Plädoyer für den Zweifel

Anna Jürgens hat erforscht, was Jugendliche glauben, die nicht an Gott glauben, und dabei die theologische Bedeutung des Zweifels entdeckt.

„Zweifelst du etwa daran?“ Geben Sie es ruhig zu – wenn Sie diese Frage lesen, hören Sie vermutlich in Ihrem Kopf einen vorwurfsvollen Unterton und es entsteht automatisch der Impuls, sich zu rechtfertigen und den Zweifel zu negieren. Der Zweifel genießt im Allgemeinen in unserem Alltag und besonders in Glaubensdingen kein allzu hohes Ansehen. Gerade in religiösen Kontexten scheinen Zweifel häufig negativ belegt zu sein und wirken wie Stolpersteine, die im Weg liegen und als notwendiges Übel überwunden werden müssen. Das Ideal christlichen Glaubens ist die Gewissheit, der Zweifel wird im Gegensatz dazu nicht selten sogar als „Sünde gegen den Glauben“ bezeichnet und sollte so schnell wie möglich überwunden werden.

Zweifel ist ein spiritueller Wert, auch wenn er nicht zu Gewissheit führt

Aber wird diese Auffassung dem Zweifel gerecht? Für meine Promotion mit dem Titel „Was glauben eigentlich Atheisten? Ansatzpunkte für einen konstruktiven Dialog zwischen unterschiedlich (Nicht-)Glaubenden“ habe ich Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen geführt, die von sich sagen, dass sie die Frage „Glaubst du an Gott?“ nicht mit JA beantworten können.[1] In den Gesprächen mit meinen Interviewpartner:innen drängte sich mir die Überlegung auf, ob Zweifeln nicht vielmehr einen spirituellen Wert darstellt. Und zwar nicht erst in der Überwindung der Zweifel, die dann wiederum zu „Gewissheit“ oder „Glauben“ führt, sondern in der Tätigkeit des Zweifelns an sich, im Suchen und Hinterfragen und in der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen, auch ohne eine Antwort darauf zu finden.

Die Religionskritik zweifelnder Jugendlicher

In ihren Zweifeln und in ihrem Ringen um ein kohärentes Weltbild, das naturwissensschaftliche Erkenntnisse ebenso einschließt wie Antworten auf Sinnfragen, erreichen meine jungen Interviewpartner:innen teilweise eine für ihr Alter erstaunliche gedankliche Tiefe. Während gläubige Jugendliche von ihrer Religionsgemeinschaft ein fertiges Weltbild präsentiert bekommen, das sie oft unhinterfragt übernehmen, kann der Zweifel an überlieferten Glaubenssätzen bei den nicht (mehr) gläubigen Jugendlichen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Sinnfragen führen. „Zweifel erscheint dann als Folge von wahrgenommener Inkongruenz: Das Deutungsmuster ‚Glaube‘ und die Selbst- und Welterfahrung lassen sich nicht mehr zur Deckung bringen.“[2] Hier wird von den Jugendlichen aktuelle Religionskritik erster Güte betrieben: Es geht um die altbekannte Theodizeefrage, um die Frage nach dem Tod und dem „Danach“, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse und um den Wunsch nach einem kohärenten Weltbild, das ebendiese Erkenntnisse und die Sehnsucht nach einem tieferen Sinn im Leben glaubhaft integriert. Deutlich wird hier, dass Zweifel in einem sehr engen Zusammenhang mit Wahrhaftigkeit zu stehen scheinen. Wer Wahrhaftigkeit vor sich selbst als großes Gut – übrigens auch in christlicher Tradition – ernst nimmt[3], kann sich nicht damit zufrieden geben, die Antworten anderer nachzuplappern, wenn er im tiefsten Inneren an ihnen zweifelt.

Können Sie sich ernsthaft einen zweifelnden Fundamentalisten vorstellen?

Glaube kann nicht durch reine Willensanstrengung gemacht oder auf Kosten der Wahrhaftigkeit erlangt werden. Wer hingegen zweifelt und sich traut, dies auch zuzugeben, gibt auf Sinnfragen nicht sozial erwünschte Antworten, sondern selbst durchdachte, manchmal vielleicht auch unfertige und noch nicht zu Ende gedachte „Antwort-Entwürfe“. Im ehrlichen Austausch darüber, mit dem Mut, eigene Zweifel und Unsicherheiten zuzugeben, können diese unfertigen Antworten weiter entwickelt und von anderen Antwortmöglichkeiten inspiriert werden. Eine gewisse Unsicherheit im eigenen Glauben und die Bereitschaft, sich immer wieder kritisch mit traditionellen Überzeugungen auseinanderzusetzen, ermöglicht es gerade, auch andere Meinungen als plausibel in Betracht zu ziehen und bewahrt den Glauben vor der Gefahr, intolerant und gewaltbereit zu werden.[4]

Dadurch ergibt sich gleich ein weiteres wichtiges Argument, das die Bedeutung des Zweifels stärkt: seine schützende Funktion gegen den Fundamentalismus. Wer zweifelt, neigt weniger zu Extremen. Zweifel fungieren als Korrektiv und regen dazu an, Pauschalisierungen und absolute Wahrheitsansprüche kritisch zu hinterfragen. Vor der Gefahr, fundamentalistisch und extremistisch zu werden, ist keine Weltanschauung sicher, egal ob es sich um eine theistische Religion oder eine atheistische Überzeugung handelt. Lässt man Zweifel zu und gibt ihnen Raum, kann sich daraus ein wirksames Gegenmittel entfalten – oder können Sie sich ernsthaft einen zweifelnden Fundamentalisten vorstellen?

Die Vorstellung, dass alles vorbei ist, ist eigentlich unerträglich.

In Bezug auf den Glauben an die Existenz eines liebenden Gottes und an ein Leben nach dem Tod ergibt sich aus den Interviews eine weitere interessante Beobachtung: bei einigen Jugendlichen besteht hier ein deutlicher Unterschied zwischen dem, was sie glauben, und dem, was sie hoffen. Konstantin[5] sagt beispielsweise auf die Frage, was er mit dem Tod verbindet und was seiner Meinung nach danach kommt: „Ich glaub, ich verbinds mittlerweile mit dem Nichts, hoffe aber – inständig – dass es was danach gibt. Also wirklich. Die Vorstellung, dass alles vorbei ist, ist eigentlich unerträglich.“ Während bei Gläubigen Hoffen und Glauben in der Regel zusammenfallen – was sie glauben ist auch das, worauf sie hoffen -, können sich bei Atheist:innen, Agnostiker:innen und Zweifler:innen Glauben und Hoffen unterscheiden oder sogar im Widerspruch zueinander stehen.

Bevor Vertreter:innen der christlichen Kirchen Atheist:innen also für ihren „fehlenden Glauben“ kritisieren oder Zweifel pauschal verurteilen, sollten sie darüber nachdenken, dass es sich dabei vielleicht gar nicht um eine selbst getroffene Entscheidung gegen den Glauben handelt, sondern um ein nicht-glauben-Können. Im Sinne der zuvor schon genannten Wahrhaftigkeit ist es in diesem Fall ehrlicher, den aufgrund der Inkongruenz von Glaubensinhalten und eigenen Erfahrungen abhanden gekommenen Glauben zuzugeben, als ihn „um den Preis der Kongruenz, um den Preis der Übereinstimmung mit sich selbst“[6] bewahren zu wollen. Diese Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber schafft dann möglicherweise den Raum, miteinander ins Gespräch zu kommen und möglichst ohne Vorurteile und Vorwürfe gemeinsam nach Antworten zu suchen.

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben“ (André Gide)

Christ:innen sind der Meinung, dass der Glaube ein Geschenk ist, das sich nicht ohne die zuvorkommende Gnade Gottes vollziehen lässt[7] – ich möchte hier also dafür plädieren, für dieses Geschenk dankbar zu sein, aber auch den Mut aufzubringen, den eigenen Glauben kritisch zu hinterfragen, zu Zweifeln zu stehen und diese ins Gespräch zu bringen, anstatt es sich in einer scheinbaren Gewissheit bequem zu machen oder Zweifel zu unterdrücken, nur weil man etwas so gerne einfach weiter glauben möchte. In diesem Sinne schließe ich mit dem Zitat des französischen Literatur-Nobelpreisträgers André Gide: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“

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Text: Anna Jürgens ist Sport-, Latein- und Religionslehrerin und arbeitet an der Urspringschule Schelklingen.

Bild: Matthias Grünewald Verlag

 

[1] Im Folgenden werden Passagen übernommen aus: Anna Jürgens, Was glauben eigentlich Atheisten? Ansatzpunkte für einen konstruktiven Dialog zwischen unterschiedlich (Nicht-)Glaubenden, Ostfildern 2021 (Zeitzeichen Bd. 50),

[2] Hoffmann, Veronika (Hrsg.), Nachdenken über den Zweifel. Theologische Perspektiven, Ostfildern 2017, S. 34.

[3] Vgl. Lehmkühler, Glaubensverlust und Wahrhaftigkeit, in: Hoffmann, Veronika (Hrsg.), Nachdenken über den Zweifel, Thologische Perspektiven, Ostfildern 2017, S. 38.

[4] Vgl. Hoffmann, Veronika (Hrsg.), Nachdenken über den Zweifel. Theologische Perspektiven, Ostfildern 2017, S. 11.

[5] Die Namen wurden von den Interviewpatern:innen selbst gewählt.

[6] Lehmkühler, Glaubensverlust, S. 48.

[7] Vgl. DV5, http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html, 21.08.2019.

[8]https://gutezitate.com/zitat/112634, zuletzt besucht am 08.07.2022.

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