Kirche in der Klimakrise

Photo: Rainer Bucher

Es ist Schöpfungszeit und gleichzeitig das Jubiläum der globalen Klimastreiks im letzten September. Zeit für einen tieferen Blick, meint Georg Sauerwein. Wie erlebt er als Theologe die Klimagerechtigkeitsbewegung und wie steht es um das Handeln der Kirchen?

Die Klimakrise und die Klimabewegung sind Zeichen der Zeit: Die Klimakrise ist kein isoliertes Phänomen, sondern hat auf alles Leben auf diesem Planeten Auswirkungen, die oft existentiell sind. Dabei ist die Klimakrise eine Gerechtigkeitsfrage: Sie ist in erster Linie von privilegierten Menschen verursacht und wird besonders den heute schon benachteiligten Menschen schaden.

Erfolg oder Misserfolg der Klimagerechtigkeitsbewegung wird die Geschichten aller Geschöpfe prägen.

Es ist eine große Gefahr, dass aufgrund der Klimakrise eine menschliche Zivilisation mit Menschenrechten für alle nicht mehr möglich sein wird. Der UN Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte schreibt: „Human rights might not survive the coming upheaval“ (Link: undocs.org). Erfolg oder Misserfolg der Klimagerechtigkeitsbewegung in den nächsten dreißig Jahren wird die Menschheitsgeschichte, aber auch die Geschichten aller anderen Geschöpfe Gottes auf diesem Planeten prägen.

Die Konfrontation mit einer so grundlegenden Bedrohung der Menschheit und Schöpfung geht an vielen Menschen nicht spurlos vorüber. Die meisten Aktiven der Klimabewegung sind irgendwann an den Punkt gekommen, an dem sie erkannt haben, dass ein grundlegender systemischer Wandel, z.B. unser Energieversorgung, notwendig ist, um massive Schäden abzuwenden. Sie können nicht untätig zuschauen, sondern beginnen zu handeln.

Viele fangen an sich zu engagieren. Solche Bewusstseinsveränderungen sind vergleichbar mit Bekehrungen.

Eine solche Bewusstseinsveränderung ist vergleichbar mit Entwicklungen, die wir in der christlichen Tradition bei Bekehrungen beobachten können: Das Verstehen einer grundlegenden Wahrheit über die Wirklichkeit, die viele Aspekte unseres Lebens prägt, führt zu einer tiefgehenden Umorientierung. Papst Franziskus spricht daher von der „ökologischen Umkehr“ (Laudato Si 5).

Viele fangen an sich zu engagieren. Das kann unterschiedliche Ausmaße annehmen – vom Opfern der Freizeit bis zur Änderung des Lebensweges. Manche Engagierte riskieren auch persönliches Wohlergehen und Sicherheit. Dabei sind wir in Mitteleuropa privilegiert: In vielen anderen Teilen der Welt ist der Einsatz für unser gemeinsames Haus lebensgefährlich. Laut der Organisation Global Witness sind 2019 im Durchschnitt mindestens vier Landrechts- oder Umweltaktivist:innen pro Woche ermordet worden (Link: globalwitness.org). Die Kirchen haben selbst weltweit einige dieser Märtyrer:innen in ihren Reihen, zum Beispiel Sr. Dorothy Stang (Link: www.sndohio.org).

Der Tod war im Alten Testament häufig die Folge prophetischen Handelns. Zumindest in Teilen findet man prophetisches Handeln auch in der Klimabewegung: im Glauben an die Kraft der Wahrheit (in diesem Fall wissenschaftlich verbürgt), im Anklagen von tiefgehenden Ungerechtigkeiten und dem Ziel, kommendes Unheil zu vermeiden.

Die Klimakrise und die Klimagerechtigkeitsbewegung sind deutliche Zeichen der Zeit.

Das Aufkommen dieser Motive bedeutet nicht, dass die Klimabewegung religiös ist. Aber sie sind ein Hinweis darauf, dass die Klimakrise und die Klimagerechtigkeitsbewegung deutliche Zeichen der Zeit sind: Die Klimabewegung ist die hoffnungsvolle, solidarische und für Gerechtigkeit
kämpfende Reaktion auf das große, alle Lebensbereiche betreffende Unheil des Klimawandels.

In den positiven Aspekten dieses Zeichens der Zeit wird das Handeln Gottes deutlich: Die anziehende Macht von Wahrheit, vom Guten, und vom Schönen, die in der Klimabewegung eine zentrale Rolle spielen, können aus Sicht der Theologie als anziehende Aspekte Gottes wahrgenommen werden – als eine Weise, wie Gott in der Welt handelt.

Wo stehen die Kirchen?

Nach dem Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln müssten die Kirchen zum Handeln kommen. Doch wo stehen die Kirchen?

Zuerst lässt sich feststellen, dass die Schritte Sehen und Urteilen halbwegs funktionieren. Das Thema Klimawandel ist schon lange in amtskirchlichen Äußerungen angekommen. Der Klimawandel wird schon 1997 in einer ökumenische Erklärung von EKD und DBK erwähnt, durch die EKD sogar schon 1995[1]. 1998 hat dann die DBK die ökologische Krise als Zeichen der Zeit bezeichnet und auf den Klimawandel hingewiesen[2].

Die Kirchen schaffen es nicht, ernsthaften Druck auf die Politik auszuüben.

Trotz dieser schon 20 Jahre andauernden inhaltlichen Beschäftigung wird bis heute nicht in einer Art und Weise gehandelt, die der benannten Herausforderung angemessen wäre. Die Kirchen erkennen die Zeichen der Zeit. Sie schaffen es aber nicht, in einem systematisch relevanten Umfang zu handeln und ernsthaften Druck auf die Politik auszuüben, sich zu ausreichendem Klimaschutz zu verpflichten.

Wahre Umkehr zeigt sich im Handeln: Wenn man anfängt Dinge zu tun, die schwierig sind, die etwas kosten oder etwas riskieren. Die meisten Bistümer und Landeskirchen schrecken selbst vor öffentlichem Divestment zurück – dabei bedeutet Divestment nur eine Verpflichtung, nicht mehr in die fossile Industrie zu investieren.

Einzig das Erzbistum Freiburg hat sich auf ein vorbildliches Klimaneutralitätsziel verpflichtet.

Bislang haben auch fast keine Bistümer oder Landeskirchen ein klares Ziel, wann sie Klimaneutralität erreichen wollen. Die EKD-Synode empfiehlt 2050. Selbst dieses zu schwache Ziel wurde allerdings bisher in kaum einer Landeskirche verankert. Auf katholischer Seite hat sich bisher nur das Erzbistum Freiburg auf ein vorbildliches Klimaneutralitätsziel mit dem Zieljahr 2030 verpflichtet. Die wenigen anderen Bistümer mit Ziel folgen ungefähr den nicht ausreichenden staatlichen Zielen und können daher keine Vorbildrolle übernehmen.

Besonders bedrückend ist die Lage im rheinischen Braunkohlerevier: Im Bistum Aachen werden alte Kirchen entweiht und an RWE verkauft, anstatt sich vor Gericht gegen die Enteignung zu wehren – und engagierte Katholik:innen vor Ort werden alleine gelassen. Ein anderes Beispiel ist die Mobilisierung für die globalen Klimademos im letzten Jahr: Wenn es darum geht als Bischof zu einer Demo zu gehen oder zumindest im Vorfeld Menschen dazu zu ermutigen, schrecken besonders auf katholischer Seite viele zurück.

Schüler:innen gehen auf die Straße, Studierende geben ihr Studium auf und Eltern riskieren ins Gefängnis zu gehen.

Institutionen, zu deren Kern die Hoffnung gehört, dass Leben und Wahrheit letztendlich siegen, und die das Ideal haben, sich wenn nötig selbstlos für andere einzusetzen, schaffen es oft nicht einmal, ein kleines Risiko einzugehen und öffentlich für unser gemeinsames Haus einzustehen.

 

Dabei haben beide Kirchen in Deutschland schon gezeigt, dass es anders geht: Während der Flüchtlingskrise haben alle, von den ehrenamtlichen Gemeindemitgliedern bis zu den Bischöf:innen, an einem Strang gezogen, deutlich Stellung bezogen und etwas riskiert. Warum schaffen sie es bei der Thematik der Geflüchteten, aber nicht beim Klimawandel? Wenn wir nicht handeln, wird der Klimawandel hunderte Millionen Menschen zur Flucht zwingen.

Option für den Klimaschutz in Solidarität mit den Opfern.

Dabei gibt es viele Menschen in den Kirchen, die sich mit Herzblut für Klimagerechtigkeit einsetzen: Von engagierten Hauptamtlichen bis zu unzähligen Ehrenamtlichen, die in den Kirchen selbst oder in der Klimabewegung aktiv sind. In fast jedem Bistum oder jeder Landeskirche gibt es ein Projekt das glänzt. Es ist an der Zeit, diese in die Breite zu tragen!

Für die Kirchen gibt es einen klaren theologischen Weg, wie sie ihre ökologische Umkehr umsetzen und auch Risiken verantwortlich abwägen können: Die Arbeitsgruppe für ökologische Fragen der DBK hat diesen schon 2006 vorgeschlagen: „Die Option für den Klimaschutz in Solidarität mit den Opfern“. Die vorrangige Option für die Armen wird auf den Klimaschutz ausgeweitet. Das bedeutet, das Handeln der Kirche ist immer auch mit Blick auf die Zerstörung der Schöpfung und das Leid der vom Klimawandel am schlimmsten Betroffenen abzuwägen.

Kirchen können den internen Prozess der Umkehr beschleunigen, indem sie eine enge Zusammenarbeit mit der Klimagerechtigkeitsbewegung suchen.

In der Klimagerechtigkeitsbewegung wird die Option für den Klimaschutz in Solidarität mit den Opfern in vielfacher Form gelebt. Die Kirchen können den notwendigen internen Prozess der Umkehr beschleunigen, indem sie eine enge Zusammenarbeit mit der Klimagerechtigkeitsbewegung suchen.

Die Potentiale sind groß. Das heute schon punktuell gute Handeln zeigt, was möglich ist. Die Kirchen haben die Chance, als glaubwürdige und wirkungsvolle Anwälte für Klimagerechtigkeit einzutreten. Das entscheidende Argument sollte aber sein, den Auftrag der Pastoralkonstitution anzunehmen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“

Wenn wir unserem Auftrag nachkommen, dürfen wir Hoffnung auf Zukunft haben.

Im Einsatz für Ausgegrenzte begegnen wir Jesus Christus. Im Einsatz für Wahrheit und das Gute begegnen wir in besonderer Weise Gott. Wenn wir als Kirche mehr an uns selbst denken als an die größte Bedrohung, der die menschliche Zivilisation bisher ausgesetzt war, verlieren wir unsere Existenzberechtigung. Wenn wir aber unserem Auftrag nachkommen, dürfen wir Hoffnung auf Zukunft haben.

Am 25.9. ist der nächste große internationale Klimastreik – was werden wir tun?

___

Georg Sauerwein (@GeorgSauerwein) ist Physiker und Theologe, Promotionsstudent in Fundamentaltheologie an der Universität Innsbruck und ist bei Fossil Free München und Christians for Future engagiert.

Bild: Jasmin_Sessler / pixabay.com


[1] https://www.ekd.de/24153.htm und Studie des Beirats des Beauftragten des Rates der EKD für Umweltfragen, EKD-Text 52, 1995.

[2] Handeln für die Zukunft der Schöpfung; Die deutschen Bischöfe Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen 19, 1998, S.126 und S.12.

Print Friendly, PDF & Email