Das Christentum wird in einer „postsäkularen Gesellschaft“ (Jürgen Habermas), in der religiöse und nichtreligiöse Lebensentwürfe nebeneinander bestehen, gut leben können – wenn wir uns von christlichen Monopolansprüchen verabschieden und die theologische Herausforderung dieser Situation annehmen. Von Martin Spaeth.
Vor kurzem hatte ich, seit 40 Jahren katholischer Theologe, das interessante Vergnügen, einer „freien Trauung“ vorzustehen. Ein Freund und seine Frau waren der Meinung, ich sei aufgrund unserer persönlichen Beziehung und meiner Lebenserfahrung für sie der richtige „Trauredner“. Beide sind ohne antireligiöse Affekte – Religion hat ganz einfach keine Bedeutung für sie. – Kurz zuvor hatte ich die Frau eines anderen Freundes bestattet – wiederum in einer „freien“ Zeremonie, die durchaus christliche Elemente wie das Vater unser miteinschloss. Die Verstorbene war kein Mitglied einer Kirche, aber weder sie noch ihr Ehemann sind antireligiös eingestellt.
Beide Zeremonielle waren offensichtlich gelungen – die Rückmeldungen jedenfalls waren positiv. Unversehens war ich, ein ‚altgedienter‘ Theologe, in die Rolle eines „freien“ Trau- und Trauerredners gekommen.
Säkularisierung als faktischer Prozess
In Deutschland werden ca. 18 % aller Trauungen auch kirchlich geschlossen – bei Kirchenmitgliedern liegt diese Quote bei gut einem Drittel. Die große Mehrheit heiratet „nur“ im Standesamt, bisweilen folgt noch eine „freie“ Trauzeremonie. Wir haben hier ein exemplarisches Phänomen von Säkularisierung, verstanden als Rückgang der Bedeutung von Religion für das Leben der Menschen. Der Religionssoziologe Detlef Pollack unterscheidet dabei drei Dimensionen: (1) Zugehörigkeit zu religiösen Gemeinschaften, (2) religiöse Praxis und (3) religiöse Überzeugung.[1] In allen drei Bereichen sind die Zahlen in Deutschland stark rückläufig. 2024 waren etwa 46 % der Deutschen Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche (1990, also nach der Wiedervereinigung: 73 %).Die Teilnahmequote an Sonntagsgottesdiensten beträgt nur wenige Prozentpunkte.[2] Nicht nur die Kirchen, sondern der christliche Glaube als solcher schwindet massiv.
Die Realität des Homo areligiosus
Die Annahme, der Mensch sei von Natur aus religiös, war lange Zeit theologisch unhinterfragt und ist bis heute im Hintergrund pastoraler Praxis präsent. Im Jahr 2001 veröffentlichte der Erfurter Theologe Eberhard Tiefensee den Aufsatz Homo areligiosus. Eine relativ junge und noch regional begrenzte Spezies.[3] Darin stellt er – damals gerade in Ostdeutschland – fest, dass es durchaus Menschen gibt, für deren Leben Religion keinerlei Bedeutung hat. Sie sind nicht atheistisch, sondern religiös indifferent. Mittlerweile ist Homo areligiosus eine in ganz Deutschland weit verbreitete Spezies, für die Gott „nicht notwendig“ und „uninteressant“ ist (Jan Loffeld).[4]
Säkularisierung als Liquidierung der Religion
Die Säkularisierungsprozesse in europäischen Gesellschaften können als Liquidierung der Religion beschrieben werden: entweder als zunehmendes Verschwinden konfessionell-großkirchlich formatierter Religion oder als „Umbuchung […] auf das säkulare Konto“ (Jürgen Habermas)[5], indem sich religiöse Vorstellungen in säkulare Denkformen transformieren, sich etwa christliche Eschatologie in einen rein immanenten Fortschrittsglauben wandelt.
Säkularisierung wird häufig als Teil eines umfassenden Modernisierungsprozesses betrachtet. In dieser Sicht sind insbesondere religiöse und kulturelle Pluralisierung, gesellschaftliche Differenzierung sowie Individualisierung zwangsläufig mit einem Bedeutungsverlust der Religion verbunden: Demnach führt Modernisierung zu Säkularisierung.
Säkularisierung als europäische Spezialität
Diese Perspektive übersieht allerdings, darauf wiesen zuerst US-amerikanische Religionssoziologen (Peter Berger, José Casanova) hin, dass auch in hoch modernisierten Gesellschaften wie etwa derjenigen der USA deutlich geringere Säkularisierungstendenzen und umgekehrt eine vitale Religiosität feststellbar sind.[6] Das ist begründet in den unterschiedlichen Sozialformen christlicher Religion, die sich unter den verschiedenen historischen Bedingungen herausgebildet haben. Während es in den USA einen unübersehbaren „Markt“ religiöser Gemeinden, Kirchen und Denominationen gibt, die von Anfang an institutionell vom Staat getrennt waren, gibt es in Europa zwei konfessionelle Großkirchen, die lange über ein religiöses Monopol verfügten und die sich – etwa in Deutschland – noch immer in einem Prozess der Loslösung vom Staat befinden.
Das bedeutet: Offensichtlich führt speziell in Europa Modernisierung zu Säkularisierung. Europa ist diesbezüglich nicht die Norm, sondern die Ausnahme; weltweit findet eine Zunahme des Religiösen statt – trotz globaler Modernisierungsprozesse. Der moderne Pluralismus ist kaum kompatibel mit der spezifisch europäischen Sozialgestalt christlicher Religion in Form konfessionskirchlicher Monopole: Demnach führt Modernisierung in Europa zu Säkularisierung.
Liquidierung von Religion als deren Verflüssigung
Wenn also die überkommene Sozialform christlicher Religion in Europa keine Passung mehr hat zur pluralen modernen Gesellschaft, wie sie sich mittlerweile herausgebildet hat, erscheint eine Liquidierung in einem dritten Sinn an der Zeit zu sein. Eine solche wird hier verstanden als ein Prozess des flüssig, des liquide Werdens, als ein Übergang vom festen in einen flüssigen Aggregatzustand. Bisher festgefügte Vorstellungen unterwerfen sich einem Verflüssigungsprozess, der es ermöglicht, jene unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen in eine neue Form zu gießen.
Liquidierung als Entmonopolisierung christlicher Religion
In einer pluralen Gesellschaft, in der für sehr viele Menschen Gott nicht notwendig ist, bedeutet das, diese Haltung zu akzeptieren, ohne jenen einen latenten Glauben oder – umgekehrt – einen ‚Defekt‘ zu unterstellen. Die Kirchen als institutionalisierte christliche Religion verfügen de facto über kein weltanschauliches Monopol mehr; auch diese Tatsache gilt es anzuerkennen und den Anspruch darauf, Volkskirche zu sein oder über ein Heilsmonopol zu verfügen, aufzugeben. Monopolansprüche und Pluralismus schließen sich per se aus.
In einer pluralen Gesellschaft, die die Kirchen als solche anerkennen, könnten sich diese als eine Stimme unter anderen in den öffentlichen Diskurs einbringen. Dabei sollten sie sich nicht auf eine höhere Autorität, sondern auf Argumente zu stützen, die der „öffentlichen Vernunft“ (Jürgen Habermas) entsprechen. Daneben gilt es, die politisch-rechtliche Positionierung der Kirchen in Deutschland einschließlich ihrer (Vor-)Rechte einer Prüfung zu unterziehen. Das deutsche Religionsverfassungsrecht, das das Verhältnis von Staat und Religion regelt, entstand in einer Zeit, in der die Kirchen tatsächlich über ein religiös-weltanschauliches Monopol verfügten, das sie jetzt nicht mehr haben.
Religion und Säkularität – Vielfalt statt Konkurrenz
Sowohl die „freie Trauung“ als auch die „freie Bestattung“ bestand ich ohne innere Turbulenzen. Wir werden als Christen und Christinnen in einer „postsäkularen Gesellschaft“ (Jürgen Habermas), in der religiöse und nichtreligiöse Lebensentwürfe nebeneinander bestehen, mit einer solchen Vielfalt gut und ohne Angst vor Konkurrenz leben können – wenn wir uns von christlichen Monopolansprüchen verabschieden. Es ist an der Zeit, Säkularisierung als Herausforderung zu einem theologischen Lernprozess zu begreifen.
________________________________
Martin Spaeth war bis zum Ruhestand (2024) Religionslehrer und Schuldekan in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Studium in Tübingen und München, Promotion (Dr. phil.) an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. (2007); 2024 Theologische Dissertation an der Universität Münster zum Thema dieses Beitrags.
[1] Detlev Pollack/Gergely Rosta, Religion in der Moderne. Frankfurt a. M./New York 22022.
[2] Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.), Wie hältst du’s mit der Kirche? Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Leipzig 2023; https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/kirchenstatistik-2024 (18.06.2025); Martin Spaeth: Liquidierung der Religion. Baden-Baden 2025, 41–49.
[3] In: Wolfgang Bergsdorf u.a. (Hg.), Weltreligionen im 21. Jahrhundert. Weimar 2001, 75–98.
[4] Jan Loffeld, Der nicht notwendige Gott. Würzburg 2020; Ders.: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Freiburg 2024.
[5] Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, Bd. 1. Berlin 22019, 65f.
[6] Der Anteil religiös indifferenter Menschen steigt zwar an, gleichzeitig nimmt derjenige religiöser Fundamentalisten zu, beides auf Kosten einer moderaten Religiosität.


