„Wir sollten reden …“: Plädoyer für ein Gespräch zwischen Praktischer und Biblischer Theologie

Verena Suchhart-Kroll schlägt ein Gespräch zwischen Biblischer und Praktischer Theologie vor: über die gemeinsamen Unsicherheiten und Herausforderungen bezüglich des eigenen Theologie-Verständnisses.

Bei der Betreuung von Bachelorarbeiten mit religionspädagogischem bzw. praktisch-theologischem Schwerpunkt begegnet mir immer wieder ein merkwürdiges Phänomen: Studierende planen in ihren Gliederungen, ihr Thema einerseits religionspädagogisch und andererseits auch theologisch zu reflektieren. Es wirkt fast so, als ob an die praktisch-theologische Auseinandersetzung noch eine ‚wirklich theologische‘, d.h. oftmals systematische Reflexion angeschlossen werden müsse, um abzusichern, dass die Arbeit auch tatsächlich in die Theologie gehört.

Eine gewisse Unsicherheit scheint verständlich.

Damit scheinen die Studierenden relativ treffsicher eine Stimmung im Fach aufzunehmen. Christian Bauer bringt sie mit einer Formulierung auf den Punkt: Die Praktische Theologie neige in „notorischer Weise zu epistemologischer Selbstverzwergung“[1]. Eine gewisse Unsicherheit scheint aber auch verständlich. Schließlich ist die Praktische Theologie zum einen in ihren methodischen Zugängen, inhaltlichen Ausrichtungen, Referenzsystemen u.v.m. sehr plural.

Darüber hinaus ist zum anderen ihr Bezug zu pastoraler Praxis bzw. im religionspädagogischen Bereich auch zu Bildungspraxen in einer guten Balance aus Nähe und Abgrenzung besonders herausfordernd. Wirkt die Systematische Theologie, deren Status als theologisch-wissenschaftliche Sektion niemand bestreiten würde, da wie ein Sicherheit gebendes Gegenüber?

In den inner-exegetischen Fachdiskussionen werden sehr ähnliche Grundsatzfragen gestellt.

Ich möchte an dieser Stelle einmal dafür werben, eine andere Gesprächspartnerin zur praktisch-theologischen Reflexion über das eigene Selbstverständnis einzuladen: die Biblische Theologie. Ein genauerer Blick in die inner-exegetischen Fachdiskussionen zeigt, dass bei ihr geradezu spiegelbildlich sehr ähnliche Grundsatzfragen gestellt und wissenschaftstheoretische Debatten geführt werden. Wo jetzt aber zwei Sektionen vor den gleichen Fragen und Problemen stehen und diese z.T. aus ähnlichen, z.T. aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandeln, kann der Austausch nur gewinnbringend sein. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte skizzieren, die in einem solchen Gespräch genauer betrachtet werden könnten.

Zunächst lässt sich wie in der Praktischen auch in der Biblischen Theologie eine Unsicherheit finden: über das eigene Theologie-Sein, die eigene Rolle im theologischen Diskurs. So schreibt Knut Backhaus: „Es ist heute fraglich, welchen Ort, welches Recht und welchen Nutzen die Exegese im Rahmen der Theologie besitzt“[2]. Thomas Söding formuliert: „Sie steht auf einem hohen Reflexionsniveau, steckt aber in einer tiefen Orientierungskrise“[3].

Ist das eigene Forschen legitimerweise Teil von Theologie und nicht woanders besser aufgehoben?

Zwar besteht in der Exegese nicht die Sorge, als „marginaler Anwendungsdiskurs am Rande der Wissenschaftlichkeit“[4] wahrgenommen zu werden. Exeget*innen sehen aber die Notwendigkeit eines Ausweises, dass das eigene Forschen legitimerweise Teil von Theologie ist und nicht vielleicht besser in den Geschichtswissenschaften bzw. bei der Altorientalistik aufgehoben ist – gerade wenn man über Deutschland hinausschaut.

Im Gespräch beider Sektionen könnten sich also folgende Fragen anschließen: Was macht eine theologische Disziplin theologisch und was macht sie wissenschaftlich? Und wie ist es möglich, dass gleich zwei Sektionen der Theologie Unsicherheit über ihre eigene Rolle im Gefüge der Sektionen benennen? Müsste von dort her nicht vielleicht ein breiteres Verständnis davon formuliert werden, was Theologie eigentlich alles umfasst?

Fragen nach Vielfalt und Einheit des Faches lassen sich an Fragen der Hochschullehre illustrieren.

Auch die Fragen nach der Vielfalt von Methoden und Ansätzen sowie nach einer Einheit des Faches ist der Exegese nur zu vertraut. Man denke nicht nur an die Entwicklungen feministischer, befreiungstheologischer, postkolonialer und anderer Ansätze, sondern gerade auch an die intensiv geführten Debatten zwischen historisch-kritischer und kanonischer Exegese.

Auch das lässt sich ganz praktisch an Fragen der Hochschullehre illustrieren: Im Seminar „Einführung in die Methoden der Exegese“ frage ich mich, was ich meinen Studierenden neben den historisch-kritischen Methoden, die weiterhin als klassisches Methodeninstrumentarium bzw. als Standard gelten, noch vermitteln sollte. Was brauchen sie, um ein breiteres Bild von der Fachkultur und den exegetischen Ansätzen zu bekommen und das an Kompetenzen zu erwerben, was für einen sicheren Umgang mit biblischen Texten hilfreich ist? In diesem Kontext ist für mich als Lehrende vielleicht hier und da mehr Experimentierfreude mit der Vielfalt der Perspektiven sinnvoll.

Im Seminar „Einführung in die Methoden der Praktischen Theologie“ versuche ich dagegen, das breite Bild der Fachkultur und der Ansätze anzudeuten, suche aber zugleich nach Methoden-Voraussetzungen, die ich Studierenden auf jeden Fall mitgeben sollte: Wäre es z.B. sinnvoll, wenn alle Theologiestudierenden Grundkenntnisse empirischen Forschens erwerben würden? Sollte es generell mehr Übereinkünfte geben, was in einem Einführungsseminar in die Praktische Theologie auf jeden Fall an Standards gelehrt werden müsste? Oder ist es gerade eine Stärke, dass hier die Vielfalt der Ansätze und Schwerpunkte nebeneinandersteht?

Auch die Frage nach der Verantwortung gegenüber der Kirche wird in Praktischer und Biblischer Theologie gestellt.

Schließlich wird auch die Frage nach dem Verhältnis von Theologie und Praxis oder genauer nach der Verantwortung gegenüber der Kirche bzw. der Glaubensgemeinschaft in Praktischer und Biblischer Theologie gestellt. In seinem „Weckruf für mehr Verbindlichkeit“ hat Matthias Sellmann – hier auf feinschwarz.net – z.B. mit nachdrücklicher Sorge formuliert, wenn die Kirche ein Schiff sei, das in der gegenwärtigen Kirchenentwicklung unterzugehen drohe, dann nehme die Theologie zu oft eine unverbindliche bzw. unzuständige Haltung ein: „Man kokettiert damit, hier die Antwort schuldig bleiben zu müssen: schließlich sei man nur Beobachter. Hat Pastoraltheologie etwas ihren Sitz auf der Eisscholle nebenan?“[5]

Weckruf für mehr Verbindlichkeit

Die Frage nach Teilnehmenden und Beobachtenden nimmt auch Christoph Dohmen auf, wenn er schreibt: „Es ist das Dilemma wissenschaftlicher Theologie, dass sie sich zwischen der Position des Beobachters, die ihr durch die Teilhabe am Wissenschaftsbetrieb abverlangt wird, und der Position des Teilnehmers, die sich aus der Zuordnung der Theologie zur Glaubensgemeinschaft ergibt, […] bewegt.“[6]

Sich gemeinsam der Herausforderung des eigenen Theologie-Verständnisses stellen: Das könnte sicherlich spannende Perspektiven eröffnen.

Ob das Gegenüber von Beobachtenden, d.h. historisch-kritischen Exeget*innen, und Teilnehmenden, d.h. kanonischen Exeget*innen, so tatsächlich am treffendsten beschrieben ist, kann hier nicht besprochen werden. Aber die sich darum entzündende Diskussion ist lohnenswert und dieselbe, die auch Sellmann anregt: Was ist die Rolle von Biblischer bzw. Praktischer Theologie gegenüber der Glaubensgemeinschaft bzw. der Kirche? Wo sollte sie sich in Dienst nehmen lassen, bei konkreten Praxisfragen helfen und wo sollte sie darauf achten, sich nicht vereinnahmen zu lassen, um kritisches Korrektiv oder prüfende und begleitende Instanz sein zu können?

Diese kleinen Beobachtungen sind nur ein paar der vielen, bestimmt auch naheliegenden Gemeinsamkeiten zwischen Biblischer und Praktischer Theologie in der Diskussion um das eigene Selbstverständnis als theologische Disziplinen. Sich als Praktische und Biblische Theologie gemeinsam der Herausforderung des eigenen Theologie-Verständnisses zu stellen und das einmal nicht zuerst im Verhältnis zur Systematik zu tun, könnte sicherlich spannende Perspektiven eröffnen.

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Verena Suchhart-Kroll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster.

Bild pixabay.com

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Ebenfalls von der Autorin bei feinschwarz.net erschienen:

Wen zitiere ich (nicht)? Macht in der theologischen Wissensproduktion

TZI digital: Digital Lehre gestalten


[1] Bauer, Christian: Konstellative Pastoraltheologie. Erkundungen zwischen Diskursarchiven und Praxisfeldern. Praktische Theologie heute, Bd.146 (Stuttgart: Kohlhammer, 2017), S.24.

[2] Backhaus, Knut: „Aufgegeben? Historische Kritik als Kapitulation und Kapital von Theologie“, in Zeitschrift für Theologie und Kirche 114 (2017), S.260-280, hier 260.

[3] Söding, Thomas: „Aufbruch zu neuen Ufern. Bibel und Bibelwissenschaft in der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil und darüber hinaus“, in: Ders. (Hg.): Geist im Buchstaben? Neue Ansätze in der Exegese. Quaestiones Disputatae, Bd. 225 (Freiburg: Herder, 2007), S.11-34, hier S.11.

[4] Bauer, Christian: Konstellative Pastoraltheologie, S.24.

[5] Sellmann, Matthias: „Weckruf für mehr Verbindlichkeit“, feinschwarz (16.4.2019).

[6] Dohmen, Christoph: „Vielfältig wie die Bibel selbst. Aktuelle Tendenzen in der alttestamentlichen Wissenschaft“, in: Herder Korrespondenz Spezial. Glauben denken. Theologie heute – eine Bestandsaufnahme (2008), S.21-25, hier S.21.

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