Ohne – Meditation über ein wieder aktuelles Wort

Am Ende eines schwierigen Jahres kommt mir im Rückblick besonders ein Wort in den Sinn: das Wort „ohne“ – in unterschiedlichsten Zusammenhängen und in unterschiedlicher Bedeutung, in aktuellen und in biblischen Konnotationen. Von Elisabeth Birnbaum 

ohne Ballast

Bis vor der Pandemie war „ohne“ vor allem ein Wort, das die Werbung für sich neu entdeckt hatte. Auf Nahrungsmitteln, Modeartikeln und Kosmetika prangen plötzlich statt des früheren: „mit noch mehr x, y und sogar mit z!“ nun: „ohne x, ohne y und selbstverständlich ganz ohne z!“. Ohne Schadstoffe, ohne künstliche Aufheller, ohne Spuren von Fleisch … Nach der Lektüre der Aufschriften des Produktes wusste man immer, was alles nicht darin enthalten war – und fragte sich zuweilen, was dann eigentlich überhaupt noch drin war.

Ein solches „Ohne“ liegt im Mainstream. Es suggeriert Befreiung, ein Freiwerden von unnützem, vielleicht sogar schädlichem, jedenfalls das Leben erschwerendem Ballast. Die Philosophie jeder Fastenzeit zehrt von diesem „Ohne-sein-Können“. Denn ohne Ballast, ohne Sorgen, lässt es sich besser leben. Das erinnert an Jesu Mahnungen, sich keine Sorgen um alltägliche Bedürfnisse zu machen (vgl. Mt 13,22) und an die Frage an seine Jünger: „Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein.“ (Lk 22,35)

damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel

(Phil 2,15)

ohne Schuld

Doch die Philosophie des „Ohne“ ist längst nicht mehr nur dazu da, die eigene Befindlichkeit zu verbessern und sich selbst von Ballast zu befreien. Es geht darum, bei all seinem Tun anderen nicht zu schaden. Nicht das eigene Wohlbefinden steht im Vordergrund, sondern die Verantwortung gegenüber der Welt. So wird eine Lebensweise, die ohne Tierprodukte auskommt, zunehmend moralisch bewertet: Sie verspricht ein Leben ohne zu töten und damit ein Leben ohne Schuld. Damit wird eine solche Lebensweise geradezu eine moralische Verpflichtung, die allein eine beinahe religiöse Reinheit und Makellosigkeit garantiert. Unschwer könnte man bei diesem neuen Imperativ an die Aufforderung des Philipperbriefes denken, solches zu tun … „damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verkehrten und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet!“ (Phil 2,15)

ohne Einsicht

Andere „Ohne“ sind gefährlicher. Wenn jemand lebt, ohne zu verstehen, worauf es ankommt, wie viel er anderen zu verdanken hat, wie viel er anderen schuldig ist, dann ist das ein zerstörerisches „Ohne“. Gerade in Zeiten der Pandemie zeigt sich, wie viel Verwirrung und Schwierigkeiten entstehen können, wenn man den falschen „Einsichten“, Fake News oder Verschwörungstheorien aufsitzt. Spaltungen in der Gesellschaft, manchmal auch Abgestumpftheit und Verhärtung angesichts des Elends der anderen können daraus entstehen. Biblisch wird ein solches „Ohne“ auch unter „ohne Einsicht“, „ohne Verstand“ oder auch „ohne Gottesfurcht“ subsumiert und angeprangert.

Unwissend sind sie und ohne Verstand; / denn ihre Augen sind verklebt, sie sehen nichts / und ihr Herz hat keine Einsicht. (Jes 44,18)

ohne Liebgewonnenes

Wie anders ist das „Ohne“, das einen Mangel ausdrückt. Dieses Ohne klafft durch die Pandemie derzeit in nie geahntem Ausmaß. Und für jeden bedeutet das etwas anderes. In vielfältigen Abstufungen des Verlustes, die sich nur individuell messen lassen. Es sind manchmal banale, manchmal schwerwiegendere, manchmal kleine und manchmal größere Verluste.

Ein Morgen ohne Kaffeehaus, ein Tag ohne Fitnessstudio oder ein Abend ohne Diskothek kann bei manchen für erhebliche Unzufriedenheit sorgen. Als Israel in der Wüste ohne Korn und Wein auskommen muss, ist das für die eben erst aus Ägypten Befreiten schlimmer als ihr früheres Leben in Sklaverei: „Wozu habt ihr uns aus Ägypten hierher geführt? Nur um uns an diesen elenden Ort zu bringen, eine Gegend ohne Korn und Feigen, ohne Wein und Granatäpfel? Nicht einmal Trinkwasser gibt es.“ (Num 20,5)

Für Wien sind solche „Ohne“ zum Beispiel Wintermonate ohne Ballveranstaltungen. Für deutsche Bundesländer Faschingswochen ohne Umzüge. Im Sport sind es Wettkämpfe ohne Publikum. In Städten sind es Straßen und Plätze ohne Touristen. Für die Kirche sind es Gottesdienste ohne betende Gemeinde, sogar dann, wenn der Besuch nicht mehr verboten ist. Im persönlichen Bereich sind es Monate ohne Treffen mit Freundinnen und Freunden. Und Beerdigungen ohne anschließendes Zusammensein der Trauernden. Oder, besonders schwerwiegend: der Tod eines geliebten Menschen. Auch das war in den letzten Jahren für viele Menschen schmerzliche Realität. Allen gemeinsam ist: Es handelt sich dabei um den Verlust von Vertrautem, Liebgewonnenem, Selbstverständlichem und ein Stück weit Identitätsstiftendem.

Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne dass einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet.

(Koh 4,10)

ohne Hoffnung

Und dann gibt es noch das schlimmste, das abgründigste „Ohne“: das „Ohne“, das eigentlich nicht geht, das unmögliche, undenkbare, unlebbare „Ohne“. Welche Verzweiflung, welche Leere das auslöst, weiß nur, wer es erlebt hat. Und auch das nahm seit Beginn der Pandemie in erschreckendem Ausmaß zu. Depressive Kinder, suizidgefährdete Jugendliche, perspektivenlose Erwachsene: Was genau zu diesem „Ohne“ führt, mag für jeden Menschen unterschiedlich sein. Aber es hat doch meist etwas mit dem Verlust von Sinn, von Zuversicht oder von Hoffnung zu tun. Von diesem „Ohne“ erträgt der Mensch nur sehr wenig. Hier zeigt er sich von seiner vulnerabelsten, abhängigsten Seite.

Wie ein Schatten sind unsere Tage auf Erden und ohne Hoffnung.

(1 Chr 29,15)

Gerade hier sind vorschnelle fromme Floskeln fehl am Platz, wie schon das Buch Ijob lehrt. Die Größe und Schwere dieses „Ohne“ muss ernstgenommen werden.

ohne Verwechslungen

Es braucht wohl eine Unterscheidung der „Ohne“-Geister. Immer neu. Für jeden Einzelnen. Und es braucht ungeheure Sorgfalt, nicht das eine „Ohne“ mit dem anderen „Ohne“ zu verwechseln. In mir selbst, in Gesellschaft und Kirche, in jeder zwischenmenschlichen Interaktion. Und das meint: „Ohne Ballast“ nicht für einen schmerzlichen Verlust zu halten. „Ohne Einsicht“ nicht als Freiheit misszuverstehen. Aber vor allem: „Ohne Hoffnung“ nicht als leichten Mangel zu bagatellisieren.

So mache ich mich auf den Weg in ein neues Jahr. Ohne Wissen, wie es wird, ohne Sicherheiten und Gewissheiten, ohne einige meiner liebsten Menschen. Aber hoffentlich ohne Ballast und größere Schuld und mit Einsicht und Hoffnung.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bildnachweis: © pixabay

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