Das größte Problem ist der Neid!

Sabine Werth und Friederike Sittler, die Gründerinnen von "Laib und Seele", Ausgabestelle der Evangelischen Trinitatisgemeinde. Foto + ©: Dietmar Gust/Berliner Tafel

Wer Hartz IV bezieht, der oder die hungert, muss zwangsläufig zu einer Lebensmittelausgabestelle gehen und grämt sich dafür, so die These. Friederike Sittler beschreibt eine andere Realität.

Graue, geduckte Gestalten in einer Schlange vor einer schmuddeligen Tür. Neben sich knittrige Tüten oder Einkaufsroller, „Hackenporsche“ genannt. Ein Bild, das oft so oder ähnlich gezeichnet wird, um die „Vertafelung“  der Gesellschaft anzuprangern. In den 45 Ausgabestellen von LAIB und SEELE in Berlin, einer Aktion von Berliner Tafel, Kirchen und rbb kommen jeden Monat 50.000 Menschen, um Lebensmittelspenden abzuholen. Eine gewaltige Zahl, aber nur ein kleiner Teil derjenigen, die in Berlin in finanziell prekären Verhältnissen leben.  Jeden Tag beweisen bundesweit hundertausende Menschen, dass es zwar schwierig ist, von staatlichen Bezügen abhängig zu sein, aber machbar. Tatsächlich Hunger leiden die, denen der Überblick über ihr Geld abhandengekommen ist, die ihr Leben nicht mehr im Griff haben, die deshalb Hilfe benötigen und bekommen müssen.

Die Realität ist eine andere.

Der Staat ist für die Versorgung seiner Bürgerinnen und Bürger zuständig. Aus dieser Pflicht sollte er niemals entlassen werden. Der Mensch darf in einer Demokratie, im Sozialstaat nicht von Almosen abhängig sein, sondern hat ein Recht auf ein Mindestauskommen.

LAIB und SEELE unterstützt Menschen lediglich, versucht, das Leben ein wenig besser zu machen. Mit dem Laib Brot, auch mal Kaffee, Nudeln oder Schokolade, vor allem aber mit Obst und Gemüse. Somit können sie sich zum einen teilweise gesünder, abwechslungsreicher ernähren und zum anderen finanziellen Spielraum für das eine oder andere Extra gewinnen. Der Kino- oder Theaterbesuch, die Eintrittskarte für den Zoo oder die Möglichkeit, ein Geschenk für den Gastgeber oder die Gastgeberin eines Abendessens zu kaufen, führt im Idealfall zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Menschen sollen sich über die Grundbedürfnisse hinaus etwas leisten können. Dem dient das Ehrenamt.

Menschen sollen sich etwas leisten können.

Bei diesem Dienst am Menschen geht es auch um das offene Ohr, die warmherzige Geste, um die Begegnung mit anderen. Viele der Kundinnen und Kunden in den Ausgabestellen schildern, dass sie sich anfangs überwinden mussten. Dann aber fanden sie sich aufgenommen und die meisten sind inzwischen selbstbewusst genug zu sagen: ja, ich nehme Hilfe an und  dafür muss ich mich nicht schämen.

Von Anfang an, also im Herbst 2004 ging es bei LAIB und SEELE darum, die Kirchen in den Kiez hinein zu öffnen; Menschen einzuladen unabhängig von Herkunft, Glaube, Bildung, sexueller Orientierung. Es zählt der Mensch. Damit haben sich Kirchenräume verändert. Es kommen Menschen, die sonst nie einen Schritt in ein Gotteshaus gesetzt hätten. Warum auch?

Es zählt der Mensch. Damit haben sich Kirchenräume verändert.

Nun steht in evangelischen Kirchen während der Lebensmittelausgabe der Kühlschrank auch mal im Altarraum, die grüne Kiste mit Salatköpfen auf dem Taufbecken. Da wird Rechtsberatung angeboten, werden Kleider- und Spielzeugspenden weitergegeben, gibt es im Vorraum Kaffee und Kuchen, werden im Hof Gesellschaftsspiele aufgebaut und dankbar angenommen.  In den wenigen beteiligten katholischen Gemeinden werden die Gemeinderäume zum Lebensmittelbasar. Eine Gruppe, die sich in einer Ausgabe kennengelernt hatte, gründete den Verein der „Super-Armen“ – sie helfen anderen Armen, die nicht mehr allein Besorgungen machen können, Hilfe im Alltag benötigen.

Super-Arme helfen Armen.

1600 Ehrenamtliche sind bei LAIB und SEELE aktiv, holen Waren in den Supermärkten und Bäckereien ab, bauen Tische auf, kontrollieren die Bedürftigkeit, sortieren die Waren, geben sie aus und putzen anschließend die Kirchenräume. Ein Knochenjob.  Woche für Woche. Bedürftige stehen nicht nur in der Schlange, sondern helfen mit, geben ihrem Tag Struktur und Sinn. Die Gemeinden haben durch ihre Offenheit auch Ehrenamtliche gewonnen, die wenig mit Liturgie und Gebet anfangen können, aber ohne sich dessen selbst bewusst zu sein, zutiefst im Geist Jesu agieren. Mit bewundernswerter Gelassenheit kümmert sich der eine um die psychisch auffällige Frau und findet mit ihr gemeinsam heraus, dass sie die Wartezeit besser allein vorm Altar sitzend verbringt als mit den anderen Kaffee trinkend. Andere sind zu Expertinnen und Experten der Hartz IV Bescheide geworden und komplimentieren freundlich die heraus, die keinen Anspruch haben. Und wieder eine andere steht mit einem guten Wort für jeden Woche für Woche beim „hellen Brot“, um das möglichst gerecht zu verteilen.

Doch die Welt von LAIB und SEELE ist nicht immer eine heile. Gestandene Christinnen und Christen mit viel Ehrenamtserfahrung lernen ihre Umgebung noch mal neu kennen, verlieren ihre Sozialromantik und das Bild vom Armen, der still und geduldig und voller Dankbarkeit auf die Spenden wartet, keine Ansprüche stellt und niemals einen anderen übervorteilen würde. Nein, die Welt von LAIB und SEELE ist rau, auch der Ton – mitunter geht es laut zu, Emotionen brechen auf, es fallen verletzende Sätze. Zudem sind auch Ehrenamtliche nicht immer hilfreich und gut, haben manchmal weniger die Bedürftige, den Bedürftigen als viel mehr ihr eigenes Wohlbefinden im Blick.

Was trägt?

Das größte Problem aber ist der Neid, das Gefühl ungerecht behandelt zu werden. In der Wartezeit wird von einigen argwöhnisch beobachtet, was die selbst bedürftigen Helferinnen und Helfer in ihre Taschen packen, ob sie sich mehr einstecken.  Es werden E-Mails an die Verantwortlichen geschrieben, mit der Drohung an die Medien zu gehen, mit teilweise berechtigten Klagen und teilweise aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen. Es gibt auch die, die meinen, für ihr Ehrenamt etwas zu verdienen, und deshalb mehr und bessere Lebensmittel abzweigen zu dürfen.

Die Welt von LAIB und SEELE ist rau.

Warum, so fragen langjährige Kundinnen und Kunden, sollen ausgerechnet sie nun noch mit Flüchtlingen teilen? Und wie bitte sollen die Ehrenamtlichen die sprachlichen und kulturellen Barrieren überwinden? Es irritiert, wenn plötzlich an der Tür Frauen mit langen Gewändern und Kopftuch sehr massiv und handgreiflich Einlass verlangen; wenn Kinder über Tisch und Stuhl gehen, wenn in christlichen Räumen in der Wartezeit ein Gebetsteppich ausgerollt wird. Wie können die Neuen so selbstbewusst ihren Glauben ausdrücken, wo doch die Kirchengemeinden von Anfang an großen Wert darauf gelegt haben, nicht in den Verdacht der Mission zu kommen? Mitunter, auch das eine Erfahrung in den vielen Jahren, waren die Kirchen viel zu zurückhaltend. Bis Bedürftige meinten:  „Sagt mal, was macht ihr hier denn eigentlich? Wie geht denn das mit dem Beten? Zeigt doch mal“. Durch die Flüchtlinge sind die Gemeinden noch mal neu herausgefordert zu diskutieren, wie weit Toleranz geht, wo Beliebigkeit anfängt und wo Grenzen, neue Regeln nötig sind. Sie müssen lernen, über ihren Glauben zu reden, sprachfähig zu werden.

Sagt mal, was macht ihr hier denn eigentlich?

Genau das aber ist vielen Christinnen und Christen verloren gegangen. Im säkularen Berlin scheint es einfacher zu sein, sich als homosexuell zu outen als als katholisch oder evangelisch. Gemeinden haben sich auf sich selbst konzentriert,  sind sich selbst genug in ihrer heilen Filterblase. Der Kontakt mit Menschen, die wenig Geld haben, ist verloren gegangen, die Sorge für die Allerärmsten wird gern an die Profis von Caritas und Diakonie ausgelagert. Umso größer der Erfahrungsschatz durch eine Aktion wie LAIB und SEELE. Es sind eben nicht nur die Armen, die erleben, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Glauben Hilfe zu erfahren. Es sind auch die Gemeinden selbst, die neue Welten kennenlernen. Es ist zwar oft anstrengend, aber eben auch bereichernd, Menschen kennenzulernen mit denen sonst kein Kontakt bestünde, die eine schlichtere Sprache sprechen, die Vorurteile mitbringen und einen überraschen. Sie sprengen die engen Verhaltensmuster anderer.

So gab LAIB und SEELE vor einigen Jahren ein Kochbuch heraus – mit preiswerten Rezepten auf der Basis der Lebensmittspenden. Prominente wie die Entertainerin Gayle Tufts machten mit. Bei der Pressekonferenz in einer Ausgabestelle hatten die Journalistinnen und Journalisten keine Fragen mehr. Bedürftige aber, die zugehört hatten, sagten: „Frau Tufts, wenn Sie schon mal da sind, dann singen sie doch  was“.  Die war völlig verdattert, fing sich aber und sang  a capella ein Weihnachtslied. Eine Durchbrechung des Gewohnten, die unter die Haut ging.

Die meisten reden viel zu viel über Armut.

Egal ob Sozialwissenschaftler, Theologin oder Journalistin – die meisten reden viel zu viel über Armut, über das Zusammenleben mit den Migranten und Migrantinnen – ohne die Armen selbst wahrhaftig zu Wort kommen zu lassen. In der Regel dürfen sie, vor allem im Fernsehen, kurz sagen, wie schlecht es ihnen geht. Dann wird ihnen heldenhaft geholfen oder um Spenden gebeten; Vertiefung unerwünscht. Bei LAIB und SEELE bekommen sie einen Raum und damit lernen – wenn es gut läuft – alle Beteiligten voneinander. Woche für Woche muss neu verhandelt werden, müssen Menschen lernen, einander zu respektieren, und Konflikte ausgetragen werden.

Macht hoch die Tür!

Wer wissen will, wie das Zusammenleben künftig gelingen kann, wie Christinnen und Christen dazu mithelfen können, muss  dahin gehen, wo Menschen es sich nicht leisten können, allzu großzügig gegenüber anderen zu sein; wo die eigenen Chancen gering und der Neid auf alle, denen es vermeintlich besser geht, groß ist; und eine Einladung aussprechen, die Türen der Kirchen öffnen.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit – für den Herrn der Herrlichkeit, der uns in denen begegnet, die wir allzu oft gering schätzen.

Text: Friederike Sittler studierte katholische Theologie, Politik- und Kommunikationswissenschaft in Bamberg; sie leitet beim Rundfunk Berlin-Brandenburg die Redaktion Gesellschaft und Religion. 2004 griff sie eine Idee der Tafelgründerin Sabine Werth auf, die Kirchen zu Partnerinnen bei der Lebensmittelausgabe  zu machen. Das Ziel war es, ein flächendeckendes Netz in ganz Berlin zu schaffen. Inzwischen gibt es dieses Netz mit  45 Ausgabestellen, 1.600 Ehrenamtlichen und 50.000 Bedürftigen pro Monat, die die Unterstützung in Anspruch nehmen. LAIB und SEELE, eine Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb.

Bild: Gust/Berliner Tafel

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