J. M. Coetzee: Held oder Außenseiter?

Der Autor John M. Coetzee polarisiert. In Südafrika gilt eines seiner bedeutendsten Werke als rassistisch. Die internationale Öffentlichkeit feiert ihn als geniales Genie. Vor 15 Jahren wurde er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Von Marita Wagner.

Als zweiter weißer Südafrikaner, nach der Autorin Nadine Gordimer (1991), wurde J. M. Coetzee am 10. Dezember 2003 mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Schon in den vorausgegangen Jahren war er einer der favorisierten Anwärter auf die Auszeichnung gewesen. Dementsprechend euphorisch fiel die Reaktion der Weltöffentlichkeit aus.

Ein gewissenhafter Zweifler, schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation.

Coetzees Romane, so begründete die Schwedische Kommission ihre Entscheidung, „zeichnen sich durch verschlagene Komposition, verdichteten Dialog und analytische Brillanz aus. Aber er ist gleichzeitig ein gewissenhafter Zweifler, schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation. Seine intellektuelle Ehrlichkeit zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich vom billigen Theater der Reue und des Bekenntnisses.“1

In seinen Romanen porträtiert Coetzee vor allem Protagonisten, die als Außenseiter der klassischen Heldenrolle entgegenstehen. Es sind Personen, die sich zwischen den gesellschaftlich verhärteten Fronten wiederfinden und mit sich selbst und ihrem Leben ringen. Oft werden in diesem Rahmen ihre Erfahrungen von Leid, Schuld und Scham behandelt. Der langjährige (Süd)afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill schreibt von der „Ästhetik des Scheiterns“2, die Coetzee in einem kühlen, schonungslos ehrlichen und präzisem Ausdrucksvermögen zu entwerfen vermag. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte der Südafrikaner 1999 sein wohl berühmtestes und meistdiskutiertes Werk unter dem Titel Schande (engl. Disgrace).

 

Schande (engl. Disgrace) – sein wohl berühmtestes und meistdiskutiertes Werk.

Schauplatz ist das ‚Neue Südafrika‘ nach der vermeintlichen Beendigung des politischen Apartheidsystems. Schande erzählt die Geschichte des weißen Südafrikaners David Lurie, der als Professor für Literatur- und Kommunikationswissenschaften an der Universität in Kapstadt lehrt. Der 52-jährige, der bereits zwei Mal geschieden ist, wird als innerlich zerrissene Persönlichkeit dargestellt.

Durch eine Affäre mit einer Studentin fällt David schließlich in Ungnade (disgrace). Er verzichtet darauf, vor der Untersuchungskommission – einige Interpret*innen sehen hierin eine Parallele zur Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas – ein umfassendes Beichtgeständnis abzulegen (confession). Auch zeigt er keine aufrechte Reue (contrition), die ihm zu einer Rehabilitierung verholfen hätte. Stattdessen zieht er sich auf die Farm seiner lesbischen Tochter Lucy zurück.

Eines Tages dringen drei schwarze Südafrikaner unter Vorwand in das Farmhaus ein und vergewaltigen Lucy. Diese weigert sich jedoch, die sexuelle Straftat bei der Polizei zu melden. David hilft indessen dabei, ausgesetzte Hunde im Tierheim von Lucys Freundin einzuschläfern. Es scheint, als versuche er durch die entwickelte Empathie zum geschundenen Tier seine persönliche Erlösung zu finden. Es stellt sich heraus, dass Lucy durch die Vergewaltigung schwanger geworden ist. Eine Abtreibung lehnt sie aber ab. Sie sucht Schutz bei ihrem schwarzen Farmernachbar Petrus. Wie sich bald zeigt, ist dieser ein Familienangehöriger eines der Vergewaltiger.

Eine Schändung (ebenfalls disgrace) als Sühneakt und Eingeständnis von white guilt?

Mit seinem Buch löste Coetzee große Kontroversen aus. Er thematisiert die tragische Verrohung der menschlichen Gesellschaft und die sich aneinander aufreibenden Machtverhältnisse. Dass Lucy ihre Schändung (ebenfalls disgrace) und deren Konsequenzen akzeptiert, wird als Sühneakt und Eingeständnis von white guilt, also historischer Schuldlast durch die weißen Vorfahren, gedeutet. So entgegnet sie, es sei „der Preis, den man zahlen muss, um [im Land] bleiben zu dürfen“. Es steht somit die mögliche Lesart im Raum, dass das einst von Weißen dominierte Südafrika keinen Platz mehr für diese kennt, da es nicht mehr länger das ihre ist.

Der African National Congress kritisierte das Buch, da es Südafrika in einem zu negativen Licht präsentiere. Die geschilderte Vergewaltigung einer weißen Frau durch drei schwarze Männer wurde von der Partei als rassistisch aufgefasst, weshalb die Kommission für Menschenrechte konsultiert wurde. Dies wirft die Frage auf, ob die Auswanderung Coetzees nach Australien mit dieser politischen Debatte in Zusammenhang steht. Er selbst hat dazu nie Stellung bezogen. Auffällig ist, dass er über 30 Jahre in Kapstadt lehrte, während er als Weißer durch das Apartheidsystem begünstigt wurde und sein Land erst verließ, nachdem sich die Machtverhältnisse zugunsten der schwarzen Bevölkerung umdrehten.

Die großen (schwarzen) Schriftsteller*innen des afrikanischen Kontinents blieben bei der Vergabe des Literaturnobelpreises bislang unberücksichtigt.

Dass Coetzee den Literaturnobelpreis als weißer Südafrikaner erhalten hat, kann gleichwohl als politisches Statement verstanden werden. In der Geschichte der Vergabe zeichnet sich abermals ein Mächteungleichgewicht ab. Bislang wurden die großen (schwarzen) Schriftsteller*innen des afrikanischen Kontinents wie der mittlerweile verstorbene nigerianische Chinua Achebe oder der kenianische Ngugi wa Thiong’o in dem Auswahlverfahren unberücksichtigt gelassen.

Es bleibt zukünftig deshalb zu hoffen, dass die Kommission den literarischen Beitrag Afrikas verstärkt berücksichtigt. Eine sich anbahnende Kandidatin wäre beispielweise die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren Werke zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten haben.3 Besonders gepriesen wurde ihr Roman Americanah, der 2013 erschien. Ihr TED-Talk The Danger of a single story gehört zu den 25 meistgesehenen Talks aller Zeiten (über 16 Millionen Aufrufe)4.

Diese bedenkenswerten Hinweise sollen aber mitnichten die brillante Arbeit J. M. Coetzees schmälern. Der Autor weiß – so die Worte der Vergabekommission – „die Teilhaftigkeit des Menschen an der Vielfalt des Daseins in oft überrumpelnder Weise“5 zu porträtieren. Seine scharfsinnigen und tiefgründigen Werke zur menschlichen Moral haben zu Recht den Literaturnobelpreis gewonnen. Sein Roman Schande zählt dabei zur südafrikanischen Pflichtlektüre.

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Marita Wagner ist Theologin. Sie hat an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen sowie an der University of Pretoria studiert. Heute ist sie Referentin für Weltkirche und Pastoral beim Internationalen Katholischen Missionswerk missio in Aachen.

Bild: Ausschnitt des Buchcovers von Schande (S. Fischer Verlag).


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