Plötzlich war es für alle neu – Vikariat in der Ausnahme-Situation

Kurz nachdem Amelie Renz ihr Vikariat begonnen hatte, wurde das kirchliche Leben durch Corona auf den Kopf gestellt. Sie erzählt, wie ihre pastorale Ausbildung in dieser Zeit ausgesehen hat und wie sie in dieser Situation bei den Menschen ihres Arbeitsbereichs angekommen ist.

Am 1. März hat dein Gemeindevikariat begonnen. Nur zwei Wochen später war das kirchliche Leben komplett auf den Kopf gestellt. Wie hast du diese erste Zeit erlebt?

Es war sehr schön, dass ich noch einen analogen Gottesdienst mit der Gemeinde feiern konnte, bevor der Lockdown in Deutschland kam. Den zweiten Gottesdienst mussten wir dann schon absagen. Plötzlich habe ich mich in einer Situation wiedergefunden, in der nicht nur für mich beruflich alles neu war, sondern auch für alle Mitarbeitenden der Kirchengemeinde alles anders war. Wir mussten uns alle neu sortieren – beruflich und privat. Kreative Lösungen mussten gefunden werden, wie wir weiter gemeinsam Gottesdienst feiern können und mit der Gemeinde, den Anwohner*innen aus dem Kiez und auch mit kirchendistanzierten Menschen in Verbindung bleiben können.

Plötzlich war nicht nur für mich alles neu.

Dann wurde das Ungewöhnliche für mich schnell das Gewöhnliche. Wie man sieht, gingen die Worte „analog“ und „digital“ selbstverständlich in meinen Wortschatz über. Darüber muss ich oft schmunzeln.

Ihr habt in der Gemeinde schnell sehr kreative „Gottesdienste am Küchentisch“ organisiert und du wurdest gleich ganz selbstverständlich eingebunden. Was habt ihr über die Wochen gelernt und entwickelt? Was hat gut funktioniert? Was hat sich nicht bewährt?

Mit dem „Gottesdienst am Küchentisch“ haben wir versucht den Gottesdienst zu den Menschen nach Hause zu bringen. Dabei war uns von Anfang wichtig, den Gottesdienst an das youtube-Format anzupassen und nicht einfach den normalen Sonntagsgottesdienst abzufilmen. Wir haben versucht eine Liturgie zu entwickeln, die an die kürzere Aufmerksamkeitsspanne im virtuellen Raum angepasst ist, so zu sagen eine „kurzweiligere“ Form mit schnellerem Wechseln der Bilder.

Dabei haben wir viel ausprobiert und gelernt. Unter anderem, dass es wichtig ist, die Kamera nah heranzuholen – also unsere Gesichter und Mimik einzublenden – und, neben Liturgien, auch Drehbücher zu schreiben. Auch mit dem Visuellen zu spielen stellte sich als wichtig heraus: so gestaltet z.B. eine Konfiteamerin die Bibeltexte im Video für uns graphisch.

Wir haben gelernt, mit dem Visuellen zu spielen.

Bei der Predigt selbst haben wir ebenfalls unterschiedliche Dinge versucht und gemerkt, wie viel Raum für Kreativität sich da auftut. Besonders gelungen fand ich die Idee meiner Kolleg*innen am Sonntag Rogate: Statt einer Predigt haben sie vor laufender Kamera spontan auf Fragen der Konfis zum Thema Beten geantwortet.

Bewährt hat es sich außerdem, das digitale Angebot mit Analogem zu vermischen. Oft konnte sich die Gemeinde am Sonntag noch eine Kleinigkeit in der offenen Kirche abholen. Für Ostern hatten wir zum Beispiel Ostertüten vorbereitet mit denen die Gemeinde die Heilige Woche begehen konnten: Saft und Oblaten für Gründonnerstag, für Karfreitag ein kleines Holzkreuz, für Ostersonntag eine Osterkerze, Blumensamen und eine Postkarte zum weiterschicken. In den Gottesdiensten zu den jeweiligen Tagen haben wir das dann aufgegriffen.

Es gab berührende Rückmeldungen – Fotos von persönlichen Abendmahlstischen zu Hause oder Grüße per Video.

Es war sehr rührend, was für positive Rückmeldungen wir von der Gemeinde bekommen haben. Aber auch über die Gemeinde hinaus gab es ein Interesse an dem neuen Format. In meinem unmittelbaren Umfeld habe ich erlebt, dass plötzlich Menschen an unseren Online-Gottesdiensten teilgenommen haben, die sonst eher eine Scheu haben den Kirchenraum zu betreten, um Gottesdienste zu feiern. Uns haben viele schöne Fotos per Mails erreicht – von kleinen persönlich dekorierten Abendmahlstischen bis hin zu kleinen Videoantworten mit Grüßen. Trotz den Abstandsregelungen hatte ich das Gefühl, mit den Menschen verbunden zu sein. Das war schon sehr besonders.

Gab es auch etwas, das dir gefehlt hat?

Durch die neue Situation gab es in meinem Vikariat auf einmal eine starke Fokussierung auf den Sonntagsgottesdienst. Seniorenkreise, Kinder- und Jugendarbeit, Glaubenskurse, Andachten, Besuche, aber auch Taufen und Trauungen und vieles mehr konnten nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt stattfinden. Ich habe nur ein kleinen Teil von dem sonst so bunten und vielfältigen Gemeindeleben kennen lernen können.

Viele Menschen kennen jetzt mein Gesicht, aber ich kenne die wenigsten von Angesicht zu Angesicht.

Dazu kommt, dass das Online-Format sehr einseitig ist. Viele Menschen kennen jetzt mein Gesicht, aber ich kenne die wenigsten der Zuschauer unserer Online‑Gottesdienste. Mir fehlen sozusagen die Gesichter und Lebensgeschichten hinter der Kamera. Mit einigen Menschen habe ich zwar telefonische Gespräche geführt, aber ein richtiges Kennenlernen funktioniert, denke ich, am besten von Angesicht zu Angesicht.

Auch das Predigerseminar in Wittenberg, das ja sonst sehr vom gemeinsamen Leben und Arbeiten lebt, hat dann auf digitale Kurse umgestellt. Wie habt ihr gearbeitet? Was war schwierig?

Wie eine Kurswoche des Predigerseminars im digitalen Raum aussehen sollte, habe ich mir anfänglich nur schwer vorstellen können. Doch auch hier sind viele kreative Ideen entstanden: Die Mit-Vikar*innen der Wochenleitung haben uns per Post mit Nervennahrung versorgt, die Morgenandachten und das Mittagssingen kamen per SMS oder Audiodatei, die Fachgespräche liefen über den Bildschirm und die Seminar‑Gottesdienste wurden online gestaltet.

Predigerseminar: Morgenandachten und Mittagssingen per SMS oder Audiodatei, Fachgespräche über den Bildschirm

Dennoch hat mir der persönliche Austausch und die gemeinsame Zeit vor Ort in Wittenberg sehr gefehlt. Die Gespräche, die sich spontan ergeben, kommen über Videokonferenzen nur schwer zustande. Für viele von uns war es außerdem schwierig, sich in dieser Zeit aus der Gemeinde rauszunehmen und mit dem Fokus ganz beim Seminar zu sein.

Daher finde ich jetzt nach den Lockerungen die Idee von Hybrid- Kursen sehr gut: Die Hälfte der Zeit wird in Wittenberg stattfinden, die andere Hälfte digital. Jetzt gerade haben wir die Wocheneinheit zum Thema Liturgie und arbeiten dazu digital. Interessant ist dabei, dass wir viel mehr zu Mimik und Ausdruck arbeiten, als das sonst vorgesehen wäre: Wie kann ich mit meinem Gesicht, dem, was ich sagen will, mehr Ausdruck verleihen? Wie gehe ich mit einer Kamera um? Eine Frage, die unter normalen Bedingungen nicht so eine Präsenz erlangt hätte. Auch das Thema „Lockdown- Liturgien“ wurde zum selbstverständlichen Inhalt unserer Kurswoche.

„Lockdown- Liturgien“ als selbstverständlicher Inhalt unserer Kurswoche

Meine Mit‑Vikar*innen haben sehr viele gute Ideen aus ihren Gemeinden mitgebracht. Es gab z.B. positive Erfahrungen mit Stationsgottesdiensten: Jede*r Besucher*in konnte in seinem eigenen Tempo unterschiedliche liturgische Stationen durchschreiten. Berichtet wurde auch von guten Erfahrungen mit Telefongottesdiensten, die eine niedrigschwellige Möglichkeit des Gottesdienstfeierns für ältere Menschen sind. Eine Mitvikarin erzählte von einem Fahrradgottesdienst für den sich verschiedene Kirchen eines Kirchenkreises zusammengetan haben, um gemeinsam Himmelfahrt zu feiern. Für jeden Teilnehmenden gab es einen selbstbedruckten Jutebeutel, ein Hörspiel mit einer Schatzsuche und ein Pilgerpass. An den unterschiedlichen Haltepunkten bei den Kirchen konnten Schätze gesammelt, Grüße hinterlassen und Kerzen angezündet werden.

Im Vikariat geht es ja um eine situationsspezifische theologische Kompetenz. Inwiefern war dein Start mitten in der Pandemie auch eine Chance dafür? Welche Fähigkeiten wird dein Jahrgang in besonderer Weise ausgebildet haben?

Wie sich die Kirche in dieser besonderen Situation zu verhalten hat, wurde sehr kontrovers diskutiert – auch in unserem Vikariatsjahrgang. Manche meiner Mit‑Vikar*innen waren der Meinung, dass die online‑Angebote übersteigerter kirchlicher Aktionismus und lediglich ein Schwimmen im eigenen Saft seien. Statt das Internet zu überschwemmen, habe die Kirche jetzt die Aufgabe zu schweigen und zuzuhören. War es für die einen wichtig, gerade jetzt über Hoffnung und Vertrauen zu reden, mahnten die anderen, es müsse mehr um das gemeinsame Ertragen der Unverfügbarkeit gehen. Ich finde diese Diskussionen sind ein guter Nährboden, um alte Muster aufzubrechen und neu über die gegenwärtige Situation der Kirche im öffentlichen Raum nachzudenken. Die Überlegungen, wie wir weiterhin mit verschiedenen Menschen verbunden bleiben können, haben uns herausgefordert, gewohnte Pfade zu verlassen und neue Wege auszuprobieren.

Kontroverse Diskussionen: gemeinsames Ertragen der Unverfügbarkeit oder gerade jetzt über Hoffnung und Vertrauen reden?

Ich habe schnell gemerkt, wie wichtig es für die digitalen Formate ist, inhaltlich auf den Punkt zu kommen. Der digitale Raum erreicht ja eine ganz andere Öffentlichkeit. Gerade das kurze Liturgieformat fordert dazu heraus, eine klare Botschaft und Stimmung zu transportieren. Ich halte die Fähigkeit, verständlich zu sprechen und nicht in geprägte Sprache zu verfallen, für unverzichtbar. Das konnte ich in den letzten Monaten üben. Dabei theologisch nicht zu „verflachen“, sondern die Tiefe der christlichen Inhalte beizubehalten, bleibt eine Herausforderung.

Amelie Renz hat in Marburg und Berlin Ev. Theologie und Philosophie studiert und ist seit März diesen Jahres Vikarin in der Gemeinde Evangelische Kirche Prenzlauer Berg Nord, Berlin.

Bild: Andacht zu Himmelfahrt auf dem Turm des Stadtklosters Segen (privat)

Interview: Dr. Kerstin Menzel, Leipzig

Print Friendly, PDF & Email