Keine Arbeit und doch Struktur

Die Kolumne für die kommenden Tage 6

An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“
Kierkegaard

„Der vernünftige Staat ist das Beste, was man jetzt bekommen kann“ schrieb mir ein Freund und Kollege. Er hat schon Recht. Doch wenn schon strenges Krisenmanagement, dann bitte mit Stil und Eleganz. Hier in Österreich ist’s die gute alte katholische Mischung: ein straffes Regime mit gewissen Freiräumen, ein Spaziergang geht immer, am besten Händchen haltend, da zweifelt niemand, dass man im gemeinsamen Haushalt lebt.

Es ist Tag 9 der österreichischen Ausgangsbeschränkungen. Da hat man erste Erfahrungen, was gut tut und was nicht. Was hat sich bewährt? Fünf Erfahrungen.

Struktur
Der Klassiker: Der Mensch braucht Ordnung. Nie haben meine Frau und ich freiwillig zu solch festen Tageszeiten gespeist wie in unserer Quarantäne. Siestazeiten und home office, five o’clock tea und Abendarbeitseinheit, frühabendlicher Spaziergang und explizite Eigenzeiten: Alles recht streng eingehalten wie sonst kaum in unserer sonstigen, eher fluiden akademischen Lebensweise. Es macht Spaß, einmal so diszipliniert zu sein. Es wird ja irgendwann aufhören.

Gelassenheit
Natürlich könnte man sich verrückt machen, es bringt aber nichts. Was macht gelassen, was hilft, gelassen zu bleiben? Unsere wichtigste Erkenntnis: Man muss die Beschäftigung mit Corona begrenzen. Also nur diesen Blog lesen und sich einmal am Tag in einem seriösen Medium informieren. Das fällt schwer, sehr schwer. Aber nur dann kann man die Freiheit, die Ruhe, die Ausnahmezeit genießen.

Kommunikation
Ich habe nahe Verwandte, die gehören zur Hochrisikogruppe und wir haben Kinder und eine Enkeltochter, um die man sich schon in normalen Zeiten sorgt – und deshalb sowieso immer mal wieder anruft, wie es ihnen geht, denn sie wohnen weit entfernt. Es tut gut, diese Kommunikation zu verdichten. Wir haben auch am Institut vereinbart, uns zu schreiben, was wir uns neben dem Dienstlichen so schreiben wollen an Erfahrungen und Erkenntnissen, natürlich nur, wer möchte. Auch das tut gut, in diesen Zeiten nicht nur Dienstliches voneinander zu lesen und bisweilen sogar per audio-file zu hören.

Kultur
Es ist bildungsbürgerlich, zugegeben, auf die Hochkultur zu verweisen. Aber Kultur speichert Erfahrungen, die man jetzt brauchen kann. Bachs Matthäuspassion zum Beispiel, abends gehört, gemeinsam und in Teilen: Das führt aus der Enge der eigenen vier Wände, hinaus ins Weite. Und wer es popkultureller mag: „The new pope“ ist wirklich ein Augenfest.

Einen Stift
Und dann braucht man einen Stift (oder einen PC), um aufzuschreiben, was man an seinem Leben ändern will, wenn Corona vorbei ist. Nicht um die große Umkehr geht es gleich, sondern um die kleinen Änderungen, um die Konsequenzen aus den Entdeckungen der Corona-Zeit. Denn es gibt viel zu entdecken.

Es ist natürlich nicht so, dass uns das alles gelingen würde. Aber wir spüren, dass es uns gelingen sollte.

Und zwei Sachen noch: Wir gehen gerne in die leeren, aber Gott sei Dank  offenen Kirchen. Am letzten Sonntag waren meine Frau und ich, ganz früh und ganz alleine, in der Grazer Pfarrkirche St. Andrä, unser spezieller „Kirchgang“. Dort gibt es seit Jahren „AndräKunst“ und aktuell eine Installation: orangene Feuerwehrschläuche im Hochchor. Auch Kirche wird nicht bleiben, wie sie war, an manchen Orten ahnt man es schon, manche Künstler wissen es schon.

Und noch was: Wenn Corona die politischen Geisterfahrer dieser Welt vertreibt, weil sich zeigt, dass sie, wenn es ernst wird, zu nichts taugen, dann halte ich noch gerne ein paar Wochen aus.

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie in Graz.

Photo: Alois Kölbl
Werk: Franz Konrad, O.T. (Sessio), 2020, Pfarrkirche St.Andrä, Graz
© Konrad

 

 

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