Zwischen narzisstischer Wut und doppelter Empathie. Machtmissbrauch in der Geistlichen Begleitung

In Geistlicher Begleitung hat weder der eine, der begleitet wird, noch die andere, die begleitet, Zugriff auf das Wirken des Geistes. Gesprächsführung zu lernen heißt vielmehr, sich dem Dritten anzuvertrauen, auf die Führungskraft des Geistes zu setzen. Von Klaus Kießling.

Geistliches Leben – in jeder Beziehung

Menschen, die erzählen, wes Geistes Kind sie sind, aus welchem Geist, aus welchem spiritus sie leben, gewähren Einblicke in ihre Spiritualität. Leben im Geist, geistliches Leben vollzieht sich innerhalb und außerhalb traditioneller Religiosität, die ihrerseits Möglichkeiten bietet, spirituelle Erfahrungen zu verorten und eine Unterscheidung der Geister vorzunehmen. Ein Leben aus dem Geist zeigt sich inspiriert, begeistert von Kräften und Impulsen, die nicht aus mir selbst kommen und, wenn sie bei mir ankommen, nicht bei mir verbleiben, wenn ich sie nicht wie einen Raub für mich behalten, sondern ans Licht der Welt bringen möchte – in allen Beziehungen, in denen, aus denen und für die ich lebe. In diesem Horizont erhellt, dass sich geistlicher oder auch spiritueller Missbrauch nicht etwa auf meine Gottesbeziehung beschränkt, während meine restliche Welt eine heile bliebe, sondern mich in all meinen Beziehungen prägt, also grenzenlos unheilvoll wirkt.

Missbrauch als Missbrauch von Macht

Bei allen Formen von Missbrauch geht es um den Missbrauch von Macht. Sozialpsychologisch versteht sich Macht oder power als asymmetrische Relation zwischen Machthaber und Beherrschten, also als Vermögen einer Instanz (einer Person, einer Gruppe, einer Institution), nach eigenen Vorstellungen auf Andere Einfluss auszuüben – mit dem Ziel, deren Verhalten und Erleben zu kontrollieren und womöglich auch gegen Widerstände zu verändern.

Freilich sind wir als Menschen ein Leben lang auf andere Menschen angewiesen, auf deren Liebe, auf deren Anerkennung. Mit dieser Einsicht verbinden sich sowohl unsere beglückendsten als auch unsere schmerzlichsten Erfahrungen. Mancher Versuch, diese Abhängigkeit zumindest abzumildern, geht dahin, aus möglichst machtvoller Position heraus Liebe und Anerkennung zu gewinnen, zu erzwingen oder zu erkaufen.

Machtbeziehungen – ein Teufelskreis, der narzisstische Wut schürt

Aus Machtbeziehungen Liebe und Anerkennung zu schöpfen, mag schon darum eine Weile gutgehen, weil zu ihren Charakteristika deren Verleugnung gehört, und zwar auf beiden Seiten: Denn machtvolles Auftreten verliert schließlich seine Kraft, wenn seine Legitimität infrage gestellt wird, und umgekehrt wirkt die Einsicht, des eigenen Einflusses beraubt und also ohnmächtig zu sein, kränkend.

Aber je mehr ich aus Machtbeziehungen Liebe und Anerkennung schöpfe, meine Machtmotive auslebe, meine Machtmittel einsetze und meine Autorität gegenüber Anderen zur Geltung bringe, desto weniger Eigengewicht messe ich diesen ja von mir selbst domestizierten und depotenzierten Anderen bei, desto weniger Eigengewicht auch der mir durch sie zuteilwerdenden Liebe und Anerkennung. Ich mag in solchen Beziehungen der Mächtigere bleiben, aber meine Strategie geht nicht auf. Ein Teufelskreis setzt ein, indem ich nach noch mehr Macht strebe und mich die fortwährende Mangelerfahrung in narzisstische Wut versetzt. So entwickelt diese psychosoziale Dynamik ihren suchtartigen Charakter.

Der Geist der griechischen Mythologie

Diese Entwicklung erinnert an die griechische Mythologie: Der schöne Jüngling Narziss verschmäht die Liebe der Nymphe Echo und anderer Nymphen, auch die des Bewerbers Ameinias. Von Nemesis, der Göttin der Vergeltung, wird er deshalb mit unstillbarer Selbstliebe bestraft: Beim Trinken beugt er sich über eine Quelle und verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild. An dieser Liebe leidet Narziss und verzehrt sich. Er stirbt an der Liebe zu sich selbst. In der Unterwelt spiegelt er sich noch in den Wassern des Styx, bis er schließlich in die nach ihm benannte Blume verwandelt wird.

… und der Geist des theologischen Narzissmus

Auf solche Phänomene hatte auch Jorge Mario Bergoglio SJ abgehoben, als er im März 2013 vor dem Kardinalskollegium in Rom eine Rede gehalten hatte, bevor er als Papst Franziskus aus dem Konklave hervorging: „Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst […] Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus […] Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern.“[1]

Narzissmus und Empathiemangel

Narzissmus als psychologisches Konstrukt äußert sich typischerweise in Selbstüberschätzung, Überempfindlichkeit gegen Kritik, Suche nach Bewunderung und dominantem Interaktionsverhalten. Zwar wirken narzisstisch motivierte Personen bei ersten Begegnungen häufig attraktiv, langfristig aber egozentrisch und selbstverliebt.

Damit geht oft ein Empathiemangel einher. Haben narzisstisch geprägte Persönlichkeiten von ihren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen keine Empathie erfahren, sondern Gleichgültigkeit und Kälte? Hartnäckig hält sich die populäre Annahme eines unbewusst geringen Selbstwertgefühls, das durch prahlerisch inszenierte Grandiosität kompensiert werden will. Wer sich selbst und für sich selbst insgeheim nur schwarz sieht, greift nach der strahlend weißen Weste, um dafür Anerkennung zu finden und um alles Schwarze zugedeckt zu halten. Diese Konstellation kommt vor, aktuelle empirische Belege weisen jedoch in eine andere Richtung[2]: Sie legen nahe, dass Eltern ihre Kinder im Übermaß gelobt und nie kritikfähig gemacht haben, sodass zwar ihr Verhalten auffällig erscheint, weil es keine Frustrationstoleranz erkennen lässt, nicht aber ihr Selbstwertgefühl. Die inzwischen Erwachsenen können sich nur nicht vorstellen, wie und warum die bisher immer präsente Versorgung mit Lob, Anerkennung und anderen Zuckerle, wie es in meiner schwäbischen Heimat heißt, plötzlich abbrechen sollte.

Im Umgang mit betroffenen Missbrauchstätern wurde mir sehr deutlich, wie machtvoll ihre unersättlichen Ansprüche auf ein Gegenüber wirken müssen, das halb wohlmeinend, halb kleinlaut die ständig drohende Gefahr der Unterzuckerung einer narzisstisch geprägten Person fürchtet, sich so ausbeuten und einen emotionalen Missbrauch geschehen lässt, der Beziehungen allein als Quelle der Bewunderung sucht. Der Mächtige verhungert zwar ohne seinen Lieferanten, hält ihn aber machtvoll in Bann – eine Doppelbindung, wie sie im Lehrbuch steht! Und ein auch hier gegebenes Schwarz-Weiß-Denken zeigt sich dann in der allzu schlichten Zweiteilung der Welt in Bewundernde und Unnütze.

Dein Wille geschehe“ – oder „mein Wille geschehe“?

Die narzisstisch markante Selbstidealisierung geht mit einer Selbstimmanenz einher, also der Unfähigkeit, sich jenseits der eigenen Person für andere, womöglich höhere Werte und Ideale begeistern zu lassen, und mit einer Fremdabwertung, die Kooperationen verhindert und den Mangel an Empathie und emotionaler Wärme nicht zwingend als fehlende Gabe, sondern vielmehr als fehlenden Willen aufscheinen lässt.

Die Auseinandersetzung mit narzisstischen Phänomenen will keinen Generalverdacht erheben, vermag aber zu sensibilisieren, um Spielarten eines spirituell geprägten Machtgefälles auf die Schliche zu kommen – und einem Missbrauch, der die Bitte „Dein Wille geschehe“ untergräbt und insgeheim darauf setzt, dass „mein Wille geschehe“. Und zeigt sich hinter den langjährig und im weltkirchlichen Maßstab gepflegten Vertuschungsstrategien nicht eine strukturelle Empathielosigkeit als pastorales Muster?[3]

Geistliche Begleitung in doppelter Empathie

In Geistlicher Begleitung hat weder der Begleitete noch die Begleiterin Zugriff auf das Wirken des Geistes. Vielmehr lernen beide auf die Führungskraft des Geistes zu setzen – und damit zugleich die Gefahr zu bannen, dass Führer und Geführte zu Verführern und Verführten werden: „Der die Übungen gibt“ – von einem Meister oder Führer ist hier nicht die Rede –, „darf nicht den, der sie empfängt, mehr zu Armut oder einem Versprechen als zu deren Gegenteil bewegen noch zu dem einen Stand oder der einen Lebensweise mehr als zu einer anderen“, so heißt es in den Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola. Beim Suchen des göttlichen Willens erscheint es „angebrachter und viel besser, daß der Schöpfer und Herr selbst sich seiner frommen Seele mitteilt […] Der die Übungen gibt, soll sich also weder zu der einen Seite wenden oder hinneigen noch zu der anderen, sondern in der Mitte stehend wie eine Waage unmittelbar den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn.“[4]

Diese Sätze bergen unhintergehbare theologische Qualitätsstandards. Denn Versuchungen entstehen auch aus Abhängigkeiten, die meiner Erfahrung nach phasenweise unvermeidbar sind, wenn Begleitete in ihrer Verzweiflung allein mir alle Macht und Expertise zusprechen. Doch dann kommt es darauf an, die stellvertretend übernommene Verantwortung rasch wieder zu teilen und für ein empowerment der Begleiteten Sorge zu tragen, die doch allemal eine eigene Expertise und eigene Gaben mitbringen, an die ich stellvertretend glaube, bis Begleitete selbst wieder daran glauben können.

Hinzu kommen psychologische Qualitätsstandards, denn Begleitende üben doppelte Empathie: für die Regungen ihres Gegenübers ebenso wie für die Bewegung und den Willen Gottes. In doppelter Empathie kann ein Begleiter sich fürbittend an Gott wenden, darin solidarisch mit den ihm Anvertrauten und zugleich rückgebunden an Gott und sein Reich. Dieser Habitus mag den Begleiter davor bewahren, sein eigenes Reich aufzubauen und sich und den Begleiteten das Wirken der Gnade Gottes zu verbauen.

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Dr. Dr. Klaus Kießling ist seit 2004 Professor für Religionspädagogik und Pastoralpsychologie an der  Philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/M.

Photo: Cover des Buches: 
Klaus Kießling, Geistlicher und sexueller Machtmissbrauch in der katholischen Kirche, Würzburg: Echter, 2021.

 

[1] Franziskus, Gegen den „theologischen Narzissmus“ (05.04.2013), online verfügbar unter: https://www.bistumspresse.de/content/gegen-den-theologischen-narzissmus.

[2] Vgl. Raphael M. Bonelli, Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist, München 2018.

[3] Vgl. Rainer Bucher, Verrat. Zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, in: Feinschwarz. Theologisches Feuilleton, www.feinschwarz.net, am 02.12.2019 und am 03.12.2019, online verfügbar unter: https://www.feinschwarz.net/verrat-zum-missbrauchsskandal-in-der-katholischen-kirche.

[4] Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Würzburg ³2003, Nr. 15.

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