Hannes Langbein mit einem Plädoyer für neue kirchliche Bündnisse mit Kunst- und Kulturschaffenden – gerade in Zeiten der Krise.
Es gibt Zeiten, in denen man sich neu entdeckt. Krisen gehören in der Regel dazu. Eigene Schwächen treten besonders deutlich ans Licht, ungeahnte Stärken auch. Krisen stärken, wenn es gut läuft, den Gemeinschaftssinn, alte Gräben werden plötzlich unsichtbar. Für einen Moment wird gemeinsam angepackt. Hinzu kommt, dass der Ausnahmezustand der Krise das Experiment begünstigt. Selten kann so ausgiebig experimentiert werden wie in Krisenzeiten, wenn die akuten Bedingungen schnelle und kreative Lösungen notwendig machen.
Der Ausnahmezustand der Krise begünstigt das Experiment.
Gilt das auch für die aktuelle Corona-Krise? – Es will so scheinen. Jedenfalls wenn wir auf das Verhältnis von Kunst und Kirche schauen. Denn Not macht erfinderisch, und Künstler*innen gehören zu denjenigen Berufsgruppen, die in der Krise besonders in Not geraten sind: Musiker*innen, Schauspieler*innen, Performer*innen und andere freischaffende Künstler*innen haben seit dem großen Lockdown das Gros ihrer Auftrittsmöglichkeiten und damit auch ihre Lebensgrundlage verloren. Theater, Opern, Literatur- und Konzerthäuser mussten – teils bis auf den heutigen Tag – schließen. Auch die Kirchen, die jedoch – dem hohen Gut der Religionsfreiheit sei Dank – nach wenigen Wochen wieder öffnen konnten. Seither gehören sie zu den wenigen „Aufführungsorten“, die für Künstler*innen offenstehen könnten.
Kirche als einer von wenigen „Aufführungsorten“

Die Kirchen haben kulturpolitische Macht.
Jetzt wäre die Gelegenheit. Denn allein mit ihren Gottesdiensten organisieren die Kirchen mindestens einmal pro Woche zwischen 20.000 und 30.000 Veranstaltungen, die nicht zuletzt von Musik, Lesungen und – wenn man einen ästhetischen Blick auf die Liturgie richtet – von Performances leben. Jeder Gottesdienst ist in gewisser Hinsicht ein synästhetisches Gesamtkunstwerk, das auf die Mitwirkung von Künstlerinnen und Künstlern angewiesen ist – mehr denn je in einer Zeit, in der das gemeinsame Singen in Gottesdiensten verboten ist und damit einer der wichtigsten ästhetischen Glanzpunkte der Gottesdienste in den Hintergrund treten muss. Mehr denn je sind die Kirchen auf eine möglichst ansprechende, tröstliche und heilsame ästhetische Gestaltung ihrer Gottesdienste angewiesen. Und wer könnte das besser als Künstler*innen, die genau das gelernt haben und die aktuell nach Auftrittsmöglichkeiten suchen: Musikalische Zwischenspiele, Gesangssolist*innen, die ungesungene Lieder für die Gemeinde intonieren, Schauspieler*innen, die uns die biblischen Texte näherbringen…
Gottesdienst ist als synästhetisches Gesamtkunstwerk – noch besser mit Künstler*innen

Allianzen mit Gewinn für beide Seiten
Natürlich müsste auch das Geld stimmen. Denn gerade darin liegt ja die aktuelle Notsituation von Künstlerinnen und Künstlern. Die Gemeinden müssten für jede gemeinsame Aktion ein Honorar einplanen. Das ist nicht selbstverständlich und allzu oft nicht einfach. Doch es lohnt sich, Partner*innen zu suchen oder ein Stück des eigenen Etats für diese Aufgaben zu widmen. Oder es gibt eine Kollekte am Ausgang nur für die am Gottesdienst beteiligten Künstler und Künstlerinnen – nicht im Sinne von Almosen, sondern als kleinen Beitrag zum Auskommen von unverschuldet in Not Geratenen. Natürlich können Gemeinden mit ihren begrenzten Möglichkeiten keine Wunder vollbringen. Aber ein Zeichen der Anerkennung, eine Möglichkeit, die eigene Arbeit zu zeigen und eine kleine Finanzhilfe sind doch möglich – wenn es nur jede zehnte Gemeinde so machen würde, 2000-3000mal pro Woche…

Die Künstlerin schafft einen neuen Kirchenraum, in dem die Gemeinde gemeinsamer ist als zuvor.
Übrigens: Den Corona-tauglichen Raum verdanken wir auch einer Künstlerin: Leiko Ikemura. Die in Berlin lebende japanische Künstlerin richtete ihre Rauminstallation „In Praise of Light“ („Lob des Lichts“) so ein, dass ein ganz neuer Kirchenraum, eine veränderte Sitzordnung entstand: Plötzlich sitzt die Gottesdienstgemeinde auf Abstand gemeinsamer denn je: im Oval anstatt in hintereinander gestaffelten Kirchenbänken. In ihrer Mitte: Leiko Ikemuras Skulptur „Memento mori“. Die Tote mitten unter den Lebenden – im Altar ein nach oben ziehendes Licht- und Farbgestöber. So nah können sich Leben und Tod kommen. Neue – im Grunde alte – Allianzen in Zeiten der Krise.
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Hannes Langbein ist Direktor der Stiftung St. Matthäus, Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und Kunstbeauftragter der EKBO.
Bilder: „Mein Psalm“-Gottesdienst, St. Matthäus, Rechte bei Leo Seidel


