Keine Panik auf der Titanic!

Ein offener Brief an den Kollegen Matthias Sellmann
Von Wolfgang Beck.

Lieber Matthias,
Du wähnst Dich als Kollege und Mitchrist auf einem kirchlichen Schiff, das in Seenot geraten ist? Als Schiffsjunge? Als Offizier oder als Barkeeper? Wohl kaum. Nun ja, sagen wir mal, Du bist als Funker auf diesem Schiff, das scheint mir eine geeignete Metapher für einen Universitätstheologen. Verbindung halten in alle Richtungen. Hören, wo sich die anderen Schiffe bewegen. Hören, Meldungen machen und berichten. All das ist überlebenswichtig, gerade bei einem Schiff in Seenot, und es passt doch gerade auch für einen Kollegen im Fach der Pastoraltheologie. Vermutlich ist es ein Luxusdampfer, auf dem Du unterwegs bist und der in Seenot geraten ist.

Vermeide Panik!

Das, was sich so leicht dahinschreibt, bedeutet Lebensgefahr! Es ist kein Spiel, keine Übung. Und da ich als Kollege sehe, dass Du in Panik gerätst, dass Du selbst in den Maschinenraum, ans Steuerrad und an die Rettungsboote rennen willst, rufe ich Dir jetzt zu, wahrscheinlich schreie ich es: „Reiß Dich gefälligst zusammen! Vermeide alles, was Panik auslöst und setze Dich als Funker mit denen in Verbindung, die den Kurs ändern können. Nimm Kontakt zu weit entfernten Schiffen auf und funke über die Lage des Schiffes in alle Welt. Tu, was immer Du kannst. Aber: verlasse nicht diesen wichtigen Platz!“ Die Metapher der Titanic will ich Dir aus Respekt vor den Opfern eigentlich ersparen, du hast sie aber eingeführt. Auch dort gab es Funker, die länger am Funkgerät blieben, als es ihnen befohlen war.

Nun, der Beitrag „Weckruf für mehr Verbindlichkeit“ vom 16.04. auf feinschwarz.net zeugt von einer panischen Angst vor dem (kirchlichen) Untergang. Es ist eine Angst, in der Kopflosigkeit entsteht. Sie ist menschlich, sehr sogar. Aber sie ist in aller Gefahr keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Bedrohung! Und es gibt Situationen, da hat die Sorge nicht dem Schiff, sondern den Menschen zu gelten – im Idealfall beiden, aber im Notfall eben vorrangig den Menschen. Dass die Panik für die eigentlichen Aufgaben und drängenden Themen blind machen kann, zeigt sich bereits in der hier vorgestellten Sorge um die Kirche. Bei aller Faszination für die gehobenen Standards derer, die an der Bar den Martini trinken, bleibt kein Blick mehr für die armen Migrant*innen in den Unterdecks. Es bleibt keine kritische Wahrnehmung, dass parallel zur hier angeblich so drängenden Sorge um den Fortbestand der Kirche gegenwärtig an Europäischen Grenzen mutwillig und unter erbärmlichen Umständen Menschen auf Schiffen in Seenot gebracht werden, um an ihnen abschreckende Beispiele zu statuieren. Die Seenot ist eben nicht nur eine Ekklesialmetapher, sie ist auch eine menschenverachtende Form gegenwärtiger Politik.

Hochachtung vor Musikern, die zur Rettung beitragen.

Doch zunächst zu Anderen: Diejenigen, die beim Untergang der Titanic meine besondere Hochachtung haben, sind die Musiker im Orchester. Ihnen wurde im englischen Southampton ein eigenes Denkmal gewidmet. Von ihnen heißt es, dass sie noch musizierten, als ihnen schon das Wasser an die Füße reichte. Über sie wird häufig gelacht. Du tust es auch. Sie gelten sprichwörtlich als Dummköpfe, die es verpassen, sich rechtzeitig selbst in Sicherheit zu bringen. Über sie kann man den Kopf schütteln. Doch was sie gemacht haben, war vielleicht sehr verantwortungsvoll. Ich glaube nicht, dass sie die Menschen in der Bedrohung mit ihrer Musik narkotisieren oder die Dramatik verharmlosen wollten. Manche meinen das. Vor allem aber sind sie nicht in Panik verfallen und haben Ihren Beitrag geleistet, damit die Panik der übrigen Menschen zumindest zu Beginn der Tragödie nicht eskaliert und wenigstens einige Menschen gerettet werden können. Sie haben sich für die Rettung möglichst vieler in Dienst gestellt und haben dafür selbst mit dem Leben bezahlt. Es sind Helden mit Musikinstrumenten in der Hand. Man sollte sie nicht lächerlich machen!

Das Ruder an sich reißen?

Und sie zeigen: Wer sich in Seenot an seine wichtige Rolle erinnert, ist sicherlich hilfreicher als alle, die meinen, sie könnten das Ruder an sich reißen oder andere Dinge selbst am besten in die Hand nehmen. Okay, ja, es mag auch Situationen geben, wo genau dies unumgänglich ist. Es kann eine Gewissensentscheidung sein, einzugreifen, wo man eigentlich nicht zuständig war. Aber auch dafür braucht es eine ruhige Prüfung des Gewissens, keine Panik. Um beides unterscheiden zu können, gibt es in der Spiritualität die „Unterscheidung der Geister“.

Der Funker bleibt an seinem Platz.

Jenseits dieser Anfragen liegt die Aufgabe als Funker darin, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen und Verbindung zu halten, weiter zu sehen und zu hören als andere. Er liefert Berichte, in beide Richtungen. Wenn er im Maschinenraum oder an den Rettungsbooten arbeiten will, gut, das ist ebenso wichtig. Aber der Funker hat an seinem Platz zu bleiben oder er ist kein Funker mehr. Er möchte lieber Kapitän sein? Gut, aber dann kann er kein Funker sein, beides geht schlecht. Und wenn Kapitäne ihm anbieten, doch gerne ihre Arbeit zu übernehmen, weil das Wetter gerade so schlecht ist, weil ihnen der Mut für Kursänderungen fehlt oder die Verantwortung ihnen zu groß ist, dann solltest der Funker vorsichtig werden. Es könnte sein, dass die Kapitäne das tun, weil der Eisberg schon anklopft oder sie selbst resigniert haben.

Die Pastoraltheologie hat an ihrem genuinen Platz zu bleiben.

Die Metapher vom Kirchenschiff in Seenot mag abgegriffen sein und wie alle Metaphern nur begrenzt nützlich. Aber wenn sie in einem Punkt hilfreich ist, dann in der Erinnerung an die je eigene Aufgabe als Bestandteil einer lebensrettenden Professionalität. Der Autor Matthias Sellmann fordert sie im Raum der Kirche, und das mit allem Recht. Aber dann wäre sie auch selbst im Raum der universitären Theologie zu zeigen. Die Professionalität ist gerade in ihrer Besonnenheit die entscheidende Alternative zur Panik. Und an solche Panik erinnert mich der flammende Appell für mehr Verbindlichkeit aus vom 16. April auf feinschwarz.net. Mit dem Ideal der Verbindlichkeit kritisiert Matthias Sellmann dabei nicht nur rundweg alle, die nicht bereit sind, in ähnlich panischen Aktionismus zu verfallen.

Es liegt schon ein wenig Hybris darin, die haupt- und ehrenamtlich Engagierten und auch die Kollegen und Kolleginnen derart anzugehen. Als ich selbst noch Pfarrer war, wäre mir das vermutlich schwer erträglich erschienen. Ich weiß, es gibt diese Trägen und Satten, die ein Ärgernis sind. Es gibt auch die Faulen und die Einfallslosen. Und sie alle können einem selbst die Motivation nehmen. Aber sie repräsentieren nicht die Mehrheit unter den pastoralen Mitarbeiter*innen und Seelsorger*innen. Diese Differenzierung erwarte ich von einem wissenschaftlichen Pastoraltheologen. Wer zu Panik neigt und „proaktive Gestaltungsmacht“ herbeifleht, bringt diese Differenzierung nicht auf.

Da leidet einer an anderen, gleich an allen anderen!

Als Kollege in der universitären Pastoraltheologie finde ich es zudem bedenklich, sich gegen zu viel Problematisieren auszusprechen. Es ist auch nicht sachgerecht, wenn Pastoral und Theologie immer wieder miteinander identifiziert werden. Klar, wenn man keine Zeit hat und in Panik gerät, sind das zweitrangige Differenzierungen. Aber genau dafür leisten sich Kirche und Gesellschaft eine universitäre Pastoraltheologie. Wo andere alternative Handlungsoptionen durchspielen, wichtige Entscheidungen treffen und durch eigene Anstrengungen nach Antworten suchen, da können sie von einer universitären Pastoraltheologie am meisten profitieren, wenn die mit etwas Abstand Impulse gibt, indem sie die richtigen Zwischenfragen stellt.
Ja, man kann daran verzweifeln, dass Verantwortungsträger*innen in den Diözesen die systemische Trägheit der Institution repräsentieren.

Man kann Leitungsschwäche ausmachen, mangelnde Entscheidungsfreude und geringe Risikobereitschaft. Man kann auch an der Wirkungslosigkeit von inszenierten Aufbrüchen verzweifeln. Und an den unerträglichen Ausreden, mit denen schlechte Arbeit auch noch spirituell überhöht wird. Manche werden daran zynisch, andere reißen die Sache im Gestus eines „Hurra-Katholizismus“ an sich, mit einer unvermeidlichen Tendenz zum Anti-Intellektuellen: einfach mal fromm sein, einfach mal machen. Bitte nicht so viel denken, nicht so viel differenzieren, nicht so viel zitieren um darin von anderen lernen, schon gar nicht kritisieren. Lieber mit dem Halleluja auf den Lippen frisch ans Werk?

Sei vor allem furchtlos!

Lieber Matthias Sellmann, Du bist ein vielfach geschätzter Kollege. Und ich würde einigen Christ*innen Dein Engagement wünschen. Gerade deshalb widerspreche ich Dir aber auch entschieden. Denn die Wissenschaftlichkeit der Pastoraltheologie drückt sich gerade darin aus, zu beobachten und kritisch zu reflektieren, Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und damit Intellektualität im besten Sinn zu zeigen. Dabei sind alternative Szenarien und Denkwege immer wieder kreativ zu entwickeln. In diesen Elementen stellt sich auch eine wissenschaftliche Theologie in den Dienst der Botschaft Jesu und der Gegenwart. Daran gilt es sich zu erinnern, gerade dann, wenn viele panisch beginnen durcheinander zu rennen. Darin sind wir auf demselben Schiff unterwegs – furchtlos!
Dein Wolfgang.

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Autor: Wolfgang Beck, Pastoraltheologe an der PTH Sankt Georgen in Frankfurt am Main und Redaktionsmitglied bei Feinschwarz.net

Foto: Anni Spratt / unsplash.com

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