„Juditha triumphans“: Venedig als biblische Heldin

Die Lagunenstadt Venedig feiert ihren 1600. Geburtstag. Sie feiert dies gebührend mit einem Vivaldi-Festival. Eine besondere Verbindung zwischen Venedig und Vivaldi knüpft ausgerechnet die Bibel. In „Juditha triumphans“ (1716) wird Venedig zur Titelheldin eines biblischen Oratoriums. Von Elisabeth Birnbaum.

Venedig um 1716

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Venedig eine Republik kurz vor dem Niedergang ihrer Macht. Doch die Eroberungen Venedigs in Griechenland im 17. Jahrhundert drohten im frühen 18. Jahrhundert verlorenzugehen. Ende 1714 begann der Rückeroberungsfeldzug der Osmanen. Unter anderem wurde Korfu, eine für Venedig strategisch wichtige Insel, belagert. Mitte 1716 konnte die Belagerung, nicht zuletzt dank der offenbar einzigartigen Strategie Generals Johann Matthias von der Schulenburg, abgewehrt werden. Die Osmanen zogen ab und gaben ihre Ansprüche auf Korfu auf. Die Republik feierte diesen Sieg euphorisch und beauftragte Vivaldi mit der Komposition eines „sacrum militare oratorium“ – zum Thema Judit.

Dass ausgerechnet dieses Sujet für diesen Anlass herangezogen wurde, mag aus heutiger Sicht verwundern. In modernen Darstellungen wird Judit meist als männermordender Vamp dargestellt: Ihre Tat, einen schlafenden Mann zu töten, bringt ihr heutzutage mehr Kritik als Lob ein.

Dimensionen des Juditbuches

Doch in der biblischen Darstellung ist der Geschlechterkampf nur eine Dimension von mehreren und bei weitem nicht die bedeutsamste. Dort ist ihre Geschichte eine quasi überzeitliche, besser: eine geschichtliche Erfahrungen verdichtende Parabel über militärische Macht. Der „Assyrerkönig Nebukadnezzar“ vereint die zwei schlimmsten und mächtigsten Feinde Israels in seiner Geschichte, nämlich die Assyrer und die Babylonier (Nebukadnezzar II.). Er fordert im Juditbuch alle Völker und ihre Götter heraus. Seine überwältigende militärische Macht verleitet ihn dazu, sich selbst als Gott zu sehen. Der Gott Israels dagegen vermag diese Übermacht einzig und allein durch die Hand einer Frau zu brechen und sein Volk zu befreien. Er führt damit militärische Macht ad absurdum.

Im 17. und 18. Jahrhundert trat gegenüber dieser theologisch-soteriologischen Dimension die politische Dimension in den Vordergrund. In der biblischen Erzählung gelangt Nebukadnezzars Feldherr Holofernes bei seinem Welteroberungsfeldzug auch vor die kleine Stadt Betulia (=„Jungfrau“) und belagert sie. Die Stadt ist für Israel strategisch wichtig, ihr Fall würde bedeuten, dass der Weg nach Jerusalem und zum Tempel offenstünde. Obwohl die Lage aussichtslos erscheint, kann durch Judits Tat Betulia und damit Israel wieder gerettet werden und es herrscht Friede.

Judit im 17./18. Jahrhundert

Insofern wundert es nicht, dass in Zeiten der kriegerischen Bedrohung die sich als unterlegen fühlenden Städte zu dieser Erzählung griffen. Besonders geeignet erschien sie, wenn die Feinde auch noch Andersgläubige waren. Holofernes wurde zum jeweiligen Feldherrn, aus den Assyrern wurden je nach Bedarf die Schweden, die Türken oder andere Kriegsgegner.

Wien machte es vor: Als im 30jährigen Krieg die Schweden vor Wien standen, dichtete der Jesuit Nicolaus Avancini sein Drama „Fiducia in Deum sive Bethulia liberata“ (1642), um die Wiener Bevölkerung zu ermutigen und ihr Gottvertrauen zu stärken. Die gottesfürchtige Judit wurde mit Wien gleichgesetzt, das auf diese Weise ebenfalls zuversichtlich sein durfte, durch sein Gottvertrauen der Eroberung zu entgehen. Und Abraham a Sancta Clara verglich z.B. in seiner großen Predigt „Auff auff, ihr Christen“ wiederholt Judit mit Wien, als die Türken die Stadt 1683 belagerten.

Judit als personifiziertes Venedig

Die Ausgangslage für Vivaldis Oratorium war ähnlich: Das strategisch wichtige Korfu war belagert, die Türken bedrohten die venezianische Insel. Die quasi wundersame Rettung konnte daher ebenfalls mit dem göttlichen Beistand erklärt werden. So wird in „Juditha triumphans“ (Libretto von Giacomo Cassetti) ebenfalls Judit herangezogen und mit Venedig verglichen. Am Ende des Werks fasst Ozia (anders als in der Bibel der Hohepriester Israels) die Botschaft des Oratoriums folgendermaßen zusammen:

So erkläre ich die Stadt des venezianischen Meeres

als unversehrt durch ewigen Beschluss.

So wie in Asien wird die Stadt,

die von Gottes Gnade immer als Jungfrau beschützt wird,

dem schändlichen Tyrannen Holofernes

eine neue Judit sein.[1]

Die Andersgläubigen mögen zwar die bessere Ausgangslage, die militärische Überlegenheit haben. Doch Gott steht auf der Seite Venedigs, auf der Seite der von Gott bewahrten Jungfrau, so die (von der Republik wohl genauso erwünschte) Botschaft. Im Schlusschor wird Judit/Venedig dann auch hymnisch besungen und Vivaldi benützt ausgiebig Pauken und Trompeten, um dem Jubel auch das nötige Gewicht zu geben.

Juditha triumphans

Die Auftraggeber waren zufrieden. Da störte es offenbar auch nicht, dass das Libretto Holofernes mehr als liebeskranken Jüngling denn als grausamen Eroberer darstellt. Auch dass Vivaldis einziges Interesse darin zu bestehen schien, möglichst viele unterschiedliche Instrumente einzusetzen, und damit eine Vielzahl an Klangnuancen und Stimmungen zu erzeugen, war nicht weiter wichtig. In „Juditha triumphans“ verkündet die Stadt Venedig ihren eigenen Triumph in die Welt hinaus.

In „Juditha triumphans“ verkündet die Stadt Venedig ihren Triumph in die Welt hinaus.

Längerfristig änderte der Sieg nichts am weiteren Abstieg Venedigs. „Juditha triumphans“ dagegen blieb siegreich und gilt bis heute als Höhepunkt der Vokalmusik in Vivaldis Schaffen.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bildnachweis: wikimedia commons

[1] „Ita decreto aeterno / Veneti Maris Urbem / Inviolatam discerno, / Sic in Asia Holoferni impio tiranno / Urbs Virgo gratia Dei semper munita / Erit nova Juditha…“  (Vivaldi, Juditha Triumphans, Nr. 28, Rez. des Ozia).

 

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