Das Eckige muss ins Runde

Leserbrief

Leserinnenbrief von Anne Schmieder (Pseudonym), Mitglied des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz, zu „ECKIG ODER RUND? Zum Stand der kirchlichen Aufarbeitung von Missbrauch“ von P. Klaus Mertes SJ“

Lieber Pater Mertes,

mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag „Eckig oder rund? Zum Stand der kirchlichen Aufarbeitung von Missbrauch“ vom 18. Mai 2021 gelesen. Als Mitglied des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz finde ich Ihre Analyse der verschiedenen Haltungen und Positionen von Betroffenen sehr stimmig: hier eckig, da rund; hier konfrontativ, da kommunikativ; hier garstig, da nett; hier konfliktiv, da kooperativ … Ja, genau so.

Aber was, wenn die Trennlinie nicht so geradlinig verläuft? Oder wenn es gar keine klare Front gibt? Zumindest keine Linie zwischen solchen Betroffenen von sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche, die sich kommunikativ in die kirchlich initiierten Beiräte hineingewagt hätten, und solchen, die konfrontativ in freien Betroffeneninitiativen lieber draußen blieben? Was wenn die von Ihnen beschriebenen Haltungen in beiden Gruppen vertreten sind und wenn Vertreter*innen beider Haltungen an runden und an eckigen Tischen zu finden wären? Oder – um das Problem zuzuspitzen – was, wenn ich in meinem Inneren als Betroffene beide Haltungen vorfinde und diese Spannung in mir selbst austragen muss und versuche die dabei entstehende Energie zu nutzen im eigenen Interesse und im Sinne anderer Betroffener? Ich bin beides, das Eckige ist im Runden gelandet.

Schon vor  meiner schriftlichen Interessebekundung für den Beirat bei der DBK war für mich klar, dass ich nur „unter Anonymitätsschutz“ (so nennen Sie es) mitarbeiten würde. Dies habe ich von Anfang an deutlich artikuliert. Und bis heute halte ich es so, dass ich selbst entscheide, wo ich mich mit Echtnamen und wo ich mich mit Pseudonym äußere, wo ich in der Beiratsarbeit im Hintergrund bleibe oder mich auch in eine gewisse Öffentlichkeit hineinwage. In diesem Sinne schreibe ich Ihnen auch heute mit meinem Pseudonym. Wer wollte Betroffenen von sexualisierter Gewalt, die so viel Kontrollverlust in ihrem Leben erleiden mussten, dieses Recht auf Selbstkontrolle absprechen?

Trotzdem sind es gelegentlich ausgerechnet Betroffene, die diesen Anonymitätsschutz für Mitglieder der Beiräte in Frage stellen. Also ob man das Recht auf Persönlichkeitsschutz abgegeben hätte in dem Moment, wo man beginnt sich politisch für andere Betroffene zu engagieren. Ich bleibe dabei, mein Recht auf Anonymitätsschutz zu reklamieren und ich bin mit dieser Entscheidung im Beirat bei der DBK nicht alleine. Niemand hat von außen zu beurteilen, warum ein Mensch sich so oder so verhält, was oder wen wir schützen, vielleicht manchmal gar nicht uns selbst, sondern Angehörige z.B. …

Auf viele der Fragen, die Sie in Ihrem Artikel aufwerfen, möchte ich hier nicht eingehen, nicht weil ich ihnen ausweichen wollte, sondern eher weil Ihre Fragen bei mir offene Türen einrennen. So spüre ich z.B. selbst, dass im Hinblick auf die Verfahren der Bildung der Beiräte, ihre institutionelle Anbindung und ihr Rollenprofil viel Bewegung im Spiel ist, viel Luft nach oben … Danke, dass Sie diesen Prozess kritisch-konstruktiv begleiten. Sicher sind wir noch nicht da, wo ein Maximum an unabhängiger Interessenvertretung, Schutz der Beiräte vor Instrumentalisierung und Effizient der Beiratsarbeit erreicht wäre. Trotzdem habe ich mich hineingewagt in die Gemengelage dieses Lernvorganges – gemeinsam mit elf anderen Personen im Beirat bei der Deutschen Bischofskonferenz.

Selten so viel gelernt wie in der vergangenen Woche – übrigens auf beiden Seiten der „Kampflinie“! Sie erwähnen die von Bischof Stephan Ackermann konstruierte „Unterscheidung zwischen Betroffenen, die ‚Aktivisten‘ sind, und solchen die es nicht sind“ – ausgerechnet bei einem Podium des Ökumenischen Kirchentages, das sich mit „Stolpersteinen der Macht im kirchlichen Missbrauch“ beschäftigen sollte. Ich nenne das mal einen verbalen Betriebsunfall. Und ja, dieser Betriebsunfall weist „auf sehr riskante Rollenunsicherheiten und Rollenunklarheiten hin“, wie Sie schreiben. Wenn diese Äußerung von Stephan Ackermann beim erwähnten Podium ein Gutes hatte, dann dies: dass nun hinter den Kulissen des Beirates bei der DBK nicht nur unser Rollenverständnis einen ungemeinen Schub erhalten hat und unser Selbstbewusstsein gewachsen ist, sondern vor allem unsere gegenseitige Solidarität als Aktivist*innen.

Ich bekenne mich als Aktivistin (bis vor einer Woche wusste ich noch gar nichts von diesem Selbstverständnis!); ich bin stolz darauf diesen Namen zu tragen; ich weiß, dass ich damit als Mitglied des Beirates bei der DBK nicht alleine bin. Denn ja, „unsere Rolle ist die Rolle aufzudecken, immer den Finger in die Wunde zu legen, und wir werden das auch politisch öffentlich tun“ (Zitat Stephan Ackermann). In diesem Sinne sind wir „eckig“: leidenschaftlich für die Sache, gerne konfrontativ, unabhängig, Augenhöhe einfordernd. Wann immer möglich, werden wir eine faire Kommunikationskultur suchen und in Kooperationen eintreten, wenn sie der Sache dienen; „rund“ haben Sie das genannt. Vielleicht denken Sie: Das geht doch gar nicht! Ihr versucht die Quadratur des Kreises! Ihr riskiert neue Verletzungen. Wissen wir. Wir versuchen es trotzdem: Das Eckige muss ins Runde.

Lieber Pater Mertes, es gibt Sätze in Ihrem Beitrag, die berühren mich sehr, weil ich spüre: Ja, so ist es. Zu diesen Sätzen gehört die Aussage: „Erst wenn der Respekt vor der Tiefe des Grabens auf beiden Seiten gegeben ist, kann die Augenhöhe zwischen Institution und Betroffenen überhaupt zu wachsen beginnen.“ Ich meine, die vergangene Woche hat beigetragen zum Respekt vor der Tiefe des Grabens – auf beiden Seiten. Man sollte die Menschen in den Beiräten und ihre Sparringspartner weder über- noch unterschätzen.

Herzlichen Gruß

Anne Schmieder

 

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