Feministisches Engagement ist ein buntes Spektrum

Feminismus in Ost- und Westdeutschland – dieses Thema stellen wir in einer Interview-Reihe in den nächsten Wochen immer mittwochs vor. Es geht um Anfänge, Aufbrüche und Aktuelles. Eva Harasta interviewte für feinschwarz.net Feministinnen aus Ost und West. Heute im Gespräch mit Anne Wizorek.

Anne Wizorek lebt im Internet und in Berlin. Dort arbeitet sie als Autorin und selbstständige Beraterin für digitale Medien. 2011 organisierte sie die re:publica mit, Deutschlands größte Konferenz rund um Blogs, Social Media und die digitale Gesellschaft. Anne Wizorek ist Initiatorin des Hashtags #aufschrei, unter dem vor allem in Deutschland eine Debatte zum Thema Alltagssexismus angestoßen wurde. Im September 2014 erschien ihr erstes Buch „Weil ein #aufschrei nicht reicht“. 2015 wurde Anne Wizorek von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes als Botschafterin des Themenjahres gegen Geschlechterdiskriminierung benannt.

Harasta: Warum braucht es heute wieder „Feminismus“? Sind wir über Feminismus nicht schon hinweg mit den Gender Studies?

Wizorek: Feminismus braucht es heute nicht wieder, sondern immer noch. Wenn ich so zurückblicke, gibt es ja auch in der jüngsten Geschichte keine Zeit, wo Geschlechtergerechtigkeit wirklich hergestellt wurde. Wir haben immer noch viele altbekannte Baustellen, um die wir uns gleichzeitig kümmern müssen, ob das nun der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Lohnungerechtigkeit oder ungerecht verteilte Sorgearbeit ist. Klar, es gibt eindeutig Meilensteine und diese dürfen wir bei aller Kritik auch niemals vergessen, sondern müssen sie umso mehr feiern. Aber diese Einstellung, dass wir nur noch eine einzige Sache schaffen müssen, um Geschlechtergerechtigkeit insgesamt hinzubekommen, ignoriert ja, wie vielschichtig sich allein Sexismus durch unsere Gesellschaft zieht. Ich glaube mit der Institutionalisierung in Form von Gleichstellungsbeauftragten entstand für eine Weile der Eindruck, dass das Ganze nun ein Selbstläufer sei. Frei nach dem Motto „Wir haben doch jetzt diese Beauftragten, was wollt ihr also noch?!“.

Mittlerweile wechselt sich das auch ab mit „Wir haben doch eine Kanzlerin, was wollt ihr also noch?!“ Aber auch das ist ja ein Ausdruck patriarchaler Strukturen. Da wird uns ein einzelner Erfolg immer wieder vorgehalten, als gäbe es nichts Weiteres mehr zu verbessern und gar zu fordern. Die Erfolge der feministischen Bewegung werden auch immer gegen sie verwendet, um Feminist_innen – und vor allem dem Rest der Gesellschaft – einzureden, dass es jetzt aber auch mal gut sein muss und sie gefälligst aufhören sollen zu meckern. Dabei ist die traurige Wahrheit ja leider, dass uns diese Meilensteine nicht mal sicher sind. Das sehen wir überall auf der Welt, insbesondere dort, wo rechte Regierungen an der Macht sind und sie grundlegende Menschenrechte beschneiden oder auch ganz abschaffen. Wenn wir nach Deutschland blicken, haben wir aber auch schon jetzt zum Beispiel einen schlechteren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Und allein die Corona-Krise entlarvt noch mal sehr deutlich, auf wessen Schultern die Sorgearbeit lastet, die unsere Gesellschaft am Laufen hält – das sind in erster Linie die Schultern von Frauen.

Es braucht auch immer noch den aktivistischen Part, wo wir auf die Straße gehen.

Gender Studies sind ansonsten nur ein Aspekt von feministischem Engagement. Das ist dann eben der wissenschaftliche Blick auf Geschlechterverhältnisse und wie diese zum Beispiel auch mit anderen Diskriminierungsformen neben Sexismus verwoben sind. Vor allem die Forschung brauchen wir, um unsere gesellschaftlichen Zustände zu analysieren und besser zu verstehen.

Aber es braucht auch immer noch den aktivistischen Part, wo wir auf die Straße gehen, für unsere Menschenrechte einstehen und Druck auf Menschen in Entscheidungspositionen ausüben. Genauso wie es den institutionellen Teil braucht, der Gesetze zum Schutz gegen Diskriminierung erlässt oder bestehende Gesetze umsetzt, um Geschlechterungerechtigkeiten abzubauen.

Wie Geschlecht selber auch, ist Feminismus bzw. feministisches Engagement ein Spektrum und es braucht einfach alle Aspekte davon, um die volle Wirkung zu entfalten. Wichtig ist halt, dass wir als Feminist_innen dabei aber auch nicht nur nebeneinanderher arbeiten, sondern uns immer weiter vernetzen und Bündnisse schmieden, wo es nur geht. Wir alle haben unterschiedliche Expertisen und müssen diese miteinander teilen.

Harasta: Manche Leute halten ostdeutsche Frauen für emanzipierter als westdeutsche Frauen, andere Leute halten ostdeutsche Frauen für patriarchaler als westdeutsche Frauen. Wie sehen Sie diese Zuschreibungen?

Wizorek: Ich glaube, dass es, wie immer, am Ende komplexer ist, als Menschen in nur ein oder zwei mögliche Schubladen zu stecken. Natürlich war auch die DDR kein patriarchatsfreier Raum – denn dann hätte allein die Regierungsebene schon ganz anders ausgesehen. Trotzdem ist ja belegt, dass es gerade etwas mit dem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein von Ost-Frauen gemacht hat, dass die allermeisten einem Beruf nachgingen, ihr eigenes Geld verdienen und gleichzeitig eine Familie gründen konnten. Ich bin ja auch mit dieser Selbstverständlichkeit aufgewachsen, weil sie durch meine Mutter vorgelebt wurde. Sie zeigte mir außerdem, dass Frauen natürlich auch in technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen arbeiten und das nicht in Frage gestellt wird.

generell den Wert und die Freiheit von Menschen über Vollzeiterwerbsarbeit zu definieren infrage stellen

 Gleichzeitig wissen wir auch, dass die heute viel diskutierte und kritisierte Doppelbelastung von Arbeit zu Hause und Arbeit im Job für DDR-Frauen schon damals ein echtes Problem war. Denn es gab zwar staatliche Unterstützung durch die Kinderbetreuung und zum Beispiel den Haushaltstag. Aber die Erwartung, dass sich vor allem Frauen um diese Art von Aufgaben kümmern, die war trotzdem immer noch ganz klar da. Eigentlich hätte man viel aus der Situation für heute lernen können. Dazu gehört allerdings auch, dass wir es generell noch stärker infrage stellen müssen, den Wert und die Freiheit von Menschen in erster Linie über Vollzeiterwerbsarbeit zu definieren.

Insgesamt schätze ich die pragmatische Einstellung von Ost-Frauen sehr. Sie wirkt ja auch bis heute nach und ich würde sagen, dass mich dieser ostdeutsche Pragmatismus auch mit am meisten geprägt hat. Ich bin außerdem sehr dankbar, dass die Geschichten von Ost-Frauen im Zusammenhang mit den Veranstaltungen rund um „30 Jahre Mauerfall/Deutsche Einheit“ mehr Gehör gefunden haben. Auch ich habe da immer noch sehr viel dazulernen können und vor allem wieder gemerkt, welcher Erfahrungsschatz da einfach vorhanden ist. Leider ist es ja selbst in feministischen Kontexten so, dass hier vor allem auf die Geschichte in Westdeutschland geschaut wird. Wobei sich dieser Blick gerade in den letzten Jahren ausgeweitet hat und mehr Perspektiven zugelassen werden, zum Beispiel auch die von migrantischen Frauen, was wirklich unerlässlich ist, wenn wir gesellschaftlich weiterkommen und echte Gerechtigkeit erreichen wollen. Allerdings braucht es dafür noch viel mehr Raum und es darf nicht nur zu irgendwelchen runden Jahrestagen oder dergleichen passieren.

Harasta: Was hilft, wenn man müde ist wegen sexistischer Alltagserfahrungen?

Wizorek: Das ist eine wichtige Frage. Leider habe ich die ultimative Antwort darauf auch noch nicht gefunden, kenne den Zustand dieser Müdigkeit aber nur zu gut. Zumal die Alltagserfahrungen ja viele Formen annehmen können. So kann es sich dabei um selbst erfahrene Äußerungen und Belästigungen im persönlichen Umfeld handeln. Aber eine kann ja zum Beispiel genauso müde sein, weil wir in der Debatte um sexualisierte Gewalt gefühlt mal wieder von Null anfangen. Mir ging es zum Beispiel neulich so als das „Männerwelten“-Video von Joko und Klaas veröffentlicht wurde. Das war sicherlich mit guten Absichten verbunden. Aber für Menschen, die schon seit Jahren, Jahrzehnten oder noch länger zu sexualisierter Gewalt arbeiten, konnte da auch der Eindruck entstehen, dass wir einfach nicht darüber hinaus kommen, dass Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen immer wieder bis ins schmerzhafteste Detail offenlegen müssen, damit ihnen ansatzweise geglaubt wird. Und dass es auch mindestens ein Dutzend Frauen mit ihren Erfahrungen braucht, damit erkannt wird, dass es sich hier vielleicht um ein strukturelles und kein individuelles Problem handeln könnte.

In diesem Augenblick habe ich einerseits auf Twitter dazu gerantet, also meinem Ärger Luft gemacht und gleichzeitig analysiert, was ich an dem Beitrag problematisch finde. Das war sozusagen der öffentliche Teil.

regelmäßig Räume schaffen, in denen wir uns nicht verteidigen müssen, sondern gegenseitig zuhören und bestärken

Im privaten Teil habe ich mich mit Freundinnen dazu ausgetauscht. In Zeiten von Corona passierte das dann per Zoom-Meeting, also als Videokonferenz. Das ist aber auch ein regelmäßiger Termin, den ich mit diesen Freundinnen habe und ich würde es echt immer empfehlen, sich diese Termine und Räume zu schaffen, in denen wir uns nicht verteidigen müssen, sondern gegenseitig zuhören und bestärken können.

Gemeinsames Lachen hilft außerdem auch sehr, finde ich. Wenn die Herzensmenschen gerade doch mal keine Zeit für die Videokonferenz oder den Chat haben, kann ich dafür zum Beispiel auch etwas wie das Comedy-Programm „Douglas“ von Hannah Gadsby empfehlen. Das ist sehr kathartisch, macht die Seele etwas leichter und bringt im besten Fall auch wieder neue Energie.


Die Fragen stellte PD Dr. Eva Harasta, Studienleiterin für Theologie, Politik und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e.V. in Lutherstadt Wittenberg.


Interessierte am Thema sind bereits jetzt herzlich zur Tagung „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Frauenbewegungen in Ost und West“ (7. bis 9. Mai 2021) eingeladen – u.a. mit Anne Wizorek.


Weitere Informationen zu Anne Wizorek unter: https://www.annewizorek.de/


Beitragsbild: Rolf Walter, Robert-Havemann-Gesellschaft

 

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