Die Abhängigkeit auflösen

Pater Klaus Mertes SJ bespricht Hans-Joachim Sanders eben erschienenes Buch „Anders  glauben, nicht trotzdem“ zu den theologischen Folgen des sexuellen Missbrauchs der katholischen Kirche.

„Missbrauch der katholischen Kirche“ – diese Formulierung ist kein Versehen: „Es handelt sich … um sexualisierte Gewalt, die über die einzelnen Taten hinausreicht und die ganze Glaubensgemeinschaft kontaminiert hat … Wir Gläubigen können uns nicht von den Taten distanzieren, die im Raum der Gemeinschaft stattgefunden haben, die diesen Glauben lebt. Das ist mehr als eine Frage der Schuld der Täter. Es ist eine Frage der Kontamination durch diese Schuld.“ Der genitivus subjectivus im Titel des Buches markiert also „eine aktive Wechselwirkung mit dem sexuellen Missbrauch, der uns alle als Kirchenmitglieder betrifft.“ (195)

Sexueller Missbrauch in der Kirche betrifft alle.

Diese Sätze sind – wie das gesamte 8. Schlusskapitel – bewusst im Wir-Modus formuliert, anders als bei den sieben vorhergehenden „Schritten“, die das Panorama der Kontamination in aller Abgründigkeit und Komplexität entfalten. Das „Wir“ schließt Päpste, Bischöfe und Kleriker ein, sofern ihr Unglaube und ihre Unverschämtheit nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit ruiniert, sondern auch die des Glaubens selbst schwer beschädigt haben. Es reicht deswegen auch nicht, in Erschrecken, Entsetzen und Empörung (vgl. 27-45) über die Anderen, „die-da-oben“ in der klerikalen Kirche zu verharren.

Wer sich und seinen eigenen Glauben dabei raushält, ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Allerdings liegt darin auch genau eine Hoffnung für den Glauben. Der Missbrauch wirft alle Gläubigen buchstäblich in eine Arena. Sie sind damit zwar nicht „auch“ als Opfer des Missbrauchs gekennzeichnet, denn das wäre ja nur eine anmaßende Selbstgleichsetzung von Gläubigen mit Überlebenden sexualisierter Gewalt. Doch dass die Gläubigen sich nun in dieser Arena befinden, ist Konsequenz der Verbrechen und ihrer Vertuschung im Namen eines Glaubens, der diesen Namen nicht verdient, vielleicht nie verdient hat, jedenfalls aber jetzt nicht mehr verdient. Vor großem Publikum findet nun ein Kampf im Herzen jeder einzelnen Person statt.

Die Abhängigkeit auflösen

„In der Arena steht immer ein einzelner Mensch mit seinem Glauben. Die jeweiligen Menschen entscheiden dort für sich, ob der Glaube eine Zukunft hat, weil sie in der Arena des Missbrauchs sich nicht davon abbringen lassen, dass ihr Glaube mehr ist als die Bosheit der Taten, die den gläubigen Menschen dort überfällt. Wer dagegen erwartet, dass zuerst einmal die Kirche als solche mit dem Missbrauch abgeschlossen haben muss, ehe sie oder er weiter am Glauben festhält, sitzt auf der Bühne der Arena und würde den eigenen Glauben abhängig machen von einem religionsgemeinschaftlichen Erfolg.“ (224) Genau das ist die Chance: diese Abhängigkeit aufzulösen. So kann dann auch Kirche anders werden.

Doch um so weit zu kommen, ist es zunächst notwendig, den Glauben selbst als grundlegend mitverstrickten Faktor im Zusammenwirken von Tätern und Vertuschern in den Blick zu nehmen. Theologie hat hier eine kritische Aufgabe, die ihr nicht von anderen Experten und Expertinnen abgenommen werden kann. (Nebenbei: Es gehört zur Symptomatik misslingender Aufarbeitung in der Kirche, dass die Hierarchie bisher weit mehr auf die nicht-theologische als auf die theologische Expertise gesetzt hat; damit spricht sie aber letztlich nicht nur der theologischen Expertise, sondern auch sich selbst als Amt, das den Auftrag hat, theologisch zu lehren, die Relevanz von Theologie bei der Aufarbeitung von Missbrauch ab. So kann man dann auch theologisch weiterreden, als wäre nichts passiert.) Die Aufgabe lautet, den Glauben, der Böses begünstigt, zu unterscheiden von dem Glauben, der genau zu dieser Unterscheidung befähigt. Und damit wäre dann auch die Verantwortung angesprochen, die nicht nur die universitäre Theologie trägt, sondern gleichfalls das kirchliche Lehramt.

Die Aufgabe: den Glauben, der Böses begünstigt, zu unterscheiden von dem Glauben, der genau zu dieser Unterscheidung befähigt.

Allerdings hat die Aufdeckung des Missbrauchs den Kaiser des Klerikalismus inzwischen derartig nackt gemacht, dass der Glaubwürdigkeitsverlust bei den Gläubigen selbst theologische Eigentätigkeit freisetzt. Die Kinder trauen sich immer mehr, selbst theologisch zu sprechen. Der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche qualifiziert also den Glauben neu (dazu 171-190), macht ihn stark. Dazu kann man sich wiederum in ein bewusstes, in ein theologisches Verhältnis setzen. Sander wählt für diese Umdrehung den aus der Börsenspekulation stammenden Begriff des „shorten“ (vgl. 7. Schritt): Je mehr die Kirche erkennt, dass ihre Glaubwürdigkeit rasant im Wert sinkt, umso mehr kann sie wertzuschätzen beginnen, worin sie dem Missbrauch einen Glauben entgegensetzen kann, der diesem erfolgreich die Stirn bietet, und zwar ganz klassisch: die lockenden Angebote der Selbstverwechslung mit Gott oder göttlicher Vollmacht, der sie verfallen war/ist, ohne ein klebriges „aber“ zurückweisen.

Der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche qualifiziert den Glauben neu, macht ihn stark.

Zwar beschleunigt weitere „Selbstgerechtigkeit trotz erwiesener Schuld“ (153) den Absturz der Glaubwürdigkeit, aber das muss kein Schaden sein, wenn genau dadurch der Preis immer teurer wird für die glaubensbedeutsame Selbsterkenntnis, dass nicht nur die Sonne der Gnade, sondern auch der Schatten des Bösen gleichermaßen alle in der Kirche überschattet, nicht nur die Nicht-Kleriker und die Nicht-Gläubigen. Je teurer diese Erkenntnis erkauft wird, umso weniger banal ist sie, gerade auch als Ausgangspunkt für das Evangelium von der Gnade Gottes: kein Willi Millowitsch („Wir sind nur alles arme kleine Sünderlein“), sondern Paulus (Röm 5,12-21).

Doch all dies kann unterkomplex verstanden werden. Deswegen muss vorher der Blick in dem Abgrund gerichtet werden: ungläubiges Erwachen über das „Menschenrechtsverbrechen“ (57), das der sexuelle Missbrauch ist, weil er ein unverzeihliches Verbrechen ist (1. Schritt), der Strudel der bösen Macht des klerikalen Missbrauchs (2. Schritt), das „Auslaugen“ von Gott und Evangelium durch den Missbrauch (3. Schritt), die Komplexität der Bosheit (4. Schritt), die bösartige Natur der selbstverschuldeten Unglaubwürdigkeit (5. Schritt), das Scheitern unterkomplexer Abwehrstrategien gegen das Böse (6. Schritt).

Die Macht des Bösen und das Möbiusband

Es ist eigentlich ganz einfach: Eine Machtfrage steht an. Aber die ist wiederum nicht einfach zu klären, weil die Macht des Bösen, die im Missbrauch „schaltet“ (Walter Benjamin – vgl. 21ff), komplex agiert. Dafür findet der Autor das Bild des Möbiusbandes: Es ist „prima facie ein Band, das ein Oben und ein Unten hat sowie ein linke und eine rechte Seite. Aber durch die Verdrillung des Bandes ist die Seite oben direkt mit der Seite unten verbunden, wenn man nur dem Band weiter folgt. Ebenso dreht sich der linke Rand in den rechten, wenn es weiter durchschritten wird.“ (17) Mit binären Codierungen (richtig-falsch, Glaube-Unglaube, Kirche-Welt, Pro- und Contra-Lager, Einzelner-Gemeinschaft etc.) kommt man da nicht weiter. Das Böse verdrillt solche Klarheiten spielerisch leicht. Damit sind sie dann aber auch am Ende angelangt. „Die Krise hat die Pro-Contra-Binarität nicht verschärft. Sie hat sie vielmehr aufgelöst.“ (135)

Komisch. Während der gesamten Lektüre musste ich an ein kürzlich erschienenes Buch denken, das auch in den Abgrund blickt, aber zugleich – außer einigen beleidigten Reaktionen – mit dröhnendem Schweigen umgeben ist: Doris Reisinger/Christoph Röhl: Nur die Wahrheit rettet – Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger. Warum ist der Blick in den Abgrund so schwer? Weil man dabei seinen Glauben verlieren könnte? Dass aber genau nicht das, sondern das Gegenteil der Fall ist, zeigt Sander. Als Pflichtlektüre empfohlen.

 

Hans Joachim Sander, Anders glauben, nicht trotzdem – Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen, Ostfildern (Grünewald) 2021, 224 S. 24 €

 

 

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Pater Klaus Mertes SJ  ist Redaktionsmitglied der Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“ und seit dem 1. Januar 2021 Superior des Ignatiushauses in Berlin. Als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin war er eine zentrale Figur bei der Aufdeckung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche Deutschlands.
Von ihm eben erschienen: Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen. Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht, Ostfildern (Patmos) 2021

Bild: Ausschnitt Buchcover

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