Die Präsenz von Kriegen weltweit stellt auch den Religionsunterricht vor große Herausforderungen. Juliane Ta Van schildert sie und zeigt Perspektiven auf. Ihre These lautet: Gerade im Religionsunterricht können Schüler:innen über Wege aus kriegerischen Gewaltspiralen sprechen.
Die Überschrift mag überraschen – so ging es mir jedenfalls mit der Anfrage für diesen Text. Wobei sich dies einreiht in viele Diskussionen und Tagungen in den letzten Jahren, die Krieg wieder mehr in den Fokus rücken. Denn es gibt Themen, die nicht an der Tür des Klassenzimmers Halt machen. Sie klopfen nicht höflich an, sie brechen ein. Krieg ist eines von ihnen. Während sich draußen die Schlagzeilen überschlagen, versucht der Religionsunterricht im Innern der Schule einen Raum zu schaffen, in dem Worte noch etwas gelten dürfen: Trost, Zweifel, Hoffnung.
Doch wie spricht man mit Jugendlichen über etwas, das selbst Erwachsene stumm macht? Wo Politikwissenschaft Fakten teilt und Geschichte Zeitachsen zeichnet, ringt Religionspädagogik mit tiefen Fragen: Wie kann Nächsten- und Feindesliebe aussehen? Was bedeutet Gewaltverzicht? Was bleibt vom Gebot „Du sollst nicht töten“, wenn die Welt es täglich bricht? Und ist Frieden nur ein Gebet – oder eine Aufgabe?
Wie kann Nächsten- und Feindesliebe aussehen?
Mir fällt auf, dass es bis zu Beginn der 1990er Jahre durchaus eine Kriegspädagogik gab, die reflektierte, wie Menschen für den Krieg fähig werden können: Im Krieg zu leben und sich im Krieg einzusetzen.[1] Seit der Wende überwiegen friedenspädagogische Perspektiven: Wie können Menschen Frieden schaffen? Versöhnung und Vergebung leben? Und nun also doch wieder Krieg im Religionsunterricht? Dafür gibt es verschiedene Gründe, auf die ich im Folgenden einige Schlaglichter werfen werde.
Religionsunterricht und Krieg – Krieg in Lebenswirklichkeiten
Krieg ist kein abstraktes Thema, sondern eines, das zutiefst berührt, verunsichert, verängstigt. Es ist Teil der Lebenswirklichkeiten von Schüler:innen: Wie viele Kinder in einer Klasse haben wohl Erfahrungen mit Krieg? Wie viele Kinder spielen Krieg? Wie viele Kinder in einer Klasse können TikTok-Beiträge, Insta-Posts, Filme, Geschichten oder Spiele nennen, in denen Krieg stattfindet oder Krieg thematisiert wird? Das Thema „Krieg“ ist Teil auch unserer politischen und wirtschaftlichen Situation und es reaktiviert vergangene (WKI-II), gegenwärtige (Sudan, Syrien, Ukraine, Gaza) und zukünftige (Russland, China, sog. Mittlerer Osten) Ängste und Traumata. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2025“ macht deutlich: 62 % der 14- bis 29-Jährigen machen sich Sorgen wegen der Kriege in Europa und Nahost.[2]
Der Religionsunterricht bietet Raum in der schulischen Stundentafel, auf diese Ängste zu schauen, Schauerliches wahrzunehmen und – das darf nicht vergessen werden – jahrtausendealte Erzählungen darüber einzubringen, wie es Menschen gelingen kann, auf Machtstreben, Begehren, Landnahme und Tod zu reagieren. Der Religionsunterricht kann auf Erzählungen zurückgreifen, die vom Frieden und der Sehnsucht nach Frieden erzählen – so gewaltvoll die Kontexte und das erfahrene Leid auch war: Shirin Ebadi, Mahatma Gandhi, Schwerter zu Pflugscharen, Feindesliebe, Religionsfrieden.
In seiner ganzen Ambivalenz kann auf die Erfahrungen geblickt werden, die in den Religionen durch jahrelange kriegerische Auseinandersetzungen erworben wurden: Lernen am Beispiel, wohin Krieg führt.
Zurückgegriffen werden kann auf Diskussionen, Umsetzungen und Anpassungen im Kontext der Gebote der Nächsten- und Feindesliebe, des Nicht-Tötens oder Begehrens und in all dem kann der Religionsunterricht vor allem einen Raum bieten, in dem gemeinsam geklagt und nach Worten für Unaushaltbares gesucht werden darf.
Ich wohne in Münster. Eine der beiden Städte des Westfälischen Friedens von 1648. Im Jubiläumsjahr „375 Jahre Westfälischer Frieden“ wurde zum Schauraum eine leuchtende Leiter an der Lamberti-Kirche installiert.[3] Seither leuchtet die Himmelsleiter – mit einer kurzen Unterbrechung für Olympia – der Künstlerin Billi Thanner über Münster. Die Leiter greift die Erzählung von Jakob auf, der auf der Flucht in seinem Traum die Engel die Leiter hoch und runter gehen sah – eine Sehnsucht nach einer Verbindung zwischen Himmel und Erde, Sehnsucht nach Begleitung und Zuspruch, Sehnsucht nach einem Überblick über das Gegenwärtige und Konflikthafte, Sehnsucht nach Orientierung. Eine menschliche Sehnsucht. Religionsunterricht ist ein Ort, der es ermöglicht, diese Sehnsüchte, Ängste und auch Erfahrungen zu versprachlichen.
Religionsunterricht und Krieg – Gewissens- und Friedensbildung
Kriegsfragen sind Gewissensfragen.[4] Gewissen entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wächst im Gespräch, im Ringen, im tastenden Nachdenken über das, wie Menschen miteinander leben wollen, wie viel Raum zu nehmen und wie viel zu geben ist und was Menschen einander schulden. Der Religionsunterricht schafft – vielleicht als einziges Fach – einen geschützten Raum, in dem diese innere Stimme hörbar werden darf.
Der Religionsunterricht schafft einen geschützten Raum.
Hier wird nicht nur gefragt, was geschehen ist, sondern warum etwas Unrecht ist. Nicht nur, wie man handelt, sondern aus welchem Grund.
Wenn Schüler:innen über Krieg sprechen, dann sprechen sie unausgesprochen über sich selbst: Über ihre Angst, über Loyalitäten, über Mut und Ohnmacht. Der Religionsunterricht kann ihnen helfen, dafür Worte zu finden und die moralischen Kategorien einzuüben, die sie brauchen, um in einer konfliktreichen Welt urteilsfähig und handlungsfähig zu bleiben:
- Was ist ein gerechter Frieden – und gibt es einen gerechten Krieg?
- Wo beginnt Verantwortung?
- Wie verhält man sich, wenn Werte kollidieren – Schutz des Lebens gegen Gewaltverzicht?
- Welche Rolle spielt mein Gewissen, wenn die Welt laut wird?
Gerade weil der Religionsunterricht normative Traditionen kennt – Gebote, Prophetie, Ethik der Feindesliebe –, erlaubt er die Reibung zwischen eigener Erfahrung und überliefertem Anspruch. Christliche Religionspädagogik ist immer auch Friedenspädagogik.
Friedensbildung heißt im Religionsunterricht weder Romantisierung noch Realitätsflucht. Sie heißt, den Frieden nicht als Zustand zu betrachten, sondern als Aufgabe. Eine Aufgabe, die täglich neu beginnt – im Klassenraum wie im globalen Kontext. Dabei entwickeln Schüler:innen eine Friedenskompetenz dann, wenn sie Friedensliebe als eschatologisch begründete Friedenshoffnung deuten und erklären können.[5] Im Krieg wird vereinzelt, zerstört, vernichtet: Im Religionsunterricht kann einem gemeinsamen Aushalten und Ringen um Lösungen Raum gegeben werden und es kann deutlich werden, dass Menschen gemeinsam vor und in diesen Krisen stecken und trotzdem individuell unterschiedliche Lösungswege wählen können, verbunden im Sehnen um eine Zukunft. [6] Vielleicht ist die Friedensleiter an der Lamberti-Kirche in Münster das passende Bild für den Religionsunterricht unserer Zeit: Sie verbindet Himmel und Erde, Angst und Mut, Gegenwart und Verheißung. Sie lädt ein, hinaufzublicken – und trotzdem festen Boden unter den Füßen zu behalten.
Der Religionsunterricht wird so zu einem Ort, an dem Jugendliche lernen, die Welt zu deuten, ihr Gewissen zu schärfen und Frieden nicht als Traum, sondern als Aufgabe zu verstehen.
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Beitragsbild: Juliane Ta Van
[1] C. Bach u.a. (Hg.), Krieg und Frieden. Bildungshistorische Perspektiven, Bad Heilbrunn 2024.
[2] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/jugendstudie-118.html
[3] https://kunstraum-muenster.de/2024/11/23/himmelsleiter-leuchtet-bis-in-den-herbst-ueber-muenster/
[4] Evangelische Kirche in Deutschland, Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen, Leipzig 2025.
[5] C. Caspary/J. Neff, Wieder „kriegstüchtig“? Wie ein Unwort die Religionspädagogik herausfordert, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 76, 2024, 242–252: 252.
[6] M. Schambeck, Was Religion und Theologie in Krisenzeiten zu bieten haben. Religionssoziologische, sozialpsychologische und religionspädagogische Überlegungen, in: M. Schambeck/W. Verburg (Hg.), Wie Religion für Krisen taugt. Zum Beitrag religiöser Bildung in Krisenzeiten (Arbeitsforum für Religionspädagogik), 2022, 84–99: 98.


