„jetzt-mutmachen.de“

Die Kolumne für die kommenden Tage 54

Es ist „Corona-Zeit“ – und Kirche reagiert. Sie reagiert so gut und so schlecht, wie sie sich auch sonst zeigt. Die Sorge um die Gottesdienste steht zunächst im Fokus. Viele gestreamte Eucharistiefeiern und geistliche Impulse stehen im Netz. Auch spannende neue liturgische Formate sind zu finden. Zuweilen werden auch skurrile Praktiken bekannt, wie z.B. das Segnen ganzer Landstriche mit Monstranz aus dem Kleinflugzeug heraus… Dann wird mehr und mehr auch die diakonische Dimension der neuen Situation als Herausforderung begriffen, nicht durchgängig, aber deutlich erkennbar: So werden z.B. Lebensmittelhilfen für Bedürftige und Kontaktdienste für Isolierte neu organisiert oder auf die veränderten Bedingungen angepasst. Teilweise wird lokales kirchliches Engagement zu einem Knotenpunkt im zivilgesellschaftlichen Netzwerk.

„Erste Hilfe“ für junge Leute und deren Krisengespräche

Mit wacher Wahrnehmung den veränderten Lebensumständen abgeschaut ist die originelle Initiative „jetzt-mutmachen“ aus dem Bistum Aachen. Christian Schröder (Hauskirche „kafarna:um“, Aachen) gab den Anstoß und setzte die Idee mit einem kleinen Team um. Worum geht es im Kern? Um „Erste Hilfe“ für junge Leute, Krisengespräche gut führen zu können. Die Initiatorinnen und Initiatoren nahmen in ihrem beruflichen und privaten Umfeld wahr, wie viele Fragen und Sorgen die Pandemie auslöst: Was wird mit meinem anstehenden Schulabschluss? Wie komme ich damit klar, meine besten Freundinnen lange nicht treffen zu können? Eigentlich wollte ich gerade auf Interrail-Tour durch Europa sein. In meiner Familie ist Jemand an Covid-19 erkrankt. Meine Eltern sind beide in Kurzarbeit – wie wird das mit ihren Arbeitsplätzen weiter gehen?

Jeder und jede kann Alltagsseelsorger*in sein

Zu diesen Ängsten und Problemen suchen Jugendliche und junge Erwachsene in diesen Zeiten Gesprächspartner unter ihresgleichen. Von Freund zu Freund, von Freundin zu Freundin. Aber auch Leiter*innen von Jugendgruppen mit ihren Mädchen und Jungen. Um diese alltäglichen Konstellationen von Gesprächspartner*innen geht es. Dass solche Gespräche nicht aus Angst, etwas falsch zu machen, vermieden werden oder ungut verlaufen, sondern ermutigend, stärkend oder tröstend wirken – dazu ist die Initiative „jetzt-mutmachen“ am Start – in der Überzeugung: Jede und Jeder kann „Alltagsseelsorger*in“ sein. Die Visuals und Videos enthalten „Tipps für die Basics und für die Situation vor, während und nach einem Gespräch“.

Sensibel und unprätentiös

Die Visuals präsentieren die Kernaussagen (wie: „Jedes Problem hat seine Relevanz. Vielleicht nicht für mich. Aber vielleicht für mein Gegenüber umso mehr.“ – „Ich versuche, jetzt besonders aufmerksam zu sein.“ – „Ich gebe Raum zum freien Erzählen.“ – „Ich achte auf meine eigenen Gefühle.“). Sie stehen in verschiedenen Formaten als Download zur Verfügung. Die Videos vertiefen und entfalten die Kernaussagen. Jeweils zwei aus dem Kreis der Beteiligten, erläutern im Dialog den Nutzer*innen, was gemeint ist. Die Videos sind „klein, aber fein“, d.h. 3-7 Minuten kurz, reduziert in der Bildsprache und elementarisiert in der Sachaussage. Die Grundhaltungen, die für die helfenden Gespräche vorgeschlagen werden, prägen auch den Stil der  Präsentation im Netz: Sensibel, unprätentiös und strikt „kundenorientiert“.

Eigenständigkeit und Verweiskultur

Strategisch hat sich diese „Graswurzel“-Initiative mit Jonas Zechner vom Generalvikariat des Bistums zusammen getan. Es bleibt aber bewusst ein Open-Source-Produkt ohne spezifisches Bistums-Branding. Im ersten Monat gab es 4.500 Zugriffe von verschiedenen Geräten. Die Resonanz auf die Tools wird für die kontinuierliche Weiterentwicklung genutzt. Ziel bleibt „Hilfe zur Selbsthilfe“. Für Situationen, die professionelle Beratung angebracht erscheinen lassen, gibt es eine eigene Unterseite mit Links zur Telefonseelsorge und diversen Hilfe-Hotlines.

Stilbildende Prinzipien

Fazit: Ein feines, passgenaues Format, schnell und lösungsorientiert an den Start gebracht. Achtsamkeit, Empowerment und konkretes Hilfehandeln sind hier als Prinzipien leitend. Diese Prinzipien wären es wert, auch insgesamt in unserer Gesellschaft und unserer Kirche stilbildend zu werden – Corona hin, Corona her…!

Autor: Martin Pott, Dr.theol., Referent für Pastoralentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat Aachen; Dozent für Pastoraltheologie am Interdiözesanen Seminar in Lantershofen.

Foto: New Data Services / unsplash.com

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