Kirchliche Immobilienprozesse als pastorale Herausforderung

Digital Hub der Stadt Aachen als Inkubator zwischen Startups und Mittelstand in der jetzt entwidmeten Kirche St. Elisabeth. (Siehe auch: https://aachen.digital/

Welche Immobilien werden für eine zukünftige Pastoral gebraucht? Auf welche wird im Umkehrschluss verzichtet? In zahlreichen Bistümern finden zurzeit Prozesse zur Umnutzung kirchlicher Immobilien statt. Simon Harrich über die pastorale Herausforderung dieser Prozesse.

Fünf-Sterne-Bewertung bei Google Maps, zwei Daumen hoch für den Kommentar:

„Wir haben der St. Hermann-Josef Kirche nunmehr αδιο gesagt und gleichzeitig Καλοσ ήρθατε dem Hl. Nikolaus – wo wir sicher auch heimisch werden. Die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Kirchen-Gebäude der jetzt ehm. Hermann-Josef Kirche war eine wohl einmalige Kombination in der ganzen Gegend. Sehenswerte Ikonostase und neuer, großer Kronleuchter.“

Mit dieser Bewertung verabschiedet sich ein Gemeindemitglied von seiner ehemaligen Kirche, die bis dahin zu einer Mönchengladbacher Pfarrei gehörte. Nach einer Übergangszeit von mehreren Jahren wurde sie an eine griechisch-orthodoxe Gemeinde verkauft. Zuvor waren die orthodoxen Christ*innen Gäste in der Kirche, nun sind es die Katholik*innen.

Umnutzungsprozesse in westdeutschen Bistümern

Nutzungsänderungen wie diese werden seit mehreren Jahren unter anderem in den kleineren westdeutschen Bistümern vorgenommen: Das Bistum Essen steckt mitten in seinem „Pfarreientwicklungsprozess“ (PEP), das Bistum Aachen hat vor gut zehn Jahren mit dem Prozess „Kirchliches Immobilienmanagement“ (KIM) begonnen.[1] Beide Prozesse nehmen die Veränderungen kirchlicher Strukturen zum Anlass, sich damit auseinanderzusetzen, welche Gebäude in Zukunft wie genutzt werden.

Welche Immobilien werden für eine zukünftige Pastoral genutzt?

Auf der einen Seite stellt sich die qualitative Frage, welche Kirchen, Pfarrheime, Jugendräume usw. wie für eine zukünftige Pastoral nutzt und weiterentwickelt. Auf der anderen Seite steht die quantitative Frage, welche von ihnen behalten wird. Auf welche wird im Umkehrschluss verzichtet?

Die Verantwortung liegt bei den Gemeinden und ihren gewählten Gremien, wie die Vorgaben umgesetzt werden. Die Entscheidungsprozesse darüber, welche Gebäude weiterhin genutzt werden und welche nicht, laufen immer unterschiedlich ab. Denn die Gemeinden unterscheiden sich in ihrer Verfasstheit und ihrem Kontext. Eine städtische Gemeinde, die sich in einem säkularen, multireligiösen oder strukturschwächeren Umfeld und mit einer hohen Dichte von Kirchengebäuden mit diesen Fragen auseinandersetzt, diskutiert sie wahrscheinlich anders, als dies eine Gemeinde tut, die ländlich gelegen ist und bei der das Gemeindeleben und Alltagsleben der Menschen eng verwoben sind.

Manche Prozesse laufen sehr konstruktiv. Andere sind äußerst konfliktreich.

Manche dieser Prozesse laufen sehr konstruktiv. Sie führen zu einer verstärkten inhaltlichen Verständigung der Gemeinde darüber, welche Schwerpunkte gesetzt werden sollen. Wieder andere sind äußerst konfliktreich, wenn z.B. latente Konflikte im Beratungsprozess aufbrechen oder wenn einzelne Gemeinden in größeren, fusionierten Pfarreien an „ihren“ Gebäuden um jeden Preis festhalten wollen und Kompromisse dadurch schwierig werden.

Vielfältige Formen der Nachnutzung

Wurde entschieden, welche Gebäude abgegeben werden sollen, suchen die Gemeindemitglieder nach verschiedenen Möglichkeiten angemessener Nachnutzung. Dabei wirken unterschiedliche Faktoren zusammen. Es braucht die richtigen Partner*innen an den richtigen Orten zur richtigen Zeit, um Projekte umzusetzen.

Solche Nachnutzungen sind z.B.:

  • ökumenische Projekte bei der gemeinsamen Nutzung von Gottesdienst- und Versammlungsräumen, bis hin zum oben beschriebenen Verkauf an eine andere christliche Glaubensgemeinschaft wie z. B. griechisch-orthodoxe Mitchrist*innen;
  • städteplanerische Projekte, bei denen Gebäude im Sinne der Quartiersarbeit dazu beitragen, Ortskerne weiter zu entwickeln, z. B. durch Versammlungsräume oder Wohnungsbau;
  • soziale Projekte, bei denen die Gebäude nach der Entwidmung einer caritativen Funktion zugeführt werden (z. B. Sozialcafè, Laden, Beratungsstelle usw.);
  • Kolumbarien, bei denen Urnengräber und Trauerräume in Kirchen eingebaut werden, eine pastorale Trauerbegleitung stattfindet und personale Trauergemeinden entstehen können.[2]

Weitere Nutzungsformen sind denkbar, wie die Nutzung als Verwaltungs- und Bürogebäude. Ebenso kann es zu Teilumnutzungen kommen, wenn z. B. größere Pfarrheime veräußert und Versammlungsräume in Kirchengebäude integriert werden. Konfliktreich wird es insbesondere dann, wenn ein Abriss eines Kirchengebäudes im Raum steht.

Umnutzungen als pastorale Kristallisationspunkte

Zwischen der Entscheidung für ein Konzept und der konkreten Umnutzung eines Gebäudes vergehen oft mehrere Jahre, bis ein Plan entwickelt und neue Nutzer*innen gefunden werden. Die endgültige Umnutzung, bei der der anfängliche Entschluss Wirklichkeit wird, ist insbesondere dann eine Zäsur, wenn es sich um ein Kirchengebäude handelt.

Die Zäsuren sind aus verschiedenen Perspektiven pastorale Kristallisationspunkte.

Häufig verstehen die Beteiligten rational, dass sich territorialgemeindliche Strukturen verändern – sei es die Anzahl aktiver Mitglieder, die Art der verschiedenen Engagements, die zu Verfügung stehenden finanziellen, personellen, oder eben räumlichen Ressourcen.[3] Wenn die Entscheidungen über die neue Nutzung eines Kirchengebäudes konkret wird, dann wird diese Situation emotional oder „mit dem Herzen“ verstanden. Dies kann sehr positiv verlaufen, wie bei der eingangs zitierten Verabschiedung. Es kann aber auch konfliktiv werden und bis zum Beziehungsabbruch führen, wenn keine umfassende Begleitung, Verabschiedung und Trauerarbeit stattgefunden hat.

Diese Zäsuren sind deshalb aus verschiedenen Perspektiven pastorale Kristallisationspunkte.

  • Zuerst aus Perspektive einzelner Gemeindemitglieder. Die Lebensgeschichten der Menschen vor Ort sind mit den Gebäuden, deren Nutzung sich nun verändert, verwoben. Sie sind Teil ihrer Identität. So berichtet z. B. ein Mitglied einer Gemeinde, im Gespräch über eine Kirche, die jetzt ein Kolumbarium ist: „Ich wurde hier getauft, habe hier geheiratet und hier werde ich auch begraben.“
  • Zweitens aus Perspektive der Gesamtgemeinde. Die veränderte Nutzung eines Gebäudes zeigt exemplarisch, dass sich territorialgemeindliche Strukturen rapide verändern. Dies ist häufig ein schmerzlicher Prozess für diejenigen, die sich mit diesen Gemeinden identifizieren, in ihnen engagiert und verwurzelt sind. Gerade deshalb ist eine pastorale Begleitung der Gemeinden auf allen Ebenen – also vor Ort als auch auf der Ebene der Bistümer – geboten. Verantwortliche Akteur*innen müssen sich die Frage stellen, ob für eine solche pastorale Begleitung der Gemeinden das Richtige und genug getan wird.
  • Drittens aus der Perspektive der kirchlichen Sendung. Viele Umnutzungen sorgen dafür, dass ein Gebäude außerhalb explizit kirchlicher Kontexte noch einmal anders relevant wird. Dabei geht es um Nutzungsformen, die z.B. stärker diakonisch ausgerichtet sind. Dritten werden Ressourcen zur Verfügung gestellt, um das Zusammenleben der Bürger*innen zu verbessern usw. Kurz: Es kann darum gehen, dass andere etwas davon haben! Dies kann im kirchlichen Rahmen und in der Verantwortung kirchlicher Institutionen geschehen (z. B. bei einer sozialen Nutzung durch Verbände). Ebenso kann – mit guten theologischen Gründen – die kirchliche Steuerung bewusst abgegeben und eine freie Weiterentwicklung zugelassen werden.[4]

Zukünftige Relevanz des Themas

Die Frage, welche Gebäude wie genutzt werden, wird die deutschen Diözesen in den nächsten Jahren intensiv begleiten. Sei es, dass sie damit beginnen, systematisch Immobilienprozesse aufzusetzen. Sei es, dass laufende Prozesse verbessert werden oder dass nach neuen Wegen der Entscheidungsfindung gesucht wird.

Bauliche, finanzielle und pastorale Perspektiven sollen stärker verzahnt werden.

Um unterstützende Strukturen auf- und auszubauen planen die Organisationsberater*innen der Diözesen in der nördlichen Hälfte Deutschlands zur Zeit einen Workshop. Architekt*innen, Verwaltungsmitarbeiter*innen und Berater*innen sollen gemeinsam das Thema der Veränderungsprozesse in Immobilienfragen systematisch in den Blick nehmen. Bauliche, finanzielle und pastorale Perspektiven sollen so weiter verzahnt werden. Durch die stärkere Verbindung der Kompetenzen wird auch eine verbesserte Begleitung für die Gemeinden angestrebt, in denen Gebäudeumnutzungen anstehen.

Und schließlich stellt sich die Frage, wie Kirchengebäude in Anbetracht der aktuellen Instruktion der Kleruskongregation einer neuen Nutzung zugeführt werden. So kennt die Instruktion einzig einen Grund für eine Entwidmung, die für viele neue Nutzungen Voraussetzung ist. Nämlich, dass sich das Gebäude in einem „für die Feier der Liturgie unbrauchbaren irreparablen Zustand befindet“ (Nr. 51). Was dies für eine konstruktive weitere Nutzung kirchlicher Immobilien und die Gestaltung der dazugehörigen Prozesse bedeutet, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

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Simon Harrich ist Referent für Gemeindearbeit und Gemeindeberatung im Bistum Aachen.

Bild: Wikimedia Commons — Digital Hub der Stadt Aachen als Inkubator zwischen Startups und Mittelstand in der jetzt entwidmeten Kirche St. Elisabeth. (Siehe auch: https://aachen.digital/)


[1] Zu PEP vgl. Etscheid-Stams et al.: Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen. Freiburg i. Br. 2020. Ich schreibe hier aus der Aachener Perspektive.

[2] Bei der Umnutzung von Kirchengebäuden in Kolumbarien ergeben sich eine Reihe friedhofs- und bestattungsrechtlicher Fragen, die bei dieser besonderen Form zu klären sind.

[3] Birgit Hoyer hat auf dieser Seite die Krisenproblematik vor einigen Wochen beleuchtet. Dass sie dabei auch auf architektonische Fragen zu sprechen kommt, ist sicher kein Zufall. Vgl.

Eine Krise ist eine Krise, ist eine Krise?

[4] Wie bei der oben abgebildeten „Digital Church“ der Stadt Aachen. Als anderes pastoralpraktisches Beispiel mit kirchlicher Rückbindung lässt z. B. sich die Stuttgarter Gemeinde St. Maria heranziehen. Vgl.„Wir haben eine Kirche, haben Sie eine Idee?“(domradio.de).

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