Konkurrenzlos: Liturgie in Kirche und Judentum

Wer ist die Erbin der Liturgie des Jerusalemer Tempels nach dessen Zerstörung? Diese Frage beantworten Juden und Jüdinnen, Christinnen und Christen seit zwei Jahrtausenden mit großer Kreativität. Clemens Leonhard skizziert diese an inneren Widersprüchen reiche Konkurrenz und sucht nach Antworten für heute.

Im Judentum und im Christentum werden Liturgien gefeiert. In beiden Religionen legitimierten Gelehrte Liturgien als Fortsetzung oder Ersatz von Ritualen der Religion Israels aus der Zeit des Zweiten Tempels. Die Zerstörung des Tempels und Jerusalems hat zwar einige Fäden kontinuierlicher Entwicklung abgerissen. Im Rückblick definieren sich liturgische Traditionen aber über ihre Beziehung zu diesem Heiligtum und den alttestamentlichen Texten, die seinen Betrieb regeln, beschreiben oder erklären. Manche christlichen Ansätze erhoben und erheben den Anspruch, die einzig legitime Fortsetzung dieser Liturgie zu sein und verstehen das Judentum als Konkurrentin um diese Einzigkeit. Vorstellungen wie „Ecclesia ab Abel“ oder „abrahamitische Religionen“ sagen oder suggerieren, dass die Kirche schon vor der Gabe der Thora am Sinai existierte. Die rabbinischen Juden haben in der Antike auf manche dieser Vorstellungen pointiert geantwortet und ähnlich Konzepte entwickelt. Ihre Antworten werden selten gehört.

Vielleicht trägt der Blick auf jüdische Positionen auch zu einem besseren Verständnis der christlichen Ansätze bei.

Vielleicht haben aber Judentum und Christentum in der Konzeption von Liturgien neben Unterschieden auch Gemeinsamkeiten, die zu betrachten sich lohnt. Vielleicht trägt der Blick auf jüdische Positionen auch zu einem besseren Verständnis der christlichen Ansätze bei. Die folgende Überlegung blickt aus einer christlichen Perspektive und dem Interesse an einer christlichen Selbstvergewisserung auf jüdische Liturgien. Dialog mit jüdischen Menschen bleibt zu dieser Frage und in diesem Text als Desiderat offen.

Die Gelehrten des babylonischen Talmuds diskutieren die Frage, wann die zwei Haupt-Tagzeiten, an denen die Amidah (das Achtzehngebet) gesprochen wird, das Morgen‑ und das Nachmittagsgebet (wobei neben dem abendlichen Gebet, die Amidah am Sabbat und an Festtagen ein weiteres Mal gesprochen wird), eingerichtet wurden. Eine der Antworten stellt fest: „Man richtete die Gebete gemäß den immerwährenden Opfern ein“ (Babylonischer Talmud, Traktat Brachot 26b). Nach den biblischen Büchern Exodus und Numeri wird Israel aufgetragen, an den sechs Werktagen jeweils am Morgen und am Abend ein Schaf (mit Mehl, Olivenöl und Wein) als Opfer darzubringen (wobei am Sabbat noch ein weiteres dazukommt). Der technische Begriff für diese Opfer, „Tamid“, bedeutet „immer‑ (während)“ und impliziert, dass die Darbringung dieses Opfers zu den Grundvollzügen der Liturgie am Tempel in Jerusalem gehört.

Auch in tempelloser Zeit?

Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 CE) bleibt das biblische Gebot, diese Opfer darzubringen, bestehen. Es kann aber nicht mehr erfüllt werden, da es nur den einen, nunmehr zerstörten, Tempel in Jerusalem gibt. Kann und muss man das Gebot auch in einer tempellosen Zeit erfüllen? Ja! Der Zeitansatz des täglichen Gebets folgt den Regeln, wann im Tempel die zwei täglichen Opfer dargebracht wurden. Das Gebet füllt damit einerseits die Leerstelle im Tagesablauf des Volkes Israel, in der zuvor die Opfer standen, aus. Im Judentum kann somit die Normierung von Liturgien im Rückgriff auf die Rituale des Tempels diskutiert, die Liturgie des Tempels als normbegründend angesehen und Liturgien der Gegenwart in dieser Hinsicht als Fortsetzung der Tempelliturgie betrachtet werden.

Um die täglichen Opfer hat sich das Christentum wenig gekümmert. Die Tagzeitenliturgie des lateinischen Westens kann man ganz anders denn als Erfüllung des Gebots der immerwährenden Opfer verstehen. Gottschalk von Fulda (9. Jh.) fasst die Horen (Matutin, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet) des täglichen Stundengebets durch einen Merkspruch in ein Denksystem zusammen: „Das ist der Siebener, um dessentwillen wir zu den Horen psallieren. | Die Matutin bindet Christus, der die Missetaten reinigt, | die Prim bedeckt mit Gespuck, das Todesurteil gibt die Terz, | die Sext nagelt ans Kreuz, die Non teilt zweifach seine Seite, | die Vesper nimmt herab, die Komplet legt ins Grab“ (Übers. Angelus A. Häußling – eine ähnliche Vorstellung findet sich schon in der Traditio Apostolica aus dem vierten Jahrhundert). Im Vergleich der Begründungsansätze für Gebetszeiten – die immerwährenden Opfer gegenüber der Passion Christi – schließen die beiden Legitimationskonstruktionen einander nicht aus und können auch nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Trotzdem beschäftigen sie sich formal mit einem ähnlichen System, nämlich mit der zeitlichen Anordnung von Gebeten im Tagesablauf und ihren Gründen.

Eucharistie als einzig legitimer Ersatz

In einem anderen Beispiel kann man leichter Gegnerschaft aufspüren, weil sie in den antiken Texten deutlich zutage tritt. Der neutestamentliche Traktat, der unter der Bezeichnung „Hebräerbrief“ tradiert wird, referiert die Liturgie des Versöhnungstags am Tempel in Jerusalem (Leviticus 16). Er schlägt eine höchst komplizierte Konstruktion vor, um Tod und Auferstehung Christi als Erfüllung und Abschaffung der Gesetze zum Versöhnungstag am Tempel darstellen zu können. Er erklärt unter anderem, wie Jesus, der aus keiner priesterlichen Familie (von Kohanim, also Nachkommen Aarons) abstammte, als zentraler Akteur dieses Rituals überhaupt infrage kommt. Ob der Autor des Hebräerbriefs daran dachte, seine Konstruktion zu einer versteckten Legitimation der Eucharistie einzusetzen, lässt sich diskutieren. Er hatte zumindest kein Interesse daran, eine solche Verbindung klar und explizit zu verteidigen. Nach dem Hebräerbrief endet mit Christi Tod und Auferstehung die Legitimität der Liturgie am Tempel. Die Tempelliturgie hat keine liturgische oder amtliche Fortsetzung und keinen Ersatz im Christentum. Christus ist der letzte Priester und sein Tod und seine Auferstehung sind historisch das Abbild der letzten Liturgie (des Versöhnungstags), deren himmlisches Urbild zeitlos besteht. Nach dem Hebräerbrief kann es auf Erden nach dem Tod Christi keine legitime Liturgie – ob christlich oder jüdisch – mehr geben.

Die Verbindung des Versöhnungstags mit der Eucharistie leisten erst die Theologen des vierten und fünften Jahrhunderts, zum Beispiel Johannes Chrysostomus oder Theodor von Mopsuestia. Für sie soll es (mit dem Hebräerbrief) keine Fortsetzungsliturgie des alttestamentlichen Versöhnungstags mehr geben. Das Christentum feiert aber längst (keineswegs mit dem Hebräerbrief) große, öffentliche Liturgien. Johannes Chrysostomus erklärt die Liturgien (der Eucharistie) der Kirche als zeitgebundene, irdische Abbilder der einen, überzeitlich-zeitlos-urbildlichen Liturgie des himmlischen Versöhnungstags Christi. Wenn man über die genannten Theologen eine genealogische Linie zwischen den Eucharistiefeiern aller Zeiten zieht und dabei die antiliturgischen Konsequenzen des Hebräerbriefs beiseiteschiebt, stehen Christentum und Judentum, die Eucharistie und die jüdische Liturgie des Versöhnungstags als Konkurrentinnen gegeneinander. Katholikinnen und Katholiken könnten im Rückgriff auf antike Autoren der christlichen Tradition behaupten, dass der einzig legitime Ersatz für den biblischen Versöhnungstag, der selbst nicht mehr gefeiert werden kann, die Eucharistie sei.

Überwindung von Konkurrenz- und Substitutionsvorstellungen

Zur Überwindung solcher Konkurrenz‑ und Substitutionsvorstellungen könnte man beim Gedanken ansetzen, dass die Feier des Versöhnungstags heute genauso wenig und genauso viel wie die Eucharistie ein Opfer ist. In keiner der beiden Feiern stirbt ein Lebewesen. Die liturgischen Texte und die außerliturgischen Erklärungen beziehen sich aber darauf. Am Versöhnungstag werden die Opfer der biblischen Tradition durch Gebete fortgesetzt, vergegenwärtigt, erinnert oder ersetzt. Als Teil der Liturgie des Versöhnungstags lässt der poetische Seder Avoda, die Rituale dieses Feiertags am Tempel revuepassieren. Man kann den jüdischen Versöhnungstag in christlichen Denkgewohnheiten als Fortsetzung, Ersatz, Erinnerung oder Vergegenwärtigung der Liturgie des Tempels, vor allem aber als Vollzug einer Erfüllung der Gebote von Leviticus 16, deuten.

Ein Gespräch, das dazu stattfinden könnte, müsste sich von den polemischen Implikationen der alten christlichen Theorien lösen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen. Die Konstruktion konkurrierender Legitimitäten, die in essentialistischen Fehlschlüssen als Wesensaussagen ausgegeben werden, sind schließlich unergiebig, weil sie tautologisch sind. Wenn man voraussetzt, dass die Eucharistie die Erbin, Erfüllerin und endgültige Ablösung des alttestamentlichen Versöhnungstags „ist“, muss man die jüdischen Liturgien und ihre eigene Weise, sich auf die Bibel und die Liturgie am Tempel zu beziehen, gar nicht studieren. Im Judentum und im Christentum laufen allerdings ähnliche Prozesse der Einordnung jeweils gegenwärtiger Liturgien in den Strom der Tradition genauso wie mit diesem Traditionsstrom kreativ arbeitende Erneuerungen und Reformen ab. Katholische Fragen an jüdische Kolleginnen und Kollegen (und an die Texte der Vergangenheit) könnten lauten (wobei es dazu an differenzierten Antworten nicht mangelt): „Welches Repertoire an plausiblen Begründungen für oder gegen Reformen erkennen Sie in Ihrer Tradition?“, aber auch: „Inwiefern halten Sie Ihre jüdischen Liturgien für vergleichbar mit Liturgien anderer Religionen?“

Genialität der gewagten, historischen Konzeptionen

Das Beispiel der immerwährenden Opfer, die die christliche Tagzeitenliturgie nicht fortsetzen soll, zeigt, dass sich im spätantiken Christentum eine (entfernt) ähnliche Praxis von Tagzeitengebeten wie im Judentum entwickelt hat, aber theoretisch unterschiedlich legitimiert und allegorisch gedeutet wird. In beiden Religionen besteht allerdings Legitimationsbedarf für diese Praxis. Das Beispiel des Versöhnungstags und der Eucharistie zeigt sehr unterschiedliche im Judentum und im Christentum über Jahrhunderte ausgearbeitete Denkwege und liturgische Formen mit demselben Ausgangspunkt und demselben Ziel. Es soll eine Liturgie der Gegenwart aus der Liturgie des biblischen Versöhnungstags verstanden werden. Es ist viel interessanter, nach den formalen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu suchen, sich bei aller Brüchigkeit über die Genialität der gewagten, historischen Konzeptionen zu freuen und Konkurrenz ausschließlich als Erinnerung an eine finstere Vergangenheit zu betrachten.

Clemens Leonhard ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster.

Bildquelle: Pixabay

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