Zwischen Träumen und Handeln: Auf gangbaren Wegen in eine Zukunftsutopie

Wie die Zukunft angesichts von vielfältigen Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten verantwortlich gestaltet waren kann, hat in den letzten Tagen deutschlandweit viele Menschen beschäftigt. Clara-Luisa Weichelt vom Hilfswerk Misereor berichtet vom gemeinsamen Ringen um eine gemeinwohlorientierte Gestaltung der Gesellschaft.

Wie wollen wir leben im Jahr 2048? Beim Kongress „Zukunft für alle“ vom 25. – 30. August wurde über konkrete Utopien und Wege für gesellschaftliche Transformation diskutiert – digital und „corona-konform“. In Dialogräumen wurden Visionen einer sozial und ökologisch gerechten Gesellschaft entwickelt, die ins „Machen“ münden sollen. Dass die Wege für eine „Ernährungsrevolution“ bereits bereitet werden, zeigen zwei Filme und ein Workshop im Rahmen des Kongresses.  

Bündnisse bilden und möglichst viele Menschen einbinden

Über ein digitales Kongressgelände wurden diverse Menschen zusammengebracht, aus Wissenschaft, Politik und sozialen Bewegungen. Menschen, die an der Gestaltung unserer Gesellschaft teilhaben wollen, Probleme an der Wurzel packen und zeigen, dass es anders geht. Beim Zukunftskongress wurden Bündnisse gebildet, mit dem Anspruch so viele Menschen wie möglich mitzunehmen.

60 zivilgesellschaftliche Organisationen
wirken zusammen.

Rund 1.500 Teilnehmende in über 300 (Online-)Veranstaltungen arbeiteten in der letzten Woche an konkreten Entwürfen für eine demokratische sowie sozial und ökologisch gerechte Zukunft. Teile des Programms, darunter neben Podiumsdiskussionen auch ein Kunst- und Kulturprogramm wie Theater, Konzerte und Kino konnten live in Leipzig stattfinden und wurden im Internet übertragen. Dabei wurde an drängenden gesellschaftlichen Fragen gearbeitet:   Von Wohnen bis Ernährung, Klimagerechtigkeit, Mobilität, Arbeit, Finanzen und Globale Gerechtigkeit. Organisiert wurde der Kongress vom Konzeptwerk Neue Ökonomie mit einem Bündnis von rund 60 zivilgesellschaftlichen Organisationen und einem basisdemokratischen Organisationskreis. Misereor unterstützte den Kongress als Teil des Trägerkreises.

Vorstellungen von einer
zukunftsfähigen Gesellschaft

Welchem Anspruch sich die Teilnehmenden hier stellen, verdeutlicht die Pressesprecherin des Kongresses, Ronja Morgenthaler: „Das System, in dem wir leben, ist nicht zukunftsfähig und funktioniert für die allermeisten Menschen auf der Welt bereits heute nicht. Wir müssen jetzt anfangen, eine Zukunft für alle aufzubauen. Dafür brauchen wir Vorstellungen davon, wie eine solche Gesellschaft aussehen kann. Diese wollen wir auf dem Kongress entwickeln.“

Lust am Dialog

Der Kongress ist eine Einladung zum Dialog, ein Auftakt, um sich zu verbinden und mit Mut und Hoffnung gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Ein Beitrag, um Ideen und Visionen einer gerechten Welt wahr werden zu lassen. Eine kleine Oase, gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft schrittweise droht auseinander zu driften und die Bereitschaft zu konstruktiven Gesprächen keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Die Lust an Gespräch und Austausch zu einer besseren Zukunft für alle sollte sich auch über die Konferenz hinaus in weite Teile der Gesellschaft verbreiten. Da kommen auch Kirchen und Religionsgemeinschaften ins Spiel.

Kirchliche Verlautbarung als Dialogangebot

In diesem Jahr feiert die Gerechtigkeits- und Umweltenzyklika „Laudato Si´“ ihren fünften Geburtstag. Als Teil des Erneuerungsprozesses der katholischen Kirche ruft Papst Franziskus darin zur ökologischen Umkehr und gesellschaftlichen Veränderung auf: „Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle.“ (LS 14) Die Enzyklika ist ein Dialogangebot an alle Menschen der Gesellschaft, unabhängig von Religion und Weltanschauung.

Wandel von Produktions- und Wirtschaftsweise

Die Notwendigkeit von Dialog und Gespräch zieht sich wie ein roter Faden durch die Verlautbarung des Papstes. Sie wendet sich bewusst gegen paternalistische sowie machtgeleitete Entscheidungsfindung und lädt ein zu „aufrichtigen und ehrlichen Debatten“ (LS 16). Papst Franziskus macht deutlich, dass es unmöglich sei, „das gegenwärtige Konsumniveau […] aufrechtzuerhalten“ (LS 27) und richtet klare Worte an Kirche und Gesellschaft, sich für einen grundlegenden Wandel unserer Produktions- und Wirtschaftsweise einzusetzen. Zum ersten Mal in einer Enzyklika wurden hier ethisch-theologische, naturwissenschaftliche und politische Perspektiven zusammengebracht. Auch im Jahr 2020 hat die Enzyklika ihre Bedeutung nicht verloren. Die „Sorge um unser gemeinsames Haus“ wird mit jedem Tag dringlicher. Die notwendigen gesellschaftlichen Debatten angesichts sozialer Ungleichheiten und globaler Krisen, wie dem Klimawandel, müssen weitergeführt werden und sich dringend im Handeln niederschlagen. Dazu bot der Zukunftskongress die Gelegenheit.

Ansätze für eine Ernährungsrevolution

In einem Workshop von Misereor mit dem Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) wurde nicht nur Raum für Austausch geboten, sondern auch Mut dafür gemacht, konkret ins Handeln zu kommen. Zu Gast war Márcio Mattos de Mendonça, Koordinator für urbane Landwirtschaft bei der Misereor-Partnerorganisation AS-PTA aus Brasilien. Er ist einer der Pioniere, die als Protagonist*innen in den Kurzfilmen „Foodrevolution – Stadt trifft Land“ auftauchen. Darin werden anhand von Beispielen aus Frankfurt und Rio de Janeiro erfolgreiche Wege aufgezeigt, die bereits heute die Richtung hin zu einer „Ernährungsrevolution“ weisen.

Ökologische Förderpolitik –
ausgerechnet von Brasilien lernen?

Obwohl die Nachrichten aus Brasilien unter dem aktuellen Präsidenten derzeit vor allem negativ hervorstechen, können wir in Deutschland und Europa von den brasilianischen Erfahrungen lernen. Dort wurden politische Erfolge durch die Unterstützung der Vorgängerregierungen möglich und hatten maßgeblich zu Armuts- und Hungerbekämpfung in dem südamerikanischen Land beigetragen.  Davon berichtet De Mendonça und gibt Tipps für „Ernährungsrevolutionäre“. Dialog und Zusammenarbeit spielte nämlich auch bei der Einführung wichtiger politischer Maßnahmen in Brasilien eine entscheidende Rolle. Zu den Errungenschaften zählt die Einführung von Ernährungsräten, die in Brasilien per Gesetz eingerichtet wurden. Hier kommen die Zivilgesellschaft, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Verbände von Indigenen Völkern und der Nachfahren afrikanischer Sklav*innen, Fischer*innen und politische Entscheidungsträger*innen zusammen, um Gesetzesvorschläge zu erarbeiten und ihre Umsetzung zu überwachen. Sie haben erreicht, dass eine besondere Förderpolitik für familiäre, agrarökologische und organische Landwirtschaft umgesetzt werden konnte.

In der Schulkantine mindestens 30% aus familiärer Landwirtschaft

Ein Beispiel ist ein Programm zur öffentlichen Beschaffung von Nahrungsmitteln, das die regionale, familiäre Landwirtschaft stärkt. Oder das Schulspeisungsprogramm, das Schulen dazu anhält, mindestens 30% der Produkte zur Zubereitung der für die Schüler*innen kostenlosen Mahlzeiten aus familiärer, im Idealfall ökologischer Landwirtschaft zu beziehen. „Diese Erfolge und Politikansätze konnten vor allem deshalb umgesetzt werden, weil es eine starke Mobilisierung der Zivilgesellschaft gab, mit ihren Forderungen in die Politik zu gehen. Diese Bewegung ist bei den linken Regierungen der vergangenen Jahre auf offene Ohren gestoßen.“ sagt De Mendonça. Auch wenn mit der heutigen Regierung viele dieser Ansätze zurückgedrängt werden, zeigen die Beispiele, dass Zusammenarbeit und Offenheit fürs Gespräch erfolgreiche Zutaten sind für die Verbesserung der Rahmenbedingungen im Sinne der Menschen und unserer Lebensgrundlagen.

Verbindung von Produzent*innen und Konsument*innen

Auch auf lokaler Ebene lebt die Ernährungstransformation von der Verbindung zwischen den Menschen – zwischen denen, die Nahrungsmittel produzieren und denen, die sie konsumieren. Es müsse gelingen, den Bezug zu Lebensmitteln wieder stärker herzustellen und ihre Produktion wieder in die Nähe der Verbraucher*innen zu bringen. Sei es über Wochenmärkte, solidarische Landwirtschaft oder den eigenen Anbau, z.B. auf städtischen Flächen.

Lebensmittelqualität nicht als Luxus sondern Standard

Fast drei Stunden ließen sich die Teilnehmenden inspirieren und diskutierten angeregt miteinander darüber, wie nachhaltige Produktionsweisen und Ernährungskonzepte in der Stadt und auf dem Land aussehen können. Was bedeutet für uns eine „Ernährungsrevolution“? Wo sehen wir Keimzellen der Veränderung, damit gute Lebensmittelqualität kein Luxus bleibt, sondern zum Standard wird? Wichtig sei, dass die kleinen erfolgreichen Ansätze aus ihrem Nischendasein rauskommen und, dass die Veränderung „von unten“ aus der Bevölkerung komme.

Erste Schritte in kirchlichen Einrichtungen

Kirchen und kirchliche Einrichtungen tragen dabei ebenso wie die gesamte Menschheit die Verantwortung, im Sinne des Erhalts unserer Schöpfung nachhaltig mit unseren Ressourcen umzugehen. Auch die deutsche Bischofskonferenz sieht die „Schöpfungsverantwortung als kirchlichen Auftrag“ und hat dazu Handlungsempfehlungen erarbeitet, die als Leitfaden für die deutschen (Erz-)Diözesen dienen. Ein Anfang kann die Beschaffung auf Grundlage von sozialen und ökologischen Kriterien sein, z.B. Lebensmittel aus möglichst regionalem und ökologischem Anbau oder fair gehandelte Produkte.

konkretes Arbeiten an Zukunftsfragen

Es ist unsere Aufgabe, Armut und Umweltzerstörung als integrierte Herausforderungen zu begreifen, Träume und Visionen zuzulassen und den Dialog darüber stetig aufrecht zu erhalten – und vor allem dringlichst ins Handeln zu kommen. Der Kongress „Zukunft für alle“ hat gezeigt: Konkrete Zukunftsutopien und gangbare Wege dorthin gibt es zu Hauf. Sich nicht entmutigen lassen, im konstruktiven Austausch bleiben – ohne Scheu vor Meinungsunterschieden – und uns gegenseitig Kraft und Mut bei der Suche nach machbaren Zukunftsszenarien geben, das sind wichtige Elemente, die sich aus dem Zukunftskongress ergeben. Eine sozial und ökologisch gerechte Zukunft ist möglich – wenn wir gemeinsam und jetzt aktiv werden!    

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Autorin: Clara-Luisa Weichelt arbeitet als Referentin für nachhaltige Stadtentwicklung in der Abteilung für Politik und globale Zukunftsfragen bei dem Bischöflichen Hilfswerk MISEREOR e.V.

Foto: www.zukunftfueralle.jetzt

 

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