Kirchenräume weiter denken. Ein Aufruf

Immer mehr Klöster, Kaplaneien, Pfarrhäuser und Kirchen werden leer. Dramatisches passiert mit der Sakrallandschaft im deutschsprachigen Europa, und nicht nur hier. Regula Grünenfelder ist überzeugt, dass diese Gebäude auch in Zukunft für das Gemeinwesen wichtig sind und regt an, theologisch über das Ende der christlichen Mehrheitsgesellschaft hinaus zu denken.

Erste Schlüsselerfahrung

Das ganze Dorf sitzt am Sonntagabend in der Kirche. Alle Parteifarben und Weltanschauungen sind vertreten: christlich, muslimisch, esoterisch, konfessionslos, sozial engagiert und Wähler vom rechten Rand. Und natürlich die Eltern der Flüchtlingsfamilie, die drei Tage zuvor brutal ausgeschafft wurde und sich eben selbst zurückgeschafft hat. Was tun? Und wer? Und auf welcher Grundlage? Wir müssen reden! Schnell. Wo? In der Kirche. Da gibt es Platz für alle und Mikrofone.

In der Kirche gibt es Platz für alle

Wer etwas zu fragen, zu berichten oder vorzuschlagen hat, meldet sich. Kinder, die ihre Betroffenheit und Haltung schon öffentlich kundgetan haben, ergreifen das Wort, und alle hören zu. Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, was passiert ist, was jetzt nötig und was gefährlich ist, was die nächsten Schritte sind. Nach einer guten Stunde gehen die Leute heim. Und am frühen Montagmorgen fährt eine Autokarawane los Richtung Amt für Migration.

Vorübergehendes Christentum

Schützende Mauern und Mikrofone und Bänke und Küchen. Im deutschsprachigen Europa (und selbstverständlich nicht nur hier) hat das Christentum seit Jahrhunderten die Landschaft überzogen: Hat Kraftorte geerbt, Vorbilder religiösen Gemeinschaftslebens übernommen und neue entwickelt, hat Versammlungsorte mit christlichen Zeichen versehen und viele neue gebaut.

Bekommen, genommen, gekauft.

Und in den vergangenen Jahrzehnten Platz gemacht für säkulare Foren, Garagenmoscheen, Wellnesstempel, und angefangen zu teilen: mit anderen Konfessionen und Religionen, Podiumsteilnehmer*innen und Gästen, Vereinen und Generalversammlungen, Zukunftskonferenzen und Zen-Meditationen. Kirchen haben sich in die religiöse Geschichte, die vor ihnen angefangen hat, eingetragen, und die Gesellschaft mit ihren Versammlungsräumen geprägt.

Vertikale Ökumene

Was wir erleben, ist ein Umbruch in der «vertikalen Ökumene»[1]. Othmar Keel hat diesen Begriff entwickelt, um die monotheistischen Anfänge zu beschreiben in Anerkennung der polytheistischen Wurzelreligionen, zur gegenseitigen Wertschätzung zwischen Judentum, Christentum und Islam und grundsätzlich aller Religionen als gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen. «Vertikal» lenkt den Blick auf die historischen Beziehungen zwischen den religiösen Traditionsströmen.

Vertikale Leihgaben

In meiner Solidaritätsarbeit an den Rändern von Gesellschaft und Kirchen wird mir immer deutlicher, dass diese «überzähligen» sakralen Gebäude und Versammlungsräume auch in Zukunft dringend notwendig sind. Diese geerbten, genommenen und gekauften Liegenschaften sind unverfügbare Räume, die es immer gebraucht hat, und die für das Gemeinwohl angesichts von Individualisierung und Kapital-gesteuerter Globalisierung ganz besonders wichtig sind, auch in fünf, zehn, zwanzig Jahren. Wir dürfen sie nicht einfach vermarkten oder irgendwie säkular umnutzen, nur weil die Kirchensteuern zurückgehen und „wir“ sie nicht mehr füllen können.

Räume, wo Erfahrungen gedeutet, Wege guten Lebens aufgezeigt werden und gefeiert wird.

Kirchliche Liegenschaften sind gemäss amtlichen Grundbüchern zwar im Besitz ihrer kirchlichen Rechtsträger. In historischer Perspektive reden wir aber über Räume, wo Erfahrungen gedeutet, Wege guten Lebens aufgezeigt werden und gefeiert wird. Wo das Woher, Wozu, Wohin menschlicher Existenz beleuchtet wird. Wo hermetische Diesseitsmodelle und Gewissheiten aufgebrochen, wo Schutz und Gemeinschaft erfahren werden. Wo es Impulse zum Umgang mit Leid, Schicksalsschlägen, Ungerechtigkeit, Schuld und Tod gibt, die ausstrahlen. Wo es (avant la lettre) achtsame Landwirtschaft, biologische Kräutergärten und abfallfreies Handwerk gibt, wo mensch nichts konsumieren und kaufen muss.

Pfingstliche Kirche

Das Zweite Vatikanum hat die Kirche geöffnet für die Anerkennung der Beiträge des Volkes Gottes, der Beiträge anderer Kirchen und Religionen, ja, aller Menschen guten Willens für ein gutes gesellschaftliches und religiöses Leben in der Menschheitsfamilie.

Und schon die kirchliche Gründungsgeschichte (Apg 2) ist vertikal aufgestellt. Die ersten jüdischen Christ*innen – so die biblische Überlieferung – sprachen von „den grossen Taten Gottes“ und die Zuhörenden verstanden sie in ihren jeweiligen Sprachen und Dialekten.

Was für ein Vertrauen an der geöffneten Pfingsttür!

Diese ersten jüdischen Christ*innen gaben demnach ihre frohe Botschaft weiter, ohne dass die Zuhörenden gleich werden mussten wie sie. Sie verlangten nicht, dass diese jüdisch wurden wie sie selbst und ihre Erfahrung mit «Gottes grossen Taten» mit den gleichen Wörtern sagen konnten. Was für eine grosszügige Geste, was für ein Vertrauen an der geöffneten Pfingsttür! Die ersten Christ*innen setzten an, in Verschiedenheit verbunden zu sein.

der Verschiedenheit trauen

Es gab damals, und dann noch eine ganze Weile in der Kirchengeschichte keine christlichen sakralen Gebäude, über die sich jemand den Kopf zerbrechen musste. Aber das Grundthema zieht sich durch bis heute: Mit dem Geist und aus Liebe der Verschiedenheit trauen, Türen öffnen, Menschen am gemeinsamen Tisch willkommen heissen und von Anderen lernen.

Göttliche Selbstzurücknahme

Sich in vertikaler Ökumene zu verhalten bedeutet, sich selber zurückzunehmen. Wir sind Gast auf Erden, und auch unsere Gebäude sind nur vorübergehend unsere. Es gibt ein vor und ein nach uns, und optimistisch gesagt, ein nach uns, das wir mitgestalten. Die Autorität über die sakrale Landschaft ist noch bei den grossen christlichen Kirchen, doch Autorität zirkuliert. Sie bewegt sich deutlich erkennbar weg von kirchlicher Macht.

Autorität zirkuliert.

Der Philipper-Hymnus beschreibt diese Selbstzurücknahme, Dezentrierung, übrigens als göttliche Bewegung: Gott nimmt sich selber zurück, um Menschen zu begegnen. Die Selbstzurücknahme aus einer Mehrheits- oder gar Allmachtsposition eröffnet Möglichkeit zur Begegnung. Wer sich zurücknimmt, Platz macht, sucht und meint das Gegenüber. Und das geht nicht theoretisch oder verordnet, das ist Praxis.

Wer sich zurücknimmt, … sucht und meint das Gegenüber.

Natürlich sind Restrukturierungen wichtig, da kirchliche Gelder besser für Seelsorge statt zur Konservierung von leeren Kirchen eingesetzt werden. Aber, gemäss Kardinal Lehmann, relativieren sich Probleme mit der Inneneinrichtung, wenn die Kirche brennt. Als Vorübergehende in der vertikalen Ökumene können wir dafür sorgen, dass die genommenen, bekommenen und gekauften Räume auch über uns hinaus für das Gemeinwohl da sind. Und zwar mit der nicht- oder nachkirchlichen Zivilgesellschaft[2].

Zweite Schlüsselerfahrung

Vor etwa zehn Jahren begann die Schweiz, Asyl-Bundeszentren zu planen, in denen Asylsuchende mit weniger Chancen auf einen positiven Entscheid untergebracht wurden. Die Zivilgesellschaft war um die und in diesen Zentren ausdrücklich nicht erwünscht. Asyl-Bundeszentren waren als hermetische Systeme geplant. Doch Menschen brauchen zivile Kontakte, ein freundliches Gegenüber, das sich einfach interessiert, wie es geht und Zeit schenkt. Es gelang zum Glück, dieses hermetische System zu sprengen, so dass heute die Zivilgesellschaft um Asyl-Bundeszentren ihre Aufgaben wahrnehmen kann (das Ergebnis einer intensiven Geschichte: www.plattform-ziab.ch).

Menschen brauchen zivile Kontakte, ein freundliches Gegenüber.

Ich habe aus diesen Prozessen viel gelernt. Vor allem haben sie den Blick dafür geöffnet, wie Zivilgesellschaft funktioniert nach Notwendigkeiten, Bedürfnissen, Ressourcen.

Wege in die Zukunft

Es gibt viele Pfarreien und Klöster, die keine hermetischen Systeme sind. Ich lebe in einer Pfarrei, die ihre Tore öffnet für einen Fair-Teiler, damit Nahrung gerettet werden kann, für ein Lernzimmer, damit Geflüchtete an Computern und miteinander Deutsch lernen können, für interkulturelle Mittagessen mit Alten und Fremden und Kindern. Und gerade in der Schweiz haben Frauen und Männer in der Kirche demokratische Rechte.

Trotzdem kommen viele Menschen, gar nicht mehr auf die Idee, in Kirchen und Klöstern nach Leben und Bedeutung zu suchen. Von aussen erleben sie Kirche als geschlossene Gesellschaft. Das hat seine Gründe.

Wir werden uns wundern und freuen.

Viele engagierte Menschen und Gruppen da draussen, und es werden mehr, sind bereit für ein bescheidenes, solidarisches, abfallfreies Leben aus spiritueller Wurzel. Sie können und wollen anknüpfen, aber nicht als Gleiche.

Biblische Haltepunkte für diese Selbstzurücknahme sind Pfingsten, Christuszeugnisse und der gastliche Tisch, an dem es Brot gibt für alle. In der Kirchengeschichte hat diese Dezentrierung immer wieder stattgefunden, gerade durch die Aufbruchbewegungen von Gemeinschaften. Und heute sind es interkonfessionelle und interreligiöse, sozial und ökologisch engagierte Gruppen, die gerne an einer sinnreichen Tradition teilhaben möchten, gerne helfen möchten, die Tradition mit Inhalt zu füllen.

Dezentrieren ermöglicht Zentrierung: Wärme.

Wir werden uns wundern und freuen, mit welchen Menschen wir zusammenwirken, welche Not wir lindern können. Dezentrieren ermöglicht Zentrierung: Wärme. Wandlung in ein tieferes Verständnis unseres Glaubens. Im Anderen/der Anderen erkenne ich, was mir fehlt, erkennen wir, was uns fehlt.

Vision

Eines der Labors, an dem ich beteiligt bin, hat seine Vision vorläufig so formuliert:

«Zusammen mit Menschen guten Willens stehen wir auf, um dem Verlust der klösterlichen Tradition Einhalt zu gebieten und diesem religiösen Erbe eine Zukunft zu ermöglichen, indem wir mit Sorgfalt und Interesse für das Wohlergehen der Schwestern und Brüder in ihren Klöstern und gemeinsam mit ihnen

… dem pfingstlichen Geist folgend offen und vorurteilslos der vielfarbigen Spiritualität eine Heimat geben

… im Sinne des gastlichen Tisches eine Gemeinschaft der Gemeinschaften schaffen, die Raum für christliches Teilen und dialogisches Gestalten einer tragfähigen klösterlichen Zukunft schafft

… auf Augenhöhe mit überzeugenden Argumenten und im fairen Disput Menschen und Institutionen dafür gewinnen, dass der Brache anheimfallendes klösterliches Gemäuer und Land in Wertschätzung und Verbundenheit seine Geschichtlichkeit neu ausfüllen kann.»

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Regula Grünenfelder, Dr. theol., zivilgesellschaftlich engagiert in verschiedenen Projekten mit Geflüchteten und beseelter Landwirtschaft, in Labors zum Kirchen- und Kloster-Leben der Zukunft, Leiterin Fachstelle Feministische Theologie der FrauenKirche Zentralschweiz und Familienfrau.

Beitragsbild: Aufnahme vom Pfingstbrausen 2015 der FrauenKirche Zentralschweiz, © Katja Wissmiller


[1] Das Konzept hat Othmar Keel entwickelt. Z.B. Vertikale Ökumene. Erinnerungsarbeit im Dienst des interreligiösen Dialogs. Mit Beiträgen von Othmar Keel, Ulrike Bechmann und Wolfgang Lienemann, bebildert und herausgegeben von Thomas Staubli, Bibel und Orient Museum, Freiburg i.Ue. 2005.

[2] Zivilgesellschaft wird unterschiedlich definiert. Hier geht es um den dritten Sektor im Dialog mit Staat und Wirtschaft. Engagierte Personen setzen sich eigenverantwortlich für ein langfristig funktionierendes demokratisches Gemeinwesen und eine gerechte Gesellschaft ein, weil sie Defizite wahrnehmen (Asylbereich, Wirtschaftsgebaren) oder langfristigen Schaden antizipieren (Jugendliche im Klimastreik).

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