Innergärten und Trotzdemblüten – verstreute Blütenblätter aus dem Gartenbuch eines verlorenen Paradieses… IV

Photo: Johannes Rauchenberger (Kultum, Graz)

„Blumenbilder wollte ich malen, gelandet bin ich im Paradies. Ein Textkobold hat mich gezwickt, darüber auch noch Worte zu verlieren. Der Versuch, über das Paradies etwas in Worte zu fassen, ist ein Unterfangen, an dem man eigentlich nur scheitern kann. Zudem kommt man dabei in Teufels Küche. Doch der Hafer hat mich gestochen, ein Rotkehlchen hat gerufen…“ Von Alois Neuhold.

„In meinem Herzen spielen Paradiese“ (Else Lasker-Schüler) 

IV.

Im Paradies ist man nackt. 

Die Wahrheit ist immer nackt, die Liebe auch. Wenn sie sich verkleiden muss, dann stimmt etwas nicht.

Das Paradies ist nicht nur am Anfang, es ist nicht nur das verheißene Ende, die sich erfüllende Aussicht auf Vollendung, es ist immer und überall. Es ist in Allem. Es ist im Hier und Jetzt. Es ist die Immer-und-Überall-Hütte, das Hier-und-Jetzt-Boot, das In-Allem-Brot.

Am Ende des irdischen Lebens, der letzten Ausfahrt, bleibt der Ausblick, das Hoffnungsboot, dass uns, nach dem Fallen der sterblichen Hüllen, im Tod ein Tor geöffnet wird und sich eine Verheißung erfüllt: Wir sind angekommen, wir sind heimgekommen. Wir stehen nicht vor schwarzversperrten Finstertoren, unser Leben endet nicht in eiseskalten, totgetünchten Niemandszimmern. Auftut sich eine Tür zu lichten Höhen, zu wundervollen Gärten. Himmlische Ruhe und ewiger Friede, Hauchballen der Liebe, Lichtumarmungen empfangen und wiegen uns. Wir sind flügelleicht, wir sind schmetterlingsleicht geworden. Wir sind erlöst von den Kellergewichten, von den lastenden Schuldtaschen und Verfehlwegen, von den Einspinnungen der Ichverspinnung, die uns im Irdischen oft so flügellahm niederbinden. Alles erstrahlt in seiner Voll- und Lichtgestalt. Wir sind im Himmel, im Lebendigsten des Lebens, im großen Du-Gewölbe, im Dom-Choral von Anfang und Ende. Wir sind im Paradies, in einem Garten voller Blütenklänge, voller Lichtgesänge, in Gottes Blütenhänden, blütentrunken, lichtberauscht.

Warum sich dieser Bilder berauben? Warum diese tiefste und letzte Sehnsucht abtöten? Warum sie zuschütten, warum sie negieren und mit rationellen Gegenargumenten zubetonieren? Warum die Tür zuschlagen? Könnte uns diese Sicht nicht beflügeln und ermutigen, bereits im irdischen Leben unsere Fensterläden zu diesen Gärten mehr zu öffnen, um dadurch unsere Welt und das eigene Leben eine Spur weit menschlicher und erfüllter zu gestalten?

Ich sehe das Tor zum Paradies weit offen, einladend weit. Kein grimmig blickender Wächter steht davor, kein mächtiger Cherub versperrt es. Ich spüre die Kraft, die Schönheit und das Licht, die von diesem „Ort“ ausgehen. Ich kann meinen Blick davon nicht wenden, das Gesehene prägt sich ein, ein Tattoo für immer. Niemand kann mir diese Bilder nehmen. Selbst schmerzlichste Erfahrungen, persönlichste Tiefschläge können mir diese Sicht nicht verdunkeln. Niemand kann diesen heiligen Raum entweihen, niemand das Allerheiligste entwenden. Dieser Tabernakel ist beschützt und gierigen Zugriffen entzogen. Engel wachen davor, hüten die Tore.

Aus dem Paradies ist die Kraft zu schöpfen, aus den Gärten der Schöpfung ist Ein-Sicht zu gewinnen, Weisheit zu lesen. Gründlich und nachhaltig verändern lässt sich eine höllische und grausame Welt mit Menschen, deren Tun und Reden in diesen „Orten“ und Räumen, in fruchtbaren Böden und Gärten wurzeln und sich verwurzeln lassen. Von den Pantoffeltieren, vom Komposthaufen, von den Bäumen und Bienen, von den Lilien des Feldes, von den Vögeln des Himmels ist zu lernen. Mit aufbauenden, sonnendurchwirkten, lichtdurchkreuzten Bildern und Worten, mit Händen lässt sich etwas zum Guten wenden, nicht durch Suhlen in sumpfig-abgestandenen Gewässern oder durch steinfixiertes Hinstarren auf ein mögliches, schreckliches Ende. Aus den mechanistischen Gehirnen einer zurechtgeschnittenen, zurechtgekämmten Welt lässt sich ein Paradies nicht zusammenstückeln.

So haben sich die Bilder gemalt: der Garten ist voll Kraft und Farbe, leuchtend, rein und ungetrübt. Im jeweiligen Farbe-Sein ist jede Farbe ganz erblühend: rot, gelb, grün, orange, blau, violett, weiß, schwarz, ganz in Blüte, Farbe voll Genuss und Freude, leibgewordenes Licht, Zuversicht, ein Paradies. Es ruft zu lichtvollen Taten!

Seine Gewächse sind Sternblüten der Nacht, Sonnentropfen des Morgens, Herzstiegen des Mittags, Dämmerweiden des Abends. Vernetzzweige und Netzwurzeln durchfurchen den nährenden Grund, Baumgondeln, Blattfächer und Fruchtstände schaukeln im Wind. Sattgebeutelt wirbeln die Samen und Körner durch die Luft, schütten und schütteln ihr Prachtgut auf fruchtbares Erdreich. Tausendfältig ist das Leben, sonnentrunken das Erblühen, ein Blütenteppich, ein Fruchttrampolin, millionenzählig bestickt ist jeder Raum-Millimeter.

Unter den Gewächsen herrscht ein Murmeln und Singen, ein Schwatzen und Schwätzen, Austausch und Kommunion, Essen voneinander, Essen miteinander, „himmlisches Hochzeitsmahl“, verbunden-verwurzelt-sein in allem, mit allen, eins sein, eins in allem, – im Keimen, Wachsen, Blühen, Reifen in dem Einen und Allen sich verströmend, innersten Ordnungen folgend. Sie rufen mir zu: Keime, wachse, blühe und fruchte auch Du!

Diese Blumen- und Gartenbilder sind auch gezeichnet von den Wundkerben und Schmerzscherben dieser Welt. Sie zeigen nicht nur ihre schönen Seiten. Oft sind sie Nachtgärten und Abendgesänge, ein Blühen auf schwarzem Grund, ein blühendes Durchdringen des Dunklen, nicht selten Ölberggebete. Selbst der Ostermorgen hat seine Wundmale. Er zeigt sie. Er retuschiert sie nicht weg.

Diese Bilder zu malen war keine Absicht, war kein Vorhaben. Es war nicht geplant. Es hat sich einfach ergeben wie aus heiterem Himmel, wie Vögel sind sie mir zugeflogen, ich habe ihren Flug wahrgenommen und alles in eine nötige Form gegossen. Zusammen mit den Bildern sind auch Blumen- und Blütenobjekte und andere plastische Verzweigungen entstanden, Farbedelsteine und Tropfsteinfindlinge, Rindenkobolde und Blattzwerge, Reststücke aus der Abfallkiste des Schöpferischen. Kleine Blicke ins Reich der Tiere haben sich auch ergeben.

Ich weiß, Bilder sind nur Bilder.

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Alois Neuhold wurde 1951 in Eggersdorf bei Graz geboren, studierte 1970–1976 Theologie in Graz, wurde 1977 zum Priester geweiht und 1978 suspendiert. Anschließend studierte er bis 1982 an der Akademie der bildenden Künste Wien, Abteilung Grafik, bei Max Melcher. In dieser Zeit fand er Anschluss zur Generation der Neuen Malerei in Österreich und wurde in Ausstellungen europaweit gezeigt. Nach 1987 zog sich Neuhold aus der Kunstöffentlichkeit zurück. Es entwickelte sich ein vollkommen eigenständiges Werk, das an der Grenze von Bildmagie, Kunst und Religion angesiedelt ist.

Der Text entstand zur Ausstgellung: Alois Neuhold: Innergärten und Trotzdemblüten. Verstreute Blütenblätter aus dem Gartenbuch eines verlorenen Paradieses. KULTUM Graz, 15. Mai – 10. Oktober 2020

Teil 5 folgt am kommenden Sonntag.

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