LeserInnenbrief zu „Karfreitag in Österreich. Eine Stellungnahme aus katholischer Sicht“

Der Karfreitag und die Marientage lassen sich nicht verrechnen. Eine evangelische Replik von Bernd Fetzer.

Nun sitze und diskutiere ich als evangelischer Pfarrer und Theologe seit fast 4 Jahren als Doktorand mitten in der altehrwürdigen Jesuitenfakultät in Innsbruck. Ich habe in dieser Zeit viel von katholischer Theologie gelernt und so hoffe ich, auch einiges verstanden. Gelernt habe ich schnell, nicht in alle Fettnäpfe zu treten die für mich als Evangelischem da bereit gestanden sind. Den akademischen Lehrern in Innsbruck habe ich es zu verdanken, dass ich manchmal neidisch auf die Sicherheit und Tiefe des katholischen Kirchenbegriffes geschaut habe. Die Menschen um mich herum, zeigten mir neue Zugänge zu einer Marienfrömmigkeit, die ich gerade in ihrer Tiroler Ausprägung zu schätzen gelernt habe und die mir Achtung abgerungen hat.

Ich habe das getan, was mir Karl Barth im Umgang mit dem Katholizismus angeraten hat, „uns selber also fragen und gefragt sein lassen“. Doch am Ende bleibe ich – ernsthaft be- und angefragt – bewusst und gerne evangelisch. Und da gehört die „theologia crusis“ und der Karfreitag zum Kern meines Denkens. Ich kann die Irritation von Christian Bauer nur zu gut verstehen. Der kulturelle Schock beim Umzug aus dem evangelisch-pietistischen Schwabenland ins katholische Tirol war groß. Im Schwarzwald stand am Karfreitag alles still, kaum Bewegung und wenig Worte. Dann in Tirol pralles Leben, die Geschäfte offen und kein Mensch hat sich um „meinen“ Karfreitag geschert.

Den Karfreitag lass ich mit so nicht schenken.

Nun führt ausgerechnet eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof zu einer Neubelebung der Debatte um den Karfreitag. Plötzlich fühlen sich Theologen „Hüben“ wie „Drüben“ genötigt, diesen Tag zum theologischen Ort einer Auseinandersetzung über ein „Hoch“ oder gar ein „Höchstes“ zu machen. Christian Bauer stützt sich dabei auf die „christliche Hierarchie der Wahrheiten“, die aber im Kern eben keine christliche, sondern eine katholische Hierarchie ist. Dies sollte man nicht unterschlagen. Diese kleine Verwechslung zeigt nur zu deutlich, dass hier eine gewisse Übergriffigkeit am Werke ist, die das Evangelische und das Christliche ungefragt in Eins setzt mit der „sanctam ecclesiam catholicam“. Es bleibt so der Geruch einer großzügigen katholischen Mutter Kirche, die kleine Geschenke (Mariengedenktage) an das spätgeborene Kind des Protestantismus verteilt. Doch den Karfreitag lass ich mir so nicht schenken.

Auch meine Kirche beteiligt sich an der Auseinandersetzung um die theologischen Höhenmeter des Karfreitages und bietet den Oster- oder Pfingstmontag feil. „Die Evangelischen brauchen den Karfreitag!“, so Bischof Michael Bünker und er „berühre ihr innerstes Glaubensverständnis.“ Als gesetzlicher Feiertag ist er aber in der Verfügungsgewalt des Staates, als Kreuzesgeschehen ist er gewiss nicht evangelisch, sondern universell. Er ist schon gar nicht Akzidenz, das sich um ein inneres Glaubensverständnis legen könnte.

Die Ausrichtung auf die veranschlagten Höhenmeter des Karfreitages versperrt den Blick für das Wesentliche. Der Karfreitag ist eben nicht in den Höhen des theologischen Himmel zu finden, sondern nur im Blick nach ganz unten. Der Karfreitag ist das Fundament auf dem alle christlichen Kirchen stehen. Deshalb kann er auch nicht verrechnet werden, nicht in einem höher oder breiter, nicht mit einem mehr oder weniger. Wer dies dennoch tut – und sei es mit den Mitteln der „Hierarchie der Wahrheiten“ – entwertet nicht nur den Karfreitag, sondern auch die angebotenen Tauschtage.

Marienfeiertage sind Korrektiv und Widerspruch.

Die Marienfrömmigkeit der katholischen Kirche ist als Narrativ fest in das Kreuzesgeschehen aller Evangelien verwoben und kann dem „ungleich bedeutsameren Karfreitag“ eben nicht geopfert werden. Was da geopfert würde, wäre mit Ottmar Fuchs, ein wichtiges Korrektiv gegen eine „Abstrahierung Gottes“ vom geschichtlich konkreten Leben und eine weibliche Widerstandsstimme innerhalb einer patriarchalischen und zur Scholastik neigenden Kirche. Denn die „Abstrahierung Gottes“ ist auch eine Abkehr von den konkreten geschichtlichen Leidensgeschichten, die die Marienfrömmigkeit im Sinne einer „Karfreitagstheologie“ korrigiert. Die Marienfrömmigkeit ist so mehr, als die „Zu- und Beiordnung zu zentralen Glaubenswahrheiten“ (Joseph Kardinal Ratzinger), wie sie die „Hierarchie der Wahrheiten“ meint, sondern ist wirkliches Korrektiv und manchmal sogar offener Widerspruch.

Eigentlich ist es erfreulich, wenn sich Theologen verschiedenster Bekenntnisse wieder dem Karfreitag widmen, auch wenn es dazu der EU bedarf. Eigentlich ist es ein guter Anlass „theologia crusis“ und „ theologia gloria“ als ökumenisches Projekt wieder aufzunehmen. Eigentlich ist es erfreulich, wenn da nicht die unrühmlichen Verrechnungen und die heimlichen und offenen Besitzansprüche wären.

Der Karfreitag frei von jedem Geschachere.

Der Karfreitag ist nicht „nur ein evangelischer Feiertag“, bemerkt Christian Bauer richtig, sondern das Fundament allen christlichen Glaubens, der sich im Alltag verortet und sich so dem Feiertag entzieht. Der Karfreitag ist erst dann Feiertag, wenn nicht mehr „Leid, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sind, und der Tod vergangen ist“. Bis dahin ist er im Bündnis mit der Stimme Marias lebendiger Protest gegen jede theologische Überhöhung, weil er im österlichen Gloria, das Leid, das Geschrei, den Schmerz und den Tod zu Gehör bringt. Nicht wir brauchen den Karfreitag als Feiertag, sondern der Karfreitag braucht uns, als die im Alltag das Leid Beklagende und das Unrecht Anklagende. Natürlich habe ich nichts gegen einen arbeitsfreien Tag, an dem das Kreuz, an dem die Klage und Anklage gegen Unrecht und Leid im Mittelpunkt steht. Ich will aber diesen Tag nicht nur von Arbeit frei sehen, sondern auch frei von jedem Geschachere und auch theologisch bedenklichen Zugriffen.

„Wer im Jubel der Ostersonntagssprache nichts mehr vermisst, der hört nicht die Osterbotschaft, sondern einen antiken Siegermythos“, so formuliert es J.B. Metz – ein katholischer Theologe -, von dem beide Seiten lernen können. Der Karfreitag und Maria stehen gegen den Mythos und für das Vermissen und können nicht verrechnet werden.


Autor: Bernd Fetzer, Schönwies

 

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