Der Sozialethiker Josef M. Könning liest Navid Kermanis Buch „Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen“ (2025) als eine Intervention in die katholische Debatte um den „ordo amoris“.
Über die Ordnung der Liebe wurde in katholischen Kreisen (und darüber hinaus) in den vergangenen Monaten viel gestritten, weil JD Vance und seine Internetclique damit die US-amerikanische Abschottungs- und Abschiebepolitik rechtfertigen. Dabei könnte eine christliche Tugendethik, die um den Liebesbegriff zentriert ist und dabei selbstredend eine politische Dimension hat, ein echter Gewinn sein.[1] Jenseits migrationspolitischer Instrumentalisierungen und identitärer Schrumpfformen muss sie eine Antwort auf eine altbekannte Frage geben: Wie könnte insbesondere mit der Spannung zwischen den lebensweltlich unbestreitbar vorhandenen Unterschieden in den sozialen Bindungen, den damit verknüpften Verantwortungsgefühlen wie den moralisch-affektiven Ansprechbarkeiten und den Forderungen eines prinzipiell unbegrenzten Liebesethos umgegangen werden? Und zwar so, dass sie sich nicht als Antipoden entgegenstehen, sondern wechselseitig erschließen?
ein Buch über Liebe und Politik
Einen Partner für die Eröffnung eines Gesprächs über diese Fragen findet man in Navid Kermani – seines Zeichens Beststellerautor und habilitierter Orientalist, Kosmopolit und (Wahl-)Kölner, zur Mystik und zur Politik begabt, Familienvater und öffentlicher Intellektueller, Deutscher und Iraner, gleichermaßen im Islam und im Westen beheimatet. Nun hat er ein Buch über „Liebe und Politik“ vorgelegt, das einen Brief und eine Rede an seine Töchter aus den Jahren 2022 und 2025 sowie sechs Reden versammelt, die er zwischen Anfang 2024 und Mitte 2025 gehalten hat. In diesem Buch finden sich viele interessante, oft anrührende, mitunter illustre Begebenheiten, in denen weltpolitisches Geschehen und die eigene Biografie zusammenfallen – besonders eindrücklich: die Begegnung des elfjährigen Navid Kermani mit Ajatollah Chomeini in Paris im Winter 1978 und ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Nahost-Experten Ray Mottahedeh im Jahr 2004 in Harvard wenige Monate nach Beginn des Irak-Kriegs. Über eine Ordnung der Liebe verliert er bei alldem zwar kein Wort. Augustinus, Thomas und den Papst konsultiert er nicht; für JD Vance interessiert er sich aus anderen Gründen. Und doch lassen sich seine Überlegungen auch als eine Intervention in der katholischen Debatte um den ordo amoris lesen.
ein Liebesbegriff, der konkrete Beziehungen zu einzelnen Personen ebenso umfasst wie transzendiert
Anhand existenzieller biografischer Erfahrungen skizziert Kermani einen Liebesbegriff, der konkrete Beziehungen zu einzelnen Personen ebenso umfasst wie darin bereits das Transzendieren dieser Beziehungen greifbar wird. Gerade an den familiären Bindungen wird besonders anschaulich, was damit gemeint ist. Sie sind auch deshalb so aufschlussreich, weil sie sich auf diejenigen Lebensbereiche beziehen, die Vance und Konsorten so entschieden vom „Rest der Welt“ abschotten zu können meinen. In dem Interview bei FOX News[2], das die Debatte über den ordo amoris auslöste, präsentierte Vance (noch ohne Gebrauch der lateinischen Vokabel) eine Rangordnung der Liebe: zuerst die Familie, dann die Nachbarn, dann die eigene Community, dann die eigenen Landsleute und schließlich – „after that“ – könne man sich um den Rest der Welt kümmern. Im Kontext dieser Äußerungen behauptete er zudem, Trumps America first-Politik sei nichts anderes, als diesem Konzept gerecht zu werden – so wie auch Putin sich lediglich um das Wohl der Russ:innen und Xi Jinping um das der Chines:innen kümmere. Und die radikale Linke habe dieses Konzept komplett in sein Gegenteil verkehrt. Das ist nicht nur extrem rechter Populismus in Reinform. Auf diese Weise beutet der US-Vizepräsident das Verantwortungsgefühl aus, das Eltern ihren Kindern gegenüber wohl zweifellos stärker verspüren als gegenüber anderen, um hier nicht nur eine hierarchische Ordnung der Liebe, sondern auch der Würde einzuführen.
Dabei ist Liebe nur schwer in Worte zu fassen, zumal „das, was unendlich ist, die Liebe eines Vaters zu seinem Kind“ (S. 10), die der stolze Vater Kermani als Typus dennoch zu beschreiben versucht: Sie „ist ohne weiteres Zutun da, mit dem ersten Blick, vor dem ersten Gedanken, wirklich wie eine Offenbarung.“ (S. 13) Er erzählt davon – natürlich in der Form anmutiger, als dies literarisch weniger begabten Menschen möglich ist – mit einem Pathos, das Kinder ihren Eltern zuzugestehen bereit sein müssen, obwohl es ihnen in bestimmten Situationen vielleicht unangenehm sein mag, weil es eben Ausdruck einer unerschöpflichen, lebenslang beständigen Liebe ist. Doch die Offenbarung elterlicher Liebe zum eigenen Kind beschert Kermani noch eine andere Einsicht und zwar in einer Extremsituation, der zu frühen Geburt seiner jüngeren Tochter, an die er zu ihrem achtzehnten Geburtstag schreibt:
die starke Bindung zum eigenen Kind ist ein Schlüssel der Verbundenheit zu allem Lebendigen
„Und dass sich das Leben nicht von selbst versteht und Du ein Geschenk bist – dass jeder Mensch ein Geschenk ist und jeder einzelne Atemzug, das habe ich heute vor achtzehn Jahren ein für alle Mal gelernt.“ (S. 14) Von dieser Erkenntnis getroffen spürt er in der Beziehung, der Liebe zu seinem Kind eine tiefe Verbundenheit, ja Einheit „mit allem, was lebt.“ (S. 14) Die starke Bindung zum eigenen Kind ist gleichsam ein Schlüssel der Verbundenheit zu allem Lebendigen. Dieses Leben zu beschützen, Übel, Leid und Schmerz an seiner Stelle fühlen zu können, ist dem liebenden Vater ein ebenso starker Wunsch wie die Einsicht, dass elterliche Liebe auch das Freigeben, die Ermutigung zu eigenen Erfahrungen und Entscheidungen einschließt, das Vertrauen, dass die Kinder im Laufe des Heranwachsens ihre eigenen Wege zu gehen in der Lage sind. Liebe kann nicht existieren ohne Mündigkeit. Und jede väterliche Autorität, die dies verkennt, hat ihre Legitimität bereits verspielt. „Eins sein mit allem, was lebt.“ Dieser von Hölderlin stammende Satz ist Kermani zugleich auch Quintessenz und Leitmotiv politischen Handelns (vgl. S. 25).
ein Erfahrungsraum für das, was „Würde“ ist
Mit der Liebe der Kinder zu ihren Eltern verhält es sich dagegen aus Kermanis Sicht anders. Sie ist „nicht bedingungslos, schon gar nicht fühlen sie sich bedingungslos geliebt“ (S. 16), wie er mit einer Reihe von Verweisen auf die Literaturgeschichte feststellt. Dennoch beschert auch das Verhältnis der Kinder zu den eigenen Eltern existenzielle Einsichten – in Kermanis Fall etwa im Angesicht des Todes seines Vaters, von dem er in einer Rede bei einem von dem Pianisten Igor Levit initiierten Solidaritätskonzert im Juni 2024 berichtet. Gemeinsam mit seinem Bruder und unter Anleitung eines mit dem Ritus vertrauten Bestatters vollzieht er die Totenwaschung nach islamischer Tradition. Es ist ein Handeln, das keinem vordergründigen Nutzen oder Zweck dient, etwas, „wovon niemand etwas hat“, wie es scheint. Doch eröffnet dieser Ritus einen Erfahrungsraum für das, was „Würde“ ist. Nicht Ehre, auch wenn sie dem Verstorbenen gebühren mag, Würde. „Ist der Mensch selbst im Tod jemand, wird er es auch im Leben sein.“ (S. 30) Dies wird dem um seinen Vater trauernden Sohn an der Totenwaschung, an dem Respekt, ja der Behutsamkeit und Hingabe des Bestatters deutlich. Und im Umkehrschluss bedeutet dies: Wo auch immer und wann auch immer Angriffe darauf verübt werden, Jemand oder katholisch gesprochen: wesenhaft Person, zu sein, dann sind das schwerwiegende Verletzungen der Menschenwürde. Kriege sind für ihn Kontexte, in denen es besonders leicht ist Menschen zum Niemand zu machen – zumal unter den Bedingungen moderner Kriegsführung, die mit Drohnen und automatisierten Waffensystemen ein vollständig anonymisiertes Töten ermöglichen. „Aber im Grunde vergeht sich jeder an der Menschenwürde, der einen anderen quält, ihm Nahrung und Schutz verwehrt oder einen Mord begeht. Ja, allein schon, dass jemand ausschließlich als Angehöriger eines Kollektivs, als Jude, als Araber, als Farbiger (sic!), als Migrant gesehen wird, negiert dessen Individualität.“ (S. 33)
Auch hier demonstriert also eine der denkbar intimsten Situationen, die rituelle Totenwaschung des verstorbenen Vaters, eine universelle Wahrheit von der allen Menschen ungeteilt zukommenden und durch nichts einzuschränkenden Würde. Wie man angesichts der Verfolgungen, der Inhaftierungen und des wochen-, mittlerweile gar monatelangen oder dauerhaften Verschwindens von Migrant:innen in den USA von einer „Ordnung der Liebe“ sprechen und über diese Chiffre auch dem theologisch-ethischen Diskurs einen autoritären Drift verleihen wollen kann, den öffentliche Debatten und das politische Handeln längst haben, ist mir vollkommen schleierhaft.
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Zum Buch: Navid Kermani – Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen. Über Politik und Liebe. München: C. H. Beck, 2025.
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[1] Die Konturierung einer solchen Tugendethik wird sicherlich auch als Erbe aus dem Pontifikat Franziskus‘ in die Geschichte eingehen. Einen solchen Akzent mitsamt expliziter Fortschreibung hat auch sein Nachfolger Leo XIV. bereits gesetzt. Bemerkenswert, in der bisherigen Rezeption aber unterbelichtet scheint mir die ‚apokalyptische‘ Eröffnung der Exhortatio Dilexi te. Eine apokalyptisch angeschärfte Liebe (vgl. Nr. 1) offenbart verkehrte Verhältnisse und weist gleichzeitig eine Richtung für deren Veränderung. Der Bezug auf die apokalyptische Tradition muss im US-amerikanischen Kontext vor dem Hintergrund der öffentlichkeitswirksamen Ausführungen des Milliardärs und Investors Peter Thiel zum drohenden Weltuntergang, zu Antichrist und Katechon verstanden werden. Siehe dazu: Maren Behrensens Analyse von Thiels vibe theology auf feinschwarz.
[2] Das Interview ist auf YouTube einsehbar. Ab Minute 4:40 kommt Vance auf ein „old school concept“ zu sprechen, das er als „very Christian“ bezeichnet. Auf X reagiert er auf die beginnende Debatte in den Sozialen Medien mit dem Hinweis auf den Ordo Amoris. Letzter Aufruf beider Quellen: 01.11.2025.


