Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht politisch und finanziell vielerorts unter Druck, so auch in der Schweiz. Deren Stimmbürger:innen entscheiden am 8. März über eine Volksinitiative, die eine massive Reduktion der Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk fordert und deren Annahme zu einer Halbierung der Erträge der Schweizerischen Radio und Fernsehgesellschaft (SRG), führen würde. Stephan Jütte formuliert in vier Thesen, warum der mediale Service Public nicht geschwächt werden dürfe.
Man kann sich Öffentlichkeit wie einen Dorfplatz vorstellen. Nicht im idyllischen Sinn, sondern als einen Ort, an dem Verschiedenes zusammenkommt: Meinungen, Interessen, Konflikte, Erfahrungen. Ein Ort, an dem man einander nicht aussuchen kann, aber miteinander auskommen muss. In der Schweiz hat dieser Platz eine besondere Bedeutung, weil er immer wieder zur politischen Entscheidungsarena wird. Er ist Voraussetzung dafür, dass direkte Demokratie mehr ist als das Zählen von Stimmen.
Nachdem eine noch radikalere Initiative erst 2018 vom Stimmvolk deutlich abgelehnt worden war, steht genau dieser öffentliche Raum in der Schweiz mit der sogenannten Halbierungsinitiative einmal mehr zur Debatte. Diese will die heutige Radio- und Fernsehgebühr von 335 Franken auf 200 Franken senken und Unternehmen vollständig von der Abgabe befreien. Was als Entlastung für Haushalte und Wirtschaft beworben wird, hätte weitreichende Folgen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, insbesondere die SRG, würde rund die Hälfte seiner Einnahmen verlieren. Damit geriete nicht nur ein Medienunternehmen unter Druck, sondern ein tragendes Element jener Infrastruktur, die Öffentlichkeit überhaupt erst ermöglicht.
Der mediale Service Public [so die schweizerische Bezeichnung für das gebührenfinanzierte Medienangebot] ist kein Zusatzangebot für Interessierte, sondern Teil jener stillen Voraussetzungen, auf denen das politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben in der Schweiz aufbaut. Bildung, Kultur, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – und auch Religionsgemeinschaften – sind auf einen verlässlichen öffentlichen Raum angewiesen, in dem Informationen geteilt, Debatten geführt und Unterschiede sichtbar gemacht werden können. Wer diesen Raum schwächt, greift tiefer in das Funktionieren der Demokratie ein, als es eine Gebührenfrage vermuten lässt.
Warum also sollten wir den Service Public nicht schwächen? Vier Thesen.
Erste These: Direkte Demokratie braucht einen gemeinsamen Informationsraum
Die direkte Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger regelmässig über komplexe politische Sachfragen entscheiden. Diese Form politischer Teilhabe setzt einen gemeinsamen Informationsraum voraus, in dem Fakten, Argumente und unterschiedliche Perspektiven zugänglich sind. Ohne eine solche Grundlage wird politische Urteilsbildung zufällig, fragmentiert und anfällig für Vereinfachung.
Der mediale Service Public stellt diesen Raum bereit. Er erklärt politische Prozesse, ordnet Abstimmungsvorlagen ein und macht auch Minderheitspositionen sichtbar. Das ist keine Garantie für Einigkeit, aber eine Voraussetzung für Verständigung. Natürlich ist der Service Public nicht die einzige denkbare Grundlage demokratischer Meinungsbildung. Aber er ist eine bewährte und zugleich fragile Infrastruktur, die sich nicht beliebig ersetzen lässt.
Ein geschwächter Service Public würde diese gemeinsame Öffentlichkeit weiter auflösen. Die Folge wäre keine pluralere Debatte, sondern eine stärkere Zersplitterung in Teilöffentlichkeiten, in denen sich Überzeugungen eher bestätigen als herausfordern. Für eine Demokratie, die auf Aushandlung angewiesen ist, wäre das ein hoher Preis.
Zweite These: Service Public stiftet Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk informiert nicht nur, er verbindet. In einem mehrsprachigen, kulturell und weltanschaulich vielfältigen Land ist das keine Selbstverständlichkeit. Der Service Public sorgt dafür, dass unterschiedliche Regionen, Lebenswelten und kulturelle Ausdrucksformen sichtbar bleiben – auch dort, wo sie wirtschaftlich nicht attraktiv sind.
Davon profitieren alle Bereiche des öffentlichen Lebens, die auf Sichtbarkeit und Resonanz angewiesen sind: Bildung, Wissenschaft, Vereine, soziale Initiativen – und auch religiöse Gemeinschaften. Sie sind Teil einer Öffentlichkeit, die nur dann tragfähig ist, wenn Vielfalt nicht als Störung, sondern als Realität anerkannt wird.
Private Medien leisten hier ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Doch sie stehen unter hohem ökonomischem Druck und können diese integrative Funktion nicht allein tragen. Der Service Public wirkt ergänzend: Er hält den öffentlichen Platz offen, auch wenn sich Aufmerksamkeit anderswo leichter monetarisieren lässt.
Dritte These: Das Unbehagen am Service Public ist real – aber Kürzungen sind die falsche Antwort
Das verbreitete Unbehagen gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist nicht zu übersehen. Viele empfinden ihn als zu belehrend, zu normativ oder politisch einseitig. Dieses Gefühl ist ernst zu nehmen, weil es auf einen Vertrauensverlust hinweist, der sich auch in anderen Institutionen zeigt.
Doch dieses Unbehagen erklärt sich weniger aus der Existenz des Service Public als aus seinen begrenzten Möglichkeiten zur Beteiligung. Ombudsstellen, Publikumsräte und Feedbackformate sind wichtig, bleiben aber oft abstrakt. Viele Menschen erleben den Service Public eher als Sender denn als Gesprächspartner.
Hier liegt eine echte Herausforderung. Mehr Transparenz, stärkere Rechenschaft, neue Formen der Beteiligung – all das wird vom Service Public zu Recht eingefordert. Aber diese Reformen setzen Ressourcen voraus. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss investieren, nicht kürzen. Eine finanziell geschwächte SRG hätte weniger Spielraum, genau jene Lernprozesse zu vollziehen, die heute nötig sind.
Vierte These: Ohne starken Service Public wird Öffentlichkeit zur Ware
Die Vorstellung, private Medien und digitale Plattformen könnten die Aufgaben des Service Public vollständig übernehmen, verkennt die Realität. Regionale Redaktionen werden ausgedünnt, investigativer Journalismus ist teuer, und globale Plattformen strukturieren Öffentlichkeit nach Aufmerksamkeitslogiken, nicht nach gesellschaftlicher Relevanz.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eines der wenigen Gegengewichte zu dieser Entwicklung. Er ist reguliert, rechenschaftspflichtig und einem öffentlichen Auftrag verpflichtet. Seine Programme orientieren sich nicht primär an Klickzahlen, sondern an der Frage, was für das Gemeinwesen bedeutsam ist.
Öffentlichkeit ist kein Nebenprodukt des Marktes, sondern eine demokratische Ressource. Wer den Service Public schwächt, überlässt den öffentlichen Platz zunehmend kommerziellen Interessen – mit Folgen für die Qualität der politischen Debatte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Fazit
Der mediale Service Public steht heute vor Herausforderungen, die vielen gesellschaftlichen Institutionen vertraut sind – auch den Kirchen. Bindungskraft schwindet, Vertrauen muss immer wieder neu gewonnen werden, Relevanz ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Zugleich wächst die Konkurrenz durch soziale Medien und fragmentierte Öffentlichkeiten, die schnelle Aufmerksamkeit versprechen, aber selten Tiefe oder Verlässlichkeit bieten.
Diese Parallele ist aufschlussreich. Sie zeigt, dass es sich nicht um ein isoliertes Medienproblem handelt, sondern um eine grundlegende Transformation öffentlicher Kommunikation. Institutionen, die auf Dauer angelegt sind, die nicht primär von Marktlogiken leben und dem Gemeinwohl verpflichtet sind, geraten in einer beschleunigten, emotionalisierten Öffentlichkeit unter Druck.
Die Antwort darauf kann nicht Rückzug oder Schwächung sein. Wer Institutionen in der Krise finanziell aushungert, nimmt ihnen die Möglichkeit zur Erneuerung. Vertrauen wächst nicht durch Sparprogramme, sondern durch Präsenz, Dialogfähigkeit und die Bereitschaft, sich selbst infrage stellen zu lassen. Relevanz entsteht nicht durch Anpassung an jede Aufmerksamkeitsspirale, sondern durch verlässliche Orientierung inmitten von Komplexität.
Der öffentliche Platz verschwindet nicht von selbst – er wird verlassen, wenn man aufhört, ihn zu pflegen. Der mediale Service Public steht heute vor der Aufgabe, sich zu wandeln, ohne seinen Auftrag preiszugeben. Die Halbierungsinitiative verkennt diese Situation. Sie behandelt strukturelle Herausforderungen wie ein Kostenproblem und riskiert dabei, eine zentrale öffentliche Infrastruktur zu beschädigen.
Ein Nein zur Halbierungsinitiative ist deshalb kein Ausdruck von Nostalgie, sondern ein realistisches Urteil über die Bedingungen einer funktionierenden Demokratie. Wer will, dass Öffentlichkeit auch künftig ein Ort der Auseinandersetzung bleibt – und nicht bloss ein Marktplatz der Empörung –, sollte den Service Public nicht schwächen, sondern ihm zutrauen, sich zu erneuern, und ihn dabei unterstützen.
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Stephan Jütte arbeitet für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz als Leiter der Kommunikation. In seiner Arbeit setzt er sich mit Fragen von Glauben, Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung in einer säkularen Gegenwart auseinander. Jütte ist 42 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Bern.
Beitragsbild: Martin Bichsel, Allianz Pro Medienvielfalt


