Missbrauch von Nonnen durch Priester: Strukturen von Frauengemeinschaften hinterfragen

Missbrauch

Seit einigen Jahren forscht Isabelle Jonveaux international zum Leben von Ordensleuten sowie zu deren Gemeinschaftsformen und zum Leben in Klöstern. Sie analysiert angesichts der offenbar gewordenen Fälle von Missbrauch an Ordensfrauen Strukturen von Frauengemeinschaften und benennt Zusammenhänge.

Die Missbrauchsfälle von Schwestern, die seit einigen Monaten in den Medien auftauchen, treffen die Kirche wieder einmal ins Herz. Auf Seiten der Täter wie auf Seiten der Opfer geht es dabei um geweihte Personen, die ein Keuschheitsgelübde abgelegt haben.

Als Soziologin des Mönchtums mit Missbrauch konfrontiert.

Als Soziologin des Mönchtums war ich mehrmals mit diesem Thema konfrontiert, zunächst bei einem Treffen mit einer Ordensschwester, die zusammen mit anderen versuchte, den Missbrauch im Vatikan bekannt zu machen, und dann während meinen Feldforschungs-Aufenthalten, die ich seit 2013 in afrikanischen Klöstern durchführe.

In einem afrikanischen Frauenkloster z.B. erzählte mir die Novizenmeisterin, dass die Postulantinnen beim Eintritt früher einen Brief ihres Pfarrers mitbringen mussten, um zu zeigen, dass sie in der Pfarrei engagiert sind. „Wir haben aufgehört, diejenigen, die eintreten wollen, nach einem Zeugnis vom Priester zu fragen, weil dann oft herauskam oder gehört wurde, dass die Priester zudringlich geworden sind. ‚Ja, ich schreib was, aber dafür…‘“

Priester, die sexuelle „Dienstleistungen“ erwarten

Es kam häufiger vor, dass Priester eine sexuelle ‚Dienstleistung‘ erwarteten. Die Novizenmeisterin ergänzte, dass es durchaus üblich sei, dass Priester ein Doppelleben führen und dass Schwestern zur Abtreibung in die Hauptstadt geschickt würden. Ein afrikanischer Mönch erzählte mir auch, dass die Schwestern, die nichts haben, manchmal dazu gezwungen sind, sich bei einem Priester zu prostituieren.

Die Frage, die sich hier besonders stellt, zielt auf ein besseres Verständnis davon, wie solche Situationen entstehen können. Die obengenannte Novizenmeisterin meinte dazu: „Der Respekt gegenüber Priestern ist sehr hoch. Sie sind sehr angesehen und das wird manchen Schwestern dann zur Falle, weil sie dann denken, dass sie bei einem Priester nicht nein sagen dürfen, egal was dieser verlangt. Dazu kommt manchmal auch eine gewisse Naivität, die dazu führen kann, dem Priester blind zu vertrauen, was dann zur Falle wird.“ Im gleichen Land berichtete ein Mönch, dass die Frauen hier nicht gelernt hätten, nein zu den Männern zu sagen – insbesondere auch dann, wenn der Mann ein Priester ist. In diesen Fällen ist einerseits die ganze Struktur der Gesellschaft betroffen. Andererseits steht die sogenannte „alternative Männlichkeit“ der ehelosen Priester im Spiel, die so lange noch nicht verwirklicht ist, solange es für einen Priester wichtig bleibt, eine Frau zu haben, um ein Mann zu sein.

Respekt vor Priestern wird zur Falle – auch in Westeuropa.

Missbrauchsfälle von Schwestern durch Priester sind nicht auf Länder beschränkt, in denen die Kirche vergleichsweise jung ist und wo die Geschlechterverhältnisse weniger von Gleichwertigkeit geprägt sind. Auch in Westeuropa wird vom Missbrauch von Schwestern berichtet. Wie können solche Fälle in Westeuropa möglich sein? Wieso können sich die Schwestern nicht verteidigen? Warum sind sie dem Druck des Schweigens ausgesetzt?

Um eine Antwort zu finden, muss man die Autoritätsstrukturen und die Geschlechterverhältnisse bzw. die konkreten Geschlechterverständnisse, also auch die verschiedenen Geschlechterrollen, in Frauengemeinschaften analysieren. Auch wenn man unterstreichen muss, dass die „männliche Herrschaft“ in den Frauenklöstern der großen Orden in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, so gibt es dennoch einerseits immer noch Spuren davon und andererseits ist die Autorität der Oberin in Frauenklöstern viel stärker als die von Oberen in Männerklöstern. Gerade viele der neuen Gemeinschaften, die nach dem Konzil gegründet wurden, haben zudem oft noch die alten Strukturen der Priesterautorität wiederbelebt. Dazu kommt, dass ein radikaler Verzicht auf die eigene Freiheit und Autonomie im Kloster als Zeichen eines „authentischen“ Klosterlebens und als Zeichen im Kampf gegen die Säkularisierung stark gemacht wurde.

Analyse von Autoritätsstrukturen, Geschlechterverhältnis und Geschlechterrollen

Im traditionellen Mönchtum stehen die Frauengemeinschaften häufig unter der Verantwortlichkeit von Männern, sei es, unter der Verantwortlichkeit des lokalen Bischofs, oder unter der Zuständigkeit von Männerorden. In der Zisterzienserkongregation z.B. wird jede Gemeinschaft von einer anderen begleitet. Dabei werden Männergemeinschaften systematisch von einer Männergemeinschaft begleitet, während die Frauengemeinschaften ebenfalls von einer Männergemeinschaft begleitet werden. Parallel dazu gehört der Dienst für Priester traditionell zu den Aufgaben vieler Frauengemeinschaften. Auch wenn wir in diesem Bereich starke Veränderungstendenzen feststellen können, die mit der Entwicklung der Gesellschaft und einem selbstbewussteren Profil der Frauen, die heute in Ordensgemeinschaften eintreten, zu tun haben, bleibt es weltweit immer noch die Aufgabe vieler Schwestern, die Hausarbeit für die Priester zu erledigen. Dies gilt immer noch auch im deutschen Sprachraum und auch im Vatikan. In bestimmten Gemeinschaften bleibt die Figur des Priesters also eine unumstössliche Autorität. Anschaulich erzählte eine ehemalige Schwester aus einer neuen Schwesterngemeinschaft in Österreich, dass sie alle Tätigkeiten ruhen lassen mussten, wenn ein Priester kam, damit man diesem dienen konnte.

Schwestern erledigen den Haushalt von Priestern.

Die Gehorsamsstrukturen in machen Frauenklöstern sind nach wie vor stark auf die Figur der Oberin fokussiert. Ihre Erlaubnis einzuholen ist stets der erste erforderliche Schritt in allen Bereichen des alltäglichen Lebens. Auch hier nimmt der Gehorsam viel Platz ein, der manchmal auch bis in den intimen Bereich reicht. In einigen neuen Gemeinschaften liest die Novizenmeisterin oder die Oberin die Briefe der Schwestern, eine Praxis, die in der Mehrheit der Klöster mittlerweile längst abgeschafft wurde. Die obengenannte ehemalige Schwester aus Österreich sagte, dass sie und ihre Mitschwestern für alle benötigten Dinge – sogar für Frauenhygieneartikel – eine schriftliche Anfrage stellen mussten. Jene Schwestern, die sich schämten, solche Produkte zu erfragen, mussten dann andere Lösungen finden.

Eine solche Situation wurde mir auch bezüglich eines Klosters, das ich in Afrika besuchte, von einem Mönch berichtet. Er schilderte, dass die Schwestern, die für viele Alltagsbedürfnisse schriftliche Anfragen stellen mussten, sich nicht trauten, nach Hygieneartikel für Frauen zu fragen. Sie verwendeten dann, was sie fanden, Watte oder alten Stoff – mit dem Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung.

Falsche Autorität und Scham

Solche Probleme verschärfen sich schliesslich noch in Frauenklöstern, welche die Tradition einer strengen Klausur aufrechterhalten haben. Dadurch ergibt sich eine Neigung zu verstärkter Abkapselung, die zusammen mit einer wenig entwickelten Tradition von Bildung und Studium in diesen Gemeinschaften Schwierigkeiten für eine gesunde Selbstbehauptung erzeugen und die erschweren, realitätsnahe und angemessene Urteile gegenüber Herausforderungen von Aussen oder zu heiklen Fragestellungen zu fällen.

Der Missbrauch von Schwestern durch Priester ruft also nicht nur nach einer Reaktion der Kirche gegenüber den Tätern, sondern er verlangt auch eine problembewusste Weiterentwicklung von solchen Autoritätsstrukturen in Frauengemeinschaften, die aufgrund ihrer eher strengen Ausrichtung Situationen des Missbrauchs ermöglichen bzw. das Schweigen darüber fördern.

Dringend notwendig: Autoritätsstrukturen weiterentwickeln

Die Zisterzienserin Sr. Michaela Pfeifer kritisierte in einem Artikel[1], die „Krankenhausmentalität“, die sich in manchen Frauengemeinschaften entwickelt habe und in der die Schwestern ihre Eigenverantwortlichkeit abgeben würden. Solche Beobachtungen von Strukturen in Frauenklöstern dürften nicht zuletzt erklären, warum das Frauenklosterleben heutzutage noch stärker in die Krise geraten ist, als das Klosterleben von Männern.  

Isabelle Jonveaux, PD. Dr. ist Religionssoziologin und lebt in Graz.
Bild: kyle glenn / unsplash_com

Literatur:

Isabelle Jonveaux, Mönch sein heute. Eine Soziologie des Mönchtums in Österreich im europäischen Dialog, Würzburg, Echter, 2018.

Isabelle Jonveaux, « Les moniales et l’emprise du genre. Enquête dans des monastères catholiques de femmes » (Monastics and the influence of gender. A study in female Catholic monasteries), Sociologie, 2/6, 2015, 121-138.


[1] Michaela Pfeifer, „Le renoncement conduit-il à la liberté ? Réflexion systématique sur l’ascèse dans la R.B.“, Collectanea Cisterciensia, Revue de spiritualité monastique, 68 (1), 2006, 5-33.

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