeeignet, eingübt und gepflegt werden. (44) Gerade auch die Erfahrung mit Kunst und Künstler:innen kann für die Kirche, ihre Berufsleute und die einzelnen Gläubigen ein Bildungsmoment sein – und umgekehrt. (61)

Bildung als ‚heiliges Abenteuer‘.

Eine Begegnung auf Augenhöhe erschließt einen offenen Lernprozess, in dem gefunden werden kann, was man nicht suchte. (61) Deutungshoheit, Beziehungsgestaltung, Raum, Transfer, Methode und Fokus „Mensch“ – auf vielen Ebenen macht sich das „Mehr“ dieser Begegnung als Bildung erkennbar. Und es macht Subjekte auch ganz spontan religiös sprachfähig. Lernen versteht sich hier als ein „Finden“ von Erkenntnissen, die vielleicht so gar nicht gesucht wurden. Es geht darum, sich bildlich gesprochen immer weiter aus dem Fenster zu lehnen und so neue Horizonte zu entdecken. (61) Pablo
Picasso schreibt dazu:

„Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer! Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewissheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.“ (62)

___

Rezension: Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion feinschwarz.net.

Bild: Buchcover von Arnd Bünker, Christoph Gellner und Jörg Schwaratzki (Hg.), Anders. Bildung. Kirche, St. Gallen 2022.

  1. Franziskus: Apostolische Konstitution Veritatis gaudium über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten, 27. Dezember 2017, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 211), Bonn 2018, Einleitung.
  2. Maritain, Jacques: Christlicher Humanismus, Pfeffer: Heidelberg 1950.
  3. Nassehi, Armin: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft, C. H. Beck: München 2021, 301.
Print Friendly, PDF & Email