Israelsensible Spiritualität leben

Israel

In der Israelerinnerung ist das Christentum gemeinsam mit dem Judentum als Pilgerin auf dem Weg, um das Angesicht Gottes zu suchen. Bernard Mallmann zeigt, wie zentral dieses Motiv bei Ignatius von Loyola am Beginn der Neuzeit war. Und die jüdische Vergewisserung ist zugleich die stete Mahnung und Warnung vor einem „spirituellen Gnostizismus“, der das Geistige von der konkreten Geschichte abhebt und abstrahiert.

I.

Christliche Theologie und Spiritualität beziehen sich auf die Zeichen der Zeit und deuten sie im Licht des Evangeliums (vgl. GS 4). Als ein Zeichen der Zeit darf die neue Israelsensibilität der Theologie angesehen werden. Nach den Schrecken von Auschwitz hat sich die römisch-katholische Kirche auf ihre jüdische Wurzel besonnen. Es muss Anliegen allen theologischen Handelns und Denkens sein, jegliche Antijudaismen und ein Substitutionsdenken zu überwinden. Insbesondere dem neu aufkommenden Antisemitismus in vielen Schichten unserer Gesellschaft muss der Anspruch entgegenstehen, dass diese Haltung mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinen ist. Jesus ist als Jude geboren und hat sich dem Gesetz unterstellt (vgl. Gal 4,4), er hat als Jude gelebt und gebetet und ist als Jude gestorben. Seine Sendung verstand er zu den Verlorenen des Hauses Israel (Mt 15,25). Sein Gebet war geprägt von den alttestamentlichen Psalmen und im Glauben Israels konnte er das Beten lehren: „Vater unser im Himmel …“.

Ignatius von Loyola hatte eine besondere Haltung zum Land Israel

Ist christliche Theologie aufmerksam für die jüdischen Spuren im Christentum, so wird das jüdische Erbe in der christlichen Spiritualität noch stärker zu heben sein. Ignatius von Loyola hatte eine besondere Haltung zum Land Israel und zum „jüdischen Fleisch“. Wie kein anderer war er sich in der beginnenden Neuzeit des Jude-Seins Jesu bewusst und wollte gerade dem Juden Jesus Gefährte werden.

II.

Pedro di Ribadeneyra erwähnt die Sehnsucht des Ignatius, „jüdischer Abstammung zu sein“, um damit Verwandter Christi „secundum carnem“ zu werden.[1] Der ehemalige Ritter Ignatius hegte den Wunsch, „barfuß nach Jerusalem zu gehen“.[2] Selbst finanzielle Engpässe hinderten ihn nicht daran, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, denn „er hatte eine große Gewißheit in seiner Seele, daß er nicht zweifeln konnte“ (PB Nr. 40). Es heißt, dass der Pilger Ignatius „große Tröstung“ erfahren hat und „die gleiche Andacht verspürte er immer bei den Besuchen der Heiligen Stätten“ (PB Nr. 45). Diese Tröstung wurde für ihn auch der Ausgangspunkt und Beginn der Unterscheidung der Geister.

Ignatius auf dem Weg zum „neuzeitlichen Erleben des Glaubens“

Für Ignatius bedeutet Gefährte Jesu zu sein, die Gemeinschaft nicht nur rein geistig zu leben, sondern existentiell zu vollziehen und leiblich zu erfahren. Die ignatianische Spiritualität beschreitet damit den Weg von der mittelalterlichen Betrachtungsmystik zum neuzeitlichen Erleben des Glaubens. Besonders in den „Geistlichen Übungen“[3] zeigt sich diese Entwicklung. Der Anspruch ist dabei eine unmittelbare Beziehung zu Gott und die Erfahrung der Tröstung in der konkreten Lebenssituation, die die Gottesbeziehung schenken möchte. Darum wird jeder, der die großen Exerzitien beginnt, ermutigt, sich unter die Jünger Jesu einzureihen und daraus die Entscheidungen für sein Leben zu treffen. Dabei unterstreicht Ignatius, dass der Exerzitant nicht in eine Richtung gedrängt werden darf, sondern alles von der Gottesgegenwart erbitten soll (vgl. GÜ Nr. 15-17).

Hochschätzung des Landes Israel und des „jüdischen Fleisches“ in den Geistlichen Übungen

Bedenkt man den Wunsch des Gründers des Jesuitenordens, Jesu „Verwandter secundum carnem“ zu sein, dann müssen auch die Anleitungen zu den Übungen in der Hochschätzung des Landes Israel und des „jüdischen Fleisches“ verstanden werden. Die zweite Woche der Übungen beginnt mit dem „Aufbau des Schauplatzes“, der Einladung mit Einbildungskraft „die Synagogen, Städte und Burgen [zu] sehen, die Christus unser Herr predigend durchzog“ (GÜ Nr. 91). Es soll dabei kein idealisierter Ort bereitet werden, sondern Ignatius verlangt eine nüchterne und realistische Vorstellung (vgl. GÜ Nr. 111-117).

Das Land, die Menschen, die Städte und Gebäude dienen der Vergegenwärtigung des Exerzitanten in der Nähe und Gefolgschaft Jesu

Jede Betrachtung (contemplación) dient dazu, sich im Schauplatz selbst wiederzufinden und an diesem Ort seine ersehnten Bitten zu formulieren. Von diesem „Schauplatz“ aus darf sich der Exerzitant auf sich selbst zurückbesinnen (reflitiendo). Die wachsende Gemeinschaft mit Christus schenkt Tröstungen für das Leben. Das Land, die Menschen, die Städte und Gebäude spielen dabei keine Nebenrolle, sondern sie dienen der Vergegenwärtigung des Exerzitanten in der Nähe und Gefolgschaft Jesu. Die damalige konkrete Situation erfährt in den ,Geistlichen Übungen‘ eine Wertschätzung, wenn „die betrachtende Person die unverfälschte (wahre) Grundlage der Geschichte erfaßt“ (GÜ Nr. 2).

Der ganze Mensch ist nach Ignatius für die Gottesgemeinschaft in der konkreten Begegnung mit Jesus Christus bestimmt. Es kommt zu einem Spiel von Betrachtung (consideración) und Rückbesinnung (reflitiendo), das die eigene Wirklichkeit mit der Wirklichkeit des historischen Jesus verbindet. Nicht mehr allein die Gestalt des geglaubten Christus soll das Leben prägen, sondern die betrachtete Geschichte wird zum Entscheidungsmoment für die Gemeinschaft mit dem „ewigen König“.

Ermutigung, nicht in eine reine Vergeistigung zu verfallen, die das konkrete Leben aus der Gottesbeziehung ausklammert

III.

Das Christentum ist im Judentum verwurzelt. Dieser heilsgeschichtliche Zusammenhang betrifft nicht nur die Religionsgeschichte, er soll auch das geistliche Leben prägen. Jüdisches Glaubensleben aber ist dadurch gekennzeichnet, dass es Antwort auf das Bundesangebot Gottes ist und sich im Mitgehen seiner Verheißung durch die Geschichte spiegelt. Christliche Spiritualität kann sich von diesem jüdischen Ansatz ermutigen lassen, nicht in eine reine Vergeistigung zu verfallen, die das konkrete Leben aus der Gottesbeziehung ausklammert. Der Wunsch des „secundum carnem“ Jesu leben zu wollen, darf geistlich als Ausdruck der Ganzheitlichkeit des Menschen aus Seele und Leib gelesen werden.

Christliche Spiritualität begibt sich mit dem Juden Jesus als Gefährten auf den Weg und prägt das geistliche Leben von der Erfahrung des konkreten Lebens

In der Vorstellung der Topographie Israels kommt es für Ignatius zu einer Entäußerung im Geist, aber darin wird die Nähe zu Jesus Christus gefunden. Dies ist die Voraussetzung für das Itinerarium des Pilgers. Christliche Spiritualität begibt sich mit dem Juden Jesus als Gefährten auf den Weg und prägt das geistliche Leben von der Erfahrung des konkreten Lebens. Das Bewusstsein um die geschichtliche Verankerung der Verheißung lässt christliche Spiritualität wachsen und erkennen, dass in Jesus Christus der Emmanuel – der Gott-mit-Uns (Jes 7,14; Mt 1,23) – erfahren wird.

„Ohne dieses Land und dieses Volk weiß man nicht, was Gottesherrschaft ist, und ohne Jesus, der ganz zu diesem Land und diesem Volk gehörte, weiß man nicht, was Nähe Gottes in unserer Mitte heißt“

Auch wenn Ignatius nicht in Israel bleiben konnte, so bewahrte er sich die Israelerinnerung, die ihm immer wieder Tröstung verschaffte. Sein Wunsch gleicht der großen Vision der Völkerwallfahrt nach Jerusalem (vgl. Jes 60,1-22) und zum Berg Zion (vgl. Ps 122). In der Israelerinnerung ist das Christentum gemeinsam mit dem Judentum als Pilger auf dem Weg, um das Angesicht Gottes zu suchen. Christen finden es in Jesus Christus (Joh 14,9). Christliche Spiritualität zeichnet sich dadurch aus, dass sie in diese Wallfahrt des Gottesvolkes hineinführt und andere dazu einlädt. Dabei wird jedoch in Anschluss an den baskischen Ordensgründer zu bedenken sein: „Ohne dieses Land [Israel; Anm. d. Verf.] und dieses Volk weiß man nicht, was Gottesherrschaft ist, und ohne Jesus, der ganz zu diesem Land und diesem Volk gehörte, weiß man nicht, was Nähe Gottes in unserer Mitte heißt“.[4] Der bewusste Bezug christlicher Spiritualität auf die jüdische Wurzel des Glaubens schränkt nicht ein, sondern schenkt einen geweiteten Blick auf das Antlitz Gottes. Es lässt sich so mehr und mehr finden, wie es sich im Juden Jesus von Nazareth gezeigt und geoffenbart hat.

Die geistige Bereitung des Schauplatzes kann christlicher Spiritualität neue Räume geistlicher Wahrnehmung eröffnen und sie damit nochmals neu im Christusmysterium verwurzeln. Eine jüdische Vergewisserung ist zugleich auch die stete Mahnung und Warnung vor einem „spirituellen Gnostizismus“, der das Geistige von der konkreten Geschichte abhebt und abstrahiert. Das Judentum hält der unwiderruflichen Verheißung Gottes die Treue und relativiert damit alle Ideologien auf das Bekenntnis zu dem einen und wahren Gott (vgl. Dtn 6,4-6). Die Vergewisserung und die Betrachtung der jüdischen Wurzel des Christentums kann die Spiritualität und die Theologie insgesamt inspirieren, immer neu nach dem Gott zu suchen, von dem die Verkündigung Jesu spricht.

[1] Mon Rib. 2: 375 und Fontes Narr. 2:476.

[2] Ignatius von Loyola, Bericht des Pilgers. Übersetzt und kommentiert von Peter Knauer SJ, Würzburg 2002, Nr. 8; [in Folge: PB].

[3] Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Übertragen aus dem spanischen Urtext mit Erklärungen der zwanzig Anweisungen von Adolf Haas. Vorwort von Karl Rahner, Freiburg i. Br. Neuausgabe (101991) 1999; [in Folge: GÜ].

[4] N. Lohfink, „Liebe zum Heiligen Land. Christusnähe bei Ignatius von Loyola“, GuL (2006/6) 401-406, 405.

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Autor: Dr. Bernard Mallmann ist Universitätsassistent (Postdoc) am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Beitragsbild: Pixabay

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