„Literatur als palliative Heimat“ (W. Genazino)

Erich Garhammer und eine rettende Idee.

1962 – erste Klasse Gymnasium in Passau. Das ist für mich die früheste Erinnerung an die Kraft der Literatur. Wir hatten einen Religionslehrer, der zugleich unser Seminardirektor war. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er je im Unterricht etwas Persönliches erzählt hat. Im Gegenteil: ziemlich vollmundig sprach er dauernd von Gott. Aber an diesem Morgen war er verstört und aufgewühlt. Er hatte am Vorabend das Stück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett gesehen.  Wir spürten: etwas hatte ihm seine Sicherheit genommen, er war erschüttert. Die Selbstverständlichkeit der Gottrede war ihm abhandengekommen. Literatur muss eine Kraft haben, das wurde mir hier zum ersten Mal bewusst. Erst viel später konnte ich diese Kraft in Sprache fassen und mit Gründen belegen.

Samuel Beckett hatte eine seiner Figuren im Stück, Estragon, zunächst mit dem jüdischen Namen Levy versehen, später aber diese Spur wieder verwischt, um die Personen zu verrätseln und nicht zu vereindeutigen. Das Theaterstück handelt also nicht von zwei beliebigen Personen, sondern von zwei Menschen auf der Flucht, denen die Erlösung entschwunden ist. Gott ist durch den Holocaust deplausibilisiert, er ist ferngerückt. Mein Religionslehrer hat instinktiv gespürt: das Stück „Warten auf Godot“ hat die selbstverständliche Rede von Gott suspendiert. Er war für einen Augenblick erschüttert, sprachlos, eine absolute Seltenheit bei ihm. Und mir war die Kraft von Literatur zum ersten Mal bewusst geworden.

1962 – zur selben Zeit stand Joseph Brodsky in Moskau vor Gericht. Er wurde gefragt, wer ihm das Recht gebe, sich Dichter zu nennen, obwohl er kein Mitglied des Schriftstellerverbandes sei. Er antwortete mit leiser Stimme: „Gott“. Später nach seiner Exilierung im Westen gefragt, ob er an Gott glaube, gab er zur Antwort, er sei kein religiöser Mensch. Aber er habe von Berufs wegen mit Gott zu tun. Ein Schriftsteller nämlich wisse mehr über Gott als Kirche oder Papst. Wieder ein Zeugnis für den Anspruch der Poesie: Bekenntnis ohne Bekenntniszwang.

1962 – Peter Huchel wird als Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“ abgesetzt.  Die Absetzung hatte einen Grund: Huchel machte seine Zeitschrift zum Ort des freien Denkens in der ehemaligen DDR. Was gab ihm die Kraft dazu? Ein Wort von Augustinus bestimmte seine Poetologie: „Der große Hof des Gedächtnisses, daselbst Himmel, Erde und Meer gegenwärtig sind.“ Dieses Zitat aus dem Buch der „Confessiones“ evozierte für Huchel den märkischen Bauernhof seines Großvaters, bei dem er aufwuchs, bevölkert von Schnittern, Kutschern, Kesselflickern, Zigeunern, Knechten und Mägden. Das Leben bei den einfachen Leuten ergänzten Leseerfahrungen aus der Bibel, vor allem dem Propheten Jesaja, den Psalmen und dem Buch Hiob. 1962 wurde Huchel vom DDR-Regime abgesetzt und isoliert, erst 1971 konnte er nach Westdeutschland übersiedeln.

„Winterpsalm“ überschrieb er eines seiner bekanntesten Gedichte. Darin ist von der „stummen Angst“ die Rede. Es endet mit der Frage: „Atmet noch schwach, durch die Kehle des Schilfrohrs, der vereiste Fluß?“ Das Schilfrohr, das Schreibgerät – der Poet spricht gar von seiner Kehle – ruft den Literaten auf den Plan. Jeder, der schreibt, so Huchel, sei von der Idee beseelt, das rettende Wort zu finden. Das rettende Wort entdeckt er – der keiner staatlichen oder religiösen Hofkirche angehören wollte – in der Bibel. Für ein kommunistisches Regime unerträglich.

Dreißig Jahre später bekam ich den Ruf auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik in Paderborn. Die römische Glaubenskongregation verweigerte mir zunächst die Lehrerlaubnis. Mein Theologie- und Germanistikstudium schien in einer Sackgasse. Da bat mich der Neutestamentler Josef Ernst im Rahmen einer Ringvorlesung um einen Vortrag. Man beging 1992 das Jahr der Bibel. Was sollte ich sagen in dieser Situation, in der jedes Wort auf die Waagschale gelegt wurde?

Die rettende Idee: ich könnte ja mein zweites Fach, die Germanistik, ins Spiel bringen. Und so habe ich einen Vortrag gehalten zum Thema: „Sie werden lachen, die Bibel! Bibel und moderne Literatur.“ Ich habe mein Lebensthema gefunden: Theologie in Verbindung mit Literatur. Wie weiland Gotthold Ephraim Lessing, der nach dem Veröffentlichungsverbot durch den Herzog von Braunschweig mit seinem Theaterstück „Nathan der Weise“ die Bühne zum Ort seiner Theologie machte, so wurde für mich meine Theologie zum Resonanzort der Literatur. Die Paderborner Poetikvorlesungen – immer am Montag von 16 bis 18 Uhr – wurden zur heiligen Zeit. Ich konnte viele Literaten kennenlernen: Herta Müller, Hanns-Josef Ortheil, Friedrich Christian Delius, Uwe Timm, Dieter Wellershoff und viele, viele andere. Aus diesen Begegnungen entstanden bald eigene Projekte.

Nach meiner Berufung nach Würzburg organisierte ich im Jahre 2004 den Kongress „Theologie und Literatur“. Zwanzig Jahre nach dem ersten Kongress dieser Art in Tübingen – veranstaltet von Walter Jens, Hans Küng und Karl-Josef Kuschel – zog der Würzburger Kongress eine neuerliche Bilanz dieses Gesprächs. Die unterschiedlichsten Aktivitäten und Projekte nahmen ihren Lauf. Die Freisinger Kurse beginnen 2006 mit Reiner Kunze und dauern bis Arno Geiger im Jahr 2016. Ich organisierte den Sonntagsdialog in Himmelspforten/Würzburg, Lesungen auf einem Donauschiff auf dem Katholikentag in Regensburg 2014 sowie das LIT.fest der Deutschen Bischofskonferenz in München 2015. Seit 2019 gibt es an der Katholischen Akademie in München in der Reihe „Literatur im Gespräch“ das Format „Erich Garhammer trifft.“ Meine bisherigen Gäste: Navid Kermani und Christoph Ransmayr.

Erst im Nachhinein wurde mir klar, weshalb ich Literatur und Theologie gewählt habe: ich wollte eine Palliativtheologie realisieren, eine Theologie, die den Sehnsüchten der Menschen eine Heimat bietet – mit der Sprache von heute und unter dem Dach der Theologie.

Der Weg ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende.

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Erich Garhammer (*1951) war von 1991 bis 2000 Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie und Homiletik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Paderborn, von 2000 bis 2017 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Literaturhinweise:
Erich Garhammer, Erzähl mir Gott. Theologie und Literatur auf Augenhöhe, Würzburg 2018. Demnächst erscheint: Erich Garhammer, Meridiane aus Wörtern. Ein theo-poetisches ABC, Würzburg 2021.

Photo: privat
Graphik: Juliane Maiterth

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