Intertheologie: Verflechtungen zwischen Judentum, Christentum und Islam

Tobias Specker und Mira Sievers stellen eine jüngere Entwicklung im interreligiösen Gespräch vor.

Dem Patriarchen Timotheus, der im 8. Jahrhundert immerhin 43 Jahre Patriarch der Kirche des Ostens in Bagdad war, geht es im Gespräch mit dem Kalif al-Mahdī flüssig von den Lippen: Auf die nicht unheikle Frage des ihm durchaus wohlgesonnenen abbasidischen Herrschers „Was sagt ihr von Christus? Wer ist er?“ antwortet der Katholikos: „Christus ist das Wort Gottes, das im Fleisch erschienen ist zum Heil der Welt.“ Wie auch immer diese Formulierung theologiehistorisch eingebettet ist, so entfaltet sie im Kontext des Gesprächs sicherlich nicht unbeabsichtigte Untertöne: Koranisch geschulte Ohren hören hier automatisch den 172. Vers der vierten Sure mit, in dem Jesus als das Wort Gottes (kalimat Allāh) bezeichnet wird. Zudem klingt in der Formulierung natürlich auch die Selbstbezeichnung des Koran als Rede Gottes (kalām Allāh) mit.

Die Sprache des Koran und die Sprache der christlichen Botschaft verflechten sich ineinander

Unabhängig von der Frage, ob der Dialog real je stattgefunden oder eher als ein apologetisches Handbuch konzipiert wurde, wird in dem Versuch des Patriarchen, den Kern der christlichen Botschaft verständlich zu machen, ganz deutlich der islamische Kontext mitbedacht. Die Sprache des Koran und die Sprache der christlichen Botschaft verflechten sich ineinander. Dabei wird keineswegs im heutigen Sinne ein interreligiöser Dialog, sondern eher Apologetik betrieben. Doch die Sprach- und Gedankenwelt des Anderen ist präsent, gerade dort, wo das Eigene zum Ausdruck gebracht, ja verteidigt werden soll. Diese Verflechtung ereignet sich nicht nur im Zentrum der islamischen Welt des späten achten Jahrhunderts.

Wie es sich für eine Verflechtung gehört, gilt sie in beide Richtungen

Wie es sich für eine Verflechtung gehört, gilt sie dabei in beide Richtungen: An dieser Stelle sei ein Beispiel aus dem islamischen Recht genannt, nämlich das für das sunnitische Erbrecht zentrale Konzept des „Resterben“ (ʿaṣaba). Nach dieser Regelung wird das Erbe zunächst entsprechend der im Koran genannten Quoten verteilt, bevor der übrige Teil an einen Resterben geht, der üblicherweise ein direkter männlicher Verwandter ist. Diese Regelung und auch der entsprechende arabische Begriff des ʿaṣaba gehen nicht auf den Koran zurück, obwohl dieser in Q 4:11f. recht detailliert die Grundlagen des islamischen Erbrechts enthält. Stattdessen – so das Argument des libanesischen Islamwissenschaftlers Chibli Mallat– seien die Regelung und Bezeichnung des Resterben auf das Syrisch-Römische Rechtsbuch beziehungsweise dessen arabische Übersetzung zurückzuführen, das zeitgleich von einigen Christ*innen in den eroberten Gebieten verwendet wurde.

Die andere Religion ist bei der Konstituierung des Eigenen unmittelbar präsent

Die in späteren Jahrhunderten immer weitere Verbreitung des Rechtsbuchs unter verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften wie der armenischen, der koptischen und der assyrischen Kirche des Ostens lässt sich umgekehrt durch den Wunsch nach einem christlichen Pendant für das entstehende islamische Recht erklären. In diesem Beispiel beeinflusst ein unter Christ*innen zirkulierender Text material die Formierung des islamischen Rechts, welches dann wiederum Konsequenzen für die Relevanz des Rechts im christlichen Kontext hat.

Es ist also durchaus nicht so, dass die Religionen abgeschlossene Systeme sind, die in einem zweiten Schritt, wohlwollend oder kritisch, miteinander in Beziehung treten. Die andere Religion ist bei der Konstituierung des Eigenen unmittelbar präsent. Der christliche Theologe Reinhold Bernhardt aus Basel bringt dies auf den Begriff der Inter-religio. Von diesem kann man sich anregen lassen, die theologische Forschung in Richtung einer Konzeption der Intertheologie weiterzudenken.

Intertheologie: Theologie als eine gemeinsame Errungenschaft von Judentum, Christentum und Islam

Intertheologie bedeutet, Theologie – im Sinne eines reflexiven Nachdenkens über den eigenen Glauben – als eine gemeinsame Errungenschaft von Judentum, Christentum und Islam zu sehen. Oft wird betont, dass der Begriff der Theologie nicht zu schnell auf das Judentum und den Islam übertragen werden dürfe. Und tatsächlich gibt es durchaus Unterschiede in der Zusammenstellung und Gewichtung der beteiligten Disziplinen, die die Theologie ausmachen. Zweifellos steht zum Beispiel die Auslegung des Rechts in Judentum und Islam stärker im Mittelpunkt. So werden in der Rechtswissenschaft Fragen behandelt, die im christlichen Kontext Teil der Systematischen Theologie sind: Fragen der Texthermeneutik und der sprachphilosophischen Voraussetzungen zum Beispiel. Dennoch lässt sich für ganz verschiedene Zeiten und Räume zeigen, dass Vertreter*innen der anderen Traditionen als Stimmen zu einem geteilten Anliegen ernst genommen wurden, die die eigenen Positionierungen herausfordern und einer Antwort bedürfen. Hierin kann die Grundlage für eine wechselseitige Sprachfähigkeit gesehen werden.

Wechselseitige Sprachfähigkeit

Diese Verflechtungen haben nicht nur eine abstrakte  Bedeutung für theologische Expert*innen. Zwar sollte man sich ausdrücklich in Acht nehmen vor jeder Idealisierung einer historischen Epoche zu einem Idyll interreligiöser Harmonie, das berühmte Andalusien eingeschlossen. Dennoch illustrieren die Verflechtungen, dass der Logik der Separation, die die verschiedenen Religionen als in sich geschlossene, undurchlässige Systeme betrachtet, die ihre gesellschaftliche Einflusssphäre durch dominante Selbstbehauptung möglichst weit ausdehnen müssen, immer auch eine Logik der Beziehung gegenüberstand und -steht. Die Logik der Beziehung findet sich oft auf der Ebene des alltäglichen Lebens. So berichtet der ḥanbalitische Theologe Ibn Taymīya im 14. Jahrhundert entsetzt von Osterbräuchen der muslimischen Bevölkerung, wettert gegen religiös gemischte Arbeitsverhältnisse und sieht die Einheit Gottes am besten durch eine möglichst radikale Separation der Religionsgemeinschaften gewährleistet. Sein Furor zeigt nicht nur, wie verflochten das alltägliche Leben im Damaskus des vierzehnten Jahrhunderts war. Er zeigt auch, dass Konvivenz mehr ist als bloße Koexistenz.

Logik der Beziehung statt Logik der Trennung

Auf der anderen Seite bedeutet ein solches Zusammenleben auch das Konfrontiertsein mit ähnlichen Problemen: Dies lässt sich in etwa zeitgleich auf der iberischen Halbinsel im Alltag von Frauen unterschiedlicher Religionen sehen. Während das Kochen in jüdischen, christlichen und muslimischen Familien insgesamt mehrheitlich als weibliche Aufgabe angesehen wurde, mussten je nach Religion unterschiedliche Vorschriften und Verbote beachtet werden. Für al-Andalus existieren relativ viele Berichte, die über die gegenseitige Unterstützung von Frauen in diesem Bereich berichten – sei es das Erhitzen von vorher zubereitetem Essen am Schabbat von Musliminnen für einen jüdischen Haushalt oder das Verwenden von denjenigen Teilen geschlachteter Tiere, die in der Religion der Anderen verboten waren. Eine solche Praxis ist aber nicht nur alleine auf der Ebene des interreligiösen Zusammenlebens angesiedelt, sondern setzt auch Kenntnis von und Verständnis für andere theologische Vorstellungen voraus.

Das „Inter“, das „Zwischen“ den Religionen als ein eigenes Thema

Es sind im Projekt der Intertheologie also stets mehrere Ebenen zu untersuchen: In konkreten Einzeluntersuchungen werden anschauliche Beispiele der Verflechtungen nachgezeichnet, um zu zeigen, wie der und die religiöse Andere stets dort mit präsent ist, wo das eigene Selbstverständnis bedacht und ausformuliert wird. Systematisch bedeutsam werden diese Untersuchungen jedoch dadurch, dass diesen Verflechtungen auch eine reflexive und normative theologische Bedeutung zugesprochen wird. Hierzu gilt es, zunächst allgemeiner auf die Zwischenräume zu schauen, in denen die Verflechtungen in besonderer Weise geschehen. Zu denken wäre an die Rolle der Musik in interreligiösen Gebeten, an geteilte religiöse Räume oder an institutionalisierte menschliche Beziehungen. Vor allem aber versucht die Intertheologie in systematischer Hinsicht zu verstehen, wie und in welchen Begriffen die Verflechtungen reflektiert wurden und werden können. Zumindest implizit, so die grundlegende Annahme, ist das „Inter“, das „Zwischen“ den Religionen, ein eigenes Thema: Zu denken wäre zum Beispiel an die implizite Argumentation durch Genealogien (Abraham, Hagar, Ismail), an die Theologie des Bundes, die ausgeweitet wird, oder an die Logostheologie, auf die als geteilter Horizont rekurriert wird.

Nicht nur Gemeinsamkeiten können verbinden

Das Projekt der Intertheologie, so ist abschließend anzumerken, hat auch eine konzeptionelle Auswirkung auf das Ziel, mit dem der Dialog der Religionen geführt wird. Gerade im Alltagskontext ist die Annahme verbreitet, dass es im Dialog darum gehe, Differenzen zu bearbeiten und Gemeinsamkeiten herauszufinden. Die implizite Unterstellung ist, dass die Verständigung umso besser gelingt, je größer der Anteil der Gemeinsamkeiten ist. Paradigmatisch formuliert dies Hans Küng: „Weltethos: trotz großer dogmatischer Unterschiede gemeinsame ethische Standards beachten“ (Handbuch Weltethos, 93).

Die Logik der Beziehung nimmt die Verbindungen wahr und hält sie für konstitutiv: Der Andere wird an der Anderen er*sie selbst.

Zweifellos kann die Einsicht in Gemeinsamkeiten gerade auf einer alltäglichen Ebene oftmals der erste Schritt sein, eine Begegnung überhaupt erst für möglich zu halten. Doch das Projekt der Intertheologie lehrt, dass sich nicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede gegenüberstehen, sondern vielmehr Separation und Beziehung die misslingenden von den gelingenden Begegnungen voneinander trennen. Die Separation sieht Christentum und Islam als getrennte Systeme. In der Praxis schlägt sie sich darin nieder, dass tatsächlich gelebte Überschneidungen real getrennt werden müssen – man denke an gemeinsame Feste, Prozessionen oder auch religiös gemischte Ehen. Die Logik der Separation gehorcht letztlich einer Logik der Selbstbehauptung: Die eine Religion kann nur stärker werden, wenn die andere schwächer wird. Die Logik der Beziehung hingegen nimmt die Verbindungen wahr und hält sie für konstitutiv: Der Andere wird an der Anderen er*sie selbst. Die vielfachen Spielarten der verflochtenen Beziehungen in der historischen Realität wahr- und in der normativen Bedeutung ernst zu nehmen, ist das Ziel der Intertheologie.

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Tobias Specker SJ ist Professor für Katholische Theologie im Angesicht des Islam an der Philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen.

Mira Sievers ist Juniorprofessorin für Islamische Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik an der Humboldt-Universität Berlin.

Bild: Amber Avalona auf Pixabay

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