„Nicht mehr wie immer“. Anregungen aus Gerontopsychologie für unsere Pfarrgemeinden?

Christliche Gemeinden sind altermäßig tendenziell Ü-60-Veranstaltungen. Der Pastoralreferent Andreas Münster aus dem Bistum Mainz fragt nach gerontopsychologischen Lernchancen für die Pastoral.

… Aber was soll ich denn machen, wenn sie es einfach nicht einsehen wollen, dass es so nicht mehr weitergeht?“ So die Anfrage eines Teilnehmers der Autorenlesung von Katja Werheid in Friedberg/Hess zu ihrem Buch „Nicht mehr wie immer. Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können“ (München 2017), der nun im anschließenden Gespräch von seiner Not mit den Eltern berichtet.

Am nächsten Tag in Darmstadt bei einer ganz anderen Veranstaltung: „Aber was soll ich denn machen, wenn die es einfach nicht einsehen wollen, dass es so nicht mehr weitergehen kann?“ Nun kam die Aussage von einem Gemeindereferenten, der an einem Workshoptag für Begleiter von Pfarrgemeinderäten im Bistum Mainz teilnahm. Es waren aber nicht die alt gewordenen und „verstockten“ Eltern, sondern die „verstockten“ Räte oder Gemeindemitglieder gemeint.

Zufällige Übereinstimmung oder inhaltliche Analogie?

Bei beiden Situationen war ich dabei und es hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, ob es sich hier nur um eine zufällige Übereinstimmung der Formulierung handelt oder ob es ein Ausdruck von inhaltlichen Analogien ist.

Katja Werheid lehrt Klinische Neuropsychologie und Alterspsychotherapie an der Humboldt-Universität Berlin und hat ein populärwissenschaftliches Buch als „Wegweiser für erwachsene Kinder“ geschrieben. Darin benennt sie vier innere Gegenspieler, die die Auseinandersetzung mit dem Alter erschweren: „Alles so wie immer“, „Werte- und Rollenkonflikte“, „Leichen im Keller“ und „Verzerrte Wahrnehmung“.

Alles so wie immer

„Alles so wie immer“ in der Familie meint, dass bestimmte Verhaltensweisen und Muster im Umgang beibehalten werden, obwohl sie ihre Funktion verloren haben oder sogar schädlich geworden sind. Da wird immer noch die Buttercremetorte für die Nichte gebacken, obwohl das Backen der alt gewordenen Tante immer schwerer fällt und die mittlerweile fast 50-jährige Nichte das Fett auch nicht mehr verträgt.

In der Gemeinde: Keine/r muss lange überlegen, bis die Beispiele sprudeln. Das aufwändige Pfarr-Familienfest, obwohl sich die Gemeindemitglieder nicht als Familie verstehen. Das große Gebet, obwohl die Eucharistiefrömmigkeit keine anbetende ist. Die Werktagsmesse, bei der eine Handvoll Gläubige kommen. Diese kommen, weil sie meinen, dem Pfarrer einen Gefallen zu tun. Der Pfarrer zelebriert, weil er meint, den paar alten Leuten einen Gefallen zu tun.

Wert- und Rollenkonflikte:

Werte können wir nicht ändern, sie sind „angeboren“ wie eine Haarfarbe. Wie man die Werte lebt, das heißt mit welcher Rolle, ist unterschiedlich. Wenn im Alter die Kräfte schwinden bleibt der Wert erhalten, aber die Rolle kann nicht mehr ausgefüllt werden. Mit beginnender Demenz ist der Wert der Bildung nur schwer aufrecht zu erhalten. Mit Rollator kann man schwer die Rolle der geschmeidigen Ästhetin leben.

In den Gemeinden gibt es eine Flut von Werten. Dennoch haben viele einen bevorzugten, z. B. wenn besonderen Wert auf Liturgie oder Verkündigung oder Diakonie gelegt wurde und wird. Konflikte können entstehen (sowohl in Familie wie in der Gemeinde), wenn man nicht versteht, dass die nächste Generation die gleiche Werte hat, diese aber anders lebt. Für die einen bedeutet caritatives Engagement die Geburtstagsbesuche der Senioren oder das Altkleiderpäckchenpacken für die Mission. Für die nächste Generation heißt die Umsetzung dieses Wertes aber Engagement in der Flüchtlingshilfe oder politisches Engagement. Das „Kräfte-Schwinden“ heißt in der Gemeinde: „Wir haben die Leute nicht mehr … Früher haben das die Frauen gemacht, aber die sind ja heute alle berufstätig … Das soll jetzt mal die Jugend machen.“

Leichen im Keller:

Werheid vermutet in vielen (allen?) Familien Tabu-Themen: Der Ehebruch des Vaters oder eines Bruders, mit dem man komischerweise überhaupt keinen Kontakt mehr hat. Verstrickungen in der Nazi-Zeit oder in jüngerer Zeit bei der Stasi. Natürlich auch Erfahrung von Gewalt und Misshandlung in der Familie. Als Familienmitglied der jüngeren oder mittleren Generation spürt man vielleicht, dass da was ist, aber man weiß nicht was. Das ist ja gerade das Kennzeichen der Leiche im Keller, dass man sie verstecken und nicht ans Tageslicht lassen will.

In der Gemeinde: Ich selbst war als PGR-Begleiter noch nicht mit „Leichen im Keller“ konfrontiert und vermutlich hat auch nicht jedes Tabu-Thema ein „Leiche“ als Auslöser. Aber es ist doch stark zu vermuten, dass in den Gemeinden, in denen es zu Missbrauch kam, auch Gemeindemitglieder davon etwas mitbekommen haben, es aber nicht sehen wollten. Aber es muss nicht gerade Missbrauch sein. Man lässt auch anderes auf sich beruhen und es wird zum Tabu-Thema: Der „kräftige“ Bier- und Weinkonsum des Pfarrers („Der ist wenigstens bodenständig, der kann auch mal feiern“) oder die intensive „Freundschaft“ des Pfarrers zu einem weiblichen Gemeindemitglied. Aber es soll keine Priesterschelte sein. Es wurde auch schon von Verwaltungsräten gemunkelt, deren Finanzgebaren beim Bau des Pfarrheims zweifelhaft war („Schwamm drüber, es ist ja schön geworden“) oder wo bei Einstellungen z. B. im Kindergarten bestimmte Familien bevorzugt werden.

Verzerrte Wahrnehmung

Wir wollen es eigentlich nicht wahrhaben, aber es scheint wissenschaftlich erwiesen: Unsere Erinnerungen und Bewertungen sind nicht objektiv sondern verzerrt.

Hier sollen nur zwei Beispiele genannt werden. Dass früher alles besser war (in der Familie wie der Gemeinde), liegt an der „Peak-End-Heuristik“ Wir bewerten einen Zeitraum aufgrund der allerbesten Erlebnisse und vom Ende her. „Die unspektakulären Phasen dazwischen gehen nicht in die Bewertung ein. Vermutlich liegt es daran, dass die meisten von uns sagen, sie hätten eine glückliche Kindheit gehabt. In ihrer Erinnerung liefen sie quasi jeden Nachmittag draußen in der Natur herum, gingen im Sommer stets bei herrlichem Sonnenschein baden und fuhren im Winter bei klirrender Kälte und meterhohem Schnee Schlitten.“ (Werheid 57). Die Gegenwart kann nie an diese Erinnerung heranreichen, weder in der Familie noch in der Gemeinde. Denn dort waren früher die Gottesdienste immer voll, die Wallfahrten ausgebucht und die Jugend immer anständig und engagiert. Wie mächtig diese verzerrte Erinnerung ist, habe ich selbst in meiner Zeltlagerarbeit als Schulseelsorger erfahren. Die gegenwärtige Erfahrung konnte nicht mehr mit meinen Erinnerungen mithalten, weil es nach rund 20 erlebten Zeltlagern zu fast jedem Programmpunkt eine Erinnerung gab, wo diese Aktion noch besser war. Das überraschende war: Obwohl mir im Kopf einigermaßen klar war, dass meine aktuelle Bewertung unfair ist, hat sich mein Bauchgefühl nicht besonders davon beeindrucken lassen und ich war latent mit den diesjährigen Gruppenleitern unzufrieden.

Ein anderes Phänomen ist die verzögerte Selbstbildaktualisierung. Das meint, dass man sich ab Mitte 40 im Durchschnitt fünf Jahre jünger fühlt, als man in Wirklichkeit ist. „Manche Oldies vermeiden gar eine Begegnung mit ihrem Spiegelbild, weil sie sich darin kaum wiedererkennen. Diese viele Falten, diese Augenringe, das schüttere Haar – das soll ich sein?“ Man muss in diesem Zitat nur „Oldies“ durch „Gemeinden“ ersetzen und körperlichen Merkmale metaphorisch verstehen, der Satz verliert nichts von seiner Wahrheit.

Wie kann man diese inneren Gegenspieler ausschalten?

Kann man diese Gegenspieler ausschalten? Wenn ja, wie? Werheids Vorschläge für die Familie können auch für das Gemeindeleben konstruktiv sein.

Alles-so-wie-immer in gute Rituale verwandeln

Wer, wenn nicht wir als Kirche, sollte Kompetenz für Rituale haben? Diese Verwandlung braucht zunächst die Bereitschaft über den Sinn der Gewohnheiten zu reflektieren. Anschließend wäre zu überlegen, mit welchen wirklichen Ritualen (statt reiner Gewohnheit) dieser Sinn gelebt werden kann.

Ich erinnere mich an eine PGR-Sitzung, in der es um den schlechten Besuch des Großen Gebetes ging. Auf die Frage, warum Ihnen das denn wichtig sei, kam zuerst die Antwort, weil es Tradition sei (Alles-so-wie-immer). Im Laufe der Diskussion wurde aber ein tieferer Sinn entdeckt: Dieser hieß „Ruhepunkte schaffen“ im immer hektischen Alltag. (Ob jetzt das ausgesetzte Allerheiligste, das richtige Medium zum Stressabbau ist oder ob es dazu bessere Rituale geben könnte, soll hier nicht diskutiert werden).

Wert- und Rollenkonflikte würdigen statt bekämpfen

„Würdigen heißt zunächst, unsere eigene Familie [oder Gemeinde] aus der Distanz zu betrachten. Was ist in unserer Familie [oder Gemeinde] wichtig? Worauf sind wir stolz? Was ist Vater und Mutter [auch im kirchlichen Sinn] schon immer heilig gewesen? Was macht uns zufrieden? … Die konkrete Umsetzung dieser Werte unterscheidet sich möglicherweise zwischen den Generationen.“ (Werheid 100f) Aber wenn deutlich wird, dass es dieselben Werte sind, die auch heute mit weniger Menschen und in einer kirchendistanzierten Gesellschaft und daher ganz anders umgesetzt werden können, werden die Konflikte entspannter. Loben fällt schwer, man kann es aber einüben.

‚Leichen im Keller‘ respektieren

Während ich dies schreibe, wird die MHG-Studie veröffentlicht und diskutiert. Werheid schreibt einige sinnvolle Anregungen, wie man innerfamiliär erlittene Misshandlung ansprechen kann oder auch auf sich beruhen lassen muss. Aber: Der Übertrag auf den kirchlichen oder innergemeindlichen Umgang mit Missbrauchserfahrungen übersteigt meine Kompetenz und meinen Erfahrungshorizont, dazu kann und will ich mich nicht äußern.

Bei weniger brisanten oder leidvollen Tabu-Themen können die Anregungen helfen. Es kann heilsam sein, das Tabu-Thema anzusprechen, aber im Modus des Angebots und des Respekts, mit den Gesprächskompetenzen, die man in Gesprächsführungskursen und Kommunikationsseminaren gelernt hat. Wenn das Gesprächsangebot angenommen wird, kann geteilter Schmerz halber Schmerz sein. Manches wird man auf sich beruhen lassen müssen, weil es sachlich nicht rückgängig zu machen ist oder die Betroffenen nicht gewillt sind, sich dem Thema zu stellen. „Bei einem lang zurückliegenden und schief zusammengewachsenen Knochenbruch überlegt man ja auch, was überwiegt – bringt eine neuerliche Operation mit wochenlanger Fixierung der Knochen mehr Schaden oder Nutzen?“ (Werheid 109). Das dubios finanzierte und in Vetternwirtschaft erbaute Pfarrheim wird man auch nicht wieder abreißen.

‚Verzerrter Wahrnehmung‘ humorvoll begegnen

„Bei einer verzerrten Wahrnehmung ist es nicht zielführend, mit dem zu argumentieren, was wir als Fakten begreifen (…)“ (Werheid 116) „Da alles eine Frage der Perspektive ist, sollten wir uns nicht länger mit den Fakten aufhalten [innerkirchlich z. B.: sinkender Gottesdienstbesuch, Fehleinschätzung der Bedeutung von Kirche in der Gesellschaft, Verklärung der kirchlichen Vergangenheit], sondern uns um den Zweck kümmern.“ (ebd.) Aber hier kommt die Analogie an ihre Grenzen. Dass für viele alte Menschen ein Rollator sinnvoll ist, auch wenn die Wahrnehmung der Betroffenen eine andere ist, darüber lässt sich einigermaßen leicht eine Einigung herstellen. Wer oder was ist aber der Rollator für die Gemeinde? Welche Art von Humor hilft einer Gemeinde, diesen Rollator anzunehmen?

Sind die Analogien zulässig?

Die Übereinstimmungen sind frappierend und ließen sich fortsetzen: z. B. Kapitel 5: Ressourcen und Bindungen stärken mit den Unterabschnitten „Netzwerke und Helferkreise“ (!) oder „Kooperation unter Geschwistern“ (!) oder „Talente entdecken“(!); Begriffe, die in jedem Pastoralplan vorkommen. Spannend ist die folgende Frage: Sind die zum Teil wörtlichen Übereinstimmungen Zufall oder sind sie banal, weil es sich um psychologisches Allgemeingut handelt, bei dem es keine Rolle spielt, ob dies im Umgang mit alten Eltern oder anderen Menschen oder Gruppen angewandt wird? Oder ist es tatsächlich so, dass unsere Pfarrgemeinden alt werden oder sind? Sucht man nach Definitionen von „Altern“, begegnen einem Begriffe wie Verlust von Aktivitäten und Lebensfunktionen; Degeneration; ein Prozess, der bei den meisten Lebewesen nach Ende der Fruchtbarkeitsphase beginnt und irreversibel ist; am Ende steht der Tod.

Es klingt hart, biologische Begriffe wie Degeneration und Unfruchtbarkeit auf Kirchengemeinden zu übertragen. Aber das Gemeinte ist nur schwer zu leugnen. Auch Wohlmeinende sprechen in dem Zusammenhang eher von Verlust und Niedergang statt Fruchtbarkeit und Wachstum. Schließlich sind die statistischen Zahlen der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher/-innen auch deutlich genug. Strittig wird sein, ob dieser Prozess irreversibel ist oder nicht, ob irgendwann der Bodensatz erreicht wird oder ob dieser Prozess zum Tod (der Pfarrgemeinde, nicht der Kirche) führt. So, wie ich das 21. Jahrhundert erlebe, wird es nicht nur eine richtige Antwort geben.

Pfarrgemeinden einen würdigen Lebensabend bereiten

Angenommen die Analogie stimmt, was sollen diejenigen (oder wir) tun, die für die Kirche strukturell verantwortlich sind oder die sich innerlich aus Überzeugung für sie verantwortlich fühlen? Vielleicht das, was auch für meine Generation in der Familie wichtig ist. Dazu beitragen, dass die Eltern/Pfarrgemeinden einen würdigen Lebensabend haben. Hinweise dazu finden sich oben. Dabei aber die eigenen Kinder nicht vergessen – und mit Kinder meine ich nicht die Pfarrjugend, sondern neue Formen von Kirche-Sein. Und schließlich sich selbst und seine Partnerschaft nicht vergessen, also die Art von Kirche, von Diakonia, Leiturgia, Martyria und Koinonia leben, die der eigenen Lebenssituation und dem gesellschaftlichen Umfeld entspricht. Wobei auch kirchlich gesehen ein guter Kontakt mit Eltern wie mit Kindern bereichernd sein kann.

Übrigens: Die Antwort von Katja Werheid bei der Autorenlesung in Friedberg war (sinngemäß): „Wenn nichts mehr geht, würde ich würdigen, würdigen, würdigen.“ Ich glaube, das gilt für alle kirchlichen Generationen.

Andreas Münster

Bildquelle: Pixabay


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