In persona mariae: Das nachsynodale Schreiben Querida Amazonia und seine Folgen für die Frauen

Maria Knotenlöserin (Augsburg) - von Papst verehrt

In den wenigen Tagen seit Erscheinen des nachsynodalen Schreibens Querida Amazonia gibt es sehr viele gegensätzliche Einschätzungen des päpstlichen Dokuments. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller unternimmt mit spitzer Feder „Theologische Rettungsversuche in Form einer Glosse und zugleich kirchenrechtlichen Optionierung“.

Ungeachtet der Enttäuschung über das Festhalten am Pflichtzölibat einerseits, der päpstlichen Visionen im ersten Teil des nachsynodalen Schreibens „Querida Amazonia“ (QA) mit luziden Gedanken zur Inkulturation des Glaubens und der Bewahrung der Schöpfung andererseits, wendet man sich doch mit peinlichem Grausen von den Nrn. 99-103 des nachsynodalen Schreibens ab.  Selbst Franziskus-Fan P.M. Zulehner schämt sich hier für seinen Helden in Weiß.

Insbesondere Nr. 100 ist in Stil und Inhalt mehr als gewöhnungsbedürftig. Es heißt dort: „Dies ist eine Einladung an uns, unseren Blick zu weiten, damit unser Verständnis von Kirche nicht auf funktionale Strukturen reduziert wird. Ein solcher Reduktionismus würde uns zu der Annahme veranlassen, dass den Frauen nur dann ein Status in der Kirche und eine größere Beteiligung eingeräumt würden, wenn sie zu den heiligen Weihen zugelassen würden. Aber eine solche Sichtweise wäre in Wirklichkeit eine Begrenzung der Perspektiven: Sie würde uns auf eine Klerikalisierung der Frauen hinlenken und den großen Wert dessen, was sie schon gegeben haben, schmälern als auch auf subtile Weise zu einer Verarmung ihres unverzichtbaren Beitrags führen.“

„Franziskus schnitzt klobig eine geschlechtsspezifische Anthropologie der Frau an sich“

In den weiteren Nummern schnitzt Franziskus ähnlich klobig eine geschlechtsspezifische Anthropologie der Frau an sich. Das hört sich dann so an: „Denn der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes, Maria. Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben.“

Daraus folgert der Jesuit vom anderen Ende der Welt: „Hier wird sichtbar, was ihre spezifische Macht ist.“ Und er zieht daraus wagemutig den Schluss: „In einer synodalen Kirche sollten die Frauen, die in der Tat eine zentrale Rolle in den Amazonasgemeinden spielen, Zugang zu Aufgaben und auch kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern, und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz besser zum Ausdruck zu bringen. Es sei daran erinnert, dass ein solcher Dienst Dauerhaftigkeit, öffentliche Anerkennung und eine Beauftragung durch den Bischof voraussetzt. Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben.“

Was bleibt davon, wenn man diesen lehramtlich verbindlichen Text ernst nehmen und anschließend auf seine praktischen Folgerungen hin befragen will?

Was bleibt davon, wenn man diesen lehramtlich verbindlichen Text ernst nehmen und anschließend auf seine praktischen Folgerungen hin befragen will? Weiter an – zumindest – die Diakoninnenweihe glauben, wie es Bischof Gebhard Fürst fast trotzig postuliert? Hinausflattern aus der Kirche wie ein Vöglein, wie Christiane Florin es in ihrem Blog andeutet? Die Revolution von der Basis starten, wie es Daniel Bogner fordert? Mit dem tapferen ZdK-Präsidenten Thomas Sternberg hoffen wider alle Hoffnung und unverzagt der Weltkirche von Deutschland aus die rettende Botschaft schenken wollen? Das eigene Frauen-Schicksal selbst in die nehmen, ohne auf die Hierarchie zu schielen, wie es Maria 2.0 kraftvoll fordert?

Diese und andere Reaktionen, vor allem von katholischen Frauen, denen Franziskus den Stuhl vor die Tür der klerikalen Macht stellt, sind nachvollziehbar und legitim. Aber vielleicht lohnt es sich, aus den päpstlichen Einlassungen mit dem Abstand einiger Tage, befreit vom eigenen Empörungsimpetus, theologisch und kirchenrechtlich mutige Konklusionen zu ziehen.

„Weihe verdirbt den marianisch-weiblichen Charakter, den unser Papst genau kennt und als „weiblichen Stil“ bezeichnet – was für eine Stilblüte!“

In Ordnung: Jesus und sein Mannsein scheinen – in der Diktion des päpstlichen Hoftheologen Karl-Heinz Menke und der hoch sexualisiert aufgeladenen Vokabel des Bräutigams – soteriologische Qualitäten aufzuweisen und von daher mit dem Frausein im klerikalen Stand unvereinbar zu sein. Die Kirchenväter, denen die Menschwerdung, das ganze Fleisch von essentieller Bedeutung war für das rettende Geschehen in Christus, würden sich schaudernd von dieser hochspekulativen Divinisierung des kleinen Unterschieds abwenden. Aber geschenkt! Dann halt Maria. Von Maria wurde von den direkten Vorgängern des Papstes manch gülden leuchtendes Bild gemalt, das man mit „empfangen ohne Zaudern“, „dienen ohne kritisieren“ sowie „unbefleckt empfangen haben“ und „gebären, ohne ein Fleisch geworden zu sein“ ausbuchstabieren kann. Franziskus toppt nun das Ganze noch mit der väterlich-paternalistischen Sorge, die Frau durch Weihe doch ja nicht zu reduzieren, zu funktionalisieren und zu klerikalisieren. Im Klartext: Weihe verdirbt den marianisch-weiblichen Charakter, den unser Papst genau kennt und als „weiblichen Stil“ bezeichnet – was für eine Stilblüte!

Geht es Franziskus doch „um die Depotenzierung der (männlichen) Kleriker“?

Ein kluger geistlicher Botschaftsrat in Rom (Msgr. Oliver Lahl) meint daraus den versteckten Wink herauszulesen, dass es Franziskus um die Depotenzierung der (männlichen) Kleriker gehe, die er auf das Vorsteheramt bei der Eucharistie und Sündenvergebung reduziere (vielleicht noch mit der Krankensalbung zusammen), um Frauen auf ganz andere und doch kirchenrechtlich bestens bekannte Weise mit Leitungsgewalt ohne Weihe auszustatten. Um die Ecke gedacht, hoch spekulativ zugegeben, aber danach wäre dieser vordergründig wie ein Macho wirkende Mann auf dem Stuhle Petri in Wahrheit hochgradig subversiv unterwegs. Nochmal der kluge Schwabe im diplomatischen Dienst: Es gehe Franziskus um eine Entmächtigung der Priester/Kleriker und um eine Demokratisierung der verschiedenen Ämter mit Leitungsgewalt, die auch Frauen offenstehen.

„Ach, ihr Frauen – zumindest in Deutschland hat auch ohne die für eure Seele verderbliche Weihe die Stunde eurer wahren Vollmacht geschlagen!“

Dafür spricht in der Tat, dass Franziskus im Vorgriff auf die bereits lange angekündigte Kurienreform bereits einige Frauen zu Untersekretärinnen ernannt hat, wobei das nichts mit Kaffee kochenden Vorzimmerdamen in Vorstandsbüros zu tun hat, wie der säkulare Katholik vielleicht denken könnte, sondern nach dem Kirchenrecht durchaus mit Leitungsgewalt verbunden ist. Und plötzlich begreift man, dass auch Reinhard Marx ein wahrer Frauenversteher ist. Hat der Münchner Kardinal denn nicht zum Beginn dieses Jahres eine „Verwaltungschefin“ als Leiterin seiner erzbischöflichen Kurie eingesetzt und zur Deko neben ihr seinen letzten erzbischöflichen Geheimkaplan als Generalvikar im Frühstücksdirektorenformat platziert, der nun das ganze schnöde Verwaltungshandeln spirituell garniert und wohlwollend begleitet?

Ihm will es der fromme Benediktinerbischof Gregor Maria Hanke in Eichstätt gleichtun. Ach, ihr Frauen – zumindest in Deutschland hat auch ohne die für eure Seele verderbliche Weihe die Stunde eurer wahren Vollmacht geschlagen. Und das schon für 20 Prozent von euch! Dieser Anteil von Leitungsstellen in kirchlichen Verwaltungen, Akademien und großen Einrichtungen sind nach einer qualifizierten Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz ja schon mit einer von euch besetzt, Tendenz steigend. Da sage noch einer, die Kirche sei kein Trendsetter.

Es bleibt die „Weihe als Firewall. Sie trennt die beiden Hälften der Menschheit“

Aber halt, bevor wir uns gar zu sehr an diesem Befund ergötzen: Mit den Worten des schneidig-korrekten Kanonisten Norbert Lüdecke bleibt doch die Weihe als Firewall. Sie trennt die beiden Hälften der Menschheit. Der einen Hälfte, weil nun mal unverdient als Mann geboren, gibt sie die Chance, ein geweihter Priester und damit auch Bischof oder gar Papst zu werden und fortan unkonditionierte Leitungs- und Lehrgewalt im Modus von Befehl und Gehorsam auszuüben. Die andere Hälfte (sagen wir es lehramtskonform: das marianische Geschlecht) hingegen kann, weil es nun mal die Frauen sind, gar nicht dorthin gelangen, auch wenn es gewollt wäre und hierzu der Ruf Gottes ergangen wäre. Ein klassischer Fall von Aneinander vorbeihören.  Beim Hören denkt man natürlich ans Reden. Christlich gewendet: ans Verkündigen, beginnend mit den Frauen am frühen Morgen des Ostertags.

Franziskus wird nicht müde, Frauen tatsächlich als Verkündigerinnen des Evangeliums und Tradentinnen der Volksfrömmigkeit zu charakterisieren.

Nun: Fairerweise wird Franziskus nicht müde, Frauen tatsächlich als Verkündigerinnen des Evangeliums und Tradentinnen der Volksfrömmigkeit zu charakterisieren, in der sich auf inkulturierte Weise der lokale Glaubenssinn (sensus fidei) verleiblicht. Dieses Motiv gilt es ernsthaft zu vertiefen, nicht zuletzt weil sich österreichische Rotzlöffel, die sich Konvertiten nennen und gerne Figuren in den Tiber werfen, als neue katholische Herrenmenschen gerieren.

Im nachsynodalen Schreiben bekräftigt Franziskus mehrfach, dass es Frauen waren, die getrieben vom Heiligen Geist, oft über lange Zeit hinweg das Evangelium verkündeten, tauften und den Menschen seelsorglich nahe waren. Das wirft die Frage auf, ob der Papst die Ansicht vertritt, dass gerade diese bewährten Charismen einen institutionellen Charakter durch bischöfliche Beauftragung und Dauerhaftigkeit verliehen werden sollte. Wäre es hier im Kontext des sogenannten Synodalen Weges in Deutschland nicht mutig, darüber nachzudenken, den Frauen die amtliche Bevollmächtigung exklusiv zum priesterlichen Amt der Verkündigung des Evangeliums in allen gottesdienstlichen Formen zu erteilen?

Klar: 1988 hat Rom zum Leidwesen vieler deutscher Bischöfe die sogenannte Laienpredigt in der Messe verboten. Seitdem sollen Frauen und nichtgeweihte Männer als Seelsorgerinnen und Seelsorger nur noch eine – liturgisch gesehen, sinnfreie – Statio zu Beginn des Gottesdienstes ohne Bezugnahme auf die biblischen Tagestexte halten. Doch damit sollte nun Schluss sein. Wenn doch Maria das Wort Gottes empfangen hat, dann sind ihre marianischen Schwestern heute gewiss die auserwählten Verkündigerinnen der Kirche, denn nur sie können schließlich empfangen und weitergeben.

Spielräume für die Kirchen vor Ort?

Wenn der sogenannte Synodale Weg nach dem Papstschreiben überhaupt noch einen Sinn haben soll, dann sollte man ihn so auffassen, dass am Ende jene mutigen Reformvorschläge stehen, die Franziskus doch aus aller Welt erwartet. Dieser Papst wolle eben nicht alles als Papst entscheiden und den Kirchen vor Ort Spielräume geben. So zumindest die ständige Lesart deutscher Jesuiten wie des geistlichen Begleiters allen synodalen Beratens, des Papst-erfahrenen Paters Bernd Hagenkord SJ.

Freimütig sollten die Synodalen für die Rechte der Frauen in der Kirche eintreten, Recht verändern, wenn es untauglich oder gar Unrecht geworden ist

Und es kommt einem ein altes jesuitisches Prinzip in den Sinn: Wenn die Söhne des Vaters Ignatius losgeschickt wurden, um in fernen und unbekannten Ländern zu missionieren, dann gaben ihre Oberen ihnen klare Weisungen auf den Weg, sagten ihnen aber zugleich, sie sollten sie vergessen, wenn sie ihnen für die Verkündigung hinderlich sein sollten. So verzichteten beispielsweise die ersten Jesuiten in Japan anfangs auf das Symbol des Christentums schlechthin, das Kreuz. Oh Gott, mögen die selbst berufenen Bewahrer der christlich-abendländischen Kultur aufschreien, kein Kreuz! Und irgendwie hätten sie sogar Recht, aber anders, als sie glauben: Das Kreuz als Zeichen für das Ärgernis am und im Christentum, sein gefährliches Erinnerungspotenzial, das zur Hoffnung für die Entrechteten und Erniedrigten aufgerichtet ist – es könnte auch den Synodalen in ihrer Frankfurter Kleinkonzilsaula aufleuchten. Als Fanal der Freiheit und des Freimuts, der in der ersten, noch so kuscheligen Synodalversammlung beschworen wurde. Freimütig sollten die Synodalen für die Rechte der Frauen in der Kirche eintreten, Recht verändern, wenn es untauglich oder gar Unrecht geworden ist – und das tun, was nun einmal not tut in Deutschland.  Auch wenn man dann vielleicht nicht mehr alphabetisch gleichgestaltet, schiedlich-friedlich laikal-episkopal beieinandersitzt, sondern sich richtig streiten muss. Vielleicht wäre das zumindest einen letzten Versuch wert, nun, da schon fast alle Hoffnung verloren ist.

Thomas Schüller ist Professor für Kirchenrecht und Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster.

Beitragsbild: Maria Knotenlöserin (St. Peter am Berlach, Augsburg, Quelle: Wikipedia). Papst Franziskus verehrt dieses Gnadenbild

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