Ist das Christentum eigentlich gut für eine Gesellschaft?

Bild: Rainer Bucher

Diese Frage steht im Hintergrund eines Buches des Theologen und Historikers Hubertus Lutterbach. Mit ihm spricht für feinschwarz.net Wolfgang Beck.

Beck:   Sie fragen in Ihrem aktuellen Buch nach den gesellschaftlichen Prägungen, die von Religion und insbesondere Christentum für das gesellschaftliche Zusammenleben in unserem Land ausgehen. Was hat Ihre Motivation bestimmt, sich dabei für positive Beispiele christlich geprägter Fürsorge zu interessieren?

 Lutterbach:   Erstens habe ich in meinem Buch mehrheitlich Initiativen gewählt, die ich aus eigener ehrenamtlicher Mitarbeit kenne und in denen jeweils ChristInnen und weltanschaulich anders Orientierte zusammenarbeiten. Seit dem Beginn meiner Professur sind mir solche Engagements total wichtig geworden, weil sie meinen Horizont biographisch und wissenschaftlich entscheidend geweitet haben. So habe ich jeweils über viele Jahre hinweg als Sterbebegleiter in einem Hospiz und als Ansprechpartner bei der Telefonseelsorge mit wöchentlichen Schichten gearbeitet.

Während eines einjährigen Aufenthaltes an der Yale University habe ich einmal in der Woche mit anderen ProfessorInnen und StudentInnen unterschiedlicher universitärer Fächer in einer Suppenküche in der Stadt Philadelphia mitgearbeitet. Als Teil meiner Ausbildung zum Supervisor konnte ich regelmäßig junge Strafgefangene zum Gespräch treffen. Und seit einigen Monaten bin ich an Wochenenden in einer Wohngruppe für geistig behinderte Jugendliche engagiert.

Mehr als Fürsorge.

Zweitens war es mir methodisch wichtig, Projekte mit einer Parteinahme für die Armen und die „Anderen“ näher in den christentumsgeschichtlichen Blick zu nehmen (Asylanten, Gefangene, Menschen mit Behinderungen). Es handelt sich um Initiativen, die sich der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und der „Hilfe auf Augenhöhe“ verpflichtet fühlen. Die Betroffenen wissen am besten selbst, was sie benötigen. Insofern geht es hier nicht allein um „Fürsorge“ – um ein Stichwort Ihrer Frage aufzugreifen –, sondern um christlich motivierte Basisprojekte, die sich über die Fürsorge hinaus vor allem dem Mühen um die Partizipation von bislang gesellschaftlich Ausgegrenzten am gesellschaftlichen Leben verpflichtet fühlen.

Beck:   Ich teile sehr die Begeisterung für die vorgestellten, konkreten Projekte. Wird man aber nicht auch eingestehen müssen, dass vieles dabei eher am Rand der großkirchlichen Institution angesiedelt ist? Die Unterstützung für Kirchenasyle ist gerade im Raum der katholischen Kirche mancherorts eher zurückhaltend; Lebensmittel-Tafeln sind vor allem als Vereine organisiert und sozialpolitisch eher umstritten…

Lutterbach:   Ich stimme Ihrer Einschätzung unbedingt zu. Mir ging es doch gerade um Initiativen, die entweder am Rande oder abseits der Großkirchen entstanden sind und in denen man nichtsdestoweniger das Fortleben christlicher Traditionen unter gegenwärtigen Bedingungen erleben kann.

Ein Miteinander von weltoffenen Menschen.

Übrigens waren die beiden Großkirchen in unserem Land – besonders die Bischöfe – sogar noch in den 1980er Jahren mitunter vehement gegen die Einrichtung stationärer Hospize, wie sie auch erst vergleichsweise spät das Mühen um die gesellschaftliche Wertschätzung von Sternenkindern mitgetragen haben. Umgekehrt: Die Telefonseelsorge war großkirchlich so lange unumstritten, wie sie von pastoral Hauptamtlichen getragen wurde (also in der Mehrzahl von Priestern). Wie gut, dass es in all diesen Initiativen ein inzwischen selbstverständliches Miteinander von weltoffenen Menschen gibt, einerlei ob sie christlich motiviert sind oder nicht!

Beck:   Sie beschreiben ein nahezu durchgängig positives Bild der kirchlichen Orientierung am Anliegen der Mitmenschlichkeit und ordnen auch die Menschenrechte in diese Tradition ein. Gerade das Ringen um Fragen der Religionsfreiheit zeigt aber doch, dass sich die Katholische Kirche bis ins 20. Jahrhundert hinein damit sehr schwergetan hat. Wäre es nicht ehrlicher und angemessener, dies auch offen zu benennen? Warum ist es so schwer, dies selbst- und kirchenkritisch auszusprechen?

Lutterbach:   Offen gesagt, geht es mir in meinem Buch überhaupt nicht um „kirchliche Orientierung am Anliegen der Mitmenschlichkeit“, wie Sie formulieren. Vielmehr geht es mir um die Motivation von Menschen – egal ob ChristInnen oder NichtchristInnen –, deren aktuelles Engagement an jene Barmherzigkeit erinnert, zu der Jesus und die Urgemeinde einladen. Tatsächlich ist das eigentliche Thema des Buches die Frage nach der Selbstmotivation von Menschen, die gegenwärtig ehrenamtlich tätig sind. Die will ich als Christentums- und Kulturgeschichtler tiefer verstehen.

Und dabei zeigt sich unter anderem, dass mögliche Grundtendenzen monotheistischer Religionen zur Gewalt gerade durch (Basis-)Initiativen im Bereich der beherzten Mitmenschlichkeit eingehegt werden können. So lässt sich für die Stadt New York zeigen, wo es so viele unterschiedliche christliche Gemeinschaften wie vergleichbar nirgendwo sonst auf unserer Erde gibt, dass gerade der Einsatz all dieser Initiativen für die Armenhilfe dazu beiträgt, dass sie untereinander friedlich bleiben.

Die strukturellen Ursachen hinter der Armut.

Beck:   Neben anderen Beispielen beschreiben Sie in Ihrem Buch auch das deutsche Phänomen der Lebensmitteltafeln, die insbesondere nach der Einführung der Hartz-IV-Gesetzgebung zu einer Säule des deutschen Sozialsystems avanciert sind. Sie sind dabei auch ein Indiz dafür, dass der deutsche Staat seiner Verpflichtung zur Grundversorgung der armen Bevölkerung nur sehr unzureichend nachkommt. Dementsprechend werden die Trägervereine auch kritisch in Frage gestellt. Wie positionieren Sie sich zu dieser Ambivalenz der Tafeln?

Lutterbach:   Ich selber bin davon überzeugt, dass Initiativen wie die „Tafeln“ ein Segen sind, weil sie Bedürftige im Sinne einer ersten Nothilfe unterstützen – in diesem Falle mit zuvor eingesammelten und noch essbaren Lebensmitteln. Für die Glaubwürdigkeit eines solchen Engagements kommt es gleichermaßen darauf an, die strukturellen Ursachen hinter der Armut so vieler Menschen, die sich auf die Tafeln angewiesen sehen, in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen. Am besten wäre es, wenn die Ehrenamtlichen und die Bedürftigen hier ihre Stimmen gemeinsam erheben! Dieser Aufschrei sollte in der Überzeugung erfolgen, dass die Armut so vieler Menschen – auch in unserem Land! – ein soziales Unrecht ist und politisch gewendet gehört.

Beck:   Der Beitrag der großen Kirchen zum gesellschaftlichen Leben wird gerade im Umfeld von Kitas und kirchlichen Schulen in der Wertevermittlung gesehen. Muss diese Fokussierung auf die Vermittlung christlicher Werte nicht auch als Krisensymptom einer Kirche wahrgenommen werden, die nach Beobachtung von Hans Joas über weite Strecken auf die Rolle der „Moralagentur“ reduziert wird?

Lutterbach:   Ich stimme Ihnen zu. Wenn es Institutionen, darunter den Kirchen, allein um Wertevermittlung geht, aber diese Werte bei ihnen nicht im menschlichen Miteinander erlebbar sind, dann schrumpft die Wertevermittlung allzu schnell auf die Vermittlung und Einforderung von Regeln … ein verkopftes Projekt, das nichts von der Selbstbeschreibung Jesu Christi atmet: „Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe…“ Außerdem kommt eine solche Wertevermittlung für Menschen dann leicht so herüber, als ob die Kirchen – womöglich noch exklusiv – wüssten, welche Normen im menschlichen Miteinander wichtig sind.

Was motiviert zu gelebter Mitmenschlichkeit?

Auch aus diesen Gründen interessiert mich in meinem Buch nicht die Frage der kirchlichen Wertevermittlung. Vielmehr frage ich danach, was Menschen, die sich in caritativen Basisinitiativen mitmenschlich engagieren, eigentlich persönlich antreibt. Was trägt sie in ihrem Einsatz und wie unterscheidet sich ihre Motivation von caritativ aktiven Menschen früherer Zeiten? Im Ergebnis bin ich unter anderem darauf gestoßen, dass sich Menschen heutzutage gesellschaftlich einbringen, weil sie daran Freude haben und darin Erfüllung finden, weil sie neue Kontakte knüpfen oder ihre sozialen Kompetenzen verbessern.  Im Unterschied dazu ging es Menschen in früheren Zeiten zentral darum, dass sie nach dem Tod für ihren diesseitigen Einsatz möglichst mit dem ewigen Leben belohnt werden. Ein wirklich krasser Paradigmenwechsel!

Beck:   Neben den positiven Beispielen für Projekte der Mitmenschlichkeit ließe sich eine eigene Sammlung kirchengeschichtlicher Beispiele für Unmenschlichkeit anlegen. Im nicht-wissenschaftlichen Bereich hat dies Karlheinz Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ unternommen, Arnold Angenendt hat als Kirchenhistoriker die Gewaltgeschichte aufgearbeitet. Lassen sich beide Seiten lediglich separiert voneinander betrachten?

Lutterbach:   Bei der Anwendung von Gewalt geht es ebenso wie bei der mitmenschlichen Unterstützung um die Frage: Wie nehme ich den „Anderen“ wahr? Bin ich bereit, von ihm zu lernen, oder will ich ihn allein „weghaben“? Möchte ich ihn kennenlernen oder scheue ich den Blick in seine Augen?

Über kulturelle und nationale Grenzen hinweg.

In dem Maße, wie sich Menschen über weltanschauliche – auch kulturelle und nationale – Grenzen hinweg füreinander einsetzen und interessieren, kann es zu einem Kontakt auf Augenhöhe und damit zu gegenseitigem Verstehen kommen. In dem Maße, wie diese gegenseitig gewährte innere und äußere „Gastfreundschaft“ das Miteinander zu prägen beginnt, in dem Maße kann das Verständnis für den „Anderen“ wachsen und der Impuls zur Gewaltanwendung abnehmen. Derlei ist aus sozialgeschichtlichen Gründen freilich nicht in jeder Epoche ähnlich leicht erreichbar.

Aktuell aber braucht es in unserer Weltgesellschaft diese mitmenschliche Offenheit über kulturelle und nationale Grenzen hinweg mehr denn je, um der Ausgrenzung der „Anderen“ entgegenzuwirken. Wenn sich Christen und Christinnen von der vom Apostel Paulus christlich ins Wort gebrachten Bedeutungslosigkeit innerer und äußerer Grenzen leiten lassen, verbietet sich jedes Paktieren mit Parteien wie der AfD ebenso wie jede – auch innerkirchliche – Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts!

Beck:   Wodurch unterscheidet sich Ihre Studie im Vergleich zu anderen theologischen Monographien zur Barmherzigkeit?

Lutterbach:   Im Unterschied zu den meisten anderen Studien, die sich mit der „Barmherzigkeit“ befassen, gehe ich nicht von einem biblischen Ideal aus, um im Sinne des „Top-Down“ zu schauen, was davon heutzutage noch an der Basis „ankommt“. Diese Weise des Vorgehens ist mir viel zu defizitorientiert. Denn dass sich Menschen heute ehrenamtlich engagieren, weil sie sich von Gott derart geliebt wissen, dass sie gar nicht anders können als Caritas zu betreiben, ist ja längst nicht mehr selbstverständlich. Oder dass sich Zeitgenossen – egal ob christlich oder nicht – unbezahlt diakonal engagieren, um sich als Gegenleistung das Ewige Leben zu erarbeiten, ist doch keinesfalls mehr die Regel. Umso interessanter ist es für mich als Historiker zu schauen, welche „Bausteine“ aus der Tradition in aktuelle diakonale Basis-Initiativen bewusst oder unbewusst eingehen und was derlei über die Motivation ehrenamtlichen Engagements aussagt.

Beispielsweise finden sich die in den neutestamentlichen „Werken der Barmherzigkeit“ genannten Tätigkeitsfelder ungeachtet gewisser Abwandlungen auch heute noch im Mittelpunkt caritativen Engagements. Im Unterschied zu einer Belohnung im Jenseits erhoffen sich heutige Ehrenamtliche vor allem innere Resonanz – Glücksgefühle und persönliche Zufriedenheit, wenn Sie so wollen. Nicht weniger verstehen Ehrenamtliche ihren Einsatz als Wege zu persönlicher Vertiefung, als bürgerschaftlichen Beitrag zugunsten gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit sowie als kirchen- und überhaupt institutionenkritischen Einsatz, wie man ihn leicht in die Tradition der altisraelitischen Propheten verorten könnte.

Hubertus Lutterbach, katholischer Theologe und Historiker, Professor für Christentums- und Kulturgeschichte an der Universität Duisburg-Essen.

Wolfgang Beck, Pastoraltheologe an der PTH Sankt Georgen in Frankfurt am Main und feinschwarz.net Redakteur.

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