Zum Interview mit Christiane Florin

Leserbrief

Die schonungslose Aufdeckung der Doppelmoral auf allen Ebenen unserer Kirche, wie sie Christiane Florin voranbringt, wird hoffentlich mithelfen, Kirche neu zu denken. Ein Leserbrief von Stephan Schmid-Keiser.

Der Katalog notwendiger Schritte dazu erweitert sich von Mal zu Mal, so dass endlich ein neues Gleichgewicht der Kräfte unter allen Gliedern dieser Kirche erreicht werde! Weit weg erscheint ein freimütiges Aufeinander-Zugehen, weit weg die Anerkennung aller Getauften, die in ihrer priesterlichen, prophetischen und königlichen Aufgabe ernstgenommen (Lumen Gentium 31) sein soll(t)en. Eine zu hierarchische und aristokratische Communio-Theologie verhindert dies eher, weil mit ihr Konflikte mehr verdrängt und vertuscht als angegangen werden können.

Wofür sind all die Kapellen, Kirchen, Dome und Versammlungsräume gebaut – wenn nicht dafür, dass sich in ihnen das freie Wort entfaltet, gerechtes Tun eingeübt, der Einsatz für die Teilhabe aller an den Gütern des Lebens ermöglicht wird? Für eine menschenrechtliche Ausrichtung ihrer Organisation ist diese Kirche noch länger nicht reif. Sie muss aus ihrem organisierten und damit selbst verschuldeten Koma erweckt werden, um sich der Wahrheit zu stellen. Dies aber geht nicht ohne die hier von Christiane Florin angemahnte Übernahme persönlicher Verantwortung. Zuviel ist geschehen.

Den Opfern gegenüber Respekt zu zollen, ist zwar ein erster Schritt. Weitere müssen folgen, um ein neues von Gerechtigkeit und Mitbeteiligung geprägtes Klima in allen Lebensvollzügen der Kirche anzustreben – mit eingeschlossen schmerzliche Abschiede von eigener Selbstüberhöhung abverlangt. Wahrlich ein Scheideweg, der sich hier auftut! Und ein neues Miteinander unabdingbar sowie eine Praxis, die primär dem eigenen – wenn auch von Zweifeln geprägten Glaubens-Gewissen folgt.

Dr. Stephan Schmid-Keiser (*1949) ist in Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie promovierter Theologe. Er war langjährig als Seelsorger und Gemeindeleiter in Pfarreien des Bistums Basel engagiert. Nachberuflich publizistisch tätig, u. a. 2016/17 als Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung SKZ.

 

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