Kehrtwende der Gemeinden!

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Den Kirchen in Deutschland steht eine dramatische Entwicklung bevor. Claudia Pfrang empfiehlt, bei vorhandenen Ressourcen anzusetzen und Zufälle zu nutzen.

Bis 2035 werden 20% weniger Kirchenmitglieder erwartet. Die Anzahl der Gottesdienstteilnehmer*innen sinkt von Jahr zu Jahr. Geht der Trend so weiter – und alles deutet darauf hin, dass sie gerade nach Corona nicht voller werden –  sitzt bald niemand mehr in den Kirchenbänken. Gleichzeitig lassen sich immer weniger Menschen für einen kirchlichen Dienst, sei es als Priester, Diakon oder pastorale Mitarbeitende gewinnen. In der Erzdiözese München und Freising geht man davon aus, dass bereits 2030 30% weniger Personal in allen pastoralen Berufsgruppen zur Verfügung steht. Eine im Mai 2019 veröffentlichte Mitgliederprognose der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland für 2060 prognostiziert, dass sich die Zahl der Mitglieder bis dahin um fast die Hälfte (49%) verringern wird. Neu ist dabei die Erkenntnis, dass der Rückgang stärker auf dem Tauf- und Austrittsverhalten als auf dem demographischen Faktor basiert.1 Die derzeitige Corona-Situation wird die Zukunftsprobleme noch verschärfen.

Bald sitzt niemand mehr in den Kirchenbänken.

Menschen suchen das, was für sie Relevanz hat. In den letzten Wochen wurde überdeutlich, was soziologische Befunde2 schon lange zeigen: Kirchen sind nur noch für einen geringen Teil der Menschen von Relevanz, systemrelevant sind sie nicht mehr. Erfolgreich sind Kirchen und Religionsgemeinschaften dann, wenn es ihnen gelingt, den Transzendenzbezug wieder zurück ins Leben der Menschen zu holen.3 Wo aber sind die Kirchen in der aktuellen Situation, in der viele Menschen die Sinnfragen wieder neu stellen? Wo bleiben die Gemeinden vor Ort? Wie vermitteln sie den Menschen – jenseits von Streaminggottesdiensten –, was ihr Auftrag ist: Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes unter den Menschen zu sein? Wie vermitteln sie ganz praktisch, dass Gott da ist, unter uns ist? Wo gibt sie Tost und Halt? Wie können Menschen heute für ihr Leben und ihren Alltag den Reichtum des Glaubens und damit seine Relevanz für ihr Leben wieder neu erfahren? Dies sind die Schlüsselfragen für die Kirche und die Pastoral der Zukunft.

Menschen suchen das, was für sie Relevanz hat.

Sicher ist: Wir stehen am Übergang zu einer neuen Art von Kirche und Gemeinde. Die kirchlichen Transformationsprozesse werden sich wohl in den  nächsten Jahren noch beschleunigen. Das spüren auch die Verantwortlichen und Engagierten in den Pfarrgemeinden sehr deutlich. Doch wie können sie neue Wege gehen – neue Wege, die Relevanz für die Menschen entfalten können? Wie können wir das Kirchenschiff steuern in diesen unübersichtlichen Zeiten?

Effectuation (engl. to effectuate: etwas bewirken), so nennt sich ein Managementansatz, der in unsicheren und unüberschaubaren Zeiten zur aktiven Gestaltung bei den vorhandenen Ressourcen (und nicht nur denen der Kerngemeinde) ansetzt. Er stammt aus der „Entrepreneurship-Forschung“4, und seine vier Grundsätze5 können auch für die Gestaltung von Veränderungsprozessen in der Kirche hilfreich sein:

Bei vorhandenen Mitteln ansetzen und das Netzwerk nutzen:

Welche Mittel haben wir, um ein bestimmtes Vorhaben anzugehen? Was können wir mit wem anpacken und sofort umsetzen? Mit dieser Herangehensweise lassen sich kleine überschaubare Projekte („Schnellboote“) leichter starten und es können sog. „quick wins“ entstehen. Diese motivieren wieder für die nächsten Schritte. Die Menschen in der Pfarrgemeinde verfügen häufig über ein weitverzweigtes Netzwerk. Dies ermöglicht es, weit über die Gemeinde hinaus Kontakte zu knüpfen, Ideen zu multiplizieren, Potenziale zu entdecken und Menschen außerhalb der Kerngemeinde für Vorhaben zu gewinnen. Angesichts der Corona-Beschränkungen haben zum Beispiel zu Palmsonntag Pfarreimitglieder zusammen mit einer ortsansässigen Gärtnerei Zweige mit Grußworten versehen und an die Haustüren gebracht.

Verluste begrenzen:

Der erste Schritt sind Maßnahmen, die nichts oder wenig kosten oder mit denen man nicht gleich Kopf und Kragen riskieren muss. Das steigert den Mut zum Experiment – einem Experiment, das auch Scheitern kann, aber trotz Scheitern ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein kann.

Andere einbinden:

Neues und Kreatives entsteht nicht nur im eigenen Kopf, sondern meist, wenn mehrere und am besten aus ganz unterschiedlichen Richtungen ihre Köpfe zusammenstecken. Letztlich geht es darum, sich mit den Menschen, die Veränderung wollen, auf den Weg zu machen und bei dem anzufangen, was wir mit vorhandenen Mitteln verändern können und wollen. Das verlangt jedoch, über den Tellerrand hinauszublicken, zuerst manchmal fremde Sichtweisen anzunehmen und nicht sofort neue Ideen abzuwehren im Sinne von: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“ oder „Das geht bei uns ja nie“. Daneben setzt es voraus, vielfältigen Interessen Platz geben zu wollen und sie wertzuschätzen, Menschen und Ideen zu verbinden und bereit zu sein, sich von neuem inspirieren zu lassen, ohne es zu vereinnahmen.

 Zufälle nutzen:

Zufälle sind oft unerkannte Wegweiser. Diese wahrzunehmen und sie nicht als störende Umleitung zu betrachten, sondern für den eigenen Weg zu nutzen, kann neue ungeahnte Möglichkeiten bringen.

Dass mit dieser Denkweise tatsächlich neue Wege entstehen, habe ich bei den Pfarreien, die ich auf diesen Entwicklungswegen bisher begleiten durfte, erfahren. Der konsequente Blick auf alle Menschen im Sozialraum führte sie aus mancher Selbstreferentialität heraus und veränderte nachhaltig ihre Gemeinde-Perspektive. Dies wird sichtbar in einer aufmerksamen und entschiedenen Haltung für das, was gerade vor Ort gefordert ist: seien es die Verhandlungen mit dem Landratsamt, um die Situation von Geflüchteten und ihre Begleitung durch Ehrenamtliche zu verbessern, sei es das Initiieren eines Meditationswegs zusammen mit einem ortsansässigen Kunstschmied, um Menschen zum Innehalten und Verweilen einzuladen, oder sei es eine Machbarkeitsstudie für ein Café im gerade entstehenden Einkaufszentrum, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Die Pfarreien machten sozusagen eine Kehrtwende um 180 Grad und es entstand die Erkenntnis: „Die Themen, mit denen wir uns künftig in der Seelsorge beschäftigen müssen, entdecken wir auf der Straße!“6

Haupt- und Ehrenamtliche, die nicht selten eingespannt sind zwischen denen, die aktiv mittun, dem Kern der Gemeinde, die zuweilen keinen Veränderungsbedarf sehen, und den Menschen „außerhalb“, die sich vielfach schon von der Ortsgemeinde, nicht aber von ihrer religiösen Sehnsucht verabschiedet haben, brauchen hier den Mut, das pastorale Hamsterrad des Immer-Wieder zu verlassen und einen Schritt in eine ungewisse Zukunft zu wagen.

Manche Pfarreien hat dabei mein Einwand entlastet, dass ja nicht immer alles für die Ewigkeit sein muss, und damit Lust gemacht, Neues auszuprobieren. Und dann reicht es auch, wenn die Gemeinde vor Ort für viele „nur“ eine Berghütte7 ist, in der sie in den Stürmen des Lebens Schutz finden und so erfahren, Gott ist für mich da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Text: Dr. Claudia Pfrang, Dr. theol., M.A. romanische Philologie, ist Direktorin der Domberg-Akademie der Erzdiözese München und Freising und Lehrbeauftragte für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt. Sie hat zum Thema Kirchenentwicklung promoviert und berät Pfarreien in der Entwicklung pastoraler Konzepte.

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  1. Vgl. https://www.dbk.de/themen/kirche-und-geld/projektion-2060/ (abgerufen 4.4.2020).
  2. Vgl. Pollack, Detlef/ Rosta, Gergely, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt u.a. 2015.
  3. Vgl. Bucher, Rainer, Neues zur Säkularisierungsthese, https://www.feinschwarz.net/saekularisierungsthese/ (abgerufen, 5.4.2020).
  4. Die Entrepreneurship Forscherin (von engl. Unternehmertum) Prof. Saras D. Saravathy untersucht seit mehr als 10 Jahren die Denk- und Entscheidungsgewohnheiten von erfolgreichen Unternehmen in unsicheren Zeiten.
  5. Vgl. Faschingbauer, Michael, Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln, Stuttgart ²2013, S. 35-96.
  6. Lörsch, Martin, Prinzipien zur sozialräumlichen Pastoral aus praktisch-theologischer Sicht, http://www.futur2.org/article/prinzipien-sozialraeumlicher-pastoral/ (abgerufen 5.4.2020).
  7. Haslinger, Herbert: Vom Einfamilienhaus zur Berghütte. Zur Konzeption der pastoralen Praxis in Gemeinden, in: Herderkorrespondenz, 6/2015, 13-17.
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