Medellín 1968 – Auf dem Weg zu einer „wirklich armen, missionarischen und österlichen Kirche“

Vor 50 Jahren fand vom 26.8.-6.9.1968 die Versammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats in Medellín statt. Sie wird als Wendepunkt der lateinamerikanischen Kirche, ja als ihr Pfingsten gewürdigt. Es wurde eine kreative Umsetzung des Konzils für die lateinamerikanische Kirche geleistet, indem konsequent von der dortigen gesellschaftlichen und kirchlichen Realität ausgegangen wurde. Norbert Mette zeichnet die zentralen Entwicklungen nach.

Außer der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae vitae“ und dem 82. Deutschen Katholikentag in Essen gab es 1968 ein kirchliches Ereignis, dessen 50jähriges Jubiläum im deutschsprachigen Raum nur wenig zur Kenntnis genommen wird – ganz anders, als es im spanischsprechenden Raum der Fall ist.[1] Es handelt sich um die Zweite Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats, die im Anschluss an den Eucharistischen Kongress in Bogotá in Medellín (Kolumbien) am 24. August 1968 von Papst Paul VI. eröffnet wurde und bis zum 6. September dort tagte. Diese Bischofsversammlung ist mit ihren bemerkenswerten Ergebnissen über Lateinamerika und die Karibik hinaus bis heute für die katholische Kirche bedeutsam. Verabschiedet wurden auf ihr 16 Entschließungen sowie eine Botschaft an die Völker Lateinamerikas und eine Einleitung zu den Entschließungen.[2] Als Beschlüsse eines offiziellen Gremiums von Bischöfen haben sie lehramtliche Relevanz.

Der „Katakombenpakt“ sollte wesentlich die Beratungen in Medellín beeinflussen.

Der Titel der Versammlung „Die Kirche in der gegenwärtigen Umwandlung Lateinamerikas im Lichte des Konzils“ gibt ihre Zielsetzung an: die Umsetzung – oder besser: die Übertragung – der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils für das Denken und Handeln der katholischen Kirche in Lateinamerika und auf der Karibik. Auch wenn beim letzten Konzil zum ersten Mal die Weltkirche in Erscheinung trat, waren seine Beschlüsse doch noch sehr stark eurozentrisch ausgerichtet – so wie es die Kirche auf dem lateinamerikanischen Kontinent und die sog. Missionskirchen bis dahin auch waren. Zwar waren es vor allem Bischöfe aus diesem Kontinent, die während des Konzils sich mit anderen Bischöfen zu einer Gruppe „Kirche der Armen“ zusammenschlossen; aber ihre Stimme fand auf dem Konzil nur begrenzt Gehör. Starken Ausdruck verliehen sie ihr auf dem am 16. November 1965 geschlossenen sog. „Katakombenpakt“.[3] Er sollte dann wesentlich die Beratungen in Medellín beeinflussen. Als weiteres Dokument spielte die von Papst Paul VI 1967 veröffentlichte Sozialenzyklika „Populorum progressio“ eine große Rolle. Nicht zuletzt von lateinamerikanischen Bischöfen vom Papst erbeten, sah man in ihr stärker als in „Gaudium et spes“ die Situation der sog. „Dritten Welt“ und die Notwendigkeit ihrer Entwicklung treffend auf den Punkt gebracht. Radikaler noch war die Erklärung von fünfzehn katholischen Bischöfen „Plädoyer für die Dritte Welt“ von 1967 ausgefallen.[4]

Zu erwähnen sind weiterhin verschiedene Aufbrüche in der Theologie und Pastoral Lateinamerikas, die schon länger vor 1968 von Bewegungen im Rahmen der Katholischen Aktion (JOC, JEC u.a.) angestoßen und wesentlich von Laien getragen wurden. Der Sieg der kubanischen Revolution 1958/9 weckte auch innerhalb der katholischen Kirche auf dem dortigen Kontinent das Engagement für eine Veränderung  der eklatant ungerechten Strukturen in den verschiedenen Ländern. Der am 15. Februar 1966 erschossene kolumbianische Priester, Theologe und Soziologe Camilo Torres sei stellvertretend für damals auch in anderen Ländern wirkende Priestergruppen genannt.

Konsequent wurden die Dokumente gemäß dem Schema „Sehen – Urteilen – Handeln“ erarbeitet:

Zur Vorbereitung der Versammlung in Medellín hatten verschiedene thematisch orientierte Konferenzen stattgefunden, deren Schlussdokumente mit weiteren für die Versammlung erstellten Expertisen den Beratungen zugrundelagen und es überhaupt erst ermöglichten, dass in dem kurzen Zeitraum 16 Dokumente erstellt und verabschiedet werden konnten. Konsequent wurden sie gemäß dem Schema „Sehen – Urteilen – Handeln“ erarbeitet: Ausgehend von einer Analyse der in Lateinamerika vorfindlichen Realität auf den verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Feldern wird diese gemäß der Lehre der Kirche bzw. theologischer Prinzipien beurteilt, um daraus Empfehlungen für das pastorale Handeln zu gewinnen. Schwerpunktmäßig befassen sich die Entschließungen mit folgenden drei Themengruppen:

– Entwicklung des Menschen und der Völker: Gerechtigkeit, Frieden, Familie und Demographie, Erziehung, Jugend.

– (Inkulturierte) Evangelisierung und Reifung im Glauben: Volkspastoral, Pastoral der Führungsschichten, Katechese, Liturgie.

– Die sichtbare Kirche und ihre Strukturen: Laienbewegungen, Priester, Ordensleute, Ausbildung des Klerus, Armut der Kirche, Pastoral de conjunto, soziale Kommunikationsmittel.

Das neue Bild des lateinamerikanischen Menschen erfordert eine schöpferische Anstrengung.

Der Bischofsversammlung lag die Überzeugung zugrunde, wie sie auch in ihrer „Botschaft an die Völker Lateinamerikas“ ausgedrückt wurde, dass diese sich in einer neuen historischen Etappe befinden. „Das neue Bild des lateinamerikanischen Menschen erfordert eine schöpferische Anstrengung: Die Träger der öffentlichen Gewalt sollen mit Nachdruck die wichtigsten Ansprüche des Gemeinwohls fördern; die Techniker sollen die konkreten Wege planen; die Familien und Erzieher sollen Verantwortungen wecken und orientieren; die Völker sollen sich in die Realisierungsbemühungen einfügen; der Geist des Evangeliums soll mit der Dynamik einer umwandelnden und persönlichkeitsbildenden Liebe ermutigen.“ Für diese Umwandlung könne auf den „Reichtum an Grundkultur“ zurückgegriffen werden, den die Länder aufbewahrt hätten und „der aus religiösen und ethnischen Werten stamme“. Die andere Seite der Realität bildeten jedoch „beängstigende Probleme“, unter denen Ungerechtigkeiten und Unterentwicklung besonders gravierend seien.

Eine Veränderung der Strukturen und eine Umkehr der Menschen müssen Hand in Hand gehen.

Mit diesen Problemen setzen sich die beiden ersten Entschließungen zum Thema „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ auseinander. Kennzeichnend für sie ist, dass sie nicht mit einer moralischen Sichtweise über die in Lateinamerika weit verbreitete Ungerechtigkeit und Gewalt befinden, sondern strukturell argumentieren, d.h. nach den Ursachen der differenziert dargelegten Übel fragen und zu deren Überwindung eine Bekämpfung dieser ihrer Ursachen nicht bloß allgemein fordern, sondern konkrete Schritte dazu angeben. Ein Beispiel sei aus der Entschließung „Frieden“ zitiert: „Der christliche Glaube übersieht nicht, dass viele Gegenden Lateinamerikas sich in einer ungerechten Lage befinden, die man als institutionalisierte Gewalt (!, NM) bezeichnen kann. Dann nämlich, wenn wegen mangelhafter Strukturen von Industrie und Landwirtschaftsunternehmen, von nationaler oder internationaler Wirtschaft, in Kultur und Politik `ganze Völker des Notwendigsten entbehren, in völliger Abhängigkeit gehindert werden, selbst die Initiative zu ergreifen und Verantwortung zu übernehmen und ebenso sich kulturell weiter zu entwickeln sowie am sozialen und politischen Leben teilzunehmen´(PP 30), so dass fundamentale Rechte verletzt werden.“ (Nr. 16, Übersetzung von Norbert Arntz)  Betont wird, dass eine Veränderung der Strukturen und eine Umkehr der Menschen Hand in Hand gehen müssen (vgl. Entschließung „Gerechtigkeit“, Nr. 3).

Die Armut wird nicht nur als eine soziale, sondern auch als eine fundamentale theologische Frage gesehen und behandelt.

Dramatische Folge dieser Ungerechtigkeiten und Gewalt ist, dass „die Mehrheit unserer Völker in einer schmerzhaften Armut“ gehalten werden, „die in sehr vielen Fällen an unmenschliches Elend grenzt. Ein stummer Schrei bricht aus Millionen Menschen hervor. Sie verlangen von ihren Hirten eine Befreiung, die ihnen niemand anders gewährt.“ (Entschließung „Armut der Kirche, Nr. 1) Damit hat sich die Medellin-Versammlung ein Thema zu eigen gemacht, das trotz des Anstoßes von Papst Johannes XXIII. sowie der aufrüttelnden Interventionen des Bologneser Erzbischofs und Kardinals Giacomo Lercaro und anderer sich auf dem Konzil nicht hat durchsetzen können. Wie ein roter Faden durchzieht es die verschiedenen Dokumente mit dem Anliegen, die Rechte der Unterdrückten und Armen anzuerkennen, zu verteidigen und sich mutig für die Entwicklung und „Befreiung des ganzen Menschen und aller Menschen“ Entschließung „Jugend“, Nr. 15) zu engagieren. Dabei wird die Armut nicht nur als eine soziale, sondern auch als eine fundamentale theologische Frage gesehen und behandelt.

Veränderungen gehen von den Basisgemeinden und Basisorganisationen aus.

Die Bischöfe waren sich selbstkritisch bewusst, dass nicht nur eine Umwandlung der Gesellschaft ansteht, sondern auch der kirchlichen Strukturen. So kehrten sie die traditionelle Sichtweise der Kirche „von oben nach unten“ um und erklärten: „So ist die Basisgemeinde Kernzelle kirchlicher Strukturierung, Quelle der Evangelisierung und gegenwärtig der hauptsächliche Ausgangspunkt für die Bildung und Entwicklung des Menschen“ (Entschließung „Pastoral de conjunto“, Nr. 10). Der Basisgemeinde im kirchlichen Bereich entsprechen die Basisorganisationen im gesellschaftlichen Bereich. Von ihnen aus gehen nach Ansicht der Bischöfe die entscheidenden Anstöße zu den not-wendigen Veränderungen aus.

Nicht zu Unrecht wird die Versammlung von Medellin als Wendepunkt der lateinamerikanischen Kirche, ja als ihr Pfingsten gewürdigt. Sie hat eine wirklich kreative Umsetzung des Konzils für die lateinamerikanische Kirche geleistet, indem sie konsequent von der dortigen gesellschaftlichen und kirchlichen Realität ausgegangen ist und in diesem Sinne das Konzil fortgeschrieben hat, wie es dieses selbst in GS 91 gefordert hat.

Der „Geist von Medellín“ ist offen genug, um auch Lücken wahrzunehmen und zu bearbeiten.

Noch vieles könnte zur Würdigung von Medellín angeführt werden: die beispielhafte Kollegialität der Bischöfe; die durch und durch ökumenische Ausrichtung; die pastorale Zielsetzung und zugleich gediegene theologische Fundierung der Beschlüsse; die Betonung der Kirche als Volk Gottes auf dem Weg der Befreiung u.a.m. Aus späterer Sicht sind aber auch Defizite zu erkennen, z.B. die Ausblendung der Genderfrage, der Situation der indigenen und afroamerikanischen Bevölkerung, des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus, der ökologischen Probleme und Herausforderungen. Doch der „Geist von Medellín“ ist offen genug, um solche Lücken wahrzunehmen und zu bearbeiten, wie es teilweise auf den späteren Generalversammlungen des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik (Puebla 1979, Santo Domingo 1992, Aparecida 2007) geschehen ist.

Medellín hat einen neuen Kurs in der lateinamerikanischen Kirche eingeleitet – einen Kurs, der allerdings nicht unumstritten blieb, ja sowohl aus den eigenen Reihen heraus als auch von politischer Seite, allen voran von der USA, her bekämpft und verfolgt wurde bzw. wird  und die Leben einer etlichen Anzahl von bekannten und unbekannten Märtyrern gekostet hat und immer noch kostet. Hinzu kommt, dass eine nachhaltige Verbesserung der Lage insbesondere der armen Menschen nicht eingetreten ist, sondern durch die neoliberal betriebene Globalisierung die Spaltung der Welt sich immer weiter vertieft hat. Der „Geist von Medellín“ hält die Kirchen und die Christ*innen dazu an, sich diesen destruktiven Entwicklungen solidarisch mit den „Verdammten dieser Erde“ entgegenzustellen.

[1] Vgl. z.B. verschiedene Beiträge im „Boletin Amerindia“ und das Heft 2018/1 von „VOICES“ mit dem Titel „Medellin, 50 years later – Medellin, 50 añ0s después“.

[2] In deutscher Übersetzung der Dokumente findet sich in: Die Kirche Lateinamerikas (Stimmen der Weltkirche 8), hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1979, 14-133.

[3] Vgl. Norbert Arntz, Der Katakombenpakt, Kevelaer 2015.

[4] In deutscher Übersetzung in: Trutz Rendtorff/Heinz Eduard Tödt, Theologie der Revolution, Frankfurt/M. 1968, 157-163.

Autor: DDr. Norbert Mette ist emeritierter Professor für Katholische Theologie und ihre Didaktik mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik/Praktische Theologie an der Technischen Universität Dortmund

Vom Autor ist u.a. auf Feinschwarz erschienen:

Theologie – interdisziplinär

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