„Maria Magdalena“: die Hebamme des Glaubens

Kann es das geben: Ein Film über Jesus, stilistisch aktuell, mit Stars besetzt und ästhetisch genau, aber auch erzählerisch gewandt, theologisch klug, und bis zum doch bekannten Ausgang der Geschichte spannend? Regisseur Garth Davis hat das Wagnis dieser Neuerzählung unternommen. Maria Magdalena kommt diese Woche international ins Kino. Eine Filmrezension von Viera Pirker.

Viel Mut ist nötig, um eine scheinbar auserzählte Geschichte filmisch neu zu adaptieren. Denn eine solche ist die Jesuserzählung, von Leben, Botschaft, Leiden, Sterben dieses jüdischen Lehrers, der dann christlich als Gottessohn erkannt und bezeugt wird. Ganz neu ist diesmal die gewählte Perspektive: Der Film konzentriert sich auf die Jüngerin und Begleiterin Jesu, dargestellt von der berühmten Rooney Mara (Verblendung; Carol; Song to Song).

Die Visualität des australischen Regisseurs, seine Zuneigung zu starken Frauen, die trotz vielfacher Hindernisse ihren eigenen Weg gehen, ebenso das Gespür für Landschaft, Fotografie, Beziehung, Berührung und eine hinter den bewegten Bildern liegende Wahrheit sind seit der Serie Top of the Lake und dem preisgekrönten Drama Lion – a long way home bekannt. Über sich selbst und seine Hauptdarstellerin Rooney Mara sagt er: „Da wir beide nicht direkt religiös sind, war es für uns eine besondere Herausforderung, denn der Film wird auch als religiöser Film gesehen. Aber wir fühlen uns mit der spirituellen Botschaft verbunden, die auf gewisse Weise verloren gegangen ist. Wir nehmen die Menschen zurück zur Kernbotschaft Jesu: Dass die Macht in uns, nicht außerhalb von uns liegt. Dass es nicht um Ideologie und Regeln geht, sondern darum, zu hören, was in uns ist, und damit in Verbindung zu treten.“

Eine gute Story: Jesus und Maria

In Magdala am Ufer des See Genezareth lebt Maria. Sie spürt eine Sehnsucht nach Gott, die sie nicht recht benennen kann, und die in der klaren Rollen- und Geschlechterordnung der ländlichen Gemeinschaft für eine Frau auch fehl am Platze ist. Gleich zu Beginn unterstützt sie eine Hebamme bei einer gefährlichen Geburt – schon hier zeigt sie sich als Naturtalent darin, Neues auf die Welt zu begleiten. Maria will nicht heiraten, auch wenn die Familie drängt und sogar Besessenheit vermutet. Jesus (Joaquín Phoenix) wird als Heiler zu ihr gerufen, er sieht keinen Dämon, sondern fragt nach ihrer Sehnsucht.

 

Maria (Rooney Mara) sucht nach ihrer Bestimmung

im schwerelosen Schweben wird filmisch das Sich-Gott-Überlassen inszeniert

Mit dieser Begegnung nimmt die Geschichte ihren Lauf. Maria ist die erste Frau, die mit der Taufe im See in den Jüngerkreis aufgenommen wird. Das Wasser hat im Film symbolische tragende Bedeutung: es wirkt als ein metaphorischer Ort des Innenlebens und im schwerelosen Schweben wird filmisch das Sich-Gott-Überlassen inszeniert – ein Seewandel von unten, sozusagen. Die Jünger teilen mit Maria die existenzielle Erfahrung, dass es keine Alternative zu dieser Nachfolge gibt. Daher akzeptieren sie ihre Aufnahme in der Gruppe, auch wenn sie nicht verstehen, was eine Frau im erhofften Kampf und Umsturz gegen die römischen Besatzer nutzen soll. Auf Marias Bitte hin predigt Jesus nun auch den Frauen.

Jesus kongenial interpretiert

Joaquín Phoenix (Her, Walk the Line) hat sich die Rolle des Jesus einverleibt. Älter und nicht gerade zart, schmiegt er sich von innen her an Jesus an, ohne je der Versuchung zu erliegen, ihn vollständig interpretieren zu wollen. Es gelingt ihm gerade in offenen Blicken, den wenigen Worten, den schwebenden Gesten, das Angebot und die Präsenz Jesu regelrecht von der Leinwand heraustreten zu lassen. Phoenix zeigt Jesus als einen spirituellen Prediger, der den anderen Wohl will, der aber auch in Fahrt kommt, sich mitunter mehr hingibt, als es gut sein kann: Die Jünger schützen ihn. Er versteht zunehmend mehr von seinem Leben, und auch zunehmend mehr von seinem eigenen Weg. Die Wendung vollzieht sich schließlich in einer Totenerweckung: Von da ab sind Verstehen, Trauer, Güte und Wissen ganz bei ihm. So kann er wirklich gewesen sein, und bleibt doch auch befremdlich. Maria hört und sieht genau hin, sie begleitet ihn mehr als die Jünger, die sehr den eigenen Hoffnungen folgen.

Judas – Psychogramm eines Bruchs

Stark interpretiert Tahar Rahim den Judas, der als eigenständiger und durchaus sympathischer Charakter mit einer von Verlust und Trauer geprägten Vergangenheit angelegt ist. Jesus soll seine schwankende Welt ins Recht setzen, und Judas will ihn deshalb zunehmend zum Handeln zwingen. Es ist ein großer Gewinn des Films, dass Judas in seiner individuellen Gebrochenheit verstehbar und zugänglich wird, statt sein Handeln grundsätzlich als böse oder gar verschlagen abzutun. Maria Magdalena bietet sogar ihm eine Geste der Versöhnung an, die er jedoch nicht annehmen kann.

Jesus (Joaquín Phoenix) und Judas (Tahar Ramin) im letzten, nahen Gespräch

 

Maria und Petrus

Dramatisch und theologisch bedeutsam gestaltet der Film die Konstellation zwischen Maria und Petrus. Chiwetel Ejiofor, berühmt aus Steve McQueens Drama 12 Years a Slave, ist fast zu groß für diese Rolle. Petrus hat seine Familie verlassen, denn er konnte nicht anders, als diesem Mann zu folgen. Alles andere ist nicht mehr wahr und echt für ihn, außer Jesus. Zu zweit werden Maria und Petrus als Apostel ausgesandt, sie kommen zu sterbenden Menschen in ein Dorf. Petrus will weiterziehen, Maria aber handelt als Präfiguration der vielen Frauen und Männer, die sich in der Nachfolge Christi den Elenden, Kranken und Sterbenden zuwenden. Diese vorösterlich angelegte Caritas fußt nicht auf eine biblische Erzählung, und steht doch genau in der Tradition der Seligpreisungen.

Petrus (Chiwetel Ejiofor) hofft auf einen Umsturz im Kampf

 

Die Gegensätzlichkeit ihrer Nachfolge kulminiert in einem stark stilisierten Streitgespräch zwischen Maria als Kreuzes- und Auferstehungszeugin und Petrus, der Jesus verleugnet hat. Mit dieser auch von Neid und Versöhnung durchzogenen Differenz begibt sich das Drehbuch in die Spur des Evangelium Mariae, einer apokryphen Überlieferung des 2. Jahrhunderts über die Jüngerin, die Jesus liebte.  Theologisch konstelliert sich das Gespräch als Grundstreit zwischen präsentischer und futurischer Eschatologie, einem Reich Gottes, das hier und jetzt, in Herzen und Handeln der Menschen beginnt, gegenüber einem Warten auf die Wiederkunft des Erlösers, mit der ein neues Reich erst anbrechen wird.

Gut beraten durch jüdische, griechisch-orthodoxe und katholische Religionsvertreter genauso wie durch biblisch, archäologisch und historisch Forschende.

Ein alternatives Evangelium

Theologisch lässt sich über die Neuinvention der Story durchaus diskutieren, über Jesu Auftritt in Kana, die außerhalb weniger Gebetsszenen auffällig antirituelle Sprache, die Taufe als eigentlich nicht dem Jüngerkreis um Jesus zugeschriebenes Ritual, das Abendmahl ohne Einsetzung. Zugleich formuliert der Film ein alternatives Evangelium, das heutiger neutestamentlicher Forschung durchaus standhält. Jesus lebt in Gemeinschaft seiner Jünger als selbstverständlich seine Religion praktizierender Jude. Jegliche in den Evangelien angelegten antijudaistischen Fallen werden im Film ausdrücklich vermieden, auch werden die Schuldfragen zur Passion weder gestellt noch gezeigt: Die Drehbuchautorinnen Helen Edmundson und Philippa Goslett brauchen all dies nicht, um eine konsistente Geschichte von Mensch und Gott zu erzählen. Gut beraten durch jüdische, griechisch-orthodoxe und katholische Religionsvertreter genauso wie durch biblisch, archäologisch und historisch Forschende, zeigen sie Jesus als Heiler und Tempelreiniger, nicht aber als überirdischen Wunder-Erweiser. Der Film verzichtet auf viele Geschichten: Kein Seewandel, keine Brotvermehrung, fast keine Bergpredigt und auch keine Exorzismen, wohl aber eine Totenerweckung, heilende Worte und viel Berührung. Dafür erfindet er die in den Evangelien kaum erwähnte Maria von Magdala neu. Die Autorinnen verfolgen in ihrer Konzentration auf die weibliche Perspektive auch das Interesse, die Kreuzes- und Osterzeugin, der in Kirche, Kunst, Literatur und Film jahrhundertelange Verdunkelung (als Hure, Sünderin, Ehebrecherin, aber auch vermeintliche Partnerin Jesu) angetan wurde, neu ins Recht zu setzen – ganz wie es Papst Franziskus 2016 tat, indem er ihren Ehrentitel der apostola apostolorum rehabilitierte.

Vieles wäre zu sagen zu den italienischen Drehorten in Sizilien, Matera, Apulien und Neapel, die sich mit kongenial ins Heilige Land der Zeitenwende wandeln; zu Kostüm und Ausstattung, die zurückhaltend und haptisch sind, zur schwebenden Musik von Hildur Gudnadóttir und Jóhann Jóhannsson, dem preisgekrönten Komponisten, der im Februar überraschend verstorben ist.

Dass es Künstlerinnen und Filmemacher gibt, die diese Geschichte heute für ein breites Publikum ganz neu erzählen können und zugleich tiefen Respekt vor religiösem Empfinden zeigen, ist ein vorösterliches Geschenk.

Maria Magdalena (Regie: Garth Davis), GB 2018
Internationaler Filmstart: 15.03.2018
Zitate: „Production Notes”, See-Saw Films / Porchlight Films, 2018.
Filmrecherche: www.filmdienst.de
Literatur: Silke Petersen, Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte (Biblische Gestalten, Bd. 23), Leipzig 22015.
Bilder: www.upimedia.com

Dr. theol. Viera Pirker ist Assistentin am Institut für Praktische Theologie / Religionspädagogik der Universität Wien.

Weitere Beiträge von ihr auf www.feinschwarz.net:

Anatomia del Miracolo: Ein Himmel voller Wunder

„Silence“ – in den Dunkelkammern des Christentums

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