»The Kominsky Method«: Endlichkeitsreflexion auf der Grenze

In der Netflix-Serie The Kominsky Method geht es um Schauspiel – und um den richtigen Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Konstantin Sacher über Schauspielerei und Religion.

Wenn eine Schauspielerin die Rolle ihres Lebens spielt, ist damit meist eine großartige schauspielerische Leistung gemeint. Aber es gibt noch eine tieferliegende Nuance. Denn wann gelingt eine solche großartige Leistung? Wenn Leben und Rolle verschwimmen, wenn niemand sonst die Rolle gleichermaßen ausfüllen könnte. Persönlichkeit der Schauspielerin und Charakter der Rolle werden für eine Zeit lang eins, wenn auch nicht identisch.

Der Schauspieler, so die Idee dahinter, imitiert nicht einfach etwas, sondern wird die Rolle, die er spielt. Der Schauspiellehrer Lee Strasberg, bekannt als Erfinder des »Method Acting«,  schreibt in seinem Artikel über Schauspielerei in der Encyclopedia Britannica: der Schauspieler müsse einen Charakter erschaffen (create), der wie eine Erweiterung seiner Selbst (extension of themselves) sei.

Hintergründig geht es um die große Frage nach dem richtigen Umgang mit einem Leben im Horizont des Todes.

Für die Methode, die er seinem Konzept der Schauspielerei zugrunde legte, griff Strasberg auf Ideen Konstantin Stanislawskis zurück: Über Entspannungs- und Erinnerungsarbeit kommen die Schauspieler und Schauspielerinnen an ihre eigenen Emotionen, Erfahrungen und komplexen Gefühle heran, die sie im Akt des Spiels dann als anderer Charakter und gleichsam als sie selbst durchleben.

Die seit 2018 auf Netflix laufende Serie „The Kominsky Method“ spielt genau mit diesem Motiv. Es geht vordergründig um das Leben des in die Jahre gekommenen Schauspiellehrers Sandy Kominsky (Michael Douglas), doch hintergründig um nichts Geringeres als die große Frage nach dem richtigen Umgang mit einem Leben im Horizont des Todes.

Wie spielen wir die Rolle unseres Lebens?

Ständig müssen Sandys Schüler ihre eigenen Emotionen, Erfahrungen und komplexen Gefühle stellvertretend durchleben und wir, die Zuschauer, erleben sie mit ihnen und so eben auch unsere eigenen. Die facettenreiche Metapher dafür könnte sein: Es geht in der Serie darum, wie wir die Rolle unseres Lebens spielen.

Bereits die erste Szene der ersten Folge zeigt die Vielschichtigkeit der Kominsky Method. Sandy betritt die kleine Bühne in seiner Schauspielschule und sagt:

»Before we start tonight’s scene work, I just want to take a moment to talk about our craft. So, what is acting? I mean when an actor acts what is he or she or they actually doing? Well, on one level, the answer is simple. They are making believe. They are pretending.«

Und dann hält Sandy inne und schaut gebannt in die Kamera, die die Perspektive seiner Schüler zeigt. Dann fährt er fort:

»But on a much deeper level, we need to ask ourselves, what is really happening? […] What’s really happening is that the actor is playing God. Because, after all, what does God do? God creates. God says “Here is a world”, and bam! That world exists. And God says, “Here’s life” and bam again! Life happens. God says, “Here’s death,” and boom! Darkness. The darkness returns.«

Der Schauspieler spielt Gott – eine vielschichtige Metapher auf das Menschsein.

Der Schauspieler spielt Gott – was im ersten Moment wie die Selbstüberhöhung eines Schauspiellehrers erscheint, wird mit dem Wissen über das, was method acting ausmacht, zu eben jener vielschichtigen Metapher auf das Menschsein.

Dass das alles auch etwas mit der christlichen Religion zu tun hat, zeigt schon ein Hinweis auf eine sehr bekannte und vielzitierte Bibelstelle. Paulus schreibt im Galaterbrief in Bezug auf die Frage, was denn eigentlich christliche Existenz ausmacht: »Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen« (Gal 3,27).

Christlicher Glaube als besonders ausgefeilte Art des method actings?

Hinter diesem Anziehen Christi steckt, analytisch betrachtet, genau dieser hermeneutische Akt des Werdens eines anderen (Christus), ohne das eigene Selbst aufzugeben (extension of ourselves). Nun ist genau das auch die Grundidee der Endlichkeitsbewältigung des Christentums: So wie Jesus Christus gestorben und auferstanden ist, so werden auch die Gläubigen sterben und auferstehen, denn sie sind eben durch ihren Glauben nicht mehr (nur) sie selbst, sondern auch Jesus Christus.

Der Tod, so die Idee dieses hermeneutischen Verständnisses des Glaubens, verliert so seine Bedeutung als schreckliches Ende, wenngleich er schreckliches Ende bleibt. Nachzulesen ist eine solche Deutung des Todes unter anderem im berühmten Buch »Tod«, des kürzlich verstorbenen Theologen Eberhard Jüngel. Ist christlicher Glaube am Ende nur eine besonders ausgefeilte Art des method actings?

Es geht um den ganz normalen Tod.

Nein, das nicht, aber es gibt zumindest auf einer Ebene der Beschreibung des jeweiligen Aktes, eine Gemeinsamkeit zwischen Schauspielerei und christlichem Religionsvollzug. Und, das ist die eigentliche Pointe dieses Gedankens. The Kominsky Method spielt mit genau dieser Gemeinsamkeit. So ist es eben auch kein Zufall, dass es in der Serie zwar um Schauspielerei geht, aber damit eben auch um die große Frage des richtigen Umgangs mit der eigenen Endlichkeit, eines der zentralen Themen des christlichen Glaubens.

Die Serie erzählt vom Altern und der Suche nach den wichtigen Dingen im Leben. Diese Suche wird durch den ständig wartenden und immer wieder zuschlagenden Tod dramatisiert. Dabei geht es gar nicht um einen außergewöhnlichen Tod, sondern vielmehr um den ganz normalen Tod, den jeder oder jede aus der eigenen Umgebung kennt oder einmal selbst erleben wird: Altersschwäche, Krebs oder eine Kombination aus beidem.

Im Zentrum der Serie stehen Sandy und seine erwachsene Tochter Mindy (Sarah Baker), sowie in den Staffeln eins und zwei Sandys bester Freund und Agent Norman (Alan Arkin). In Staffel drei werden dann Mindys Freund und späterer Ehemann, Martin (Paul Reiser) und ihre Mutter, Sandys erste Ehefrau Roz (Kathleen Turner), wichtiger. In der ersten Staffel stirbt Normans Frau und Sandy bekommt die Diagnose Prostatakrebs. In Staffel zwei hat Sandy den Prostatakrebs zum Glück insoweit überstanden, als dass der Tumor so langsam wächst, dass er Sandy aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht mehr gefährlich werden kann.

Der Tod als geheimer Hauptdarsteller der Serie.

Dafür bekommt er nun die Diagnose Lungenkrebs in einem sehr frühen Stadium.  Außerdem hat Martin, der Freund von Sandys Tochter Mindy, der so alt ist wie ihr Vater (um die 75), einen Herzinfarkt. In Staffel drei dann ist Normann gestorben und Roz, Mindys Mutter und Sandys Exfrau, eröffnet ihnen, dass sie Leukämie im Endstadium hat. Schließlich stirbt auch sie. Es sind also tatsächlich dramatische Ereignisse, die hier geschildert werden und dennoch hat die Serie etwas von der Leichtigkeit einer guten Sitcom. Man muss (neben dem Weinen) ständig lachen und wird niemals traurig aus einer Folge entlassen.

Der Tod als geheimer Hauptdarsteller der Serie lässt die Charaktere nicht unberührt. Sandy durchläuft eine Entwicklung, die die Serie durchaus als inneres Gespräch mit sich selbst schildert. Das Aufspüren der eigenen Erfahrungen und Gefühle lässt eine Entwicklung der Rolle unseres Lebens zu.

In Staffel drei, also schon gegen Ende der Serie, spielen zwei von Sandys Schülern eine berühmte Szene aus dem Film »Titanic« nach, in der Rose und Jack (die beiden Hauptdarsteller des Films) nach dem Untergang des Schiffes im eiskalten Nordatlantik treiben und sich voneinander für immer verabschieden.

»How he or she would play those final moments…«

Nach der Vorführung ergreift Sandy das Wort. Er lobt die Leistung der beiden und macht deutlich, dass das Spielen einer solchen Sterbeszene nicht nur der Traum eines jeden Schauspielers sei, sondern eben auch zur Frage führt, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch stirbt. Denn genau darum gehe es, getreu der Idee des method acting, genau das müsse nachgefühlt werden, wenn man so eine Szene spiele. Er fragt:

»How he or she would play those final moments as the life force slowly slips away, as we teeter at the edge of nonexistence […] the moment when you know its coming? When you fully surrendered to the ultimate magic trick. When we really and truly disappear.«

Seine Antwort ist, dass es nicht um ein Sagen von letzten Worten oder um ein Darstellen nach außen geht (was ja oft in Filmen vorkommt), sondern um eine interne Kommunikation, in der sich der sterbende Mensch fragt, ob dieser ultimative Zaubertrick nun wirklich an einem selbst durchgeführt wird und genau dieses Moment nicht wirklich fassen kann. Bin das wirklich ich, der hier stirbt?, so könnte man diese interne Kommunikation versuchen zu beschreiben.

The Old Man – die Rolle seines Lebens.

Am Ende der Serie erfüllt sich für Sandy ein großer Traum. Er ist zwar ein großer Lehrer, aber als Schauspieler selbst war er nicht erfolgreich. In einem Cameo-Auftritt wird er von Barry Levinson als Old Man für ein Remake der 1958er Verfilmung von Hemingways The Old Man and the Sea gecastet.

Diese Jahrhundert-Erzählung handelt bekanntlich von dem alten Fischer Santiago, dem niemand mehr etwas zutraut und der an sich selbst und seiner Fähigkeit als Fischer (seinem Sinn im Leben) zweifelt, dann aber den größten Fang seines Lebens macht. Doch Haie kommen und fressen am Fleisch. Der alte Mann schafft es vier von ihnen zu töten, doch das reicht nicht. Am Ende erreicht er den Hafen nur noch mit einem Skelett im Schlepptau.

Es ist die große Erzählung vom Menschen im ewigen Kampf mit der Natur und ihrem unerbittlichen Endlichkeitsdruck, die Hemingway hier genial in ein so schmales Buch gegossen hat. Sandy legt sein ganzes Leben in diese Rolle, er ist der Old Man und uns als Zuschauer wird klar, dass er damit die Rolle seines und unser aller Lebens spielt.

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Konstantin Sacher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie der Universität zu Köln und Schriftsteller.

Bild: Netflix Medien-Center, Startbildschirm: „The Kominsky Method“


Vom Autor zuletzt bei feinschwarz.net erschienen:

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