Mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis setzt sich Julia Hahn mit dem Essay „Liebe! Ein Aufruf“ von Daniel Schreiber auseinander.
In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, demokratischer Erschöpfung und wachsender Sprachlosigkeit setzt Daniel Schreiber ausgerechnet auf einen Begriff, der schnell sentimental oder unpolitisch wirkt: Liebe. Sein schmales Buch besteht aus drei Teilen, deren innere Gliederung jedoch offen bleibt. Vielmehr ist es durch einen wiederkehrenden Szenenwechsel strukturiert: Er schildert einen von ihm geleiteten Schreibworkshop mit großer Anschaulichkeit (Szene 1). Dabei gelingt es ihm, seine dortigen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle mit Reflexionen zur gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Lage (Szene 2) zu verknüpfen.
Biografische Erfahrungen und Begegnungen mit den Workshopteilnehmer:innen nutzt Schreiber als konkreten Ausgangspunkt, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu beschreiben. Dabei verfällt er weder in Polemik noch in kulturpessimistische Klage, sondern argumentiert analytisch und zugleich klar positioniert. Von dort aus entfaltet er eine essayistische Auseinandersetzung mit verschiedenen Verständnissen von Liebe, die schließlich in einen politischen und ethischen Appell mündet.
Dialogbereitschaft und
solidarische Allianzbildung
Zentrale Referenzgrößen sind Hannah Arendt und Erich Fromm. Arendts Skepsis gegenüber der politischen Wirksamkeit der Nächstenliebe teilt er jedoch nicht. Stattdessen folgt er eher Martha Nussbaum, die Liebe als notwendige politische Ressource versteht. Ausgehend von Arendts Frage, warum es so schwer sei, die Welt zu lieben, plädiert er dafür, trotz Gewalt, Ungerechtigkeit und Brüchigkeit an einer Liebe zur Welt festzuhalten. Ebenso knüpft Schreiber an Arendts Verständnis von Vergebung als „überlebensnotwendiges politisches Konzept“ an. Gegen das von ihm diagnostizierte „Gefühl der lähmenden Ohnmacht“ setzt er Dialogbereitschaft und solidarische Allianzbildung, um die gesellschaftliche Logik der Spaltung zu durchbrechen und neue politische Möglichkeiten zu eröffnen. Liebe erscheint damit nicht als bloß privates Gefühl, sondern als Voraussetzung politischen Zusammenlebens.
Schreibers Ausführungen zu Fromms Unterscheidung von Haben und Sein machen die Anschlussfähigkeit von dessen radikalem Liebesbegriff deutlich, der Liebe nicht als Gefühl, sondern als Praxis versteht. Diese Perspektive ist jedoch keineswegs neu, sondern findet sich ebenso in theologischen Traditionen und pastoraler Praxis wieder – etwa in Caritas (diakonia) als Grundvollzug (der Kirche) sowie in der christlichen Radikalität von Nächsten- und Feindesliebe.
Unterscheiden zwischen
Person und Handlung
Dabei verfällt Schreiber keineswegs in eine naive oder realitätsferne Idealisierung der Liebe. Vielmehr reflektiert er ausdrücklich auch deren Ambivalenzen und Missbrauchspotenziale, die er offen benennt und kritisch diskutiert – etwa im Kontext von Sklaverei, Kolonialismus oder Nationalsozialismus, aber auch in den gegenwärtigen Instrumentalisierungsmechanismen des Rechtspopulismus. Er verweist auf religiöse und politische Vereinnahmungen und benennt gegenwärtige politische Konstellationen teils sehr konkret, ohne jedoch einzelne Akteur:innen explizit zu adressieren. Das kann sowohl als Ausdruck einer nicht-polarisierenden Haltung als auch als strategische Distanzierung gelesen werden. Gestützt wird dies durch die von ihm aufgegriffene Differenzierung zwischen Person und Handlung.
Zugleich scheint Schreiber die Erfahrung seiner Schreibworkshops als heterotope „Inseln“ der Offenheit und des Vertrauens teilweise zu idealisieren und daraus gesellschaftliche Hoffnungen abzuleiten, obwohl deren spezifische, konfliktarme Dynamik kaum auf die Gesamtgesellschaft übertragbar ist. Gleichwohl werden diese Räume für ihn nachvollziehbar zu safer spaces, zu Orten einer „Praxis der Hoffnung“: „Es sind solche Gemeinschaften, in denen der Boden dafür bereitet werden kann, Dinge anders zu sehen. Und manchmal auch der Boden dafür, sie zu verändern.“
Leerstelle
göttlicher Liebe?
Besonders interessant – aber auch erwartbar – ist Schreibers Umgang mit theologischen Traditionen. Obwohl er sich selbst als nicht religiös beschreibt, greift er auf biblische und christliche Motive zurück: das Hohelied der Liebe, die Goldene Regel oder die Feindesliebe. Auch Augustinus, Thomas von Aquin, Dietrich Bonhoeffer und Romano Guardini – eine auffällig männliche Auswahl – werden erwähnt: „Darunter sind Interpretationen dieser Liebeslehre, die mich bis heute inspirieren und denen ich mich, obwohl ich nicht religiös bin, kaum entziehen kann.“
Kritisch sieht Schreiber das Verständnis göttlicher Liebe, das den Menschen nur „über den Umweg zu Gott“ wahrnehme und somit die Einzigartigkeit der Einzelnen nivelliere. Gerade hier bleibt seine Argumentation aus theologischer Perspektive angreifbar. Denn ein Verständnis Gottes als Liebe kann den Blick für die Individualität und Würde des Gegenübers gerade schärfen.
Überhaupt wirkt vieles bei Schreiber wie die Neuformulierung eines in Theologie und Ethik längst etablierten Gedankenguts. Darin könnte jedoch zugleich die gesellschaftliche Stärke des Buches liegen: Schreiber übersetzt religiöse und ethische Einsichten in eine öffentliche, essayistisch zugängliche Sprache und erreicht damit Leser:innen weit über innerkirchliche Debatten hinaus.
Politik der Liebe
Seinen eigentlichen Aufruf formuliert Schreiber erst auf den letzten Seiten. Er entwickelt ein Plädoyer für eine Liebe zur Welt und zu den Menschen, die Leid und ungerechte Strukturen wahrnimmt und nicht untätig bleibt. Gegen gesellschaftliche Spaltung, Resignation und die Normalisierung menschenverachtender Positionen fordert er eine Politik der Liebe und des Gemeinsinns – ohne allerdings genauer zu bestimmen, wie diese konkret aussehen könnte. Gerade darin liegt die Ambivalenz des Essays. Die konkrete Gestalt einer „Politik der Liebe“ bleibt offen, sodass unbestimmt bleibt, welche praktischen oder institutionellen Konsequenzen daraus folgen würden; manches wirkt theoretisch breit abgestützt, ohne in die Tiefe zu gehen. Gerade in aktuellen Konflikten – etwa in Debatten um Krieg, Gewalt und Verteidigung demokratischer Ordnungen – bleibt offen, wie tragfähig Schreibers Konzept politisch tatsächlich wäre und ob es Gefahr läuft, in einem moralisch anspruchsvollen, aber gegenüber den Opfern von Gewalt zu wenig konkreten Pazifismus zu kippen. Zugleich verweigert sich Schreiber bewusst dem gegenwärtig verbreiteten Zynismus und der Polarisierung, sondern hält trotz gesellschaftlicher Krisendiagnosen am Transformationspotential menschlicher Beziehungen fest.
Ausgehend von seinem eigenen Blick auf die Welt entwirft und proklamiert Schreiber eine Lebenshaltung und Politik der Liebe und Versöhnung. Geprägt ist dieser Blick sowohl von Diskriminierungserfahrungen als auch von einer Lebensfreude, die sich etwa im Staunen über das Wunder der Schöpfung zeigt. Zugleich liegt seinem Denken die anthropologische Annahme zugrunde, dass der Mensch auf ein antwortendes Gegenüber verwiesen ist. Sein Plädoyer erschöpft sich dabei nicht in romantischer Harmonie. Vielmehr nimmt er Differenzen, Konflikte und gesellschaftliche Brüche ernst. Liebe erscheint nicht als sentimentale Utopie, sondern als radikale und politische Praxis.
Insgesamt bleibt Schreiber eher bei der Beschreibung einer Haltung als bei konkreten Handlungsanweisungen. Genau darin dürfte jedoch die Stärke und Intention seines essayistischen Ansatzes liegen: Der Text, der sich durch eine zugängliche und kurzweilige Lesbarkeit auszeichnet, versteht sich weniger als moralisches Programm oder Anleitung denn als offener Denkraum, dessen Unschärfe zugleich Interpretationsspielräume eröffnet. Die Grundbotschaft des Buches verdichtet sich in dem Satz einer Freundin Schreibers: „Man muss nicht alle Menschen mögen, aber lieben muss man sie schon.“
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Literatur:
Schreiber, Daniel, Liebe! Ein Aufruf, Berlin 2025.
Julia Hahn ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie / Institut für Katholische Theologie der HU Berlin. Sie hat Mathematik und Theologie in Münster studiert und promoviert dort zum Thema Festivalseelsorge und deren Verhältnis zu Awarenesspraktiken.



