Religion im Modus ihrer Abstreitung: Zu Sloterdijks „Den Himmel zum Sprechen bringen“

Sloterdijk Himmel Coverbild

Peter Sloterdijk hat ein Werk über Theopoesie verfasst. Die Pointe: Er selbst ist dabei theopoetisch am Werke, meint Konstantin Sacher.

Peter Sloterdijks Dissertation von 1976 trägt in ihrer publizierten Fassung den schönen Titel „Literatur und Lebenserfahrung“. Er widmet sich darin autobiographischen Schriften der Weimarer Zeit. Dabei leitet ihn die Frage, wie aus einer Lebenserfahrung eine Lebenserzählung wird. Er fragte sich: Welche Prozesse sind hier am Werk? Wie verhält sich das eine (Lebenserfahrung) zum anderen (Lebenserzählung)? Wie entsteht eine solche Lebenserzählung? Woher bekommt sie eigentlich ihren Sinn?

Eine Lebensgeschichte unter dem Denkmantel einer Religionsgeschichte.

Gleich in der Einleitung fällt folgender Satz: „Die dargestellten Lebensgeschichten sind selbst sichtbare Resultate der Lebenserfahrungen – Resultate im doppelten Wortsinn, subjektiv als gestaltete Lebensbilanzen, objektiv als Endprodukte einer biographischen Kette, die am Ende eben diese Selbstdarstellung abwirft“ (8).

Sein neues Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ scheint mir so eine Geschichte zu sein. Es handelt sich zwar um keine explizit autobiographische Lebensgeschichte, sondern um eine Religionsgeschichte. Sie lässt sich aber vielleicht als Lebensgeschichte unter dem Denkmantel einer Religionsgeschichte lesen. Wenn das so wäre, hätte das Buch trotz aller noch zu nennenden Schwächen eine schöne Pointe.

Das Verfassen einer Autobiographie ist ja eher ein Privileg älterer Menschen, wenn auch Ausnahmen die Regel bestätigen (Lothar Matthäus). Es gehört eben schon eine gewisse Lebenserfahrung dazu, damit Literatur aus dem Erfahrenen wird. Nun ist bisher noch nicht bekannt, dass Peter Sloterdijk an einer Autobiographie arbeiten würde. Allerdings ließ er bereits vor drei Jahren einen gewissen Peer Sloterdijk mit den Fachgebieten Philosophie und Ästhetik als einen der Protagonisten in seinem Roman „Das Schelling-Projekt“ auftreten – darauf kommen wir gleich noch einmal zurück.

Sloterdijk redet von Gott wie es alternde Philosophen eben machen.

Dennoch, also obwohl er nicht an einer Autobiographie arbeitet, möchte ich die These vertreten, dass sein hier zu besprechendes Buch eben durchaus autobiographische Züge hat. Was beim Thema Religion aber auch fast schon in der Sache selbst liegt. In Abwandlung eines bekannten Satzes aus Rudolf Bultmanns Aufsatz „Welchen Sinn hat es von Gott zu reden?“ ließe sich sagen: Es zeigt sich also: wer über Gott redet, redet von sich selbst.

Und auch der gleich anschließende Satz in Bultmanns Aufsatz passt. Er fragt nämlich: Aber wie? Ja, wie redet Sloterdijk denn von Gott? So wie es alternde Philosophen eben machen. Denn es ist ja noch so ein eher der letzten Lebensphase zugehöriges Phänomen, dass sich Philosophen noch einmal dem Thema der Religion annehmen und dabei möglichst ihr gesamtes erlesenes Wissen mit in Anschlag bringen. Sloterdijk ist hier in Gesellschaft von so wohlklingenden Namen wie Jürgen Habermas oder Volker Gerhardt.

Und so dachte ich während des Lesens, ganz in der Rolle des sehr interessierten Lesers, der keineswegs despektierlich über die Erzähl- und Erklärlust des Autors reden möchte, gleich kommt sie bestimmt, die Pointe, das Neue, das warum Sloterdijk dieses Buch geschrieben hat. Und sie kommt auch, aber erst ganz am Ende.

Sloterdijks Bemerkungen dürften bei den wenigsten einen heiligen Schauer auslösen.

Vorher legt Sloterdijk in nicht enden wollenden und sich zwar nicht inhaltlich, aber sachlich wiederholenden Erzähl- und Erklärbewegungen dar, dass Religionen Dichtungen seien, „die kategorisch abstreiten, Dichtungen zu sein“ (98). Theologie sei daher, richtig verstanden, Theopoesie. Das ist, je nachdem was man unter Theologie und Theopoesie versteht, eine ganz schöne, aber eben auch nicht außergewöhnlich originelle These. Sie dürfte nicht nur bei den Gebildeten unter den Verächtern der Theologie schon länger bekannt sein.

Und auch Sloterdijks Bemerkung, dass religiöse Sprache „den Bereich des Erfundenen, Ausgedachten, Übersteigerten zu keiner Zeit“ (63) verlassen kann,
dürfte bei den Wenigsten einen heiligen Schauer auslösen.

Oberflächlich betrachtet ist das die Grundbotschaft des ganzen Buches, das aus zwei mehr oder weniger zusammenhängen Teilen besteht. Der erste Teil geht auf einen Vortrag zurück, den Sloterdijk 2019 im Rahmen einer Reihe mit dem Titel „Nach Gott. Reden über Religion nach ihrer Entzauberung“ in Freiburg gehalten hat. Der zweite Teil ist ein zu lang geratener Aufsatz (198 Seiten) für die Festschrift zu Jan Assmanns achtzigstem Geburtstag, der zu spät fertiggestellt wurde.

Im letzten Lebensviertel wird die ganze Sache mit Gott nun irgendwie wieder präsenter und sucht einen Ausdruck.

Beide Texte mussten wohl noch irgendwo erscheinen, sodass sich der Suhrkamp-Verlag dachte, warum nicht gemeinsam als Buch über Theopoesie. Dem ersten Text (bis Seite 137) merkt man noch irgendwie an, dass es um Theopoesie gehen soll. Nach und nach verschwindet dieses Thema jedoch unter ausführlichen Erklärschleifen. Es kommt erst ganz zum Schluss wieder zum Vorschein: im letzten Kapitel, das wohl das interessanteste des Buches ist.

So liest sich das Buch eben wie die Gelehrten-Autobiographie eines Geisteswissenschaftlers, der soviel gelesen hat, dass Erlebtes und Erlesenes irgendwie zu einem werden. Im letzten Lebensviertel wird die ganze Sache mit Gott nun irgendwie wieder präsenter und sucht in der Form theopoetischer Denkbewegungen einen Ausdruck. Die hintersinnige Pointe dabei ist aber eben, dass zwar vorgeben wird, dass das Werk über Theopoesie handelt, der Autor aber eigentlich selbst theopoetisch am Werke ist.

Gott ist tot und Religion entzaubert – aber irgendwie muss man dennoch darüber reden.

So geben sich die gesammelten Erzähl- und Erklärschleifen selbst den Anschein unwahrscheinlicher Distanz zu ihrem Gebiet. Gott ist tot, na klar, und auch die Religion ist entzaubert – aber irgendwie muss man dennoch darüber reden. Und so redet Sloterdijk immerhin 340 Seiten lang von Gott und Religion als wären beides Themen für sich, die sich aus dem Gesamtgefüge des Menschseins herausschneiden und exklusiv betrachten ließen.

Dabei wird zwar einerseits eine Schicht über die andere gestapelt, um die eigene Betroffenheit vom Thema zu überdecken. Andererseits arbeitet sich allerdings das eigene theopoetische Interesse des Autors immer wieder durch diese Schichten an die Luft. Es schaut wie ewie der blinde Maulwurf aus seinem Hügel über den textlichen Acker der Ausführungen.

Religiöse Philosophen-Kunst: Was Sloterdijk über sich selbst und damit wiederum über Gott sagt.

Denn was unternimmt ein Autor, wenn er seine gesammelten Fundstücke über Religion präsentiert? Entweder er hat eine These, die er zur Diskussion stellen möchte. Oder er versucht schreibend seine mentale Datenbank zu sortieren, weil er nach dem Sinn der eigenen Sammlung sucht. Es scheint eben so, wie es Sloterdijk über die Autobiographien in seiner Dissertation geschrieben hatte: Die dargestellten religionsgeschichtlichen Fundstücke sind selbst sichtbare Resultate der Lesenserfahrungen – wie Bultmann es schon sagte: sie sind das, was er über sich selbst und damit wiederum über Gott sagt.

Dabei liegt die entscheidende Erkenntnis nicht nur in den Ausführungen seiner Dissertation, sondern auch im aktuellen Buch offen zutage. Ganz zum Ende schreibt er, dass einer richtig verstandenen Religion „sich nämlich die Beobachtung auf(zwingt), daß auf ihrem eignen Gebiet, dem der Auslegung der Existenz im Horizont ihrer Zufälligkeit, Endlichkeit, Glücksbedürftigkeit und Kommunikativität, zwei andere Kräfte mit ihr zugleich aktiv sind: die Künste und die Philosophien“ (334). Hier verdichtet sich das ganze Programm des Buchs. Es ist: religiöse Philosophen-Kunst.

Das ist schon fast Religion: im Modus ihrer Abstreitung.

Sloterdijk legt nicht nur die Existenz der Religion im Horizont ihrer Zufälligkeit, Endlichkeit, Glückbedürftigkeit und Kommunikativität aus, sondern gleichzeitig auch seine eigene Existenz. Er spürt die Bedeutung der Letzten Fragen der Religion im eigenen Leben und wendet sich ihr zu. Er tut das in seiner ganzen Belesenheit und Sprachmächtigkeit und in der Erwartung auf Resonanz. Und das ist eben schon fast Religion: Das Nicht-Aufhören zu suchen, das Weiterfragen, das Warten auf Resonanz im Horizont des sich langsam nähernden Endes des Lebens. Genau das ist eben schon fast Religion: der zwar unter Belesenheit und vermeintlichem Über-den-Dinge-stehen versteckte, aber letztlich durch das ganze Buch hallende Ruf: eli eli lama sabachthani. Religion im Modus ihrer Abstreitung.

Gehofft, dass jemand schreit: Aber nein!

In seinem Roman das Schelling-Projekt lässt Peter Sloterdijk seinen Protagonisten Peer Sloterdijk erzählen, er habe ein Buch über Religion geschrieben, in dem er den Vorschlag unterbreitet habe, „Theologie als Poetik neu zu formulieren“ (30). Die Resonanz von Seiten der Theologen, sagt Peer Sloterdijk, sei „bisher distanziert zustimmend, was mich ein wenig wundert, da Theologen meistens wie Pflichtverteidiger Gottes agieren“ (30).

Im Roman wird deutlich, dass darauf die Sloterdijks gehofft haben: dass jemand schreit: Aber nein, Gott, den kann man doch nicht als Produkt der Poesie abtun. Sie hatten darauf gehofft, weil es doch ganz schön ist, wenn man schon selbst nicht an ihn glauben kann, wenigstens jemand anders das für einen übernehmen könnte – dann hat sich die Sache zumindest noch nicht ganz erledigt. Und so möchte ich ihm zurufen: Aber nein, Gott, ist doch nicht nur ein Produkt der Poesie, wenn er auch ein Produkt der Poesie ist.

__

Dr. Konstantin Sacher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie der Universität Leipzig und Schriftsteller.

Beitragsbild: Buchcover


Literatur

Rudolf Bultmann: Welchen Sinn hat es von Gott zu reden? In: Ders.: Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze. Mohr Siebeck: Tübingen 1933, 26-37.

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie. Suhrkamp Verlag: Berlin 2020.

Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt. Bericht. Suhrkamp Verlag: Berlin 2018.

Peter Sloterdijk: Literatur und Lebenserfahrung. Autobiographien der Zwanziger Jahre. Carl Hanser Verlag: München/Wien 1978.

Print Friendly, PDF & Email