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Initiativen, Aktionen, Versuche des seelsorglichen Handelns während der Pandemie. Gedanken und Anfragen einer „digital affinen Funktionspastorin im Homeoffice mit dem Arbeitsschwerpunkt Gottesdienst“, Birgit Mattausch (Hildesheim).

Wahrscheinlich war immer schon alles gleichzeitig-ungleichzeitig. Sowieso und in der Kirche eben auch. Während der Pandemie allerdings hat sich das wohl noch verstärkt. Ein Gap ist entstanden oder: ist unübersehbar geworden.

Eine kleine Liste von dem, was ich wahrnahm – aus meiner Perspektive einer digital affinen Funktionspastorin im Homeoffice mit dem Arbeitsschwerpunkt Gottesdienst:

Hauptsache es tut gut und tröstet und lässt Jesus gegenwärtig sein auf Sofas, in Küchen, auf Balkons.

Während im Vorfeld des ÖKT debattiert wurde, ob es eine gegenseitige Einladung „an den Tisch des Herrn“ geben könne, feierten katholische Theologen aus Zürich und evangelische Pfarrerinnen aus Berlin längst mit ihrer Online-Gemeinde regelmäßig Abendmahl. Oder Eucharistie. Oder Brotbrechen und Weintrinken. Wie es heißt, ist ihnen nicht wichtig. Hauptsache es tut gut und tröstet und lässt Jesus gegenwärtig sein auf Sofas, in Küchen, auf Balkons. In einer Kachel streichelt jemand einen Hund.

Während in manchen Gemeindebriefen beim ersten Lockdown stand, dass man ja nun nichts mehr drucken könne, weil ja nichts mehr los sei, haben andere kleine Anleitungen geschrieben zum Beten und Feiern. Sie haben die Tageslosung oder ein kleines Video in ihren WhatsApp-Status gestellt und Kerzen auf Bestellung in ihren Kirchen angezündet und gebetet.

Während eine Ministerpräsidentin a.D. sagte, die Kirche sei während Corona abgetaucht, fuhren welche an Heiligabend mit Autokorsos durch hessische Dörfer. Aus dem Schiebedach winkte ein Engel mit goldenen Flügeln und über Lautsprecherboxen wurde die Weihnachtsgeschichte gelesen.

Während die Websites mancher kirchlicher Institute derart kompliziert in der Benutzung waren, dass nur eine einzige Eingeweihte etwas einstellen konnte und alles deshalb viel viel zu lang dauerte, legten andere das, was sie geschrieben hatten und was für andere nützlich sein konnte, auf Facebook, Twitter und Instagram. Von wo es welche aus anderen Kirchen mit schnelleren Websites nahmen.

Während sich welche mit sorgenzerfurchter Stirn Gedanken machten um die Ökumene (wegen Abendmahl, Segenfüralle und was es da sonst noch so gibt), während grade vorpandemisch noch Arbeitsgruppen gebildet worden waren, um von der Pastor*innenzentriertheit wegzukommen und multiprofessionelle Teams bedeuteten: vielleicht noch eine Diakonin und einen Kirchenmusiker dazu, während man vorsichtig darüber sprach, landeskirchenübergreifend zu denken – habe ich spätestens seit März 2020 beinahe täglich (manchmal eher nebenbei, manchmal konzentriert und gezielt) zusammengearbeitet mit welchen aus der EKBO, aus Baden, der Erzdiözese Freiburg, der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Reformierten Kirche Zürich, der EKM, dem Bistum Hildesheim, der EKD, der Nordkirche, Württemberg, der EKKW. Ich hatte von mir und anderen angestoßene Projekte zusammen mit Katholik*innen, Baptist*innen und welchen, deren Konfession ich gar nicht weiß – ihre Berufe waren: Pastoralreferent*innen, Kulturwissenschaftler*innen, IT-Leute, Musiker*innen, Priester, Pastor*innen, Sozialarbeiter*innen, Autor*innen, Eventmanager*innen.

Schnüre und Bügelbretter wurden zu liturgischem Equipment, Ideen wurden weitergereicht, Predigten gemeinsam vorbereitet, Sauerteig und Zwiebeln durch die halbe Republik geschickt

Während beinahe jede dienstliche Videokonferenz begonnen wurde mit einem Bedauern über die fehlende Gemeinschaft, wurde in anderen digitalen Zusammenkünften gebetet für persönliche Anliegen, die man in den Chat schreiben konnte. Schnüre und Bügelbretter wurden zu liturgischem Equipment, Ideen wurden weitergereicht, Predigten gemeinsam vorbereitet, Sauerteig und Zwiebeln durch die halbe Republik geschickt. Und Sonntagmorgens konnte und kann, wer will, einen Gottesdienst via Messengerdienst feiern (weshalb ich dank Abo nun auch immer weiß, welcher Text und welches Thema gerade in der katholischen Kirche liturgisch im Mittelpunkt steht).

Während in vorpandemischen Zeiten geklagt wurde, dass sich die hauptamtlichen Christenleute nicht zu Fortbildungen bewegen ließen (außer wenn diese auf nordfriesischen Inseln sind), waren nun digitale Adhoc-Workshops so voll, dass manche sie fünfmal wiederholten und andere sie aus Mangel an personellen Ressourcen nur noch intern bewerben konnten (während wieder andere gar nicht erst den Versuch machten, nötiges Wissen und Erfahrungen auf diese Weise weiterzugeben).

Während manche sagten … handelten andere

Während manche sagten, nun könne man ja grade gar keine schönen neuen Formate entwickeln, denn es ginge ja nichts mehr mit Abstand, Masken, Anmeldeformularen, räumte ein Pastor bei Hamburg seine Kirche leer und installierte monatlich wechselnde begehbare Liturgien, trug Bäume in den Raum und hängte Wolken auf. Ein Pfarrer aus Thüringen betete mit seinen Leuten an Haustüren. Ein Team aus Niedersachsen verteilte Strassenkreide in jeden Haushalt seiner Kleinstadt. Eines aus Hamburg konfirmierte in Gärten und Vorgärten. Viele tauften draußen, ließen die Eltern das Wasser über die Babyköpfe schütten. Manche buken mit ihren Konfirmand*innen das Abendmahlsbrot via Zoom.

Während alle möglichen kirchlichen Sachverständigen sagten, dass es ja schon bedauerlich sei, dass im Internet von der Kirche nur gesendet werde, so einseitig, so pfarrzentriert, so wenig beteiligend, gab es eigentlich keine Zoomgottesdienste, die ohne eine Beteiligung auskamen, die weit mehr beinhaltete als die in den meisten analogen Gottesdiensten. Ein christliches feministisches Kollektiv lud auf Instagram in der Kirche sonst wenig vertretene FINTA immer wieder in seine Andachten und Themenwochen ein, nicht zum Zuhören, sondern zum selber Glaubens-Content produzieren. Der Hashtag #wirsehenpfingstrot generierte weit über 1000 Posts. Leute fotografierten sich wegen #gehausmeinherz eine Woche lang #miteinemgrünenkleide und teilten einen November lang unter #keinebange alles, was ihnen half zu vertrauen, dass Gott es gut mit ihnen meine.

mehr Seelsorger*innen gewesen als je zuvor

Während manche Pastor*innen klagten, sie wüssten nicht mehr, wie sie ihrem Ordinationsversprechen nachkommen sollten, Seelsorge unter diesen Bedingungen sei unmöglich, boten andere Gesprächsspaziergänge an, chatteten, zoomten, telefonierten und sagten, sie seien mehr Seelsorger*innen gewesen als je zuvor.

Und während es nun bestimmt bald wieder und wieder darum gehen wird, wie nun die Kirche der Zukunft sei, wie man alle mitnehmen kann und sich niemand übergangen fühlt, weiß ich ganz sicher: ich will eigentlich nur in der Gegenwart sein: postkonfessionell, interdisziplinär, verbunden, teilend, initiierend, aber auch freigebend. Will mit anderen von Herzen sprechen und posten und zoomen und mich treffen –  wie in den letzten anderthalb Jahren eh schon – und vor allem: einfach machen.

Was ich nicht weiß, ist, wie ich all das denen sagen und erklären soll, die nicht auf Social Media sind, nichts wissen von dieser andauernden Vernetzung

Was ich nicht weiß, ist, wie ich all das denen sagen und erklären soll, die nicht auf Social Media sind, nichts wissen von dieser andauernden Vernetzung, Kommunikation, Anteilnahme, Weitergabe, kein Teil sind von diesem völlig anderen Mindset – ein Teil meiner Kolleg*innen und die, die entscheiden über Ausbildung, Fortbildung, Ressourcen, Mitsprache-Üblichkeiten, Arbeitsschwerpunkte. Sie fragen nicht. Nie. Und wenn ich doch etwas davon erzähle, dann ist es, als spräche ich eine andere Sprache. Und das tue ich wohl auch.

Während um mich herum über Imageflyer aus Papier debattiert wird und intern bereits 2023 (!) geplant wird, denn was kann schon passieren, bleibe ich ratlos und immer müder und hilfloser zurück.

Ich weiß es nicht. Kann jemand helfen? Nach Möglichkeit schnell.

Aber vielleicht stimmt das ja auch gar nicht und sie sind in Wahrheit so ratlos wie ich. Oder sie wissen Rat. Und ich verstehe ihn nicht.
Vielleicht müssten wir nur ein*e Übersetzer*in finden und einen Ort und Zeit.
Vielleicht.
Ich weiß es nicht.
Kann jemand helfen?
Nach Möglichkeit schnell. Denn ich bin eigentlich schon mitten drin, zu denken: es ist mir die Mühe nicht mehr wert.
Ich habe Besseres zu tun.

Autorin: Birgit Mattausch ist Pastorin in Hildesheim, Referentin im Arbeitsbereich Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster, Playing Artist und *Inspirateuse

Beitragsbild: Steffen Paar, Kirche in Sülfeld bei Hamburg

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