«Im Islam leben und sterben wir alle»? – Goethe und der Koran

Wie keiner der großen deutschsprachigen Dichter hat Goethe den Koran gekannt und sich mit dem Propheten Muhammad befasst. Gerade im Dialog mit dem persisch-muslimischen Dichter Hafis machte Goethe ein spirituelles Verständnis des Islam stark, das in seiner religionenübergreifenden Grundhaltung hochaktuell ist. Christoph Gellner über das neue Buch von Karl-Josef Kuschel.

Als Goethe 1814 die soeben erschienene Übersetzung des Diwans des persischen Dichters und Koranlehrers Hafis (1315-1390) von Joseph von Hammer erhielt, die ihn inspirieren sollte, im West-östlichen Divan «auf heitere Weise den Westen und den Osten, das Vergangene und Gegenwärtige, das Persische und das Deutsche zu verknüpfen», war der bereits 70-jährige Weimarer Dichter dafür keineswegs unvorbereitet. Er habe, dankt Goethe in einem Brief an seinen Tübinger Verleger Cotta, «sich im Stillen längst mit orientalischer Literatur beschäftigt». Neue Koran-Übertragungen ins Deutsche hatte Goethe ebenso im Blick wie die zeitgenössischen Orient- und Islamwissenschaften, die sich von den kirchlichen Bibelwissenschaften emanzipierten und gegen die Geringschätzung des Islamisch-Orientalischen in Europa für die Schönheit orientalischer Sprachen und Poesie warben.

neue Koran-Übertragungen ins Deutsche ebenso im Blick wie die zeitgenössischen Orient- und Islamwissenschaften

Ähnlich verfügt Karl-Josef Kuschel als emeritierter Tübinger Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs über eine langjährige profunde Beschäftigung mit dem Islam sowie mit Weltreligionen im Spiegel der Literatur: 1994 erschien Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt und eint, 1998 die Studie Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. Lessing und die Herausforderung des Islam, ihr folgten 2002 Rilkes Islam-Erfahrung und ihre Bedeutung für den religionstheologischen Diskurs der Zukunft, 2007 der Grundriss eines Trialogs Juden Christen Muslime – Herkunft und Zukunft, der 2017 tiefgreifend überarbeitet in Die Bibel im Koran. Grundlagen für das interreligiöse Gespräch mündete. Und jetzt legt der 73-Jährige eine umfangreiche Goethe-Studie vor.

Friedrich Nietzsche mutmaßte 1886: Goethe, «nicht nur ein guter und großer Mensch, sondern eine Kultur» für sich, der ohnehin «in eine höhere Gattung» als «National-Literaturen» gehöre, sei «in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen» geblieben. Hat Nietzsche recht, fragt Kuschel zu Beginn: «Goethe und der Islam? Goethe und der Koran? Das ist unter Goethe-Verehrern, die den Dichter gern auf ein deutschnationales Podest stellen, kaum ernst genommen worden.»

„ein Zwischenfall ohne Folgen“

Lange Zeit so gut wie ignoriert musste Goethes überaus kenntnisreiches Interesse am Islam von Literaturwissenschaftlern in neueren Einzelstudien und Kommentaren erst wieder freigelegt werden – doch eine breite(re) Rezeption «in Theologie und Religionswissenschaft im Interesse eines heute dringender denn je nötigen interkulturellen und interreligiösen Dialogs Orient-Europa bzw. Christentum-Islam, hat so gut wie nicht stattgefunden», so Kuschel.

Erklärtes Ziel seines neuen Buchs ist es, dass die Ergebnisse der Goethe-Forschung fruchtbar gemacht werden «für heutige Diskurse über ein wechselseitig besseres Verstehen von Kulturen und Religionen – jenseits von Islamophilie und Islamverachtung, von Vereinnahmung und Abstoßung des Islam, wider die ‘schrecklichen Vereinfacher’ auf beiden Seiten». Die 432 Seiten umfassende bibliophile Neuerscheinung lebt denn auch von drei sich wechselseitig erhellenden Darstellungsgenres:

(1) Auf fast 100 Seiten sind die wichtigsten Dichteraussagen und autobiografischen Zeugnisse Goethes zum Islam in Originalauszügen dokumentiert, angefangen bei seinen frühen Koran-Studien (1772/73) über das Stückprojekt zum Propheten «Mahomet» bis hin zum West-östlichen Divan von 1819 bzw. 1827, diese Zwiesprache Goethes mit dem großen islamischen Mystikerpoeten Hafis und dem Gipfel der persischsprachigen Lyrik stellt «eine Sternstunde der Weltliteratur» dar, eine Zeittafel am Ende verdichtet die wichtigsten Daten im Überblick.

Modellcharakter seiner Interkulturalität und Interreligiosität für heute

(2) Gut 250 Seiten umfassen Kuschels für ein breites Publikum gut verständlich geschriebene «Kommentar»-Erschließungen zu diesen drei Werkkomplexen – um textnah, konzis und pointiert die wesentlichen Grundlinien von Goethes Verhältnis zum Islam sowie den Modellcharakter seiner Interkulturalität und Interreligiosität für heute heraus zu profilieren, verweist er für Details auf die gründlich eingearbeitete Forschungsliteratur im Anhang.

(3) Neben 13 historischen Abbildungen enthält das Buch 15 farbige Kalligrafie-Bilder eines vielbeachteten Kalligrafen unserer Zeit, Shahid Alam, einem aus Pakistan stammenden Künstler, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Schon Goethe begeisterte sich für die arabische Kalligrafie, die Muslime Gottes Schönheit in der Schrift spüren lässt und zum Charakteristikum islamischer Kultur und Spiritualität gehört. Durch eigene Schreibübungen in der Schrift des Koran hat Goethe selber sich bemüht nachzuvollziehen: «In keiner Sprache ist Wort, Geist und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert wie in der arabischen Sprache.»

Gottes Schönheit in der Schrift spüren

Lessing stellte den Islam als «Religion der Vernunft» heraus, Herder beschrieb ihn als «poetische Religion», Goethe lernte von ihm, dass Muhammad zugleich Prophet und Poet war und der Koran das Sprachdokument einer Weltkultur, das literarisch-ästhetisch wie auch religiös-theologisch zu würdigen ist. Goethe war bestens mit der damals greifbaren wissenschaftlichen Forschung vertraut, die die lange vorherrschende kirchliche Anti-Islam-Theologie überwand. «Angesichts eines durch die christlichen Kirchen seiner Zeit propagierten dämonisierten Islam-Bildes» zeichnet Goethe «eine unerhörte ‘strategische Aufwertung’ des Islam als einer authentischen, legitimen Religion» aus.

Gerade auch im West-östlichen Divan spielt das Poetische und das Religiöse zusammen: Sah sich der 70-jährige Goethe doch durch Hafis herausgefordert, noch einmal lyrisch produktiv zu werden, der Mystikerpoet aus Schiraz setzte die Einbildungskraft der Weimarer Klassikers in Bewegung – er begann, «Patriarchenluft zu kosten», ja, in einen Wettstreit um Bibel- und Korankenntnisse zu treten. Scherz und Ernst verschwistern sich im Divan ebenso wie Pfaffensatire und Schöpfungslob oder Wein und Mystik, die wie schon für Hafis die Grenze zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem verwischen.

«welthaltige» Mystik, ja, «Weltfrömmigkeit»

Goethe legt dabei größten Wert darauf, Hafis als Muslim herauszustellen, ist ihm doch daran gelegen, eine «welthaltige» Mystik, ja, eine «Weltfrömmigkeit», «in der Geistiges und Sinnliches keine Gegensätze sind», auch in der islamischen Welt aufzuweisen! Spielerisch-heiter und z. T. ironisch verwandelt er sich die Paradiesvorstellungen des Islam poetisch an, wobei er die Schwere koranischer Theozentrik in «freigeisterischer Fantasie» durch erotische Glückseligkeit ersetzt.

Unübersehbar ist: Bei aller Kritik und Reserve gibt es religiöse Affinitäten, durch die Goethe sich zum Islam hingezogen fühlte. Aus dem Koran rezipierte er die schöpfungstheologischen, ethischen und spirituellen Texte, während er die legalistischen und höllentheologischen mit Schweigen überging. Zahlreiche Selbstzeugnisse lassen eine Nähe des Dichters zur islamischen Spiritualität erkennen: die Lehre vom Einen Gott und die Überzeugung, dass sich Gott in der Natur offenbare und die Welt voll von Zeichen ist, die auf den Schöpfer verweisen – Immanenz, nicht Transzendenz, die Präsenz Gottes in allen Dingen – das macht, inspiriert vom Koran und Hafis, die spirituelle Tiefe des Divan aus.

eine Nähe des Dichters zur islamischen Spiritualität

Kuschel spricht von einem «dritten Islam» bei Goethe – neben dem Bemühen um vorurteilsfreie Sachlichkeit und Gerechtigkeit gegenüber der Weltreligion der Muslime sowie der identifikatorischen Rezeption inhaltlich kompatibler koranischer Lehren ist dies ein spirituelles Verständnis von «Islam», das «die islamisch kodierte Frömmigkeit als Grundhaltung des Menschen gegenüber dem Göttlichen im Blick hat und zugleich religionsübergreifend, überkonfessionell universalisiert». Pointiert kommt es in Goethes Divan-Vierzeiler zum Ausdruck: «Närrisch, daß jeder in seinem Falle / Seine besondere Meynung preist! / Wenn Islam Gott ergeben heißt, / Im Islam leben und sterben wir alle.»

Wie Hafis «ein Gläubiger, aber kein Rechtgläubiger» (Max Rychner), bricht Goethe mit einem heilsgeschichtlichen Absolutismus, der nur einen exklusiv wahren Lehrer oder Erlöser der Menschheit anerkennt. Was ihn auszeichnet, ist die «Verflüssigung» religiös-kultureller Grenzziehungen, ja, die Transformierung partikulärer Überlieferungen ins Universale, ins allgemein Menschliche – Respekt, Wertschätzung und Lernbereitschaft: «Toleranz», so der alt gewordene Goethe, »sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.»

«Verflüssigung» religiös-kultureller Grenzziehungen,  Transformierung partikulärer Überlieferungen ins Universale

Man mag bedauern, dass Kuschel nicht stärker muslimische Stimmen aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie SAID, Navid Kermani oder Zafer Şenocak einbezogen hat, jüngst spielten Goethe, Hafis und die Welten des Islam in Michael Kleebergs neuem Divan-Roman Der Idiot des 21. Jahrhunderts (2018) eine prominente Rolle[1]. Umso mehr wird man Kuschel beipflichten, dass die biblisch-koranischen Ur- und Patriarchengeschichten um Abraham und Sara, Hagar und Ismael in Goethes Sicht denkwürdig, ja, unentbehrlich sind als «Frischluft» die gemeinsamen Ursprünge der drei abrahamischen Religionen neu zu vergegenwärtigen.

Karl-Josef Kuschel/Shahid Alam, Goethe und der Koran. Patmos Verlag: Ostfildern 2021.

Christoph Gellner, Dr. theol., ist Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Zürich und Experte für Literatur und Religion, Lehraufträge an den Universitäten Fribourg, Luzern und Zürich.

Cover: Patmos Verlag


 

[1]Neben dem von Kuschel angeführten Neuen Divan. Ein Lyrischer Dialog zwischen Ost und West (Hrsg. v. Barbara Schwepke u. Bill Swainson, Berlin 2019) sei verwiesen auf Christoph Gellner/Georg Langenhorst, «Blickwinkel öffnen». Interreligiöses Lernen mit literarischen Texten, Ostfildern 2013; Christoph Gellner, Vom Migrations- zum Religionsstereotyp. Islamdiskurse in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in: In der Sprache gefangen. Migration und Diskriminierung, hrsg. v. Wolfgang W. Müller u. Franc Wagner, Zürich 2019, 153–180; ders., Das Andere. Eine Reise weg vom Selbst. Michael Kleebergs Lob der Convivialité. In: Stimmen der Zeit 237 (2019) 939–948.

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