Jugendliches Lebensglück: Kommentar zu den neuen Leitlinien zur Jugendpastoral

Neue Leitlinien zur Jugendpastoral, am 23. September verabschiedet von der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Sie tragen den Titel „Wirklichkeit wahrnehmen – Chancen finden – Berufung wählen“. Katharina Karl mit einem ersten Einblick und Kommentar.

Ziemlich genau 30 Jahre ist es her, dass die DBK Leitlinien herausgegeben hat, die für Akteure der Jugendpastoral eine Orientierung darstellen sollten. Konkreter Anlass für die jetzige Neufassung war die Jugendsynode 2018 in Rom, die den Blick der Orts- und Weltkirche auf die Jugend gerichtet hatte und ihre Stimme hören wollte.

Darüber hinaus und vor allem sind es aber auch die großen kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen wie Pluralisierung und Digitalisierung, eine neue Qualität der Indifferenz junger Menschen gegenüber religiösen Sinnangeboten, aber auch ihre durch Skandale verursachte Distanz zu kirchlichen Institutionen, die die Frage nach Begründung, Ausrichtung und Form kirchlicher Jugendarbeit neu und durchaus radikal aufwerfen.

Es war an der Zeit, junge Menschen und ihre Belange zum Thema zu machen.

Die Jugend steht faktisch oft gerade nicht im Zentrum pastoralen Handelns und Nachdenkens. Es war also durchaus an der Zeit, junge Menschen und ihre Belange zum Thema zu machen.

Das Programm, das in den Leitlinien entworfen wurde, möchte ich vorstellen, indem ich Kommentierungen zu drei grundlegenden Feldern – Selbstverständnis, Ziel und Methode – zur Verfügung stelle. Diese ersten Einblicke mögen hoffentlich zur Diskussion anregen.

Selbstverständnis von Jugendpastoral: auf der Basis weltanschaulicher Vielfalt

In den Spuren der Würzburger Synode und den ersten Leitlinien wird die Linie einer dienenden und lernenden Jugendpastoral stark gemacht. Der diakonische Ansatz, auch wenn er immer wieder einzuholen ist, ist für die Jugendarbeit in Deutschland seit dem Konzil prägend als „Dienst der Kirche durch junge Menschen, mit ihnen und für sie“ (Leitlinien 1991, S. 8).

Die Charakterisierung mit dem Begriff des Lernens ist neu und stellt Jugendpastoral in eine Bewegung der Gegenseitigkeit. Von den jungen Menschen, dem Kontext und Umfeld ist immer neu zu lernen, wie Gott ist und wie er zu erkennen ist, so das Papier. Zudem wird Jugendpastoral nicht als ein Spektrum oder eine altersorientierte Ausprägung der Gesamtpastoral verstanden, sondern als Querschnittsaufgabe, die in der Pluralität aller Handlungsfelder und Spiritualitäten zu fördern ist.

Ausgangspunkt ist die Anerkennung der weltanschaulichen Vielfalt.

Ausgangspunkt für die theologische Orientierung und somit Ansatz der neuen Leitlinien ist die Anerkennung der weltanschaulichen Vielfalt. Diese Vielfalt, die das religiöse Selbstverständnis in ihrem Kern berührt, wird als Herausforderung beschrieben, aber auch als Chance der Bewährung.

Die Selbstbestimmung junger Menschen in der Wahl ihrer Glaubensüberzeugungen wird dabei ausdrücklich positiv gewürdigt. Zugleich finden sich auch selbstkritische Töne, wenn es heißt, dass „für viele Jugendliche in den letzten Jahrzehnten die Kirche selbst zum Hindernis ihrer weltanschaulichen Orientierung oder sogar Gottsuche geworden ist“ (Leitlinien 2021, 3.).

Ziel: Jugendliches Lebensglück

Klar gegen alle exklusivistischen Tendenzen wird mit Bezug auf Christus Vivit 35 betont, dass die Jugendpastoral allen Jugendlichen ohne Ausnahme gilt. Alle jungen Menschen sind Träger und Subjekte kirchlicher Jugendarbeit, die Zielgruppe geht also explizit über die Getauften hinaus.

Auch an anderen Stellen wird deutlich, dass das Papier keine christliche Gegenkultur entwerfen will, sondern einen Beitrag dazu leisten will, dass junge Menschen ihre eigene Identität finden und ausbilden – auch die, die mit erschwerten Startbedingungen ins Leben zu kämpfen haben.

Jugendliches Lebensglück als maßgebliche Zielvorgabe.

Das Ziel der Jugendpastoral wird als Beitrag zur Persönlichkeitsbildung gekennzeichnet. Der christliche Glaube – als spezielles Ziel die Freundschaft zu Christus – ist dabei eine Ressource, einen Deuterahmen und eine Deutesprache zu geben, mit denen junge Menschen ihre Erfahrungen verstehen können. Junge Menschen prüfen die weltanschauliche Botschaft auf die existentielle Bedeutung hin. „Und erst, wenn die allgemeine Wahrheit dieser Botschaft auch das Potenzial hat, ihre eigene zu werden, werden sie sie als mögliche Deutesprache ihrer Lebenserfahrung akzeptieren“ (Leitlinien 2021, 4.).

Wenn jugendliches Lebensglück als maßgebliche Zielvorgabe gilt, erhalten Glaube und Religion eine neue Bedeutung und haben dabei vor allem eine unterstützende Funktion. Dies relativiert aber nicht die Relevanz der christlichen Botschaft und des Gottesglaubens, sondern will sie vielmehr neu freilegen: „Jetzt endlich ist mit der Freiheit der anderen Anbieter von Glaubensdeutungen auch die eigene Freiheit gewonnen, in der man um die Aufmerksamkeit junger Leute wirbt und sie zu einer vom Glauben an Gott inspirierten Lebensgestaltung eben nicht überreden will, sondern überzeugen“ (Leitlinien 2021, 3.).

Methode: Ineinander von Sozial-, Kultur- und Berufungspastoral

Ein neuer Dreischritt, der aus der Jugendsynode übernommen und angepasst wurde und der auch im Titel durchscheint, ist für das Papier maßgeblich: wahrnehmen, interpretieren, wählen. Damit sind drei Praxisformen beschrieben, die in einem inneren Zusammenhang und wechselseitiger Abhängigkeit stehen: Die Sozialpastoral (wahrnehmen), Kulturpastoral (interpretieren) und Berufungspastoral (wählen) werden als drei Gesten der Nachfolge charakterisiert (Leitlinien 2021, 5. und 6.).

Wahrnehmen, interpretieren, wählen.

Die Stilformen werden alle drei unter den Maßgaben der Spiritualität und der Pädagogik durchdekliniert und sollen nicht als Wachstumsstufen verstanden werden, sondern als drei Dimensionen christlicher Persönlichkeitswerdung. Das Verstehen jugendlicher Lebenswelten ist methodische Grundlage für alle drei Schritte.

Den Aufgabenfeldern und Handlungsbereichen der Jugendpastoral, die im letzten Abschnitt des Papiers beschrieben werden und in ihrer Heterogenität schwer zu systematisieren sind, ist gemein, dass sie auf das Ziel der Persönlichkeitswerdung hingerichtet sind.

Ein subjektorientiertes, beziehungspastorales Programm, das Perspektiven eröffnet.

Zugleich orientieren sie sich kairologisch an den gegenwärtigen „Zeichen der Zeit“: So gehört die Bewahrung der Schöpfung angesichts der Klimakatastrophe genauso wie die Frage des digitalen Lebens dezidiert ins Spektrum der Aufgaben. Der konkrete Zusammenhang der Felder und Aufgaben wird weniger verdeutlicht, was den Akteur:innen kirchlicher Jugendarbeit individuellen Spielraum ermöglicht.

Die neuen Leitlinien legen ein subjektorientiertes, beziehungspastorales Programm vor, das Perspektiven eröffnet: dass junge Menschen in ihrer Selbstbestimmung wirklich ernst genommen werden, dass sie in der Entdeckung der sozialen, politischen und religiösen Welt als Ort ihrer individuellen Berufung begleitet und inspiriert werden.

Die Praxis wird zeigen, ob das Versprechen eingelöst wird.

Die Latte liegt hoch. Die Praxis wird zeigen, ob das Versprechen eingelöst, das Programm umgesetzt wird. Passiert das nicht, würden legitime Erwartungen junger Menschen, aber auch von Akteur:innen im Feld der Jugendpastoral enttäuscht und Möglichkeiten verspielt. Dies liegt an einzelnen, die sich das Programm zu Herzen nehmen, aber auch an strukturellen Bedingungen, die garantieren, es umzusetzen. Anschlussfähig ist der Text allemal.

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Katharina Karl ist Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Beitragsbild: pixabay

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