„Die Täuschung“ von Norbert Lüdecke

Eine biographisch grundierte, kritische Besprechung von Ferdinand Kerstiens.

Mit großem Interesse habe ich das Buch von Norbert Lüdecke gelesen: „Die Täuschung. Haben Katholiken die Kirche, die sie verdienen?“ (Darmstadt 2021). Es hat viel Aufsehen erregt, besonders bei solchen Katholik*innen, die sich noch in der Kirche für Veränderungen einsetzen. Lüdecke hält dieses Engagement angesichts der Machtverhältnisse und des Kirchenrechtes für illusionär. Das gilt nach Lüdecke auch für alle, die im „Synodalen Weg“ um Reformen in Lehre und Gesetz, um einen neuen Weg für die Kirche ringen.  Das führt nicht „in eine andere, reformierte Kirche. Es wird bei einem erneuten Rundweg bleiben, der im Kreis herum, aber an kein Ziel führt“ (S. 248).

Gescheiterte Reformbmühungen: auch eine Geschichte des Widerstands „von unten“

Lüdecke schildert die Reformbemühungen und ihr Scheitern seit Kriegsende. Ich war an vielen Ereignissen, die er genau schildert, beteiligt (1). Lüdecke macht sehr deutlich, wie die Bischofskonferenz immer wieder versucht hat, durch Synoden, Beratungsgremien, Gesprächsangebote, Erklärungen bis hin zum Synodalen Weg die Wogen der Kritik zu bändigen. Er dokumentiert die devote Haltung des ZdK gegenüber der Bischofskonferenz und die römischen Interventionen, die das Misstrauen Roms, auch von Papst Franziskus, gegen die deutsche Kirche deutlich machen. Er hat Recht mit der Darstellung der dogmatisch zementierten kirchlichen Machtverhältnisse. Aber dennoch hat er in der Tendenz seiner Darstellung Unrecht. Ich lese diese Darstellung „von unten“ als eine wichtige Geschichte des kirchlichen Widerstandes, die ermutigend ist.

Denn Lüdecke sieht die ganze Entwicklung als Kirchenrechtler, weniger als Theologe. Eine theologische Würdigung dessen, was Kirche heißt, vermisse ich in dem Buch.  Kirche ist mehr als Kirchenrecht, Kirche ist gelebte Wirklichkeit in der Zeit und vor Ort, Kirche, das sind die Menschen, die im Glauben zusammenfinden, gemeinsam feiern, gemeinsam handeln. Das Kirchenrecht ist der schwerfälligste Teil der Kirche, gleichsam gefrorene römische Dogmatik. Es wird nur geändert, wenn die Mächtigen spüren, dass bei einem „Weiter so“ ihr Teich austrocknet. Wenn die mächtige Kirchenleitung sich nicht ändert, wird sie erleben, dass ihr die Basis wegbricht, wie das zum Teil heute in Deutschland der Fall ist. Die hektischen Reaktionen Roms auf Entwicklungen in der deutschen Kirche zeigen nur die Nervösität und Angst der Mächtigen, denen die Untertanen verloren gehen. Sie zeigen damit eben auch, wie stark die Erneuerungsbewegung in der Kirche ist.

Kirche ist mehr als Kirchenrecht, sie ist gelebte Wirklichkeit.

Manche Politisch-Mächtigen haben genau das schon erleben müssen. Ich denke dabei an die DDR und manche Militärdiktaturen in Lateinamerika. Die Bürger verweigerten einfach den Gehorsam trotz erdrückender Machtverhältnisse. Dann regieren die Regierenden am Ende nur noch sich selbst. Die Entwicklung der Kirche kommt von unten her, von den Menschen, von den Gläubigen, die sich selbstbewusst als Kirche verstehen und einfach anders leben. Dann ändert sich auch – jeweils viel zu spät – das Kirchenrecht.

Ein einfaches Beispiel zum Einstieg: Es gab vielfach Messdienerinnen, als es noch verboten war, bis die kirchliche Obrigkeit einsah, dass das nicht mehr einzudämmen war und die Möglichkeit viele Jahre später offiziell einräumte. Denn man wollte „oben“ nicht, dass der gelebte Ungehorsam „unten“ selbstverständlich würde. Ähnliches geschieht gegen das zurzeit geltende Kirchenrecht – nicht offiziell, aber weitgehend unbeanstandet – mit der Predigt von „Laien“ nach dem Evangelium, mit der Segnung von schwulen und lesbischen Paaren, Segnung der „Zweitehe“, Kommunion für Geschiedene und Wiederverheiratete, eucharistische Gastfreundschaft zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden etc..

Verweigerter Gehorsam

Etliche Bischöfe sind dafür, alle Ämter für Frauen in der Kirche zu öffnen, also auch die Priesterweihe, obwohl die Päpste versucht haben und versuchen, die Nichtweihe von Frauen als unfehlbare Lehre zu verkünden. Papst Franziskus kämpft gegen den Klerikalismus, sagt aber gleichzeitig, nur ein Priester könne Gemeinde leiten, ein Widerspruch in sich. Jetzt gibt es schon in mehreren Diözesen in Deutschland Frauen in der Gemeindeleitung. Seit vielen Jahrzehnten leiten Frauen Basisgemeinden in Lateinamerika, und dortige Bischöfe fordern mindestens als ersten Schritt deren offizielle Anerkennung als Gemeindeleiterinnen, die auch taufen und der Ehe assistieren können, um die Würde dieser Menschen anzuerkennen und ihren Status in den Gemeinden zu festigen. Die Frage bleibt, wie die Kirchenleitung es verantworten will, diesen Gemeinden die Eucharistie vorzuenthalten.

Ein weiteres, wichtiges Beispiel: Die „Pillenenzyklika“ von Paul VI. Lüdecke berichtet in seinem Buch davon, aber nur unvollständig. Wir haben 1968 mit einer Gruppe von Priestern in der Diözese Münster, zu denen auch Franz Kamphaus gehörte, innerhalb von sechs Wochen in den Sommerferien ein Drittel der Priester für eine Unterschrift unter einen Brief gewonnen, in dem wir an den damaligen Bischof Höffner geschrieben haben, dass wir uns in unserer pastoralen Arbeit nicht an die Weisungen dieser Enzyklika halten würden. Walter Kasper, damals Dogmatiker in Münster, sagte mir bei einem Gespräch: „Das war ein päpstliches Eigentor. Denn jetzt merken viele: Der Papst ist nicht unfehlbar. Er redet über etwas, von dem er nichts versteht. Vielleicht aber war ein solches Eigentor des Papstes nötig, um die päpstliche Unfehlbarkeit zu entmythologisieren.“ Ich verbürge mich für den (fast wörtlichen) Inhalt dieser Aussage.

Die Folge in der Breite: Die Einzelbeichte, bei der es wegen der kirchlichen Engführung im Sündenregister oft nur um die Fragen der Sexualität ging, brach zahlenmäßig zusammen. Die Enzyklika führte mit ihrer falschen Festlegung zu einer wachsenden Emanzipation der Gläubigen von kirchlicher Obrigkeit und ihrer Kontrollmöglichkeit durch die Beichte. Die späteren Päpste haben die Lehre von „Humanae vitae“ wiederholt – machtmäßig eindeutig, aber ihre Rede geht ins Leere.

Eine weitere Entwicklung, die Lüdecke schildert: Das Verbot des Papstes für die deutsche Kirche, in der Schwangerenkonfliktberatung nach staatlichem Recht mitzuarbeiten. Papst Johannes Paul II. hat dies im Verein mit Joseph Ratzinger, dem Glaubens-Chefrichter, gegen die Gewissensüberzeugung vieler deutscher Bischöfe durchgesetzt. Damit hat er das Selbstverständnis vieler Bischöfe gebrochen, weil sie am Ende doch gegen ihr Gewissen gehorsam waren (sein mussten?). Ich zähle dieses Verhalten Roms zu dem, was man heute „Geistlichen Missbrauch“ nennt: Missbrauch des Gehorsamsversprechens zur Durchsetzung von Taten gegen das eigene Gewissen.  Zudem hat der Papst damit etwas bewirkt, was völlig gegen die kirchlichen Machtverhältnisse verstieß: Männer und Frauen gründeten „Donum vitae“ als rechtlich von der Kirche und ihrer Obrigkeit völlig unabhängigen Verein, weil sie die Nächstenliebe zu bedrängten Frauen für wichtiger und evangeliumsgemäßer hielten als römische Orthodoxie. Oft haben Priester dabei mitgewirkt und die neuen Räume gesegnet.

Die kirchliche Macht gerät an ihre Grenze, wo ihr die gehorsamen Gläubigen fehlen. Die Macht bezieht sich dann nur noch auf die innerkirchliche Organisation, nicht mehr auf die Menschen. Die Beichte ist als Disziplinierungsinstrument weggefallen. Manche treten aus dieser Organisation aus und etliche davon verstehen das nicht als einen Verlust von christlichem Glauben.

Die Grenzen der kirchlichen Macht

Andere versuchen an den innerkirchlichen Prozessen der Erneuerung teilzunehmen, auch am Synodalen Weg. Ich würde sie nicht, wie Lüdecke es tut, als angepasste Illusionäre abtun, wenn es auch nicht mein Weg war und ist. Die Mitwirkenden am „Synodalen Weg“ haben kirchenoffiziell mit ihren Diskussionsbeiträgen im wachsenden Maße deutlich gemacht, dass nicht Rom oder „die“ Bischöfe Kirche sind, sondern wir alle. Ich bin dankbar, dass es noch Menschen gibt, die sich das um des Glaubens willen antun, um einen zeitgemäßen Dienst der Kirche am Leben der Menschen zu ermöglichen. Das gilt, auch wenn manche Enttäuschung schon vorprogrammiert ist.

Lüdecke übersieht in seinem Buch die große Verunsicherung vieler Bischöfe durch die Aufdeckung der sexuellen Verbrechen durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter*innen und die Aufdeckung der Vertuschung dieser Verbrechen durch sie selbst oder ihre Vorgänger. Die Bischofskonferenz ist sich ihrer selbst nicht mehr sicher. Einige Bischöfe stellen jetzt öffentlich die Fragen oder vertreten Positionen, die die kirchenreformerischen Gruppen spätestens seit 1968 stellen, eine Fragen- und Problemquarantäne von über 50 Jahren, die der Kirche nicht gutgetan hat und sie weiterhin beschädigt.

Die Bischofskonferenz ist sich ihrer selbst nicht mehr sicher.

Es gibt Umbrüche, wie ich sie erfahren und zum Teil auch mit engagierten Gruppen mitgestalten konnte, die von den kirchlichen Machtstrukturen nicht mehr erreichbar und deswegen auch nicht korrigierbar sind. Der von Lüdecke genannte „Rundweg“ ist also nicht geschlossen. Er hat Wege, die abzweigen. Man muss sie nur gehen, am besten mit anderen zusammen. Ich weiß, Strukturen und Kirchenrecht sind schon soziologisch nötig in einer weltweiten Organisation. Aber die Vertreter der vorhandenen kirchlichen Strukturen berufen sich dabei fundamentalistisch zu Unrecht auf die Einsetzung durch Jesus Christus, manche sogar auf „Göttliches Recht“, wenn keine rationale Begründung mehr möglich ist. In Wirklichkeit verabsolutieren sie nur irgendeinen Punkt in der zweitausendjährigen Geschichte. Jesus hat keine Kirche gegründet und keine Papstmacht installiert, sondern Gottes versöhnenden Dienst an den Menschen gelebt und weitergegeben.

Ich schließe mit dem Glückwunsch einer einfachen Frau zu meinem „Diamantenen“ Dienstjubiläum vor gut zwei Jahren: „„Du hast vielen Menschen einen neuen Weg im Glauben angeboten, der nicht mit Angst und Dunkelheit drohte. Wir konnten auf Gehorsam verzichten, da wir lernten selbst zu denken und zu fühlen, was der Glaube uns anbot.“
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Ferdinand Kerstiens,  geb. 1933, 1962-1975 Studentengemeinde an der Universität Münster, 1968 Promotion bei den Professoren J.B. Metz und Karl Rahner über die “Hoffnungsstruktur des Glaubens”, 1975-1998 Pfarrer in Marl. Mitarbeit in verschiedenen kirchlichen Reformgruppen. Autor zahlreicher Bücher und Artikel.

 

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