Marianische Irritationen. Ein Beitrag zum Marienmonat

Aktuelle Film- und Fernsehproduktionen spielen mit dem Verstörungspotential von Marienerscheinungen in einer auf- und abgeklärten Gesellschaft. Theresia Heimerl über irritierende Frauen.

Das Wunder ist schon lange nicht mehr des Glaubens liebstes Kind. Und das marianische Wunder schon gar nicht. Marienerscheinungen und Blut weinende Madonnen sind selbst für fromme Katholiken wie den Papst irgendwie peinlich. Derartige Dinge erscheinen geradezu prädestiniert, alle Vorurteile der Aufklärung gegenüber dem Katholizismus als einer unheiligen res mixta aus Naivität, Hysterie und Geschäftemacherei zu beweisen. Witze über Marienerscheinungen dürfen sogar brave KatholikInnen machen, um so ihre Aufgeklärtheit unter Beweis zu stellen.

Eine TV-Serie und ein Film widmen sich der wohl „peinlichsten“ Form katholischer Frömmigkeit.

Ernst genommen wird die Möglichkeit eines Eingreifens der Gottesmutter in die Leben der Irdischen derzeit nur von Film und Fernsehen. Gleich zwei aktuelle Produktionen haben als Thema eben jene „peinlichsten“ Formen katholischer Frömmigkeit rund um Maria: In Ein Wunder (Originaltitel: Il Miracolo), einer italienischen achtteiligen TV-Serie aus dem Jahr 2018 steht eine Blut weinende Madonnenstatue im klassischen Lourdes-Look im Zentrum. Und in dem französischen Film Die Erscheinung (L’Apparition), der erst vor kurzem in den deutschsprachigen Kinos zu sehen war, erscheint – ganz im Stil von Lourdes und Medjugorje – Maria einem jungen Mädchen im Hinterland von Marseille.

Beide Produktionen sind alles andere als fromme Unterhaltung oder gar kirchliche Propaganda. Sie spielen auf sehr unterschiedliche Weise den theologischen, vor allem aber lebensweltlichen Ernstfall eines Einbruchs des Irrationalen in einer auf- und abgeklärten Gesellschaft durch. Und sie zeigen die verstörende Irritation, die derartigen Ereignissen innewohnt.

Ein Wunder und Die Erscheinung spielen mit dem Einbruch des Irrationalen in das Leben der Menschen.

Ein Wunder vereint alle Elemente der gegenwärtigen italienischen Gesellschaft: ein Mafiaboss in Kalabrien, in dessen Keller bei einer Razzia die Blut weinende Marienstatue entdeckt wird; ein karrierebewusster Politiker, dessen dysfunktionales Familienleben die Medien auf den Plan ruft; ein desillusionierter, mit seiner lebensfrohen Mutter beschäftigter Geheimdienstchef; eine von Enttäuschung über ihre verstorbene Mutter und eine gescheiterte Beziehung geplagte, lesbische Wissenschaftlerin; und ein Priester, krank an Leib und Seele, der die Spendengelder seiner weiblichen Fangemeinde benötigt, um Schulden beim lokalen Capo zu begleichen. Ihrer aller Leben wird von der Blut weinenden Marienstatue in Mitleidenschaft gezogen.

Bereits der kriminelle Auffindungsort lässt erahnen, dass die Wunder der Gottesmutter in dieser Serie eher unkonventioneller und unkanonischer Art sind. Klammheimlich in einem leeren Schwimmbad aufgestellt, weckt sie die Hoffnungen und Ängste all jener, die überhaupt von ihr wissen dürfen. Kann dieses Blut unheilbar Kranke heilen? So hofft es zumindest die Chemikerin Sandra, entgegen ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung – und wird gleich mehrfach bitter enttäuscht. Kann diese Madonna ein hirntotes Kind wieder zum Leben erwecken? Das erwartet der atheistische Ministerpräsident von ihr – auch er wird enttäuscht, sein kleiner Sohn stirbt und der smarte Fabrizio Pietromarchi klagt die schweigende Statue in bester Hiob-Manier an. Kann die Gottesmutter das allgemeine und sehr spezielle Elend des Priesters Marcello, der seinen nicht nur krankheitsbedingten Schmerz mit Drogen, Pornos und jungen Prostituierten betäubt, heilen?

Eine Blut weinende Madonna stiftet Verwirrung und Unheil.

Auch der wiedergefundene Glaube erweist sich als nicht stark genug, um ein aus den Fugen geratenes klerikales Leben wieder gut zu machen, die deliriöse Marienvision in Gestalt Monica Belluccis hat etwas von einer antiken Todesgöttin. Die Blut weinende Madonna stiftet scheinbar nur Verwirrung und Unheil. Erst an den Rändern der Erzählung, in verwirrenden Ellipsen, wird das Potential, das für die Menschen aus der Begegnung mit ihr erwächst, erahnbar. Die Madonna aus der kalabrischen Provinz wird für eine Zeit Brennpunkt in den Leben der Menschen um sie, um sie dann ganz ohne offensichtliches weiteres Wunder, ohne Botschaft, wieder zu verlassen: Der Geheimdienstchef Votta lagert sie kurzerhand in seiner Tiefkühltruhe, wo ihre blutigen Tränen gefrieren.

Die Erscheinung bietet eine ganz andere Annäherung an das Thema: Als Film mit insgesamt 144 Minuten Laufzeit ist er in jeder Hinsicht reduzierter als Ein Wunder: Von zwei kurzen Szenen im Vatikan abgesehen, spielt der Film in den kargen Landschaften einer südfranzösischen Gebirgsregion und in den Halbwüsten des Nahen Ostens. Das Setting evoziert sofort die bekanntesten Marienerscheinungen des 20. Jahrhunderts: Wie in Lourdes, Fatima und Medjugorje behauptet eine Jugendliche, ihr sei in der einsamen Natur die Gottesmutter erschienen.

Eine jugendliche Seherin wird zum Zentrum eines ansehnlichen Wallfahrts-Business.

Drei Jahre danach ist um die nunmehr 18-jährige Seherin, die Waise Anna, ein ansehnliches Wallfahrts-Business entstanden, der Manager eines katholischen Medienunternehmens will die Erscheinung und die fotogene Seherin richtig groß rausbringen, der zuständige Pfarrer widersetzt sich allen Mahnungen seines Bischofs und schirmt Anna, von ihren Auftritten abgesehen, von allen Menschen ab und hat sie bereits in einem Frauenkloster untergebracht. Der Vatikan will die ganze Angelegenheit endlich vom Tisch haben und beauftragt den Journalisten Jaques Mayano, die nach den kirchlichen Regeln eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Angelegenheit zu begleiten und – so der Subtext des Herren im Vatikan – die Angelegenheit als Schwindel aufzudecken. Jaques glaubt zwar nicht an Marienerscheinungen oder überhaupt Transzendentes, die junge Seherin zieht ihn dennoch mit ihrer Intensität in ihren Bann und lässt ihn so sein Kriegstrauma nach dem letzten Einsatz in Syrien zunehmend vergessen. Wie in einem Kriminalfilm befragt Jaques verschiedene Menschen rund um Anna: die Pflegeeltern, die Freundinnen, die Leiterin des Waisenhauses, den Pfarrer, Bauern, die damals den Schrei eines jungen Mädchens gehört haben wollen.

Eine Mystikerin? Oder eine Schwindlerin?

Er beobachtet Anna bei ihren Auftritten, sucht den Ort der angeblichen Erscheinung auf – und weiß nicht, was er von der Sache halten soll. Anna beginnt derweil unter dem Druck aus Erwartungen der Gläubigen, der Kommission und der Medien zu zerbrechen – sie hört auf zu essen, flüchtet schlussendlich in fiebriger Trance durch den Wald zum Erscheinungsort. Als sie von Suchtrupps am frühen Morgen gefunden wird, bleibt nur mehr der vergebliche Weg ins Krankenhaus. Anna stirbt. War Anna eine wahre Mystikerin, die sich, von Liebe zum himmlischen Bräutigam verzehrt, der Welt des theologischen Skeptizismus und unfrommen Kapitalismus durch ihren frühen Tod entzogen hat? Oder schlicht eine Schwindlerin, die Angst hatte, aufzufliegen und damit der Aufmerksamkeit verlustig zu gehen?

Zwischen diesen beiden Antworten, wie sie in der Regel bei Marienerscheinungen gegeben werden, gibt Die Erscheinung eine dritte, ganz andere, die beide Antworten als wahr und falsch zugleich erweist. Nicht Anna, sondern ihre Freundin Meriém hatte drei Jahre zuvor die Gottesmutter zu sehen geglaubt. Im Wissen darum, welches Leben eine solche Erfahrung bedeuten würde – eben das Leben als öffentlich verehrte, angefeindete und vermarktete Person – hat sie die Flucht ergriffen und lebt mit Mann und Kind als Flüchtlingshelferin in Jordanien. Anna hat an ihrer Stelle die Rolle als Seherin übernommen und bis zum tödlichen Ende gespielt. Als Jaques mit Meriém spricht und sie seine Vermutung bestätigt, ist Anna schon tot und Jaques weiß noch immer nicht, ob er nun an das Erscheinen der Jungfrau Maria in den südfranzösischen Bergen glauben soll oder nicht. Sein Bericht wird fein säuberlich in den Archiven des Vatikan abgelegt.

Die Frage nach der Wahrheit des Übernatürlichen bleibt unbeantwortet.

Der Film endet, wo er begonnen hat: im syrischen Kriegsgebiet. Jaques bringt eine Marienikone in ihr ursprüngliches Kloster zurück, die Meriéms Freund als UN-Soldat von dort mitgenommen und in Meriéms Zimmer in Frankreich gelassen hatte. Die Augen der Ikone sind durchschossen, das Kloster bleibt verschlossen, die zerstörte Ikone vor der Türe angelehnt.

Die Frage nach der Wahrheit des Übernatürlichen bleibt in Die Erscheinung konsequent unbeantwortet. Dennoch gibt der Film Antworten zu zentralen theologischen Lehren: Die stellvertretende Übernahme einer tödlichen Aufgabe aus Liebe ist ein Faktum, die Irritation, die diese Tat (auch bei den ZuseherInnen) hinterlässt, wohl ebenso. Irritierend offen bleibt auch die Frage nach der Vereinbarkeit von religiöser Erfahrung und „normalem“ Leben. Oder hat die eigentliche Seherin, Meriém, mit ihrer anonymen Arbeit bei den Armen der Gegenwart in den staubigen Zelten und ihrem familiären Alltag womöglich die adäquate Konsequenz aus der Begegnung mit der Gottesmutter gezogen und ist Annas Opfer in Wahrheit ein mahnendes Zerrbild fehlgeleiteter Frömmigkeit?

Marienerscheinungen passen nicht in unsere Welt und wecken dennoch eine geheime Sehnsucht.

Die Grundaussage zur Existenz von Marienerscheinungen und -wundern ist in Ein Wunder und Die Erscheinung diametral entgegengesetzt: Die Blut weinende Marienstatue ist ein auch für die ZuseherInnen oft und offen zu sehendes Faktum. Die Erscheinung der Madonna bleibt die Behauptung einer einzigen jungen Frau, allen Blicken im Film wie jenen der ZuseherInnen entzogen. Letztlich aber ist die Wirkung beider Einbrüche des Irrationalen sehr ähnlich: Sie irritieren. Sie passen nicht in die Welt von heute und wecken doch gerade bei den aufgeklärten Skeptikern die geheime Sehnsucht, es möge doch etwas dran sein an der Macht des Übernatürlichen. Beide Filme handeln vor allem auch von enttäuschten Erwartungen und von verwirrenden Wendungen, welche die Ereignisse nehmen. Beide Marien wollen nicht so recht in das letztlich traditionelle Bild passen, das sich die Menschen gerne von ihnen machen. Deshalb müssen sie verschwinden – ob in der Tiefkühltruhe oder im vatikanischen Archiv. Diese Marien sind keine braven Wegweiserinnen ins jungfräuliche Leben oder zur moralischen Besserung nach dem do ut des-Prinzip.

Fast könnte man meinen, die Gottesmutter legte es darauf an, zu irritieren.

 

Filminfo:

Ein Wunder (Il Miracolo), TV-Serie, Italien 2018, Idee: Niccolò Ammanti

Die Erscheinung (L’Apparition), Frankreich 2017, Regie: Xavier Giannoli

— 

Photo: Rainer Bucher

Ao.Univ.-Prof. DDr. Theresia Heimerl ist Religionswissenschafterin in Graz.

Veröffentlichungen auf feinschwarz.net u.a.

Maria im Rotlichtmilieu

 

Abaelard und Heloise. Eine Relecture im Wonnemonat Mai

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email